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Mittwoch, 3. August 2016

Kein Feigenblatt




Mein Name ist Michael Timoschek, ich bin neununddreißig Jahre alt und ich spreche Dinge aus. Einer geregelten Arbeit brauche ich nicht nachzugehen, denn ich bin, auch das spreche ich aus, reich. Meine Mutter war so zuvorkommend, mir vierzig Millionen Euro zu überweisen.
»Michael!«, sagte sie, »Bitte nimm das Geld! Du wirst es eines Tages dringender brauchen als ich. Ich fürchte nämlich, dass Du Dir irgendwann, wahrscheinlich schon bald, gute Anwälte wirst suchen müssen, und die kosten viel Geld.«
Meiner lieben Mutter ist mein Zwang Dinge auszusprechen offensichtlich nicht ganz geheuer.
Dieser hat sich bereits in meiner Kindheit ausgebildet.
Die erste Erwähnung dieses Wesenszuges findet sich im Mitteilungsheft, welches ich in der Volksschule stets bei mir zu haben gezwungen war. Es war meine Klassenlehrerin, die sich darin mit folgenden Worten einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen erkämpft hatte:
›Sehr geehrte Frau Timoschek!
Bitte seinen Sie meines Mitgefühls versichert - ich kann mir lediglich vage vorstellen wie es sein muss, einen Sohn wie Michael zu haben. Dennoch sehe ich mich gezwungen Ihnen mitzuteilen, dass Michaels Verhalten unerträglich ist!
Dass Ihr Kind stinkfaul ist und im Unterricht gerne schläft, kann ich noch akzeptieren, wenn auch nicht gutheißen. Was er sich allerdings heute geleistet hat, sprengt sämtliche Rahmen! Als ich die Klasse betrat, stand mein Familienname auf der Tafel, in Michaels unverkennbar unleserlicher Schrift geschrieben. Er selbst stand vor der Tafel und hielt ein Referat über meinen Namen. Er erläuterte den anderen Achtjährigen in der Klasse, warum ihnen die ersten beiden Silben, also Pimper, noch viel Freude bereiten würden, später einmal.
Ich war entsetzt! Bitte wirken Sie auf Ihren Sohn ein, damit Derartiges nicht wieder vorkommt!
Mit freundlichen Grüßen
Dorothea Pimpernell.‹
Meine Mutter musste diese Nachricht unterschreiben, als Beweis, dass sie sie gelesen hatte. Sie war nicht eben erfreut, doch versicherte ich ihr, dass ich künftig die kurz vor der Pensionierung stehende Lehrkraft in Frieden lassen würde.
Einige Wochen nach dieser Begebenheit besuchte uns die beste Freundin meiner Mutter in unserer schlossartigen Behausung. Die  beiden saßen am riesigen Teich und sahen unseren vielfarbigen Karpfen beim nutzlos Herumschwimmen zu, als ich dazukam.
»Grüß Gott, Frau Pudernatz, wie geht es Ihnen?«
Artig gab ich ihr die Hand.
»Grüß Dich, Michael. Gut geht es mir, danke. Und wie geht es Dir?«
»Nicht so gut, Frau Pudernatz«, ich erinnere mich noch gut an die immer besorgter werdende Miene meiner Mutter.
»Aber warum denn?«
»Sie sind dick geworden«, stellte ich fest.
Meine Mutter wurde unruhig und rutschte auf ihrem Sessel hin und her.
»Und deshalb geht es Dir schlecht?«, fragte ihre Freundin verwundert.
»Nein, eigentlich nicht«, antwortete ich mit gespielter Verlegenheit. Das Eis war gebrochen.
»Aber Michael, was hast Du denn dann?«, fragte sie in warmem Ton und streichelt mir den Kopf.
Da brach es aus mir heraus.
Ich setzte die ersten beiden Silben von Frau Pudernatzens Familiennamen mit jenen von Frau Pimpernells in eine Beziehung, indem ich zwei Verben bildete und darüber sinnierte, welche der beiden Handlungen wohl mehr Spaß machen würde.  Kurz bevor ich die Lösung hatte, wurde ich in meinen großartigen Gedanken jäh unterbrochen. Plötzlich erfüllte Brennen meine Wange und meine Mutter, die sich wieder hingesetzt hatte, sagte in ihrem unnachahmlichen Ton: »Michael!« Dann befahl sie mir, auf meine Zimmer zu gehen.
Ich weiß nicht was mich dazu gebracht hat, mir kein Feigenblatt vor den Mund zu nehmen. Diese Verhaltensweise hat sich meiner irgendwann bemächtigt und seither lodert die Flamme des wahren und deutlichen Wortes in mir. Der Ausdruck Feigenblatt ist im Übrigen keinesfalls zu hoch gegriffen, denn ich habe, wie auch meine leidgeprüfte Mutter, erkannt, dass ich ausschließlich dann zum klaren Wort neige, wenn es um eine erotisch konnotierte Ausdrucksweise geht.
Einmal, bloß ein einziges Mal, habe ich es auf nichterotische Weise versucht. Was soll ich sagen? Die Sache ging in die Hose, oder besser: mächtig auf die Hose.
Es handelte sich um Gabriele Niederbichl, die sich in der fünften Klasse in mich verliebt hatte. Ich wollte nichts von ihr, denn sie war fett und dumm, darüberhinaus gab es, vor allem an heißen Tagen, gravierende olfaktorische Misshelligkeiten. Sehen sie? Gerade eben habe ich mich nicht klar ausgedrückt. Ansonsten hätte ich meinen dritten Ausschließungsgrund bezüglich Gabriele anders formuliert. Kurz: sie stank. Da sie sich nun einmal in mich verliebt hatte, sah ich davon ab, ihr in allzu deutlichen Worten mitzuteilen, dass ich sie für eine dumme Kuh hielt, die obendrein eine eindeutig zu barocke Figur aufwies. Ich sagte zu ihr: »Schau, Gabriele, Du bist supranasal subilluminiert! Was soll ich mit so einer Frau?«. Nun, sie verstand mich nicht, was ich an ihrem nachgerade bovinen Blick erkannte. Also wurde ich deutlicher: »Gabriele, Du bist eine gehörnte Paarhuferin mit niedrigen intellektuellen Kapazitäten!« Da sie mich wieder nicht verstand, vollführte ich mit meinem Zeigefinger kreisende Bewegungen neben meiner Schläfe. Nun begann ihr zu dämmern, dass ich nichts allzu Gutes zu ihr gesagt hatte. »Michael, was möchtest Du mir sagen?«, fragte sie mit einem Blick in den Augen, wie ihn wohl nur eine Kuh zustande bringt, die einen riesigen Lastwagen voll Klee vom Bauernhof wegfahren sieht. Ich musste noch deutlicher werden. »Niederbichl!«, rief ich. »Schau Dich doch bloß einmal an! Was siehst Du da? Wohl nur: Beine wie Säulen, Arme wie Keulen!« Nun hatte sie verstanden. Mit der Wendigkeit eines Pottwals im Wasser rang sie mich nieder und trat mir gut zwanzigmal in den Allerwertesten.
Im Alter von dreiundzwanzig Jahren war ich in der Zeitung, sogar auf Seite fünf, also an ziemlich prominenter Stelle. ›Millionärssohn beflegelt Ministertochter!‹ lautete die Überschrift des Artikels. Es hatte harmlos angefangen. Ich ging in einen Supermarkt um mir fünf Flaschen Schnaps zu besorgen, denn das Wochenende stand bevor. In der Spirituosenabteilung traf ich auf Gotthilde Kreuzgiebel, die damals amtierende Finanzministerin. Anfangs war ich fasziniert von der Handtasche der Politikerin. Sie war aus gelber Lastwagenplane gefertigt und auf ihr prangte in schwarzer Farbe das Logo einer Bank. Ich wollte die Ministerin gerade fragen, seit wann diese Bank eigene Lastwägen besaß, da erregte ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen meine Aufmerksamkeit - dass die Göre sechzehn Jahre alt war, entnahm ich tags darauf der Zeitung. Das Kind packte die Frau Minister am Arm und sagte quengelnd: »Mama, Du musst mir eine große Flasche Klopfer kaufen! Der Kevin hat mich gestern auf ein paar kleine Klopfer eingeladen und er war soo gut!« Die Mutter wollte gerade antworten, doch ich drängte mich zwischen die beiden. Ein junger Mann, der an Frau Kreuzgiebels Seite stand, musterte mich mit strengen einschätzenden Blicken. Als ich ihn ebenfalls musterte, fiel mir sogleich sein offensichtlich überlanger Penis auf, welchem durchaus ein eigenes Hosenbein gebührt hätte. Jedenfalls sagte ich zur Tochter der Ressortleiterin: »Warte noch ein bisschen, Dirne! Dann wirst Du ganz anders geklopft werden. Vielleicht sogar von Kevin. Und nach neun Monaten wirst Du niederkommen mit einem kleinen Feigling - und dieses schöne Land hat eine dumme Teeniemuttergöre mehr!« Die Ministerin starrte mich entgeistert an und ihr Begleiter stellte sich vor: »Leutnant Kipf von der Polizei.« Zu seiner Chefin gewandt sagte er: »Keine Sorge, Frau Doktor! Das Problem ist schnell gelöst. Ich habe stets das passende Argument griffbereit.« Dann griff er sich in seinen mächtigen Schritt - und ich erschrak. Ich fürchtete ernsthaft, der Polizist würde es auf einen Penislängenvergleich mitten in der Schnapsabteilung hinauslaufen lassen, zumal er hastig seinen Gürtel löste und seine Hose öffnete. Sie glauben gar nicht wie erleichtert ich war, als sich das, was ich für einen Riesenpinsel gehalten hatte, als gewöhnlicher Gummiknüppel entpuppte.
Am Morgen darauf las meine Mutter den Zeitungsartikel und sagte, nach ihrem üblichen »Michael!«, lakonisch: »Die Tracht Prügel hat Dich hoffentlich auf den richtigen Weg gebracht!«
Das hatte sie in der Tat. Ich gab mein Jusstudium auf und nahm an einem Kurs teil, der Menschen in die hohe Kunst der Dichtung einführte. Die Leiterin dieses Lehrgangs hieß Martha Gramsack und war eine überaus freundliche und nachsichtige Person, wenigstens bis zu dem Tag, an dem wir ein Gedicht zum Thema ›innerfamiliäre Verhältnisse‹ verfassen sollten. Ich legte mich mächtig ins Zeug, dennoch gelang es mir nicht, ein derartiges Gedicht von Qualität zu Papier zu bringen. Also fragte ich Frau Gramsack um Rat. »Was haben Sie denn bis jetzt, Herr Timoschek?«, fragte sie in dem ihr eigenen fürsorglichen Ton und nahm mein Blatt in die Hand, um sich ein Bild von meinem literarischen Genie zu machen.  Sie las - und errötete. Dann begann sie zu schnauben wie ein alter Ackergaul, dem man zur Steigerung seiner Arbeitsleistung eine Chilischote in den Allerwertesten geschoben hat hat. Obwohl es gar nicht mehr nötig gewesen wäre, meine dichterische Zwickmühle in Worte zu fassen, sagte ich: »Sehen Sie, Frau Gramsack, ich bin ein großer Anhänger der Liebe innerhalb von Familien. Aus diesem Grund möchte ich ein Gedicht schreiben, das diese Liebe zum Inhalt hat. Ich habe jedoch große Schwierigkeiten etwas zu finden, das sich auf ›nickende Fichten‹ reimt.« Brüllend verwies mich Martha Gramsack des Raumes.
Mit dreißig Jahren brachte ich es zu europaweiter Bekanntheit. In meiner Heimatstadt fand der Weltkongress der Feministinnen statt. Über viertausend von diesen waren angereist, um den Vorträgen zu lauschen. Meine liebe Mutter hatte diese Veranstaltung mit einer großzügigen Spende unterstützt. Aus diesem Grund durfte ich die Eröffnungsrede halten. Ich legte meiner Mutter die Rede vor und nachdem sie sie gelesen hatte, sagte sie: »Michael!«, diesmal jedoch in freudig erregtem Ton. »Endlich hast Du etwas Vernünftiges zustande gebracht.« Ich war sehr stolz auf mich, doch restlos zufrieden war ich mit meinem Text nicht. Sein Titel lautete ›Feministinnen aller Welt, vereinigt euch!‹. Ich konnte nicht anders, als die Rede umzuschreiben. Nun, ich stand vor viertausend Frauen auf der Bühne und begann mit meiner Ansprache. »Werte Anwesende, meine Rede hat den Titel ›Emanzen aller Welt, bereinigt Euch! oder: Mit Manneskraft gegen den Sand im Getriebe!‹« Ein Raunen ging durch die Reihen, bald wurde es lauter und Gegenstände kamen in meine Richtung geflogen. Einem Reisebügeleisen konnte ich ausweichen, doch etliche Lockenwickler, Kochlöffel und Putzlappen trafen mich, also verließ ich die Bühne, hinter welcher ich von meiner Mutter in Empfang genommen wurde. Ich weiß nicht, wer ihr den massiven Kochlöffel gegeben hatte, doch fühle ich dessen Energie noch heute.
Sie sehen also: ich bin keineswegs stehengeblieben, habe nach dem Problem mit den nickenden Fichten nicht klein beigegeben. Ich habe mich weiterentwickelt. Und ich bin immer noch dabei, weitere Stufen auf der Prachttreppe des wahren Wortes zu erklimmen, sehr zum Leidwesen meiner lieben Mutter und anzunehmenderweise zur baldigen Freude teurer Anwälte.

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