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Freitag, 29. Juli 2016

Alois, der Bauernkünstler


Alois wuchs in Hinterklopfing auf, wo er vor ziemlich genau dreiundfünfzig Jahren geboren worden war im Schlafzimmer des Hauses, welches von seinen Eltern bewohnt wurde zu dieser Zeit, und davor von deren Eltern bewohnt worden war, also Alois Großeltern, und das er als Alleinerbe, als Einzelkind nicht weiter verwunderlich, nach dem Tod seiner Eltern übernommen hatte. Er war in Hinterklopfing zur Schule gegangen, zuerst in die Volksschule, danach in die Hauptschule. Er hatte eine Lehre höchst erfolgreich abgeschlossen, zum Mechaniker für landwirtschaftliche Maschinen. Er war aufgrund der hervorragenden Noten im Zeugnis zu seinem Lehrabschluss sogar in der örtlichen Gemeindehalle geehrt und als besonders hell leuchtendes Beispiel dafür, dass Fleiß und Strebsamkeit zum Erfolg führen, hingestellt worden. Seinen Vater hatte die Ehrung seines Sohnes mächtig stolz gemacht, es war schließlich sein Wunsch gewesen, dass sein Sohn, sein einziges Kind, den Bauernhof der Familie übernehme, und es war für das erfolgreiche Führen der Landwirtschaft ein durchaus gutes Vorzeichen, wenn der Sohn in der Lage wäre, sämtliche landwirtschaftliche Maschinen und auch sonstige Geräte instand zu halten oder, sollten sie nicht funktionstüchtig sein, in ebendiesen zu setzen. Alois war der Beruf des Bauers in die Wiege gelegt worden, seine Eltern bewirtschafteten eine große Fläche Ackerlandes mit Mais, Gerste, Roggen und Dinkel. Neben dem Ackerbau hielten sie sich eine große Zahl an Hühnern, deren Eier fanden in der Küche des Hauses Verwendung, die, die sie nicht verkochen konnte, verkaufte Alois Mutter, auch Gänse, zur Verwandlung in schmackhafte Braten, Rinder, um Milch und Fleisch zu haben, zum Essen und Verkaufen, sowie eine Vielzahl an Ferkeln, diese ebenfalls nicht unbedingt als Spielgefährten ihres Sohnes. Knechte oder helfende Hände in anderem Beschäftigungsverhältnis fanden sich keine auf dem Hof, Alois Eltern waren Landwirte aus bestem Korn gewesen, die sich selbst um sämtliche anfallende Aufgaben gekümmert und diese erledigt hatten. Eines Tages war Alois Mutter nicht wie üblich um fünf Uhr in der Früh aufgewacht. Sie blieb im Bett liegen und hörte nicht mehr auf zu schlafen. Direkt aus dem Bett wurde sie in einen Fichtensarg gelegt und auf dem Friedhof der Gemeinde Hinterklopfing vergraben. Fortan hatte Alois, er war gerade neunzehn Jahre alt geworden, den Hof zusammen mit seinem Vater zu führen. Dies gestaltete sich nicht zur Gänze friktionsfrei. Wie so oft, wenn zwei Generationen in ein und demselben Betrieb werken und wirken, war Alois Vater Veränderungen hinsichtlich der Führung des Hofes nicht zugänglich, auch wenn diese, wie Alois ihm penibel vorgerechnet hatte, den Ertrag des Betriebes, monetär betrachtet, gesteigert hätten. So stritten und arbeiteten sie drei volle Jahre, bis, ja bis Alois Vater seinem Sohn eine Ohrfeige verabreichte im Zuge eines Disputs über die von Alois ventilierte künstlerische Umgestaltung der Außenhaut des Bauernhofs, verbunden mit einer Dauerausstellung von in Formaldehyd eingelegten Ferkelköpfen. Alois war nämlich dazu übergegangen, sich für einen großen Künstler zu halten, besonders die in Formaldehyd eingelegten Kadaver des Briten Daniel Hirn hatten es ihm angetan und waren ihm Vorbild. Er schätzte eingelegte Kadaver über alles, erinnerten sie ihn doch an die Sülze, welche seine Mutter so vorzüglich zubereitet hatte. Die Ohrfeige, die sein Vater ihm verabreicht hatte, war ein Einschnitt gewesen. Sie war die erste Maulschelle gewesen, die Alois je erhalten hatte. Er nahm sie seinem Vater sehr übel und schwor sich, bittere Rache zu nehmen. Es begab sich eines Tages, dass sein Vater die große Häckselmaschine reparierte und zu diesem Zweck in das Innere der Maschine steigen musste. Nun, Alois ließ seinen Vater neben seiner Mutter vergraben. Dann gestaltete er die Außenhaut des Hofes künstlerisch um. Er eröffnete eine Ausstellung von in Formaldehyd eingelegten Teilen von Ferkeln, er war ganz in seinem Element als Nachfolger seines großen Vorbilds Daniel Hirn. Dessen innovativstes und kreativstes Werk, einen eingelegten allesfressenden Raubfisch/Meeresmüll-Schlucker mit offensichtlich eingebautem Selbstauflösungsmechanismus, wollte Alois unbedingt übertreffen. Bei Weitem übertreffen, aber hallo. Er fischte den größten Saibling aus dem Betonring mit steter Frischwasserzufuhr hinter seinem Haus, doch reichte die Länge des Speisefischs nicht an die des von Daniel Hirn eingelegten Meeresmonsters heran. Alois war um eine Lösung des Problems nicht verlegen, ein Künstler eben, und tackerte dem Saibling eine Forelle an die Schwanzflosse, dann einen fetten schlammigen Karpfen, einen langen Hecht und schließlich einen kapitalen Wels, welchen er schwarz gefischt, also illegal aus dem Fluss gezogen hatte. Stolz präsentierte Alois sein Werk der staunenden Eingeborenenschaft Hinterklopfings. Alle achtundsechzig Bewohner hatten sich in Alois Scheune versammelt, als er endlich mit vor Stolz geschwellter Brust den riesigen Jutesack vom Kunstwerk zog. Der Hauptmann der örtlichen Feuerwehr, im Zivilberuf Feuerwerker mit Diplom, erklärte Alois zur größten künstlerischen Begabung, die Hinterklopfing je hervorgebracht hätte. Und Alois Kunstwerk war in der Tat eine Klasse für sich. Ein böse dreinblickender und gefährlich aussehender Riesenfisch, der laut dem Schöpfer des Kunstwerks die bösen und hinterhältigen Eigenschaften von Saibling, Forelle, Karpfen, Hecht und Wels in sich vereinte. Die asoziale Haltung des Saiblings, die geschlechtliche Unersättlichkeit der Forelle, die Angriffslust und Wadenbissigkeit des Karpfens, den Maulgeruch des Hechts und schließlich die Kinder verführende Art des Welses. Ja, Alois hatte sich fürwahr etwas gedacht bei der Erschaffung seines Erstlingswerks. Fortan legte er in Formaldehyd ein, was ihm gerade in die Hände fiel. Eine Kuh, die gerade von einem massigen Bullen besamt wurde; hier musste Alois auf die richtige Temperatur des Formaldehyds achten, denn zu kalte Flüssigkeit hätte die Verbindung zwischen Kuh und Bulle schrumpfen lassen. Diese Erfahrung hatte er mit einem eingelegten brünstigen Eber machen müssen, der sich einen Hahn als Objekt seiner Begierde auserkoren hatte. Nach kurzer Zeit war Alois in den umliegenden Dörfern als der 'Einleger von Hinterklopfing' bekannt. Viele Landmenschen besuchten seine Scheune, um seine Arbeiten zu bewundern, doch irgendwie kam Alois mit dem neuen Ruhm schwer zurecht. Er beschloss folglich, sich auf das Malen von Porträts zu verlegen. Sein größtes diesbezügliches Vorbild war ein Iberer namens Pabel Pilasso; vor allem dessen Spätwerk hatte es Alois angetan. Er malte anfangs Porträts aus seiner Erinnerung, Porträts seiner Mutter, seines Vaters und solche, die seine Mutter mit seinem Vater im Bett darstellten. Ja, Alois war ein sehr freigeistiger Mann. Und bald erhielt er seinen ersten Auftrag. Er sollte einen Akt der Ehefrau des Kommandanten des örtlichen Gendarmeriepostens, im Zivilberuf Schnapsbrenner, malen. Er malte die dralle Frau nackt, mit gespreizten Beinen auf einem Sofa liegend. Da es sich um sein erstes Auftragswerk handelte, waren gewisse Probleme gleichsam vorprogrammiert. Zum einen war die gute Gattin des Gendarmen/Schnapsbrenners mit der Größe der Darstellung der Stelle ihres Körpers unzufrieden, an die Sonnenstrahlen üblicherweise nicht oft dringen, zum anderen hatte Alois einen, nun ja, leicht sperrigen Titel gewählt: 'Die dralle Bärin. Oder: Feldkappe schwer.' Ein veritabler Skandal war die Folge. Die Hinterklopfinger Eingeborenenschaft bezeichnete Alois als Ferkel und verbat sich strengstens weitere Aktbilder aus Alois Pinsel. Als genialer Künstler fand sich Alois schnell ein neues Betätigungsfeld, die Gestaltung von Hecken sowie den künstlerisch wertvollen Schnitt von Büschen. Auftragsarbeiten nahm Alois gerne an, vor allem, nachdem er sämtliche Lebewesen, die auf seinem Hof gelebt hatten, in Formaldehyd eingelegt hatte und auch sein Ackerland nicht weiter bestellt hatte; er wollte, ein echter Künstler eben, bloß vom Ertrag seiner Kunst leben. Er hatte die fixe Idee, dass der Schnitt eines Busches die Persönlichkeit seines Besitzers wiederspiegeln sollte, was in der Folge ein weiteres Problem hervorrief, ähnlich dem des Aktes der drallen Ehefrau des Gendarmen/Schnapsbrenners. Hinterklopfings Bürgermeister, im Zivilberuf Besitzer, Betreiber und bester Gast des örtlichen Bordells, hatte Alois beauftragt, den jahrzehntealten Buchsbaum, der vor seinem Haus wuchs und wucherte, in künstlerisch wertvolle Form zu schneiden. Er hatte nicht erwähnt, dass er immer noch im Häuschen seiner Frau Mutter wohnte und diese ihren wohlverdienten Ruhestand, sie war früher die erfolgreichste Prostituierte im Umkreis von zwanzig Kilometern gewesen, immerhin!, in eben diesem Haus zubrachte. Alois schnitt den Buchsbaum also so, dass er, seiner Ansicht nach, zu dessen Besitzer passte, und die Folge war ein Skandal. Hatte man den künstlerisch wertvoll geschnittenen Buchsbaum aus der Ferne noch als schwer zu definierendes Kunstwerk sehen können, so entphallte er sich bei Betrachtung aus der Nähe als riesenhafter Penis, als wahre Monstrosität. Alois hatte nicht darauf vergessen, zwei kleine Kugeln an beiden Seiten des Buchsschaftes zu erschaffen, aus welchen vereinzelt Ästchen ragten. Alois hatte offenkundig an Stachelbeeren gedacht. Die Mutter des Bürgermeisters/Bordellerhalters erblickte den riesigen Phallus vor dem Fenster ihres Schlafzimmers und fiel in Ohnmacht. Sie hatte in ihrer Zeit als erfolgreichste Prostituierte im Umkreis von zwanzig Kilometern, immerhin!, Erfahrungen mit den körperlichen, nun ja, Vorzügen amerikanischer Besatzungssoldaten machen dürfen. Der Bürgermeister/Bordellerhalter legte Alois nahe, nachdem er den Buchsphallus eigenhändig umgeschnitten hatte, Hinterklopfing so schnell wie möglich zu verlassen, am besten durch die Hintertür.

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