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Donnerstag, 11. August 2016

Krambatulus



Nach 'Krambambuli' von Marie von Ebner-Eschenbach.



Vorliebe empfindet das Nachtwesen für allerlei Triebe und Getier, doch die Faszination, die echte, unvergängliche, wenn auch gefährliche, die lernt er - wenn überhaupt - nur einmal kennen. So wenigstens meint der Kreisvampir Horr. Wie viele Wölfe hat er sich schon gehalten, und auch gern gehabt, fasziniert von der Bösartigkeit dieser Wesen; aber böse, was man sagt böse und besonders blutrünstig, ist nur einer gewesen - der Krambatulus. Er hatte ihn im Gasthaus zur Harpyie in Brasov einem zechenden Untervampir entrissen, oder eigentlich eingetauscht. Gleich beim ersten Anblick des Werwolfs, war er von der Bösartigkeit seines Wesens ergriffen worden, die dauern sollte bis zu seinem letzten Atemzuge. Dem Herrn des großen Werwolfs, der am Tische vor geleerten Krügen saß, die Menschenblut enthalten hatten, und über den Wirt schimpfte, weil ihm dieser keine weiteren umsonst hergeben wollte, sah das Verderben schon aus den Augen. Ein kleiner Vampir, frisch erschaffen und doch so fahl wie ein in der Sonne gebleichter Schädel, mit schwarzem Haar und spärlichem schwarzen Bart. Der Umhang, vermutlich ein Überrest aus der vergangenen Herrlichkeit seines Daseins als Adliger, trug die Spuren eines im nassen Grab zugebrachten Tages. Obwohl sich Horr ungern in Gesellschaft niederer Vampire begab, nahm er trotzdem Platz neben dem Fahlgesicht und begann sogleich ein Gespräch. Da bekam er es denn bald heraus, dass der Nichtsnutz den Überwurf und seine Schuhe dem Wirt bereits als Pfänder ausgeliefert hatte und dass er jetzt auch den Werwolf als solches hergeben möchte; der Wirt jedoch, der schmutzige Leuteschinder, wollte von einem Pfand, das ihm die Gäste zerreißen würde, nichts hören, zerrte Krambatulus doch unentwegt an der um seinen Hals gelegten schweren Eisenkette und hätte, wäre er losgekommen, den erstbesten Gast ausgeweidet.
Kreisvampir Horr sagte vorerst kein Wort von dem wohligen Schauer, der ihn beim Anblick des Werwolfs überkommen war, sein pechschwarzes Fell war verkrustet, offenbar vom Blut eines zuvor gerissenen Menschen, ließ aber einen Krug von bestem transsylvanischen Menschenblut bringen, das die Harpyie damals führte, und schenkte dem Untervampir fleißig ein. - Nun, in einer Stunde war alles in Ordnung. Der Kreisvampir gab zwölf Krüge von demselben Getränke, bei dem der Handel geschlossen worden - der Nichtsnutz gab den Werwolf, der seinen neuen Besitzer sogleich anfallen wollte, wäre er nicht durch die eiserne Kette gehindert gewesen. Zu des Lumpen Ehre muss man gestehen: nicht leicht. Die knöchernen Hände zitterten ihm so sehr, als er dem Kreisvampir die Kette der Bestie in die Hand gab, dass es schien, er werde mit diesem Verlust nimmermehr zurechtkommen. Horr wartete ungeduldig und begutachtete im Stillen den trotz der Wildheit und Bösartigkeit, die er ausstrahlte, edlen Werwolf. Vor höchstens zwei Jahren mochte er gemacht worden sein und war, wie gesagt, pechschwarz. Auf der Stirn hatte er eine tiefe, schwärende Wunde, die von einer Axt herrühren mochte, die rechts und links in kleine Rinnsale von Blut auslief. Die Augen waren groß, schwarz glänzend, die Ohren hoch angesetzt, spitz und eines von ihnen eingerissen. Und grässlich war alles an dem ganzen Werwolf, von den langen, schmutzigen Klauen bis zu der Wolfsnase ohne Haare: die angsteinflößende Gestalt. Vier Beine, die auch den Körper eines Elchs getragen hätten, stämmig wie das Piedestal eines Bären. Bei Dracula! Diese Kreatur musste eine Blutlinie haben, so alt und rein wie die eines wahren Fürsten der Finsternis.
Dem Vampir lachte das kalte Herz im Leibe über den prächtigen Handel, den er gemacht hatte. Er stand nun auf, riss an der Kette und fragte: „Wie heißt er denn?“ - „Er heißt Krambatulus“, lautete die Antwort. - „Gut, gut, Krambatulus! So komm! Wirst gehen? Vorwärts!“ - Ja, er konnte lang schreien, schlagen, treten - der Wolf gehorchte ihm nicht, knurrte ihn bloß an und sah den aus hasserfüllten Augen an, den er noch für seinen Herrn hielt, ließ ein schreckliches Geheul ertönen, als dieser ihn anschrie: „Marsch!“ und den Befehl mit einem tüchtigen Fußtritt begleitete, suchte sich aber immer wieder an ihn heran zu drängen. Erst nach einigen festen Tritten gelang es Horr, die Besitzergreifung des Werwolfs zu vollziehen. An der Kette und mit einem Stock geprügelt musste er zuletzt mehrere Wegstunden über scharfe Steine in die Burg des Kreisvampirs geschleift werden.
Zwei volle Monate brauchte es, bevor Krambatulus, halb totgeprügelt, nach jedem Fluchtversuche mit dem Stachelhalsband an die Kette gelegt, endlich begriff, wohin er jetzt gehöre. Dann aber, als seine Unterwerfung vollständig geworden war, was für ein grässlicher Werwolf wurde er da! Keine Zunge schildert, kein Wort ermisst die Höhe des Blutdurstes, den er entwickelte, nicht nur den Menschen gegenüber, sondern auch im täglichen Leben gegenüber seinem Herrn, als stete Quelle der Gefahr und eifriger Schlächter von Menschen. „Dem fehlt nur die Sprache“, heißt es von andern intelligenten Wesen - dem Krambatulus fehlte sie nicht; sein Herr zum mindesten pflog lange Unterhaltungen mit ihm. Die Gefährtin des Kreisvampirs zerriss der Werwolf eines Tages, als er das Halsband abstreifen konnte. Ihr Gedärm noch im Fell tragend, wurde er vom Vampir überrascht, als er den Kopf der Vampirin mit dem Hinterlauf zerbrach um ihr Gehirn zu verschlingen. Horr prügelte ihn mit einem glühenden Schürhaken und mit einer Eisenrute, doch schließlich vergab er dem Wesen. Es war ihm einerlei. Die Gefährtin hatte keinen Sinn für die Jagden auf die Menschen und die Zahl der zerrissen zurückgebliebenen Kadaver gehabt, wollte nichts wissen von dem Entsetzen, das Krambatulus verbreitete, von den lächerlich hohen Summen, die ihm für das Verschonen wenigstens der Kinder der Menschen geboten wurden und die er verächtlich von der Hand wies.
Zwei Jahre waren vergangen, das erschien eines Abends die Fürstin, die Gefährtin des Fürsten der Vampire, in der Burg des Kreisvampirs. Er wusste gleich, was der Besuch zu bedeuten hatte, und als die alte knöcherne Vampirin begann: „Morgen, kalter Horr, ist der Geburtstag des Fürsten...“, setzte er kalten Blicks fort: „Und da möchten hochfürstliche Gnaden dem Herrn Fürst ein Geschenk machen und sind überzeugt, mit nichts anderm soviel Ehre einlegen zu können wie mit dem Krambatulus.“ - „Ja, ja, kalter Horr.“ Die Fürstin lächelte vor Vergnügen über dieses unterwürfige Entgegenkommen und sprach gleich von Gegenleistung und bat, nur den Preis zu nennen, der für den Werwolf zu entrichten wäre. Die alte Fledermaus von einem Kreisvampir lachte, tat sehr demütig und rückte auf einmal mit der Erklärung heraus. „Hochfürstliche Gnaden! Wenn der Wolf im Schlosse bleibt, nicht jede Kette zerreißt, nicht jeden, der ihm nahekommt, auf blutrünstigste Weise tötet, dann behalten ihn hochfürstliche Gnaden umsonst - dann ist er mit nichts mehr wert.“
Die Probe wurde gemacht, aber zu vielen aufgebrochenen Leibern kam es nicht; denn der Fürst verlor früher die Freude an der eigensinnigen Kreatur. Vergeblich hatte man sie durch Hiebe zu zähmen, mit roher Gewalt zu bändigen gesucht. Er zerriss jeden, der sich ihm näherte, nahm nur Futter aus Menschenfleisch und kam ganz herunter. Nach einigen Wochen erhielt Horr die Botschaft, er könne sich sein Untier abholen. Als er eilends von der Erlaubnis Gebrauch machte und den Wolf in seinem Zwinger aufsuchte, da gab‘s ein Wiedersehen unermesslichen Hasses voll. Krambatulus erhob ein wahnsinniges Geheul, versuchte, seinen Herrn anzufallen und sah ihn aus hasserfüllten schwarzen Augen an.
Am Morgen dieser Nacht schleifte er ihn ins Gasthaus. Der Kreisvampir spielte Karten um das Leben eines Kindes, Krambatulus, angekettet an einer Säule hinter seinem Herrn, zerrte wütend an seiner Kette. Manchmal sah dieser sich nach ihm um, und der Werwolf begann augenblicklich mit Geheul und starrte ihn an, als wollt er melden: „Ich werde dich kriegen!“ Und wenn Horr, recht wie einen Triumphgesang das Liedchen anstimmte: „Was macht denn mein Krambatulus?“, richtete die Bestie sich drohend auf, und seine schwarzen Augen antworteten:
„Bald schon!“
Um dieselbe Zeit trieb, nicht nur im Gebiet des Fürsten der Vampire, sondern in der gesamten Provinz, eine Bande Untoter auf wahrhaft tolldreiste Art ihr Wesen. Der Anführer sollte ein übles Subjekt sein. Den „Armlosen“ nannten ihn die, die ihn in irgendeiner übelberüchtigten Spelunke am Kindergrill trafen, die Untervampire, die ihm hie und da schon auf der Spur gewesen waren, ihn aber nie hatten töten können, und die Verräter, die Zuträger, deren er unter dem schlechten Gesindel in jedem Dorfe mehrere besaß.
Die Verluste an unverbrauchten Menschen erreichten eine unerhörte Höhe, die Vampire befanden sich in grimmigster Aufregung. Da begab es sich nur zu oft, dass mehr Menschen den Werwölfen aus Rache für den Verrat vorgeworfen wurden, als zu andrer Zeit geschehen wäre und als gerade zu rechtfertigen war. Große Erbitterung herrschte darüber. Dem Obervampir, gegen den der Hass sich zunächst wandte, kamen Warnungen in Menge zu. Die Untoten, hieß es, hätten einen Eid darauf geschworen, bei der ersten Gelegenheit exemplarische Rache an ihm zu nehmen. Er, ein edler, fahler Mann, schlug das Gerede in den Wind und sorgte mehr denn je dafür, dass weit und breit kund werde, wie er seinen Untergebenen die rücksichtsloseste Strenge anbefohlen und für etwaige schlimme Folgen die Verantwortung selbst übernommen habe. Am häufigsten rief der Obervampir dem Kreisvampir Horr die scharfe Handhabung seiner Amtspflicht ins Gedächtnis und warf ihm zuweilen Mangel an „Grausamkeit“ vor, wozu freilich der Alte nur lachte. Der Krambatulus aber, den er stets mit sich führte, brach bei solcher Gelegenheit in Geheul aus und konnte nur durch die Gabe eines noch warmen Kinderkörpers besänftigt werden, welchen er laut schmatzend verschlang; Teile der Knochen schimmerten weiß in seinem schwarzen Fell. Der Obervampir war der Abkömmling des Meisters, der Horr zum Vampir gemacht hatte und Horr hatte wieder ihn als jungen Vampir in die Rudimente des Lebens als solcher eingeweiht. Die Plage, die er einst mit ihm gehabt, hielt er heute noch für eine Freude, war stolz auf den ehemaligen Schüler und schätzte ihn trotz der rauen Behandlung, die er so gut wie jeder andre von ihm erfuhr.
Eines Juniabends traf er ihn wieder.
Es war im Lindenrondell, am Ende des herrschaftlichen Parks, der an der „Fürstenwald“ grenzte. Die Linden, deren Duft der Obervampir liebte, standen just in schönster Blüte und über diese hatten kleine Jungen sich hergemacht. Wie Eichkätzchen krochen sie auf den Ästen der herrlichen Bäume herum, brachen alle Zweige, die sie erwischen konnten, ab und warfen sie zur Erde. Zwei Weiber lasen die Zweige hastig auf und stopften sie in Körbe, die schon mehr als zur Hälfte mit dem duftenden Raub gefüllt waren. Der Obervampir raste in unermesslicher Wut. Er ließ durch niedere Vampire, seine Helfer, die Buben nur so von dem Bäumen schütteln. Als sie wimmernd und schreiend um seine Füße krochen, der eine mit zerschundenem Gesicht, der andere mit ausgerenktem Arm, ein dritter mit gebrochenem Bein, wies er Horr an, den Krambatulus von der Kette zu lassen. Dieser stürzte sich sogleich auf die beiden Weiber, eine von ihnen eine leichtfertige Dirne; einer riss er mit einem Hieb seiner Pranke den Kopf vom Hals, dass ihr Blut wie eine Fontäne zum Nachthimmel schoss, der anderen riss er die Brust auf und verschlang gierig ihr noch pochendes Herz. Einen der Buben zerriss er in viele Stücke, überall war Blut. Dem zweiten riss er den ausgerenkten Arm aus und warf ihn dann den niederen Vampiren vor die Füße. Gierig saugten sie ihn aus. Den dritten Buben warf er in die Luft, fing ihn mit seinem Maule auf und fraß ihn, das Knacken der berstenden Kinderknochen hallte im nächtlichen Wald wieder.
Der Befehl, den ihm damals der Obervampir zurief, wild wie der Teufel in der Hölle und wie dieser umringt von jammernden und gepeinigten Kindern, ist der letzte gewesen, den der Kreisvampir von ihm erhalten hat. Eine Woche später traf er ihn wieder im Lindenrondell - nun endgültig tot. Aus dem Zustand, in dem die Leiche sich befand, war zu ersehen, dass sie hier, an Ort und Stelle zu einer solchen wurde. Der Obervampir lag auf abgehauenen Zweigen, sein Kopf war gespalten, seine Brust aufgerissen. Seine Kleidung hatte der Mörder ihm gelassen, doch war sie zerfetzt. Seine Eingeweide fehlten, ein Bein sah aus, als wäre es von einer wahren Bestie, einem Werwolf etwa, zernagt worden und über seinen Rücken zogen sich tiefe Spuren schrecklicher Klauen. Sein Geschlecht war dem Obervampir gleichsam zum Hohne auf die Schulter gelegt worden. Horr stand beim Anblick der entstellten Leiche regungslos vor Entsetzen. Er hätte keinen Finger heben können, und auch das Gehirn war ihm wie gelähmt; er starrte nur und starrte und dachte anfangs gar nichts, und erst nach einer Weile brachte er es zu einer Beobachtung, einer stummen Frage: - „Was hat denn der Werwolf?“
Krambatulus beschnüffelt den toten Vampir, läuft wie nicht gescheit um ihn herum, die Wolfsnase immer am Boden. Er setzt sich auf den Boden, blickt seinen Herrn aus schwarzen Augen an und lässt markerschütterndes Geheul ertönen.
Horr läuft ein Schauer über den kalten Rücken, und allerlei Vermutungen dämmern in ihm auf. Krambatulus war entkommen und hat den Obervampir in Stücke gerissen und ausgeweidet; und nun sitzt er auf dem Boden, heult und ist offenkundig stolz auf sein Werk.
„Mein Wolf“, spricht er, „mein Werwolf hat den Obervampir zerrissen. Aber das braucht niemand zu wissen, ich werde es niemandem sagen... Ich, hoho!... Ich werd meinen Werwolf nicht hineinbringen in die Geschichte... Das könnt mir einfallen!“ Er näherte sich Krambatulus vorsichtig und versetzte ihm mit einem Prügel einige kräftige Hiebe.
Seelenkundige haben den geheimnisvollen Drang zu erklären gesucht, der manchen Verbrecher stets wieder an den Schauplatz seiner Untat zurückjagt. Horr wusste von diesen gelehrten Ausführungen, und sein Werwolf wollte stets, ruhelos und ohne Rast, in der Umgebung des Lindenrondells herumlaufen.
Am zehnten Tage nach dem Tode des Obervampirs hatte er zum erstenmal ein paar Stunden lang an etwas anderes gedacht als an die Untat seiner Kreatur.
Wie nun der Morgen naht, schlägt er den kürzesten Weg ein, quer durch den Wald gegen die Kulturen in der Nähe des Lindenrondells. Im Augenblick, in dem er auf den Fußsteig treten will, der längs des Buchenzaunes läuft, ist ihm, als höre er etwas im Laube rascheln. Gleich darauf herrscht jedoch tiefe Stille, tiefe, anhaltende Stille. Fast hätte er gemeint, es sei nichts Bemerkenswertes gewesen, wenn nicht der Werwolf so merkwürdig geknurrt hätte. Der stand mit gesträubtem Haar, den Hals vorgereckt und knurrte eine Stelle des Zaunes an. Wie rasend pochte Horr das kalte Herz, und der ohnehin kurze Atem wollte ihm völlig versagen, als jetzt plötzlich durch den Zaun der „Armlose“, dem nun auch die Hand des anderen Armes fehlte, auf den Fußsteig trat.
Horr schreit: „Jetzt stirbst du, Untoter!“ Der „Armlose“ stürzt auf den Kreisvampir zu und es beginnt ein Kampf. Der Untote verliert den zweiten Arm, Horr weicht voll Abscheu zurück.
„Pack an!“, ruft Horr seinem Werwolf zu. „Pack an!“
Der Werwolf aber -
Was sich nun begab, begab sich viel rascher, als man es erzählen kann.
Krambatulus stürzte auf den „Armlosen“ zu, bis - in die Mitte des Weges, in gleicher Distanz zu dem Vampir und dem Untoten. Er saß auf dem Fußsteig, schwarz, mit gesträubtem Fell, wie das Böse, direkt aus der Hölle, und war sich nicht sicher, welchen von beiden er zuerst zerreißen sollte.
Zuletzt macht die grässliche Bestie ihren Zweifeln ein Ende, nachdem sie einige Male vom einen zum anderen gesehen hat, jedem von ihnen Blicke zuwerfend, die das Unaussprechliche zum Ausdruck brachten, und fällt den Untoten an. Dieser zerfällt wie Ton unter den Hieben der Kreatur. „Bestie!“, zischt er noch, dann fällt sein Kopf auf den Fußsteig und der Werwolf lässt von ihm ab.
Horr kommt langsamen Schrittes herangeschritten. Ich habe genug, denkt er, um jeden weiteren Tag wär‘s schad bei dir. Der Werwolf heult und sieht zu ihm auf. Und sie halten ein Gespräch, von dem kein Zeuge ein Wort vernommen hatte, wenn es auch statt eines toten ein lebendiger gewesen wäre.
„Weißt du, wem eine Silberkugel gebührt?“
„Das wagst du nicht!“
„Deserteur, undankbare Kreatur, Höllentier!“
„Sei froh, dass ich den Untoten getötet habe!“
„Du warst mein Stolz. Jetzt ist‘s vorbei. Ich habe keine Freude mehr an dir.“
„Bald. Bald kriege ich dich.“
Ja, das verdammte Vieh hatte ihn angesehen. In seinen schwarzen Augen lag nichts als die reine Lust am Morden. Aber so geht‘s nicht!
Der Werwolf folgte ihm mit den Augen, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war, erhob sich dann, und sein mark- und beinerschütterndes Geheul durchdrang den Wald. In den nächsten Wochen nach diesem Ereignis führte Krambatulus ein blutrünstiges Vagabundenleben und umschlich einmal die armen Wohnungen der Häusler am Ende des Dorfes. Plötzlich stürzte er auf ein Kind los, das vor der letzten Hütte stand, spaltete mit einem Hieb seiner Pranke des Kindes Körper und fraß es. Eine kleine Spitzin sprang aus dem Hause und bellte das Untier an. Dieses ließ sogleich von dem Kind ab und riss dem Hund ein Hinterbein aus.
Horr hatte sich eine mit einer Silberkugel geladene Pistole zugelegt, um sich möglicher Angriffe des Krambatulus erwehren zu können, sollte dieser, getrieben vom Durst nach Rache und Hunger am Mord, ihn heimsuchen.
Horr stand nach dem Aufstehen am Fenster und blickte in die Dämmerung hinaus. Da war ihm, als sähe er am Waldessaum den riesigen Werwolf sitzen, seine ehemalige Behausung unverwandt und hasserfüllt betrachtend. Er schlug den Laden zu und beschloss, einen kleinen Spaziergang zu machen.
Er ging unweit seiner Burg auf einem Waldweg, als er hinter sich ein tiefes, kehliges Knurren vernahm, das sich bald in ohrenbetäubendes Geheul verwandelte. Er wandte sich um, zog hastig die Pistole mit der silbernen Kugel und zielte auf den Kopf des Krambatulus; doch die Kugel verfehlte die auf ihn zuspringende Bestie.
Horr blieb noch die Zeit für einen letzten Gedanken: Schad um das Silber.

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