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Dienstag, 9. August 2016

Gebe Gott


1

»Das hier ist Dein sechstes großes Bier«, sagte der Ober.
»Ich weiß, mein Freund, ich weiß«, gab der Gast mit belegter Stimme zurück.
Er besuchte dieses Restaurant seit langer Zeit beinahe jeden Abend.
»Wird es heute wieder einer dieser besonderen Abende werden?«, fragte der Ober mit sorgenvoller Stimme.
»Nein, Herbert« beruhigte ihn der Gast. »Heute trinke ich in Maßen.«
»Das erleichtert mich, Joseph.«
Herbert, der Ober, servierte in dem Restaurant seit gut dreißig Jahren Speisen und Getränke.
In dieser Zeit hatte er viele Gäste kommen und gehen sehen. Alle von ihnen hatte er mit der selben Aufmerksamkeit und Professionalität bedient, ihnen Speisen und Getränke gebracht. Ein paar von ihnen waren schwere Trinker gewesen, wie auch Joseph. Herbert selbst trank nicht, ihm ekelte vor dem Alkohol, und so war es kein Wunder, dass er diese Trinker nicht verstehen konnte und aus kritischen Augen auf sie blickte.
Joseph jedoch hatte er ins Herz geschlossen. Er war mit Sicherheit der schwerste Trinker, der jemals Stammgast in dem Restaurant geworden war.
»Du musst wissen, Herbert, dass ich mich heute noch mit einer Frau treffen werde.«
»Das freut mich für Dich, Joseph. Du tust gut daran, nicht zu viel zu trinken. Wo wirst Du sie denn treffen?«
»Sie besucht mich in meiner Wohnung. In etwa einer halben Stunde.«
»So hast Du Zeit, dein Bier in Ruhe auszutrinken.«
»Da hast Du recht. Aber meine Rechnung, die möchte ich gleich bezahlen, wenn es Dir recht ist.«
Joseph zog seine Brieftasche hervor.
»Nein, Joseph, heute bist Du eingeladen.«
Der eben Eingeladene sah den Ober fragend an. Er war es gewöhnt, für seine Konsumation selbst aufzukommen.
»Ich habe oft bemerkt, dass Du bei den Frauen nicht viel Glück hast. Ich freue mich sehr für Dich, dass Du Dich heute mit einer Frau triffst. Und um meiner Freude Ausdruck zu verleihen, lade ich Dich auf Deine Getränke ein.«
»Vielen Dank, Herbert. Du hast recht, ich tue mir schwer, eine Frau kennenzulernen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich zu viel trinke«, sagte er und nahm einen großen Schluck von seinem Bier.
Joseph war in der Tat ein großer Trinker. Zeit seines Lebens hatte er in Unmaßen getrunken. Das war auch der Grund für das Scheitern zweier Ehen und den Verlust zahlreicher Arbeitsstellen.
Joseph lebte für das Trinken, mit den Menschen, welchen er Gutes zu tun versuchte, wo er nur konnte, und von dem Geld, das seine Eltern ihm hinterlassen hatten.


2

»Darf ich Dir ein weiteres Glas Rotwein einschenken, Monika?«
Monika blickte auf ihr leeres Glas, drehte es mit zwei Fingern langsam im Kreis und sagte »Wir haben doch schon zwei Flaschen ausgetrunken, Joseph. Meinst Du nicht, dass das reicht?«
Er sah sie erstaunt an.
Monika war mit ihm zur Schule gegangen, sie waren damals sogar beste Freunde geworden und hatten sich geschworen, dass sie sich niemals aus den Augen verlieren würden.
Allein, es kam anders.
Monika hatte in die Schweiz geheiratet, zwei Kinder dort großgezogen und hatte sich erst nach ihrer Scheidung wieder in ihrer Heimatstadt niedergelassen.
»Weißt Du, ich trinke noch immer. So wie damals.«
»Und immer noch so viel, wie ich annehme«, seufzte sie.
»Ja. Sehr viel. Ich habe eben nie damit aufhören können. Wenigstens nicht für lange Zeit.«
»Erzählst Du mir, wie die letzten Jahrzehnte bei Dir verlaufen sind?«
Joseph erzählte ihr, was sich in seinem Leben ereignet hatte, doch allzu viel hatte er nicht zu sagen.
Er war zweimal geschieden, hatte keine Kinder und führte das Leben eines Trinkers, welches sich natürlich in Gasthäusern abspielte.
»Du bist immer noch der selbe Mann, der Du einst warst.«
Joseph dachte nach. Diese Feststellung konnte ein Kompliment sein, aber ebenso gut etwas Schlechtes bedeuten.
Sie bedeutete etwas Gutes.
»Du bist immer noch so freundlich und zuvorkommend, wie Du es damals warst.«
»Auch Du hast Dich nicht allzu sehr verändert, Monika.«
Sie lachte.
»Es hat sich wohl bereits in den Tagen unserer Jugend gezeigt, wie wir uns entwickeln werden«, meinte er.
»Ich trinke zwar nicht so viel wie Du, aber lass uns noch eine Flasche Rotwein aufmachen und über die alten Zeiten plaudern. Und über die Zukunft auch.«
Joseph öffnete eine weitere Flasche und sie tranken und redeten, bis die Morgensonne das Wohnzimmer erhellte.


3

»Herbert, ich möchte zahlen.«
Der Ober brachte die Rechnung und Joseph beglich diese.
»Wirst Du diese Frau heute wieder sehen?«
»Ja, sie wird mich wieder in meiner Wohnung besuchen.«
»Das freut mich für Dich. Wo hast du sie kennengelernt?«
»Wir sind auf dem Gymnasium in die selbe Klasse gegangen.«
»Das ist schön.«
»Was denn?«
»Ich meine, es ist schön zu sehen, wenn eine alte Liebe nochmals aufflammt.«
»So ist es nicht, Herbert. Wir waren beste Freunde, doch haben wir nie die Nacht gemeinsam verbracht.«
»Wer weiß, vielleicht verbringt ihr ja diese Nacht miteinander.«
Joseph wollte etwas erwidern, doch unterließ er es.


4

»Danke«, sagte Monika und hob ihr wieder volles Glas, um mit Joseph zu trinken.
»Gerne.«
Sie tranken einige Schlucke Wein und sahen sich schweigend in die Augen.
Nach einer Weile erhob sich Monika und setzte sich auf das Sofa in Josephs Wohnzimmer und er folgte ihr.
»Glaubst Du, dass Du es fertigbringen kannst, weniger zu trinken?«
»Ich habe mein Leben lang getrunken. Ich glaube nicht, dass ich damit aufhören kann.«
»Ich spreche nicht davon, dass Du mit dem Saufen Schluss machen sollst, sondern davon, dass Du weniger trinkst.«
Joseph dachte nach.
Monika stellte ihr Glas auf den kleinen Tisch vor dem Sofa. Dann nahm sie sein Glas und stellte es daneben, rückte nahe an ihn heran und sah ihm in die Augen.
»Wenn ich ehrlich sein soll, Monika, dann muss ich sagen, dass es auf den Grund ankommt, warum ich aufhören sollte, gar so viel zu trinken.«
»Könnte ich dieser Grund sein?«, fragte sie und küsste ihn.
»Ja. Du kannst der Grund sein, das Saufen sofort einzuschränken«, antwortete er und küsste sie.
»Dann schränke es ein. Aber nicht heute. Diese Flasche trinken wir noch aus.«
Sie tranken die Flasche leer und sprachen über ihre Gefühle füreinander, die sie sich niemals gestanden hatten.
Sie lagen in Josephs Bett und küssten sich, obwohl sie ermattet waren.
Joseph legte seinen Kopf auf Monikas Bauch und schwor sich, das Trinken einzuschränken, und zwar ab dem nächsten Tag.
Er dachte an seine Gefühle für sie, die er ihr niemals offenbart hatte, und an die Zeit, die vor ihnen lag und die sicherlich wunderschön werden würde.
Zufrieden, und noch immer seinen Kopf auf ihrem Bauch, schloss Joseph seine Augen.
Gebe Gott allen von uns Trinkern einen so schönen Tod.

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