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Sonntag, 31. Juli 2016

Ich bin Paranoiker



Mein Name ist Pavel, ich bin vierunddreißig Jahre alt und ich bin Paranoiker. Nachdem ich dies hiermit gestehe, werde ich meinen Familiennamen nicht preisgeben. Ich habe nämlich Angst, dass Sie mir dann auf der Straße auflauern und mich auslachen. Die Paranoia liegt bei mir in der Familie. Mein Großvater auf der mütterlichen Seite, Milorad Pawlatsch, ich verrate Ihnen seinen vollständigen Namen, denn meine Mutter hat den Familiennamen meines Vaters angenommen, war der wohl größte slowakische Paranoiker. Ich bin nämlich Slowake, lebe zur Zeit aber nicht in der Slowakei, und meine Familie stammt ursprünglich, also etliche Generationen vor mir, aus Schwarzrussland. Großvater Milorad also war ein großer Paranoiker, aber auch ein fleißiger Bergmann und ein, dabei war er am größten, Denker und Dichter. Von ihm stammt der weltberühmte Reim 'Ich habe Angst wenn ich verlasse mein sicheres Haus. - Dann kommt sicher Graus.' Weltberühmt ist dieser Reim, weil der kenianische Literaturpreisträger Ndugu Bumba ihn in sein Hauptwerk 'Neffe Ndugus Hütte. oder Der junge Mann und der Fluss.' aufgenommen hat. Ich konnte mich noch nicht vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptung überzeugen, da alle vierhundertzwanzig Exemplare von Herrn Bumbas Hauptwerk vergriffen sind. Meine Mutter ist ebenfalls von der Paranoia geplagt. Als ich vier Jahre alt war, beschloss sie, sich unfruchtbar machen zu lassen. Sie könnte ein weiteres Kind wie mich nicht ertragen, sagte sie. Sie war zur örtlichen Engelmacherin gegangen und hat seitdem panische Angst vor Engeln. Eigentlich vor allen Lebewesen mit Flügeln. Also auch vor Hühnern, Geiern und Pinguinen. Sie lebt zurückgezogen in einem Haus am Rande Bratislavas und vermeidet Kontakt zu engelartigen, soll heißen geflügelten Wesen. Mein Vater ist im Großen und Ganzen kein Paranoiker. Diese Charaktereigenschaft scheint sich von der mütterlichen Seite her in meine Familie eingenistet zu haben. Ich bin, soweit ich es jedenfalls beurteilen kann, seit meiner Geburt paranoid. Meine früheste Kindheitserinnerung ist, dass ich mir meinen Schnuller nicht aus dem Mund nehmen lassen wollte, da ich fürchtete, ihn nicht wiederzubekommen. Bis heute habe ich ihn in meiner Westentasche stecken und trage ihn mit mir herum, dies für den Fall, dass ich daran nuckeln möchte. Diesbezüglich ist es von großem Vorteil, dass zur Zeit meiner Geburt in der damaligen Tschechoslowakei die Schnuller aus Aluminium gemacht wurden. Ich bin zuversichtlich, dass ich meinen Schnuller bis zum Tag meines Todes werde verwenden können. In der Volksschule tat ich mir schwer. Einerseits wusste ich, dass es nur von Vorteil sein konnte, mir Wissen anzueignen, auf der anderen Seite hatte ich Angst, dass ich nichts mit dem mir angeeigneten Wissen würde anfangen können. Also betrieb ich die Semianeignung des dort vermittelten Wissens. Bis heute kann ich nicht rechnen, auch fehlt mir das Verständnis für den Unterschied zwischen Bäumen und Blumen. Meine Mitschüler hänselten mich ob meines ausbleibenden Erfolgs in der Volksschule, doch dies war mir gleichgültig. Damals jedenfalls. Ich kam dann in eine Küche und wurde als Koch angelernt. Und hatte große Schwierigkeiten mit dieser Art beruflicher Tätigkeit. Nahm ich ein scharfes Messer in die Hand, beispielsweise um Gemüse zu schneiden, hatte ich Angst, mich selbst anstatt des Gemüses zu schneiden. Der Küchenmeister zeigte sich verständnisvoll und ließ mich den Boden der Küche schrubben. Mit einer Bürste. Ständig. Die ganzen langen Tage lang. Einmal wagte ich, mich über diese niedere Tätigkeit zu beschweren. Doch der Küchenmeister war mir deswegen nicht böse und ließ mich Salatblätter waschen und zerreißen. Ich durfte die Salate auch einmal marinieren. Ein einziges Mal. Ich machte sie mit Salz, Essig und Öl an. Dann hatte ich Angst. Angst, dass die Gäste durch die Kombination aus Salz und Essig verätzt werden könnten. Ich war nämlich der Ansicht, dass es gerade diese Kombination in sich haben müsste. Vorbeugend, um die Gäste zu retten, um sie vor Verätzung oder gar Tod zu bewahren, tat ich eine gerüttelt Menge Glaubersalz in die Salate. Was soll ich sagen? Gestorben ist niemand. Am nächsten Tag verrichtete ich wieder die bodennahe Tätigkeit des Schrubbens. Ich verließ die Küche ohne Abschlusszeugnis. Dieser Umstand störte mich jedoch nicht. Ich saß im Haus meiner Eltern und wartete. Darauf, dass etwas geschehen würde. Und es geschah wirklich etwas. Ich wurde angerufen. Eine Tätigkeit wartete auf mich. Ich sollte zum Militär. Also, zuerst zur ärztlichen Überprüfung meiner sogenannten Tauglichkeit. Im Zuge dieser Untersuchung widerfuhr mir ein Malheur. Eine junge, nicht unattraktive Ärztin fasste mir an meinen Hodensack. Ich gehe davon aus, dass sie diese Handlung aus rein medizinischen Gründen setzte, um zu überprüfen, ob mein Hodensack zwei Hoden enthielt. Ich möchte der jungen Ärztin keinesfalls perverse Absichten unterstellen. Gott bewahre! Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass ich zwei Hoden besitze. Ich habe zwar von diesbezüglichen Nachforschungen Abstand genommen, glaube jedoch, dass es sich bei Männern eben so verhält, dass sie zwei Hoden besitzen. Jedenfalls, als die junge attraktive Ärztin mich anfasste, schwoll mein Penis stark an, richtete sich auf und wies in Richtung ihres Mundes. Mir war dieser Umstand furchtbar peinlich. Der Ärztin nicht, sie blieb gelassen. Sie hatte so etwas offenbar nicht zum ersten Mal gesehen. Ich führe dies auf ihre Jugend und Attraktivität zurück. Sie reichte mir ein Glas eiskaltes Wasser und sah mir auffordernd in die Augen. Ich wusste instinktiv, nun hatte ich mich als ganzer Mann zu erweisen. Ich prostete der Ärztin zu und trank das eiskalte Wasser in einem Zug, während mein Penis immer noch in Richtung ihres Mundes ragte. Ungläubig starrte sie mich an und lief dann laut lachend in das Nebenzimmer, in welchem der militärische Chefarzt saß. Heute weiß ich, dass ich etwas anderes mit dem Glas kalten Wassers hätte machen sollen. Jedenfalls, der Chefarzt kam lachend auf mich zu und erklärte mich für untauglich, in der damals tschechoslowakischen Armee zu dienen. Seit diesem Tag fürchte ich ausgelacht zu werden, wenn ich ein Glas Wasser trinke. Also trinke ich Wasser nur zu Hause. Dies war, präzise betrachtet, auch der Tag, an welchem meine Grübeleien angefangen haben. Seit diesem Tag denke ich ständig 'Was kann mir Schlimmes geschehen, wenn ich das mache oder sage?' Ich nenne Ihnen ein paar Beispiele. Ich bin da sehr offen. Wenn ich ein Gespräch mit einer Frau beginnen und sie fragen möchte, ob sie bei mir schlafen will: was wird sie sich wohl denken? Doch sicher 'Dieser faule Mann! Der will mich allen Ernstes dazu bringen, auf der zerschlissenen kleinen Couch in seinem Wohnzimmer zu schlafen. Und wenn er aufgewacht ist, zeigt er mir, wo seine Eier sind. Dann soll ich ihm aus den Eiern Frühstück machen und auch noch seine Wohnung putzen. Nicht mit mir!' Oder wenn ich in ein Gasthaus gehe. Da denke ich stets 'Die tun mir sicher Abführmittel in meinen Salat!' Und dann bestelle ich nichts und gehe wieder. Oder im Fall von motorisierten Mitteln zur Beförderung, wie Automobilen, Bahnen jeglicher Bau- und Art der Verwendung und Flugzeugen: 'Was, wenn ich hoch dringlich defäkieren muss, und kein Abort ist vorhanden oder frei?' Ich denke, Sie verstehen jetzt, wie stark meine Paranoia mich beeinflusst. Mein Großvetter Dr. Igor Kushkurow hatte einmal den Versuch unternommen, mich von der Paranoia zu befreien. Großvetter Igor ist Dekan des Instituts für Angewandte Agrarische Feldforschung an der staatlichen schwarzrussischen Universität. Zur Zeit ist er mit einer Studie betraut. Er forscht zum Thema 'Die Vorteile der bodennahen Haltung von Schwarzbefellten Tundra-Zwergkaninchen gegenüber der nicht bodennahen Haltung dieser Nagetiere'. Grossvetter Igor hat mir erzählt, dass es sich hierbei um eine ebenso langwierige wie gefährliche Studie handelt. Er setzte mich über die Tatsache in Kenntnis, dass es anzunehmenderweise besser, weil weniger gefährlich für die Menschen, die mit diesen Nagetieren zu tun haben, ist, Schwarzbefellte Tundra-Zwergkaninchen bodennah zu halten. Würden diese Nagetiere nämlich nicht bodennah gehalten, erfuhr ich, würden sie fürchterlich aggressiv werden. In diesem Fall wären Schwarzbefellte Tundra-Zwergkaninchen ernstzunehmende, wenn nicht gar tödliche Gegner. 'Diese Nagetiere meinen es ernst!', meinte Grossvetter Igor. Jedenfalls, er wollte mich von der Paranoia befreien. Er, er ist reich, lud mich in ein Lokal meiner Wahl ein, wo ich vor den Augen aller Anwesenden ein Glas Wasser leeren sollte. Ich suchte mir ein Lokal aus, in welchem für gewöhnlich Frauen anzutreffen sind. Ich weiß nicht, ob sie Ärztinnen sind, doch sind sie jung und attraktiv. Es handelte sich um ein Lokal auf dem Land. Es hieß 'Zur nickenden Fichte'. Es waren viele Frauen dort. Um präzise zu sein, waren ausschließlich Frauen in dem Lokal. Die Tatsache, dass die meisten von ihnen äußerst leicht bekleidet waren, lag, nehme ich an, in der Raumtemperatur des Lokals begründet. Sie war sehr hoch, außerdem roch es stark nach Parfum. Eine der Damen fasste sich ein Herz und mir an den Hodensack, und ich, wie soll ich es ausdrücken?, war erregt. Ich nutzte die Gunst des Augenblicks, stellte mich mit verbeulter Hose in die Mitte des Lokals, prostete allen Damen zu und leerte ein Wasserglas in einem Zug. Was, glauben Sie, geschah dann? Alle Damen im Lokal brachen in schallendes Gelächter aus. Eine der Damen sah mich liebreizend an und streckte ihren Zeigefinger aus. Dann trat ein mitleidiger Blick in ihre Augen und sie krümmte den Zeigefinger. Ich weiß bis heute nicht, was sie damit zum Ausdruck bringen wollte. Wir verließen das Lokal schnell und Großvetter Igor bezeichnete mich als 'hoffnungslosen Fall'. Ich zog mich zurück. Immer noch überlege ich ständig, was Schlimmes geschehen kann, wenn ich etwas mache oder sage. Ich hoffe, Sie lachen mich für diese Zeilen nicht aus. Das tun Sie nicht, oder?

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