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Mittwoch, 24. August 2016

Der Kunstknecht





“Ich mag nicht mehr!”, ruft Alois Söls und wirft die Mistgabel in eine der Ecken des großen Stalls, in welchem er jeden Tag stundenlang arbeiten muss.
Söls ist Knecht.
Er arbeitet auf dem Moserhof in Modriach, einem kleinen Ort in der steirischen Einöde.
Er kam schon als Knecht zur Welt.
Als seine Mutter sah, was für ein kräftiges Kind er war, legte sie seinen späteren Beruf fest. Sie gab ihm reichlich zu essen damit er noch stärker wurde, und auch zu trinken, erst Most, dann Obstler, um zu verhindern, dass ein Intellektueller aus ihm würde.
Söls ist nicht intelligent, doch nennt er einen gesunden Menschenverstand sein Eigen und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Wenn ihm etwas nicht passt, dann tut er das kund. Wie in diesem Fall.
Er wirft seine Mistgabel von sich und setzt sich auf den alten Schemel, auf dem die noch ältere Bäuerin zu sitzen pflegt, wenn sie die Kühe melkt.
Der Altbauer, der mitbekommen hat, was Söls gerufen hat, kommt in den Stall und ruft: “Söls, Du fauler Sack! An die Arbeit! Los, mach schon, oder muss ich Dir erst Beine machen?”
Da springt Alois auf, ruft “Dir werd ichs zeigen!”, holt aus und verabreicht dem Bauern Moser zwei schallende Ohrfeigen. Dann läuft er, so schnell er kann, weil der Alte ihm nachlaufen könnte, aus dem Stall, zieht sich um, packt seinen Ranzen mit den wenigen Habseligkeiten, die er in seinem fünfunddreißigjährigen Leben angesammelt hat, steckt sein ganzes Geld ein und verlässt den Moserhof.
Da endet für Söls das Leben in Knechtschaft.
Er weiß nicht, was aus ihm werden soll, denn gelernt hat er keinen Beruf, sondern nur das, was ein Knecht wissen muss. Auch weiß er nicht, wo er wohnen soll, denn er hat sein ganzes Leben auf dem Moserhof gelebt, wo sein Vater schon Knecht war und seine Mutter Magd.
Söls hat eine Schwester in Graz, der Hauptstadt der Steiermark.
Sie hat den Moserhof im Alter von vierzehn Jahren verlassen, um in Voitsberg das Gymnasium zu besuchen. Dann hat sie in Graz Kunstgeschichte studiert und eine mittlerweile gut gehende Galerie eröffnet.
Söls fährt mit dem Bus von Modriach nach Voitsberg, und von dort mit dem Zug nach Graz. Er trägt ein kariertes Flanellhemd, eine abgewetzte aber saubere blaue Arbeitshose und klobige Schuhe, wie sie von Landmenschen bevorzugt werden.
Söls betritt die Galerie seiner Schwester Edeltraud.
Edeltraud ist, wie ihm eine Angestellte mitteilt, verreist und kommt erst in drei Wochen von den Malediven zurück. Er gibt sich als Bruder der Chefin zu erkennen und sagt: “Ich werde mir mal ansehen, was für Kunst ihr habt.”
“Darf ich Ihnen die Werke erklären, die gerade hängen?”, fragt die Angestellte, die kundtut, dass sie Monika heißt und Kunsthistorikerin ist.
Er willigt ein und betrachtet die modernen Kunstwerke, während Monika zu jedem Bild etwas Gescheites zu sagen weiß.
Söls ist fasziniert.
Nie im Leben hätte er sich träumen lassen, dass moderne Kunst derart teuer sein kann. Er betrachtet die aus Holz gefertigten Objekte aus der Nähe, dann lacht er verächtlich und spuckt vor einem sogar auf den Boden.
Monika ist irritiert und weiß erst nicht, wie sie mit dieser Unmanierlichkeit umgehen soll, schließlich wurde sie vom Bruder ihrer Chefin begangen. Nach zehn Sekunden fragt sie: “Gefällt Ihnen dieses Objekt nicht?”
Er schnalzt mit der Zunge und sagt: “Das kann ich auch!”
“Ach, Sie sind Künstler?”, fragt Monika, doch er ist bereits auf dem Weg zur Türe und beachtet sie nicht mehr.
Söls sucht sich eine Bleibe in Graz.
Die beiden ersten Nächte schläft er in einer billigen Absteige in der Griesgasse. Untertags tut er einiges, um eine für seine Zwecke passende Unterkunft zu finden. Eine solche ist schwer zu finden, denn sie muss gewisse Anforderungen erfüllen. Er entdeckt schließlich eine Annonce in der Kleinen Zeitung, die die Mietbarkeit einer Haushälfte mitsamt Garage anzeigt. Er besichtigt die Immobilie und wird mit dem Eigentümer einig. Das Haus ist möbliert, und in der Garage lagern viele Werkzeuge, die er benutzen darf.
Söls hat nämlich einen Plan.
Er besucht einen Baumarkt und kauft Holz, das er sich liefern lässt. Es handelt sich dabei um große Stücke, die er so bearbeiten möchte, dass sie als moderne Kunst durchgehen können und er durch sie reich wird.
“Einen guten Namen habe ich”, sagt er sich. “Alois Söls, oder besser: der Söls Loisl - So werde ich berühmt!”
Er gibt sich Fantasien hin, was er mit dem vielen Geld machen wird. Erst denkt er an den Kauf des Moserhofes, um diesen anschließend warm abzutragen, doch besinnt er sich eines Besseren. Eine eigene Schnapsbrennerei und eine Apfelpresse für den Most will er haben, damit wären seine wichtigsten Grundbedürfnisse gesichert.
Er weiß instinktiv, dass ein Künstler sich gut kleiden muss, den die steinreichen Menschen, die Unsummen für Kunst ausgeben  möchten, wollen diese lieber von einem stilvoll gekleideten Kreativen erwerben. Er geht also in ein großes Geschäft und deckt sich mit schicker Kleidung ein, die gar nicht teuer ist.
Weil er auch weiß, dass Kunst nur dann verkauft werden kann, wenn sie auch erschaffen wurde, macht Söls sich an die Arbeit.
Er hackt, bohrt, schneidet, sägt und fräst, und hat dabei stets die Objekte in der Galerie seiner Schwester vor Augen, die so viel Geld kosten.
Soziale Kontakte pflegt er währenddessen keine. Den Mieter der anderen Haushälfte stört der Lärm in der Garage nicht, und abgesehen von diesem Mann kennt er niemanden in Graz. Er arbeitet von früh bis spät, ernährt sich von Wurstsemmeln, Most und Obstler und sagt sich jeden Tag, bevor er anfängt: “Die Kunstwerke müssen gut und fertig werden, und zwar bald. Mein Geld reicht für ein halbes Jahr, dann bin ich pleite und Edeltraud wird mir nichts geben.”
Das ist für ihn die Motivation, sich nicht der Prokrastination hinzugeben. Er braucht zwei Monate, dann sind dreizehn Objekte fertiggestellt. Sie ähneln einander zwar thematisch, doch das stört ihn nicht.
“Der Stier vor der Kuh ist ebenso gut geworden wie der Eber vor der Sau und der Hahn vor der Henne”, sagt er sich. “Damit werde ich reich! Jetzt muss ich nur noch jemanden finden, der meine Kunst verkauft. Meine Schwester wird das sicherlich nicht machen, der bin ich zu wenig etepetete.”
Söls wird vorstellig.
“Das sind ja ganz interessante Objekte, die Sie mir da zeigen, Herr Loisl Söls”, sagt der Galerist Egon Ebner. “Was steht dahinter?”
“Die Wand”, gibt Söls zurück.
Ebner sieht ihn an und bricht in schallendes Gelächter aus.
“Erzählen Sie mir von sich und Ihrer Kunst”, sagt er dann.
Söls erzählt von sich und seinem Leben und wundert sich, dass die Augen des Galeristen immer größer werden, und auch darüber, dass dieser immer lauter lacht.
Als er fertig ist mit seiner persönlichen Geschichte, meint Ebner: “Wir sind im Geschäft.”
Söls ist Künstler.
Seine Objekte verkaufen sich überaus gut und kosten eine Menge Geld, doch ist er ein sogenannter Vernissagenbringer.
Im Vertrag mit Egon Ebners Galerie steht, dass Söls bei jeder Vernissage persönlich anwesend sein und aus seinem Leben erzählen muss. Er muss auch erklären, was hinter jedem einzelnen seiner Holzobjekte steht, und ‘damit ist nicht die Wand gemeint’, wie im Vertrag angeführt ist.
Auf den Ausstellungseröffnungen gehen seine Kunstwerke weg wie die warmen Semmeln, doch bereits am Tag danach verkaufen sich die übrig gebliebenen Objekte sehr schlecht.
In einem Interview mit der Kleinen Zeitung sagt der Galerist Ebner: “Ich hatte nie zuvor einen Künstler, dessen Werke weniger interessant für die Käufer sind, als seine Persönlichkeit. Beinahe jeder Käufer filmt Loisl Söls, wenn er seine Geschichte erzählt.”
Söls ist reich.
Er beschäftigt zwei Männer, die in seiner Brennerei Obstler und in seiner Presse Most herstellen. Er hat es nicht nötig, seine flüssigen Erzeugnisse zu verkaufen, und das ginge sich auch gar nicht aus, denn dann bliebe zu wenig für ihn selbst. Er verschenkt hin und wieder eine Flasche an jemanden aus der rasant wachsenden Schar seiner Freunde.
Wenn eine Vernissage mit neuen Objekten ansteht, so werden dafür immer größere Räumlichkeiten angemietet, denn immer mehr Menschen wollen es sich nicht entgehen lassen, Söls live zu erleben.
Angekündigt wird jede Vernissage so: ‘Loisl Söls - Der Kunstknecht erzählt von sich. Kunstwerke gibt es auch zu kaufen.’
Söls hat es geschafft.

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