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Dienstag, 5. August 2014

Eine zu Ende gehende Beziehung


Eine zu Ende gehende Beziehung



Ich gebe es zu. Ich habe Probleme. Mit meiner Freundin. Sehr große Probleme. Sie versteht mich nicht. Will mich nicht verstehen. Mein Name ist T, ich bin vierundfünfzig Jahre alt und Pensionist. Vielleicht ist mein Pensionistsein ein Teil der Schwierigkeiten, die ich mit meiner Freundin habe. Ich meine, ich bin kein einfacher Pensionist. Ich habe eine Firma besessen, habe sie von meinem Vater geerbt. Habe sie groß und erfolgreich gemacht und vor zwei Jahren für eine wahre Unsumme Geld verkauft. Ich bin also reich. Ein steinreicher Pensionist. Mit meiner Freundin, sie heißt S, bin ich seit drei Jahren zusammen. Von Anfang an hat sie bei mir gewohnt. Das war meine Idee. Ich finde es einfacher so. S ist jünger als ich. Ich finde, dass ein reicher Mann getrost eine jüngere Freundin haben kann. Warum auch nicht? Auf der einen Seite kann ich ihr alles bieten, auf der anderen Seite bin ich ein sehr toleranter Mann. Und ein sehr hilfsbereiter noch dazu. Ich helfe S gerne bei all ihren Aufgaben. Doch letzte Woche haben wir heftig gestritten. Ich wollte ihr doch bloß helfen. Denn ich weiß, dass sie ihre Aufgaben nicht hundertprozentig richtig macht. Um das zu erkennen, reicht mir ein Blick. Ich meine, so viele Aufgaben hat sie ohnehin nicht zu erledigen. Ich unterhalte ein großes Haus mit fest angestellter Köchin und einer Raumpflegerin. Also könnte sie ihre wenigen Aufgaben richtig machen, finde ich. Jedenfalls, wir haben uns gestritten. Dabei hat sie mir Worte auf den Kopf zu gesagt, die definitiv nicht nett waren. Dass ich ein alter Sack bin, hat sie gesagt. Und dass ich ihr im Bett nie das geben würde, was sie braucht. Und dann hat sie eine gute Stunde lang geweint. Während sie geweint hat, habe ich, hilfsbereit wie ich nun einmal bin, ihre Aufgaben für sie erledigt. Ich meine, sie hat ja irgendwie recht. Ich bin älter als sie. Aber das ist bei reichen Männern nicht ungewöhnlich, dass sie jüngere Freundinnen haben. Aber deshalb bin ich noch lange kein Sack! Ich halte mich fit, treibe Sport und trinke nicht. Und dass ich ihr das, was sie im Bett braucht, nicht gebe, also das hat mich verletzt. Als sie das sagte. Ich meine, ich habe unsere Spielchen im Bett stets sehr genossen. Es ist schon so, dass sie nach jedem unserer Geschlechtsakte geweint hat. Aber ich habe mir stets gedacht, dass sie weint, weil ihr der Akt so gefallen hat. Weil er sie emotional so berührt hat. Ihre Vorgängerin war da anders. Die hat nach jedem Akt minutenlang geschrien. Vor Freude und im Nachhall der Lust, die ich ihr bereitet habe. Sie hat so laut geschrien, dass ich das Schlafzimmer schalldicht isolieren lassen musste. Ich wollte nicht, dass uns jemand hört. Ich bin bei so was sehr diskret. Zu S war ich aber stets zärtlich im Bett. Und verständnisvoll. Am Morgen nach unserer ersten Liebesnacht war Blut auf dem Laken. Sie hatte wohl ihre Periode bekommen. Ich habe sie nicht darauf angesprochen, sondern stillschweigend die Bettwäsche gewechselt. Wie gesagt, ich bin ein sehr diskreter Mann. Und auch ein sehr toleranter. Jeden Vormittag trifft sie sich mit ihren Freundinnen und Freunden und hat Spaß. Ich will ihr das nicht verbieten. Ich denke, das darf ich auch nicht. Nicht als toleranter Mann! Und dann wirft sie mir solche Worte an den Kopf. Eigentlich ist sie undankbar. Neulich waren wir in der Oper, haben uns Verdi angesehen. Und sie hat das Stück nicht verstanden. Nicht verstehen wollen. Vielleicht braucht sie auch einfach Zeit, sich auf solche Hochgenüsse einzulassen. Sie kommt nämlich nicht von hier. Sie kommt aus der Ukraine. Ich habe sie aus dem Elend dort befreit. Dort kennen sie Verdi wahrscheinlich gar nicht. Ich weiß nicht, was sie sich vorgestellt hat! Hier geht es eben gesittet zu. Als ich sie hierher geholt habe, war sie noch zutraulicher. Aber das ist klar. Sie hat ja damals bloß ukrainisch sprechen können. Jetzt ist das anders. Leider. Ich weiß auch nicht. Ich glaube, ich habe bei Frauen einfach kein Glück. Als ich jünger war, habe ich mich in eine, sogar gleichaltrige, Cellistin verliebt. Sie hieß lustigerweise auch S, aber das hat nichts mit meinen heutigen Problemen mit S zu tun. Damals war ich dem oberflächlichen Mädchen wohl zu tiefsinnig. Jedenfalls, die Vorgängerin meiner heutigen S hat mich verlassen. Das war auch der Grund, warum ich mir S geholt habe. Warum, das weiß ich nicht. Eines Tages war sie einfach weg. Ohne Brief oder wenigstens einen Anruf. Ich habe mich innerlich schnell von ihr gelöst und, wie gesagt, S geholt. Aber heute ist es anders. Ich habe sogar daran gedacht, es zu tun. Nicht S den Laufpass zu geben. Nein, mich zu suizidieren. Ernsthaft. Aber ich habe diesen Plan wieder verworfen. Ich meine, warum sollte ich mir was antun wegen meiner heutigen S, die ja eigentlich auch eine oberflächliche Frau ist. Vielleicht sollte ich mit S in die Ukraine fahren. Und ihr den Unterschied aufzeigen zwischen dem Leben dort und dem, das sie bei mir führen darf. Ich denke, wenn sie diesen Unterschied erkennt, wird sie mich so lieben, wie ich es verdient habe. Und wenn sie mich dann immer noch nicht so liebt, wie ich es verdiene, dann lasse ich sie einfach dort. In der Ukraine. Ja, so werde ich es machen! Und sollte der Fall eintreten, dass ich S dortlassen muss, werde ich nicht verzweifeln. Wenn ich dann schon einmal in der Ukraine bin, nehme ich mir eine neue, liebevollere Frau mit. Ich meine, es gibt in der Ukraine ja viele Waisenhäuser, voll von zwölfjährigen Frauen.

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