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Montag, 25. Juli 2016

Jagdgesellschaft

Jagdgesellschaft




Paul war der Erste. Er lehnte an der hölzernen Wand aus grob behauenen Bohlen. Die Jagdhütte war klein, doch bot sie vier Männern Raum.
„Ich habe Angst!“
„Stell dich nicht so an!“, fuhr Franz ihn an. „Wir haben abgemacht, dass wir etwas schießen werden.“
„Aber doch nicht uns selbst!“, Paul atmete schwer, Angstschweiß stand ihm auf der Stirn.
Er war einundvierzig Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder.
Seine dunkelgrüne Jagdhose verfärbte sich dunkel an der Stelle, wo der Reißverschluss eingearbeitet war. Seine Lippen bebten, sein vom Tabakkonsum gelb gewordener Oberlippenbart war nass vom Schweiß der Angst.
„Doch! Genau so machen wir das!“, Franz blickte ihn entschlossen an. „Und nicht anders!“
Pauls blaue Augen suchten den Raum ab, als ob sie einen Ausweg finden wollten. Hinter den dicken Gläsern seiner billigen Brille begannen sie Tränen abzusondern, die über seine Wangen liefen. Er sog die Tränen in seinen Mund, wie ein Kind, das sich seiner Tränen schämt und sie auf diese Art und Weise verschwinden lassen möchte.
„Du bist der Eber, der heute erlegt wird.“
„Ich schlage vor, dass wir Eber Paul jetzt erlegen!“, meldete sich Johann zu Wort.
Paul versuchte, ihm in die Augen zu sehen, doch Johann stand außerhalb des Kegels von Licht, das die schwache Glühbirne, die nackt, also uneingefasst von der Decke der Jagdhütte hing, abgab.
„Wie lange kennen wir uns schon?“, schluchzte Paul.
„Fünfundzwanzig Jahre“, antwortete Franz mit schneidender Stimme.
„Lasst es uns tun!“, forderte Johann ungeduldig. „Ich habe heute noch etwas vor.“
„Woher willst du wissen, dass ausgerechnet du aus dieser Hütte gehen wirst?“, fragte Franz.
Michael, der vierte Mann im Raum, lachte böse. „Eber Paul, du bist jetzt dran!“
„Also gut. Lasst es uns tun!“, murmelte Franz und entsicherte seine Flinte. Die anderen beiden Männer folgten seinem Beispiel.
Paul stand immer noch an der Wand und sah die drei ihm gegenüber stehenden Männer aus weit aufgerissenen Augen an. Drei Flinten waren auf seine Brust gerichtet.
„Auf mein Kommando: Drei - Zwei - Feuer Frei!“
Drei Schüsse krachten und Paul wurde von der Wucht der Projektile an die Rückwand der Hütte gepresst. Blut quoll aus drei Einschusslöchern und färbte seine grüne Jacke aus gewachster Baumwolle rot. Leblos sank er zu Boden.
„Eber Paul ist erlegt“, stellte Michael mit Erleichterung in seiner Stimme fest.
„Was machen wir nun mit dem Stück?“, fragte Johann. „Brechen wir es auf?“
„Nein. Wir tragen den Eber nach draußen und legen ihn neben die Jagdhütte“, ordnete Franz an.
Sie trugen Paul nach draußen und warfen ihn gegen die Wand der Jagdhütte, dann gingen sie zurück. Sie setzten sich an den rustikalen Tisch in der Ecke des Raumes.
„Machen wir weiter!“,, befahl Franz. „Michael, du fängst an!“
„Was soll ich tun?“
„Du stehst auf und bleibst auf einem Bein stehen, so lange du kannst. Ach was, wir stehen alle auf und stehen auf einem Bein. Derjenige von uns, der als Erster sein Bein wieder auf den Boden stellt, ist der Hirsch, der erlegt wird.“
Sie taten wie ihnen befohlen.
„Heute ist uns Diana hold“, meinte Johann.
„Das stimmt. Heute haben wir endlich Jagdglück!“, gab Michael zurück.
Etwa dreißig Minuten standen sie auf einem Bein, dann setzte Michael sein erhobenes Bein demonstrativ und geräuschvoll auf den Boden. „Gut. Ich bin Hirsch Michael!“
Er stellte sich an die Wand, an der zuvor Eber Paul gestanden hatte und reichte Franz seine goldene Armbanduhr.
„Nimm du sie! Sie hat mit stets Glück gebracht.“
Franz bedankte sich und legte die wertvolle Uhr an.
Michael war achtundvierzig Jahre alt, athletisch und steinreich. Auch war er süchtig nach Kokain, kinderloser Single und bisexuell.
Er stand an der Wand und lächelte Franz und Johann an. „Besser ein Hirsch als ein Eber oder gar ein Birkhuhn.“
Johann lachte und gab ihm recht.
„Los, tun wir es!“, befahl Franz mit schneidender Stimme. Er und Johann standen Hirsch Michael gegenüber.
„Bitte lasst mich das Kommando geben!“, Michael war freudig erregt, wie ein Kind, das es nicht erwarten kann, seine Weihnachtsgeschenke auszupacken.
„Wie du willst, Hirsch Michael“, antwortete Franz lächelnd. „Bist du bereit?“
„Ja, das bin ich. Also: Drei - Zwei - Feuer Frei!“
Zwei Schüsse krachten und Hirsch Michael sank zu Boden. Er war nicht tödlich getroffen, denn sowohl Franz als auch Johann waren in Unkenntnis der Tatsache gewesen, dass Hirsch Michaels Herz sich in der rechten Hälfte seines Brustkorbes befand. Er lag röchelnd auf dem Boden der Jagdhütte.
„Hirsch Michael ist waidwund“, konstatierte Johann. „Sollen wir ihm den Fangschuss verpassen?“
„Ja, das tun wir“, antwortete Franz und erlöste Hirsch Michael vermittels Kopfschuss von seinen Schmerzen.
„Legen wir den Hirsch zum Eber?“
„Ja“, meinte Franz „das tun wir.“
Sie trugen Hirsch Michael nach draußen und warfen ihn auf Eber Paul. Sie vertraten sich vor der Hütte die Beine, dann setzten sie sich wieder an den Tisch.
„Welches Tier erlegen wir jetzt?“, fragte Johann.
Franz überlegte. „Einen Feldhasen.“
„Und wie ermitteln wir, wer von uns beiden der Feldhase ist?“
„Wir hoppeln durch die Jagdhütte, so lange wir können. Wer zuerst aufgibt, ist der Feldhase.“
„Das ist eine gute Idee!“
„Aber wir müssen richtig hoppeln, so wie Feldhasen eben! Weißt du, wie das geht?“
„Ehrlich gesagt: nein.“
„Gut. Fang an so zu hoppeln, wie du meinst, dass es richtig ist. Ich sage dir dann, ob du richtig hoppelst.“
Johann, ein Mann von zweiundfünfzig Jahren, klein und rundlich, begann durch die Jagdhütte zu hoppeln.
„Mache ich es richtig so?“
„Ja, Feldhase Johann. Du machst das gut!“
„Wie hast du mich soeben genannt?“
„Feuer Frei!“


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