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Samstag, 15. August 2015

Freier Mann

Freier Mann

Sein gesamtes Leben schon muss sich Peter Schöberl unterordnen.
Erst sind es seine Eltern, die den Weg vorgeben, den er zu gehen hat und den er, trotz innerlichem Widerstand, auch geht. Er besucht die Volksschule, dann das Gymnasium und beginnt nach der Ableistung seines Präsenzdienstes ein technisches Studium. Maschinenbauer soll er werden, sagt sein Vater, das ist ein angesehener Beruf, meint er, und dann sagt er noch streng, dass Widerrede zwecklos ist.
Peter, der frisch geschliffen vom Militär zurück ist, fügt sich, denn der für seine Kompanie zuständige Oberleutnant hat ihm und seinen Kameraden jegliche Gedanken an Widerstand gründlich ausgetrieben. Er tritt der Studentenverbindung bei, der auch sein Vater angehört, und fügt sich den Anordnungen der jungen Männer in seinem Alter, die in der Hierarchie über ihm stehen.
Er fügt sich ohne zu murren, und ab und zu besucht sein Vater das Verbindungshaus, um Peter Anweisungen zu geben, wie er die Toilette zu reinigen hat, oder um ihn vor allen anderen Mitgliedern zu rügen, wenn, was manchmal vorkommt, eine seiner Prüfungen mit einer anderen Note benotet wird als der besten.
Peter Schöberl fügt sich und schließt sein Studium mit sehr guten Noten ab, wofür ihn seine Eltern mit einer schönen Eigentumswohnung belohnen. Er findet schnell eine Stelle im Konstruktionsbüro einer Firma, die landwirtschaftliche Maschinen herstellt.
Egon Hirsch, sein Chef, ist persönlich zwar sehr umgänglich, doch wenn es um die Arbeit geht, ist er ein Pedant, der schnell aus der Haut fährt.
In der Firma lernt Peter Schöberl Erika Schinagl kennen und verliebt sich in sie. Erika ist zwei Jahre jünger als er und seine Sekretärin. Nach zwei Wochen zieht sie bei ihm ein und übernimmt die Führung des nunmehr gemeinsamen Haushaltes.
Da erkennt Peter, dass er in seinem bisherigen Leben einiges falsch gemacht hat. Als er nämlich seine Toilette, die nun nicht mehr ihm alleine gehört, so putzt, wie sein Vater es ihm auf dem Verbindungshaus gezeigt hat, beginnt Erika erst zu zetern, dann zu weinen, weil er nicht einmal einen Abort zu putzen in der Lage ist, und steht, als sie sich wieder beruhigt hat, neben ihm und sagt ihm jeden Handgriff an.
Ein halbes Jahr später teilt sie ihm, als er gerade mit der Reinigung des Klosetts fertig ist, die er mittlerweile alleine ausführen darf, mit, dass sie ein Kind erwartet.
Erst ist er erfreut, dann jedoch beginnt er sich Sorgen zu machen, ob die Wohnung groß genug für drei Personen ist. Erika beruhigt ihn und weist darauf hin, dass ein Kind am Anfang wenig Platz benötigt, also freut sich Peter auf seinen Sohn.
Seine Eltern sind begeistert und legen fest, dass der Knabe auf den Namen Robert hören wird, was vier Tage später auch von Erika akzeptiert wird, nachdem Peter stundenlang auf sie eingeredet hat und ihr letztlich verspricht, sie zu heiraten.
Nach der Hochzeit und der Geburt seines Sohnes Robert ändert sich Peter Schöberls Leben nicht. Sowohl zu Hause als auch in der Firma wird jede seiner Tätigkeiten mit Argusaugen überwacht. Er braucht jedoch keine Entscheidungen zu treffen, denn die werden an anderer, übergeordneter, Stelle getroffen, nämlich von Erika Schöberl und Egon Hirsch.
Einmal bloß nimmt sich Peter vor, selbst eine Entscheidung zu treffen, doch scheitert er bereits an der Planung des Treffens der Entscheidung, also lässt er es bleiben. Es hat ja keinen Sinn, sagt er sich, von einem Tag auf den anderen einfach auszuwandern, also begräbt er den Wunsch, etwas an seiner Situation zu ändern und lässt die Anderen über sich bestimmen.

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