Labels

Blog-Archiv

Samstag, 20. August 2016

Menschen und Hunde




Ben wurde an einem 24. Dezember geboren, er konnte somit als Weihnachtshund gelten.
Nicht dass dieser für Menschen einigermaßen bedeutungsvolle Umstand Bens Eltern bewusst gewesen wäre, kein Hund fühlt Weihnachten in seinem Inneren, wie auch kein Mensch, jedoch werden Menschen dazu gebracht, von der modernen Konsumgesellschaft geradezu gezwungen, weihnachtliche Gefühle zu entwickeln, die alles tut, die Individuen auf die jeweiligen Bedürfnisse einzustellen, die die jeweilige Jahreszeit mit sich zu bringen hat in den Augen der Kaste, die Konsumgüter produziert, ganz gleich, ob die Menschen das Bedürfnis haben, beschenkt zu werden oder nicht.
Anders verhält es sich mit Tieren. Ein Hund freut sich, wenn er beschenkt wird. Er empfindet den Erhalt einer fressbaren Gabe als wahrscheinlich weit größere Wohltat, die ihm zuteil wird von der Person, von der er den Happen erhält, als dies anzunehmenderweise von dieser Person beabsichtigt war, die den Hund, den sie so großzügig beschenkt, in den meisten Fällen ruhigstellen will, damit er zu betteln und treuherzig zu blicken aufhört, in wenigen Fällen ihr eigenes Gewissen beruhigen möchte, indem sie einem Hund etwas Gutes tut, wenn sie schon nicht in der Lage oder des willens ist, hungernden oder gar sterbenden afrikanischen Kindern durch eine geringe Spende ihre Not ein klein wenig zu lindern, in den seltensten Fällen aufgrund aufrichtiger Zuneigung zu dem Tier, dem die Person ein Stück Fressbares schenkt.
Bens Eltern war dennoch bewusst, dass sie Besonderes vollbracht hatten. Selten nur hat ein Hund, der sein Dasein auf den Straßen der Stadt, in der er nun einmal zu leben gezwungen ist, fristen muss, die Gelegenheit, in den als gepflegt zu bezeichnenden Garten eines Einfamilienhauses einzudringen und die dort gehaltene Hündin zu bespringen. So sehr Eindringen war es natürlich nicht, was Bens Vater bewerkstelligt hatte. Angrenzend an das Grundstück, auf welchem Bens Mutter gehalten wurde, befand sich die Trasse der Eisenbahn. Sie, die Trasse, befand sich auf einer von Menschen aufgeschütteten Erhebung, mit einem Graben, der zwischen ihr, der Erhebung, und dem aus Holzlatten bestehenden Zaun, der das Grundstück begrenzte, verlief und war mit diesem, dem Zaun, durch eine Röhre, die in etwa einen Meter im Durchmesser maß, verbunden, für einen Hund war diese Röhre als bequemer, und im Falle von Bens Vater als willkommener Tunnel zu bezeichnen, zumal die Begrenzung auf der dem Haus, in dem die Familie wohnte, die Bens Mutter hielt, näheren Seite durch die verwitterten Holzlatten nicht mehr als Begrenzung im eigentlichen Sinn zu bezeichnen war, sondern eher als leicht zu durchbrechende Barriere, deren Durchbrechen, bedingt durch die Morschheit des Holzes, nicht viel mehr erforderte als das beherzte Anstupsen durch einen von kräftiger Nackenmuskulatur gehaltenen und von dieser impulsiv geführten Kopf eines Rüden.
Bens Vater hatte keinen Namen, kein Mensch hatte ihm einen gegeben, er war einer der wenigen Rüden, die durch das, in letzter Zeit vorangetriebene, Kastrationsprogramm der Stadt, in der sie zu leben hatten, geschlüpft waren, ohne ihr Gehänge zu verlieren. Er konnte als Promenadenmischung durchgehen, er war nicht allzu hoch aufgeschossen, obgleich seine Pfoten durch ihre Größe, die nicht zu seinem übrigen Körperbau passte, vermuten ließen, dass sich in seiner Ahnenreihe ein großer Vertreter der Gattung Hund befunden haben musste, von der Art eines Bernhardiners oder einer Deutschen Dogge, doch zeigte sein Fell keine Merkmale dieser beiden Rassen, weder die an Kühe erinnernde Scheckigkeit der Bernhardiner, die auch Deutschen Doggen bisweilen eigen ist, noch die Mellierung, die ein oftmals auftretendes Fellmerkmal dieser Art von Doggen ist. Vielmehr war sein Haarkleid dunkel, es zeigte lediglich einige wenige hellere Stellen, die sich ansatzweise rundlich ausnahmen, ohne jedoch vollständige Kreise zu bilden, vielmehr waren die Rundungen durchbrochen, wie man es bei Hunden fast nie sieht, die besagten Stellen erinnerten vielmehr an die Fellzeichnungen, die Jaguare auf ihrem Fell spazierentragen. Man kann sagen, Bens Vater war eine Laune der Natur. Seine Herkunft war, wie gesagt, unbekannt, auch sein Charakter war nur sehr wenigen Individuen bekannt, zeit seines Lebens hielt er sich fern von anderen Tieren, erst recht von Menschen, dabei war er ein freundliches Tier, er war zwar willensstark, dies hatte er bei der Eroberung von Bens Mutter unter Beweis gestellt und er hatte, wie man es Menschen gerne unterstellt oder nachsagt, das Herz auf dem rechten Fleck. Als ein auf der Straße lebender, sich alleine durchschlagen müssender Hund, verabscheute er alles, was ihm seine Nahrung, die an vielen Tagen spärlich ausfiel, streitig machte, allen voran die Ratten, diese intelligenten Tiere, die, im Verband auftretend, jedem größeren Tier seine Nahrung streitig machten und deren Bisse, sollte das größere Tier ihnen die Nahrung nicht freiwillig überlassen, schmerzten und Wunden zurückließen, die äußerst schmerzhaft waren und sich leicht entzündeten.
Eines Tages, so viel zum Charakter von Bens Vater, beobachtete er zwei Ratten, die hintereinander eine Straße querten. Die vordere hielt einen Strohhalm mit ihren Zähnen festgeklemmt, die hintere Ratte ebenso. Anfangs konnte sich Bens Vater keinen Reim auf diese Szenerie machen, doch bei genauerer Betrachtung erkannte er, dass die hintere Ratte erblindet war und von der vorderen vermittels des Strohhalms über die Straße geführt wurde. Bens Vater war beeindruckt von der sozialen Kompetenz der Nager und als ein ebenso wie er selbst auf den Straßen lebender Hund Anstalten machte, die beiden Ratten zu fangen und anzunehmenderweise aufzufressen, ließ Bens Vater ein kehliges Knurren vernehmen, sodass der andere Hund sogleich das Weite suchte. Dies zur Verdeutlichung, dass Bens Vater das Herz auf dem rechten Fleck hatte.
Bens Mutter war eine Mischlingshündin, doch war ihre Herkunft klarer ersichtlich. Ihre Mutter, also Bens Großmutter, war ein Pudel gewesen, ihr Vater ein Spaniel. Diese an sich nicht unprekäre Mixtur aus optisch nicht jedermann ansprechenden Hunderassen, verlieh ihr ein beinahe unansehnliches Äußeres, hatte jedoch ausschließlich positiven Einfluss sowohl auf ihren Charakter als auch auf ihre Gesundheit. Mischlingshunde gelten generell als sehr gesunde und charakterfeste Tiere, die in der heutigen Zeit oft zu beobachtende Überzüchtung der Rassehunde fällt weg, die im Allgemeinen kaum Probleme bereiten, sofern es sich nicht gerade um Mischungen aus Pitbull und Staffordshire-Terriern handelt. Ihre Besitzer hatten der Hündin, also Bens Mutter, reichlich sonderbar, den Namen Michelle gegeben und sie hatten sie verwöhnt. Sie ließen ihr vieles durchgehen, wohl auch weil sie, die Besitzer, keine eigenen Kinder bekommen konnten, und schenkten die Liebe und Zuneigung, die sie leiblichem Nachwuchs gerne hätten zuteil werden lassen, ihrer Hündin. Michelle genoss alle Freiheiten im Haus ihrer Besitzer, angeknabberte Schuhe zeitigten niemals Sanktionen, und als sie zum ersten Mal läufig war und sich eine Nacht lang auf dem weißen Sofa ihrer Besitzer von den Strapazen des Tages und ihrer Läufigkeit erholt hatte, nach dieser Nacht war das Sofa nicht mehr reinweiß, zeigten ihre Besitzer Verständnis, die Frau in größerem Ausmaß als ihr Gatte, schließlich wusste sie um die Inkompatibilität der Menstruation mit der Farbe Weiß, und bedeckten das Sofa mit einer dicken Wolldecke. Eine Hundeschule oder eine ähnliche Ausbildung hatte Michelle niemals von innen gesehen bzw. genossen, zum einen waren ihre Besitzer geldlich eher schmal gestellt, zum anderen sagten sie sich, was soll bei einem Hund von Michelles Schulterhöhe schon Großartiges passieren. Dennoch konnte man Michelle, wenn schon optisch nicht als schön, so doch als gut erzogene Hündin bezeichnen, nachdem sich das Anknabbern der Schuhe gelegt hatte, aufgrund ihrer Gelehrigkeit sogar als vif, da haben sich wohl die guten Eigenschaften der Rassen ihrer beiden Eltern, also Pudel und Spaniel, Bahn gebrochen. Nach der Sache mit der Couch, überlegten ihre Besitzer kurze Zeit, sie kastrieren zu lassen, doch wollten sie ihrem geliebten Haustier die Strapazen einer Operation nicht zumuten und außerdem, so dachten sie, wäre das Grundstück durch einen Zaun gesichert vor eindringenden Rüden, die an ihrer Michelle ein Exempel ihrer Fruchtbarkeit statuieren wollten.
Allerdings verzichteten sie ebenso darauf, den Zaun von Zeit zu Zeit einer Inspektion zu unterziehen. Sie dachten sich, der Zaun, der die Röhre vom Grundstück trennte, wäre durch diese ohnehin geschützt, doch das Gegenteil war der Fall. Durch die Feuchtigkeit, vor allem vom Regenwasser, das sich in der Röhre gesammelt hatte, war der Holzzaun beständiger Verwitterung ausgesetzt, die die Schutzlackierung abblättern und das somit ungeschützte Holz darunter morsch werden ließ. Michelles Besitzer hatten des Weiteren nicht die Tatsache als Variable in ihre Rechnung aufgenommen, dass eine derartige Röhre, die auf ihrer einen Seite von der Eisenbahn begrenzt wird und durch diese Tatsache von den Hundefängern des städtischen Ordnungsamts links liegengelassen zu werden pflegt, sich als Unterschlupf für herrenlose Hunde geradezu anbietet, zumal in einer Stadt, in der streunende Hunde ein veritables Problem darstellten. Die Rechnung von Michelles Besitzern hätte auch die Variable paarungswillige Rüden beinhalten müssen, sind diese doch bekannt dafür, sämtliche Hindernisse zu überwinden, um zum Zug zu kommen.
Bens Vater hielt sich oft bei den Geleisen der Bahn auf, ein streunender Hund muss nehmen was er kriegt, und es konnte durchaus vorkommen, dass unvorsichtige Tauben oder Krähen das Herannahen eines Zuges nicht oder zu spät bemerkten und ihre noch warmen Kadaver eine willkommene Abwechslung im Speiseplan von Bens Vater darstellten, der ansonsten oft genug gezwungen war, die von den Menschen achtlos weggeworfenen Verpackungen von Junk Food nach kalorisch Verwertbarem zu durchsuchen, selbst beinahe vertrocknete Ratten hatte er schon zu sich genommen. Was hilft es, wenn es darum geht, genug Kraft für den nächsten Tag zu bekommen. Er hatte gemäß seiner Natur die Anwesenheit von Michelles Mutter bemerkt, doch wollte er ihr nicht nahekommen, zu groß war seine Scheu vor den Menschen, in deren Obhut Michelle nun mal lebte.
Eines Tages, es regnete leicht, stand er in der Röhre und versuchte, angestrengt lauschend und mit seiner feinen Nase ihre Witterung suchend, herauszufinden, ob sie sich in ihrem Revier befand, als er sie plötzlich auf sich zukommen sah. Er witterte sofort, dass sie paarungsbereit war, Rüden riechen so was immer schnell, und sie versuchte von sich aus, den Holzzaun springenderweise zu überwinden, doch war ihr dies nicht möglich. Auch er schaffte es nicht, den Zaun zu überspringen, bedingt durch die Höhe des Zaunes und die der Röhre, aus der heraus er den Zaun zu überwinden gehabt hätte um zu ihr gelangen zu können. Er fühlte sich ohnmächtig und stieß frustriert seinen Kopf gegen den Zaun, auch um ihr zu beweisen, dass er durchaus zu ihr wollte, doch der verdammte Zaun es nicht zuließ. Als er heftiger gegen die Holzlatten zu stoßen begann, bemerkte er, dass diese anfingen nachzugeben und intensivierte seine Bemühungen. Michelle drehte ihm ihr Hinterteil zu und richtete ihren Schwanz auf, um ihm zu zeigen, was ihn erwartete, sollten seine Anstrengungen Erfolg zeitigen. Er stieß heftiger gegen den Holzlattenzaun und befand sich schließlich auf dem Grundstück, wo Michelle ihn erwartete. Er besprang sie, wenigstens versuchte er das, doch sie wandte sich abrupt um und begann, seine Schnauze mit ihrer Zunge abzulecken. Nach ungefähr zwei Minuten wandte sie sich um und er besprang sie. Das bei Hunden übliche Hängen dauerte in diesem Fall nur kurz, nachdem der Akt vollzogen war spielten sie Abfangen auf dem Grundstück von Michelles Haltern und paarten sich erneut.
Gerade als der zweite Geschlechtsakt vollzogen war, betraten Michelles Besitzer den Garten und wurden der hündischen Liebesszene gewahr. Der Mann ergriff sogleich den Gartenschlauch und richtete dessen Strahl kalten Wassers auf die beiden Hunde, eingedenk der Ermahnungen seiner streng katholischen Eltern, die ihm, nicht nur in Form von Worten, eingebläut hatten, eine kalte Dusche würde sämtliche Dämonen der Fleischeslust austreiben, selbst im Nachhinein, wenn sie ihn gezwungen hatten, im Keller seines Elternhauses zu duschen, wo es nur kaltes Wasser gab, jedesmal wenn seine Mutter sein beflecktes Leintuch entdeckt hatte. Aufgeschreckt durch das kalte Nass stoben die beiden Hunde auseinander, Bens Vater zwängte sich durch das von ihm in den Zaun gebrochene Loch und ward nie wieder gesehen.
Es war, als wäre er vom Erdboden verschwunden. Vermutlich hat ein Tierfreund Gefallen an ihm und seiner ungewöhnlichen Fellzeichnung gefunden, ihn mit zu sich nach Hause genommen und ihn gut behandelt. Oder aber der Zug hat ihn überfahren und er wurde, Ironie der bahngleisnahen Nahrungsbeschaffung, seinerseits von Krähen gefressen.
Michelle schlich bedrückt zu ihren Besitzern, den Schwanz zwischen ihre Hinterläufe eingezogen, doch ihre Besitzer konnten ihr nicht wirklich böse sein, schließlich war ihnen der animalische Instinkt nicht fremd, ohne Kinder im Haus, die sich hätten fragen können, was zum Teufel da im Schlafzimmer der Eltern abgeht, sich frei zu fühlen, übereinander herfallen zu können, egal wo im Haus sie gerade waren. Vor allem die Frau sehnte sich danach, wieder einmal, nach längerer Zeit der diesbezüglichen Flaute, rüde genommen zu werden. Doch ihr Mann zeigte sich diesbezüglich spröde, vor allem seit er durch eine Untersuchung in einer andrologischen Praxis hatte erfahren müssen, dass seine Zeugungsfähigkeit nicht vorhanden war. Seine Frau sagte einmal, sich abgefunden habend, dass sie mit ihrem Mann, den sie über alles liebte, keine Kinder würde haben können, im Scherz, dass es ihr nichts ausmachen würde, dass er nur Platzpatronen abfeuern könne, doch konnte er den Scherz seiner Frau gar nicht komisch finden, vielmehr fiel er in eine mittelschwere Depression, der Stolz der Männer ist eine zarte Pflanze, die bei unzärtlicher Behandlung leicht eingeht und dann nur durch intensive Zuwendung wieder zum Leben gebracht werden kann. Es war nicht der Scherz seiner Frau alleine, der ihm Kummer bereitet hatte, er fühlte sich außerdem schuldig, als die Ursache, dass seine Frau, die er sehr liebte, ihren Kinderwunsch, den sie oftmals geäußert hatte zu der Zeit, in der sie es oftmals vergeblich versucht hatten, nicht erfüllt bekommen konnte. Er bot ihr die Scheidung an, sie sollte es mit einem anderen, zeugungsfähigen Mann versuchen, doch sie wies sein, wie er es sah: Angebot, wie sie es sah: Ansinnen, entschieden und brüsk zurück.
Michelle, den geliebten Familienhund, nun in geschlechtlicher Vereinigung zu sehen, störte ihn vor allem deshalb, weil er die Möglichkeit einer Trächtigkeit Michelles in Betracht zu ziehen hatte, er empfand dies als einen Stachel in der schwärenden, kaum heilenden Wunde seiner Zeugungsunfähigkeit. Nach kurzer Zeit war klar, dass Michelle trächtig war, sie wurde rundlich und in ihrer Wesensart ruhiger, anhänglicher und bedürftiger nach Streicheleinheiten. Ihre Besitzer trugen es anfangs mit Fassung, dann freuten sie sich auf die Welpen, die ihre Hündin werfen würde. Die Besuche beim Tierarzt wurden von ihrer Besitzerin übernommen, sie freute sich in größerem Ausmaß auf den Nachwuchs als ihr Mann, dies lag wahrscheinlich in der Tatsache begründet, dass ihr eigener Nachwuchs versagt geblieben war, so lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf den ihrer Hündin. Sie war sehr erpicht darauf zu erfahren, wie viele Welpen wohl das Licht der Welt erblicken würden und bat ihren Mann um Geld für eine tierärztliche Ultraschalluntersuchung, doch dieser lehnte mit der Begründung ab, dass Hunde seit Jahrtausenden ihren Nachwuchs ohne teuren medizinischen Schnickschnack gebären würden und auch sollten. Doch der Wunsch seiner Frau nach Klarheit über die Anzahl der Welpen war so groß, dass sie kurzentschlossen zur Bank ging und das Geld für die Untersuchung von ihrem Sparkonto abhob, auf dem sie das Geld, das ihre Eltern ihr hinterlassen hatten, liegen hatte.
Der Tierarzt führte die Ultraschalluntersuchung durch und erklärte ihr, sichtlich verblüfft, dass Michelle lediglich einen einzigen Embryo in sich trug, er hätte so was in zwanzig Jahren als Veterinärmediziner nicht gesehen, doch wirke der Embryo gesund, auch sein Herzschlag sei normal, lediglich die Größe des embryonalen Körpers bereite ihm Sorgen, denn dieser sei so groß geraten, dass ein Kaiserschnitt notwendig werden könnte, um Schaden von der Hündin fernzuhalten. Michelles Besitzerin versicherte, dass sie sämtliche Kosten tragen würde, um ihrer Hündin das Werfen so erträglich wie möglich zu gestalten. Wieder zuhause angekommen, berichtete sie ihrem Mann von der Diagnose des Tierarztes. Ihr Mann war nicht gerade erfreut über ihren Alleingang, doch als sich Michelle auf seinen Schoß legte und ihn mit ihren treuherzigen Augen ansah, willigte er gerne ein, ihr vermeidbare Qualen zu ersparen. Der Tierarzt hatte den 24. Dezember als den Tag errechnet, an dem Ben das Licht der Welt erblicken sollte, plus minus einen Tag.
Sie fuhren am 23. Dezember zum Tierarzt, um eine Kontrolle vornehmen zu lassen, als deren Ergebnis der nächste Tag als endgültiger Geburtstermin feststehen sollte. Sie bereiteten Michelle aus Decken eine warme, flauschige Bettstatt, sie sollte die Nacht vor ihrem großen Tag weich und warm liegen, sie stellten eine Schüssel voll mit in Wasser eingeweichten Hunderingen vor sie, sie sollte sich beim Kauen der Nahrung, sofern sie überhaupt fähig sein würde, welche zu sich zu nehmen, nicht anstrengen müssen, neben die Schüssel stellten sie eine zweite mit lauwarmem Wasser. Ihre Halter konnten in dieser Nacht lange keinen Schlaf finden, sie waren verständlicherweise aufgeregt, auch Michelle schlief schlecht, zu häufig spürte sie die Bewegungen ihres ungeborenen Welpen in ihrem Körper, sie wimmerte, leise genug, als dass ihre Besitzer ihr Wimmern hätten vernehmen können. Am nächsten Morgen fuhren sie mit ihr zur Praxis des Tierarztes.
Die Geburt verlief komplikationslos und freudestrahlend nahm das Ehepaar Ben in Empfang. Sie hatten den Tierarzt vor dem Werfen gar nicht gefragt, welchen Geschlechts der Welpe sein würde, sie waren sich auch gar nicht sicher, ob er es ihnen überhaupt hätte sagen können, so machten sie ab, dass der Hund, falls er weiblichen Geschlechts sein würde, Coco heißen sollte, falls es sich um einen Rüden handeln sollte, eben Ben.
Ben war für einen Welpen ungewöhnlich groß geraten, klar, er musste sich die durch seine Nabelschnur von seiner Mutter transportierten Nährstoffe mit niemandem, also keinen Mitwelpen, teilen, das Dasein als Einzelwelpe bringt eben nur Vorteile mit sich. Er war noch blind und tollpatschig, doch instinktiv fand er das Gesäuge seiner Mutter, dessen sämtliche Zitzen prall gefüllt waren mit nahrhafter Milch und er, der keine Konkurrenz durch Geschwister zu gewärtigen hatte, sog gierig nacheinander an jeder einzelnen von ihnen. Michelle ließ ihn gewähren, bald war er müde vom Saugen und schmiegte sich an den warmen Körper seiner Mutter.
Bens Fell war, sobald es seine Mutter unmittelbar nach dem Aufwachen aus ihrer leichten Narkose wegen des Kaiserschnitts, durch Ablecken von Blut und anderen Flüssigkeiten befreit und dadurch erkennbar gemacht hatte, in seiner Farbe nicht unähnlich dem seines Vaters, doch dies erkannten Michelles Besitzer, die nun auch Bens Besitzer waren, nicht, schließlich hatten sie Bens Vater nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen, als sie ihn von Bens Mutter vermittels eines kalten Wasserstrahls getrennt hatten. Sie fuhren, nach einer abschließenden Untersuchung durch den Tierarzt, in deren Verlauf er ihnen auch gleich den Impfplan mitgeteilt hatte für die Impfungen gegen Tollwut, Staupe und andere Krankheiten, mit ihren nunmehr beiden Hunden zu ihrem Haus zurück, das der kleine Ben sogleich inspizieren wollte. Doch da er noch blind war und aus diesem Grund sogleich in das Bein eines Stuhls lief, was er mit Winseln quittierte, packte ihn Michelle schnell mit sanftem Biss an der Hautfalte in seinem Genick und trug ihn zu ihrer Bettstatt, die ihr von ihren Besitzern bereitet worden war, wo er sogleich einschlief.
Die darauffolgenden Tage verliefen ruhig, Bens Besitzer sprachen viel mit ihm und Michelle, nahmen ihn in ihre Arme, was seine Mutter ohne erkennbaren Widerwillen geschehen ließ und gewöhnten ihren neuen Hund auf diese Art an ihre Stimmen und den ihnen eigenen Geruch. Nach wenigen Tagen öffnete Ben die Augen, die stahlblaue Farbe hatten, doch so sehr sich seine Besitzer über diese Farbe in seinen Augen freuten, die ihrer Ansicht nach eine ungemein passende Kombination zu des Welpen dunklem Haarkleid ergaben, so sehr war ihnen bewusst, dass sich die Farbe seiner Augen würde ändern können, sobald Ben älter werden würde. Ben begann das Haus zu erkunden, hie und da knabberte ein Stuhlbein an, das sollte ihm beim Zahnen helfen, doch seltsamerweise nagte er an immer demselben Stuhlbein. Seine Besitzer waren ob des zernagten Stuhlbeins nicht eben erfreut, doch da sie bald dahinterkamen, dass er sich lediglich auf dieses eine konzentrierte, nahmen sie diesen Umstand stillschweigend zur Kenntnis. Michelle ließ ihn immer seltener an ihren Zitzen saugen, zum einen schmerzten sie seine länger und kräftiger werdenden Zähne, zum anderen war sein Appetit auf Hundemuttermilch, bedingt durch seine für sein Alter beträchtliche Größe, derart groß, dass Michelle des förmlich Ausgesaugtwerdens überdrüssig wurde und ihn wegjagte, sobald er sich ihrem Gesäuge zu nähern versuchte. Seine Besitzer stellten ihn auf feste Nahrung um und bald überragte der junge Hund seine Mutter, jedoch ohne seine Körpergröße und Kraft beim Spielen mit ihr zu seinem Vorteil zu nutzen.
Obwohl Michelle bereits körperlich überlegen, war er äußerst zärtlich im Umgang mit seiner Mutter, und als diese krank zu werden begann, legte er sich oft neben sie und leckte ihr Gesäuge, jedoch ohne zu versuchen daran zu saugen, auf zärtliche Art und Weise, was ihr offensichtlich ein wenig Linderung brachte. Michelles Erkrankung blieb ihren Haltern nicht verborgen, das sichtbarste Anzeichen dafür war die Schwäche, die sie immer öfter plagte, oft lag sie den halben Tag auf dem Sofa und war weder von ihrem Lieblingsfutter, das duftend in der Küche des Hauses auf sie wartete, noch von den Avancen, die ihr Sohn ihr machte, um sie zu Spielen zu bewegen, indem er sie anstupste und anbellte, aus ihrer Lethargie zu reißen, was ihre Besitzer, die sich täglich größere Sorgen um ihre geliebte Hündin machten, dazu veranlasste, mit ihr zum Tierarzt zu fahren um sie untersuchen zu lassen.
Die Untersuchung dort ergab, dass Michelle an einem sogenannten Gesäugetumor erkrankt war, eine Art Hündinnenkrebs, der, wird er nicht behandelt, den Tod des Tieres zur Folge hat. Um eine solche Krankheit hintanzuhalten empfiehlt es sich, Hündinnen kastrieren zu lassen. Zu diesem Schritt entschlossen sich auch Michelles Besitzer und ließen sie in der Praxis des Tierarztes zurück, welcher versprach, noch am selben Tag den Eingriff vorzunehmen. Es ist so, dass die Kastration einer Hündin nicht dasselbe ist wie eine Sterilisation, bei der lediglich die Fähigkeit des Tieres, Welpen zu werfen, medizinisch unterbunden wird, während bei einer Kastration die Gebärmutter der Hündin entnommen wird, vergleichbar der Hysterektomie bei einer Frau. Nach der Operation rief der Tierarzt das Ehepaar an und informierte es über den erfolgreichen Verlauf derselben und darüber, dass sich keine Metastasen gebildet hätten, sodass einer vollständigen Genesung Michelles nichts im Weg stünde. Der Veterinär bat das Paar, ihren Hund noch bis zum nächsten Tag, also die Nacht über, zur Beobachtung in seiner Obhut zu belassen, was den Mann zur zynischen Äußerung veranlasste, der Tierarzt wolle doch nur Geld herausschlagen, indem er der Hündin und somit ihren Haltern eine Übernachtung in seiner Ordination aufbrumme, natürlich inklusive ebenfalls zu bezahlender Vollpension, doch der strenge Blick seiner Gattin brachte ihn sogleich zum Schweigen.
Ben reagierte auf die Abwesenheit seiner Mutter nervös, er konnte schließlich nicht wissen, dass ihre Abwesenheit bloß einen Tag dauern würde. Er suchte das Haus nach ihr ab, aufgeregt und Laute des Unwillens von sich gebend, doch die beruhigenden Worte, die seine Besitzer an ihn richteten und die, ebenfalls mit der Intention, Ben zu beruhigen, verabreichten Streicheleinheiten zeigten schließlich Wirkung und er beruhigte sich. Wie geplant kam Michelle am darauffolgenden Tag nach Hause, doch war sie nach dem Eingriff, der für Tierärzte zwar ein routinemäßiger ist, aber dennoch als schwer gelten muss, geschwächt und weigerte sich, ihre Bettstatt zu verlassen, was Ben veranlasste, bei ihr zu bleiben und sogar dazu, über ihre Operationsnarbe zu lecken, wohl um sie zu desinfizieren und das Auftreten von Wundbrand zu unterbinden, eine Hunden angeborenen Verhaltensweise, die Michelle jedoch nicht schätzte in ihrer Situation, sie quittierte sie mit Aufjaulen und dem Versuch, Ben ins Ohr zu beißen, was ein probater Weg für ältere oder stärkere Hunde ist, jüngere oder schwächere zu disziplinieren.
Im vorliegenden Fall wäre dies jedoch nicht notwendig gewesen, denn die Wunde war vom Tierarzt mit medizinischem Draht verschlossen worden, dessen Ende Bens empfindlicher Zunge einen Stich, wie den einer Nadel, versetzte und ihn sein Vorhaben, seine Mutter zu desinfizieren, schnell aufgeben ließ. Er begnügte sich damit, eng an ihren Körper geschmiegt, ihr Gesellschaft zu leisten, was sie auch offenkundig genoss, ansonsten hätte sie ihn weggejagt. Michelles Erholung verlief langsam, langsamer als von Tierarzt prognostiziert, was ihre Besitzer veranlasste, diesen aufzusuchen und ihre Hündin einer gründlichen Untersuchung unterziehen zu lassen, samt Blutbild und Analysen ihres Kots und ihres Harns.
Diese Analysen waren notwendig, da der Tierarzt beim Abtasten von Michelles Körper keine Auffälligkeiten feststellen konnte und auch das Abhören mit dem Stethoskop ohne Befund blieb. Der Arzt schickte sie mitsamt ihrem Hund - dieses Mal verzichtete er auf eine Nacht inklusive Vollpension - nach Hause und versprach, sie telefonisch über die Ergebnisse der Analysen zu informieren, sobald er sie vom Labor, in welches er die Proben schicken musste, erhalten hätte, was allerdings einige Tage dauern könnte. Die Tage des Wartens auf die Testergebnisse vergingen quälend langsam, Michelles Besitzern machte die Unsicherheit zu schaffen, nicht oder noch nicht zu wissen, was ihrer geliebten Hündin fehlte, ebenso die Ohnmacht, die Zeit bis zum Erhalten der Ergebnisse verkürzen zu können. Bens Stimmung war ebenfalls gedämpft, da Michelle die meiste Zeit still dalag, zwar Anteil nahm, das konnte man an den Bewegungen ihrer Augen erkennen, auch an denen ihres Kopfes, den sie stets in die Richtung drehte, aus der sie Geräusche vernahm, er war seiner Spielgefährtin beraubt und wusste nichts Rechtes mit sich anzufangen.
Als ihn sein Herrchen eines Abends beim Knabbern an seinem Stuhlbein ertappte, wies er ihn scharf zurecht, zum einen war Ben schlicht zu alt um, wie ein Welpe, an einem Stuhlbein zu nagen, zum anderen hatte der Herr des Hauses das vom jungen Ben zernagte Stuhlbein nach der Phase seiner Zahnung, als absehbar und zu hoffen war, dass er sein Interesse an diesem Stück Holz für immer verloren hatte, in mühevoller und schweißtreibender Arbeit mit Schmirgelpapier soweit geglättet, dass die Spuren, die Bens Zähne auf dem Holz hinterlassen hatten, wenn schon nicht auf den zweiten, so doch wenigstens auf den ersten, flüchtigen Blick weggeschliffen waren. Ben fügte sich und versuchte sich auf andere Weise abzulenken, doch lag es in seiner Natur, mit Lebewesen, gleich ob Mensch oder Hund, interagieren zu müssen um sich wohlzufühlen und so legte er sich wieder an die Seite seiner Mutter.
Nach vier quälend langen Tagen des Wartens auf die Ergebnisse der Tests, die an Michelle vorgenommen worden waren, rief der Tierarzt schließlich an und bat sie, in seine Ordination zu kommen, er wollte mit Michelles Haltern sprechen, es sei im Übrigen nicht notwendig, Michelle zu diesem Termin mitzubringen. Etwas in der Stimme des Tierarztes verunsicherte die Frau, sie hatte den Anruf entgegengenommen, seine Stimme hatte belegt geklungen, fand sie, und noch bevor ihr Mann von seiner Arbeit, er betrieb eine mittelständische Eisen- und Stahlwarenhandlung, sie war Hausfrau, nach Hause gekommen war, fuhr sie zum Tierarzt und erfuhr von diesem, dass sich seine, nach bestem ärztlichen Wissen und Gewissen gestellte, Diagnose, dass sich keine Metastasen, bedingt durch Michelles Gesäugetumor, ausgebildet hätten, falsch gewesen war und ihre geliebte Hündin an Krebs, mittlerweile, das hatten die Analysen ergeben, im Endstadium erkrankt war.
Michelles Frauchen hörte die weiteren Ausführungen des Fachmannes nicht mehr, sie fühlte sich ob dieser Hiobsbotschaft wie ein Mensch sich fühlt, wenn er durch einen Tunnel geht, sämtliche Geräusche in seiner Umgebung nur dumpf wahrnimmt und sich der Tunnel außerdem auf einem Karussell befindet, das sich beständig und mit großer Geschwindigkeit dreht. Ihr Liebling würde also am Krebs zugrunde gehen, auf Heilung bestand keine Aussicht und es war unklar, wie wenig Zeit ihr noch mit ihrer geliebten Hündin bleiben würde.
Der Tierarzt riet ihr, Michelle Leiden zu ersparen. Sollte sie anfangen, Blut zu erbrechen oder blutigen Kot abzusetzen, sei es das Beste, sie durch Einschläferung zu erlösen. Sie bedankte sich bei Michelles Tierarzt und fuhr wie in Trance, wie in ihren Jugendtagen, in welchen sie etliche Trips eingeworfen hatte, nach Hause, wo sie Michelle umarmte, ihre Tränen ließen ihr Fell nass werden, und im Arm hielt, bis ihr Mann das Haus betrat. Sie berichtete ihm mit tränenerstickter Stimme von Michelles unheilbarer Krankheit und bat ihn, sie in der Nacht, was er schon lange Zeit nicht mehr gemacht hatte, das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Wärme war ihm im Lauf der Jahre abhanden gekommen, zumindest war es irgendwo im Inneren seiner Seele verschütt gegangen, vielleicht weil Männer, obwohl sie Nähe in gleich großem, wenn nicht größerem Maß brauchen als Frauen, sich dieses Bedürfnis nicht eingestehen können oder wollen oder weil sie Angst davor haben, als schwach und unmännlich zu gelten, wenn sie es ihrer Partnerin eingestehen, obgleich die meisten Frauen solche Offenheit, die auch Verletzlichkeit offenbart, zu schätzen wissen, einfach nur im Arm zu halten und ihr auch körperlich nahe zu sein und ihr auf diese Weise in diesen für sie so schweren Stunden beizustehen.
Er kam ihrem Wunsch nach, diese Stunden waren auch für ihn nur schwer zu ertragen, und in dieser Nacht schliefen sie miteinander, ohne sich aus den Armen zu lassen, es war ein zärtlicher Vollzug, der allein auf Nähe basierte, allein aus dem Gefühl der Verbundenheit und aus dem einer lange nicht mehr gefühlten Vertrautheit heraus, kleine Hinderlichkeiten wie sein Unrasiertsein, ihr über die Jahre voluminöser gewordenes Hinterteil und die Tatsache, dass ihre Deos nicht hielten waren ausgeblendet, waren unwichtig geworden. Sie schliefen Arm in Arm ein und um ungefähr sechs Uhr am nächsten Morgen weckte sie Ben durch ein lautes, langgezogenes Geheul, nicht unähnlich dem eines Wolfes.
Sie stürzten ins Wohnzimmer und sahen, dass Michelle eine große Menge Blut erbrochen hatte und kaum noch auf Ansprache und Berührungen reagierte. Ihnen war bewusst, dass sich ihre geliebte Hündin auf dem Weg in den Tod befand, und so schrecklich es für sie war, sie so daliegen zu sehen, so klar war ihnen, dass es ihre Pflicht als verantwortungsbewusste, liebende Hundehalter war, Michelles Leiden zu beenden.
Der Mann, der im Internet einmal gelesen hatte, dass eine Einschläferung lediglich für die dabei anwesenden Menschen eine humane Art und Weise des Todes ist, und eventuell für die daheim Zurückgebliebenen, die auf die Nachricht warten, dass das Tier nicht leiden musste, während das Tier, das eingeschläfert wird, seine Organe förmlich explodieren spürt, nur dass es nicht schreien oder brüllen kann, weil es zu sediert von einer zu Beginn der Prozedur verabreichten Spritze mit valiumähnlichem Inhalt ist (ganz gleich geht es im Übrigen Todeskandidaten, die vom Staat durch eine Giftspritze ermordet werden), bat seine Frau, die Sache im Sinne des Tieres in die Hand nehmen zu dürfen, und als sie einwilligte, rannte er in den Keller des Hauses und holte seine gute Jagdflinte, die sein Großvater ihm, der in seiner Jugendzeit gerne zur Jagd gegangen war, geschenkt hatte und fuhr mit Michelle, von der sich seine Frau zuvor unter Tränen verabschiedet hatte und die Ben ein letztes Mal beschnuppert hatte und deren Schnauze er ein letztes Mal abgeleckt hatte, in einen nahegelegenen Wald wo er sie von ihren Schmerzen erlöste und sie in ein Erdloch neben einer großen alten Eiche legte.
Er schaufelte das Loch mit Erde zu und bedeckte es mit Steinen, die er vom Wegesrand geholt hatte, dann setzte er sich vor das Grab seiner Hündin, dachte an sie, an ihr liebenswürdiges Wesen und an die gemeinsam verbrachte schöne Zeit.
Wieder zu Hause fand er seine Frau zu seiner großen Überraschung weit weniger traurig vor, als sie zum Zeitpunkt seiner Abfahrt mit Michelle gewesen war. Sie saß auf der Couch im Wohnzimmer, neben ihr lag Ben, seinen Kopf auf ihren Schoß gelegt und wurde von ihr gestreichelt werdend. Sie teilte ihm mit, als er seine Verwunderung zum Ausdruck brachte, dass es zweifelsohne ein furchtbarer Verlust wäre, Michelle nicht mehr bei sich zu haben, doch das Leben müsste weitergehen und außerdem wäre es Ben gegenüber unfair, sich in der nächsten Zeit voll und ganz der Trauer um sie hinzugeben, und ihn, der schließlich auch einen großen Verlust zu verkraften hätte, nämlich den seiner Mutter und liebsten Spielgefährtin, zurückzusetzen. Die, ausschließlich positive, Erinnerung an sie würde ewig Bestand haben, doch wäre es für sie ein großer Trost, durch Bens Anwesenheit nicht allein im Haus zu sein, wenn ihr Mann in der Arbeit sei. Er nahm ihre Ausführungen kommentarlos zur Kenntnis, er sagte sich, dass die Phase der Trauer bei seiner Frau wohl zu einem späteren Zeitpunkt einsetzen würde, innerlich gab er ihr recht, Ben hatte von diesem Tag an nur noch sie beide und er hatte es sich verdient, zur Gänze als ein im Jetzt existierendes Wesen wahrgenommen zu werden, ohne, gleich ob er es mitkriegen würde oder nicht, mit seiner verstorbenen Mutter verglichen zu werden, von nun an hatte er der hündische Maßstab im Haus zu sein und er begann bereits einen Tag später mit dem Setzen dieses Maßstabs.
Er beschnupperte die Bettstatt, die seine Besitzer seiner Mutter bereitet hatten, er suchte, die Böden der Räume beschnuppernd, das Haus nach Michelle ab und als er den Blick seines Frauchens bemerkte, das ihn beobachtete, erwiderte er diesen mit einem Blick, der der Frau, zumindest bildete sie sich das ein, zu verstehen gab, er, also Ben, habe kapiert, dass er von nun an der einzige Hund in diesem Haus sei.
Ben erwies sich als gelehriger Hund, der schnell verstand, was er sich erlauben konnte und was er besser bleiben lassen sollte, stubenrein war er von Anbeginn, auch das Verbellen von Tieren im Fernsehen, vor allem von Hunden, aber auch andere Tieren, sofern deren Körperbau auch nur im entferntesten an den von Hunden erinnerte, wurden verbellt, gab sich bald.
Menschen gegenüber war er stets freundlich eingestellt, auch wenn er Zeit brauchte, um mit ihnen, wie man sagt, warm zu werden. Er schloss nicht allzuschnell Freundschaft, besonders anderen Hunden gegenüber zeigte er sich reserviert.
Mit Vögeln und Katzen kam er gut aus, wobei gesagt werden muss, dass in seiner unmittelbaren Umgebung, also in der Nachbarschaft des Hauses seiner Besitzer, lediglich zwei Katzen lebten, eine Kätzin und ein Kater, die zueinander und sich gefunden hatten sodass es der Kater, mangels Auswahl an möglichen Partnerinnen unterließ, durch sämtliche Gärten der Nachbarschaft zu streunen und sämtliche Objekte mit seinem Urin zu markieren.
Bens Augen verloren, zum Leidwesen seiner Besitzerin, ihre strahlend blaue Farbe, sie wurden braun, eine Farbe die in Nuancen die Farbe seines Haarkleides, das dunkelbraun war, aufnahm. Ebenso wie das Fell seines Vaters, des namenlosen Streuners, zeigte das von Ben einige runde Flecken, die dunkler waren als der Rest des Fells und sich aus diesem Grund von diesem abhoben, sie waren jedoch keine Flecken im eigentlichen Sinn, denn sie waren in ihrem Inneren von der Farbe der übrigen Haare und die Umrandungen, also die, die aus dunkleren Haaren bestanden, war keine durchgehenden, was Bens Fell an diesen Stellen ein jaguarähnliches Aussehen verlieh.
Seine Besitzer konnten sich diese fast katzenartigen Fellzeichen nicht erklären, selbst der Tierarzt konnte sich keinen Reim darauf machen, er stellte die Vermutung an, Bens Vater könnte eine Mischung gewesen sein aus Dalmatiner (mit den runden schwarzen Flecken), Chesapeake Bay Retriever und Chinesischem Nackthund ([Kreaturen, so hässlich, dass der Teufel Weihwasser saufen würde und der liebe Gott Schwefel in seinen Joint rollen würde, wüssten sie von der bloßen Existenz dieser Viecher] wegen der vereinzelt auftretenden Flecken auf der nackten Haut dieser Hunde - daher auch deren Name) und all das hätte sich vermischt.
Bens Besitzern schien diese Theorie gar abwegig und so fanden sie sich damit ab, dass sie den Ursprung seiner Fellzeichnungen nicht würden ergründen können oder erklärt bekommen und so nahmen sie Ben so wie er war, als liebenswerte Laune der Natur. Liebenswert war er jedenfalls, der bei seinem Vater stark ausgeprägte Sinn für Gerechtigkeit war ihm ebenfalls immanent, er tendierte dazu, die Partei des jeweils Schwächeren zu ergreifen.
Sein Besitzer nahm ihn eines Tages mit in den Wald, als er gemeinsam mit seiner Frau Michelles Grab besuchte um an diesem eine Kerze zu entzünden, was im Wald zwar strengstens verboten und mit drakonischen Strafen bedroht war, doch nachdem sich seine Frau dies so sehr gewünscht hatte, gab er nach. Er machte die Leine von Bens Halsband ab und befahl dem Hund, im Wald herumzulaufen, wohl wissend, dass Ben sofort zurückkommen würde wenn man ihn rief, um ungestört mit seiner Frau an Michelles Grab stehen und in der Stille des Waldes des geliebten Wesens gedenken zu können.
Ben lief derweil durch den Wald, nicht durch den ganzen Wald, sondern durch den Teil des Waldes, in welchem Michelles Grab gelegen war und nahm die optischen und olfaktorischen Eindrücke, sowie die Geräusche, die ihm allesamt wenig vertraut waren, so oft hatte schließlich nicht die Gelegenheit, unangeleint durch den Wald zu streunen, zu groß war die Furcht seiner Besitzer, ein strenger Jäger könnte ihn für einen dieser Hunde halten, die durch den Wald laufen und das von ihm sorgsam gehegte Wild reißen und auf ihn anlegen, in sich auf, die beiden letztgenannten in höherem Maße, schließlich können Hunde weit besser riechen und hören als sehen.
Er genoss es, durch die Gruben zu laufen, die zurückgeblieben waren vom Kohleabbau über Tage, dem die Menschen vor langer Zeit in diesem Wald nachgegangen waren. Verspielt riss er die Farne aus, die in diesen Gruben wuchsen, er probierte die ebenfalls dort wachsenden wilden Erdbeeren, die bei weitem süßer schmecken als die Erdbeeren aus dem Supermarkt oder aus dem Glashaus (bevor sie in den Supermarkt transportiert werden), die er von seinen Haltern ab und an als Happen vom Tisch erhielt, und er sah ein Eichhörnchen, das nur wenige Meter von ihm entfernt einen Baumstamm hinablief und Anstalten machte, etwas, das es mit sich trug, im weichen Boden des Waldes zu vergraben. Anzunehmenderweise handelte es sich bei diesem Etwas um eine Nuss.
Vorsichtig näherte er sich dem Eichhörnchen, Ben wollte es beschnuppern, schließlich hatte er ein solches Tier noch nie zu Gesicht bekommen, und, sollte das kleine Tier dazu aufgelegt sein, mit ihm spielen, doch das Eichhörnchen floh, sobald es seiner ansichtig wurde, mit bemerkenswerter Geschwindigkeit auf den nächsten Baum und war von Ben weder durch Winseln noch durch Bellen zum Herabkommen zu bewegen, was bei seiner Mutter Michelle so oft als Einladung zum Spielen zum Erfolg geführt hatte, somit war Ben gezwungen, sich weiter allein im Wald zu beschäftigen. Er wurde eines Feuersalamanders gewahr, der jedoch, ebenso wie das flüchtende Eichhörnchen, nicht zum Spielen aufgelegt war, vielmehr sonderte er ein Sekret ab, das ein Brennen auf Bens empfindlicher Schnauze hervorrief und ihm die Lust auf ein Spiel mit dem Lurch vergällte.
Er wollte sich gerade wieder dem Ausreißen der Farne zuwenden, als er einen Schrei vernahm, der sich wie ein entsetzter Schrei der Angst anhörte. Instinktiv spürte Ben, dass er akustischer Zeuge einer Notsituation geworden war und lief in die Richtung, aus der der Angstschrei gekommen war. Er kam zu einer Szene, die sich zwei ehemalige Kohlegruben weiter, die Gruben waren in der Art eine nach der anderen angeordnet, dies musste in vergangenen Zeiten ein wirklich gutes, also ertragreiches Kohlerevier gewesen sein, abspielte.
Ein junges Mädchen lag auf seinem Rücken auf dem Boden, unter sich nur seine leichte Jacke als Schutz gegen Nässe, Dreck und die Kälte, die selbst an warmen Tagen vom durch Bäume vom Sonnenlicht abgeschirmten Boden des Waldes aufstieg, seine Bluse war aufgeknöpft, der Büstenhalter verrutscht und sein Rock war hochgeschoben. Zur Hälfte auf dem Mädchen befand sich ein Bursche in ungefähr demselben Alter und versuchte offenkundig, dem Mädchen die Freuden der geschlechtlichen Vereinigung zwischen Mann und Frau näherzubringen, was dieses gar nicht goutierte, aus diesem Grund der Schrei.
Ben zögerte keine Sekunde und hetzte zu den beiden Teenagern, zuerst stupste er das Mädchen mit seiner Schnauze an, nicht um es zum Spielen zu bewegen, vielmehr als Geste der Aufmunterung, als Zeichen dafür, dass es keine Angst mehr zu haben bräuchte, er, Ben, wäre ja jetzt zur Stelle, dann knurrte er den haltlosen Buben zähnefletschend und mit gesträubtem Nackenhaar an, so böse, dass dieser stante pede aufsprang und davonzulief. Ben lief ihm einige Meter hinterher und biss ihn dabei zweimal in die Wade, um dann zu dem Mädchen zurückzutraben, das aufgrund des Schocks weinend auf seiner leichten Jacke saß und Ben zu streicheln begann, seinen Rettern, als es dessen Anwesenheit neben sich gewahr wurde.
In diesem Augenblick vernahm Ben die Stimme seines Besitzers, der nach ihm rief, die Trauerstunde an Michelles Grab war beendet und seine Halter wollten wieder nach Hause fahren. Ben schmiegte seinen Kopf an die Wange des Mädchens, leckte ihm einmal über diese und lief zu seinen Haltern zurück. Bens Charakter war also in der Tat wie der seines namenlosen Vaters.
Bens Besitzer warteten neben ihrem Auto auf ihn und die Frau entfernte einige Stücke der Vegetation des Waldes, die sich in seinem Fell verfangen hatten, aus diesem, bevor sie ihn hieß, in den Wagen zu springen. Ben führte ein ereignisloses, man könnte auch einsames sagen in Anbetracht der Tatsache, dass er keine Partnerin hatte zum Spielen und Sichpaaren, Hundeleben in den darauffolgenden Jahren, er war der geliebte und oft verwöhnte Hund seiner Besitzer, die er seinerseits abgöttisch liebte, waren die beiden doch die einzigen Lebewesen, die sich mit ihm beschäftigten und die einzigen, mit welchen er sich beschäftigen konnte.
Es war ein ruhiges Hundeleben und er hätte es verdient, es bis zu seinem natürlichen Ende führen zu dürfen, doch eines Tages, seine Besitzerin befand sich gerade auf Kur, kam sein Halter von der Arbeit nach Hause und fand Haus und Garten leer vor, nicht leer von entseelten Gegenständen, weit schlimmer: leer von Ben.
Er überlegte fieberhaft, wo sein Hund sein könnte und fuhr in der unmittelbaren Nachbarschaft auf und ab, immer wieder Bens Namen rufend in der Hoffnung, Ben habe sich nur verlaufen und würde nun auf ihn zugelaufen kommen, doch Ben kam nicht. Er dachte daran, was seine Frau wohl sagen würde, wenn sie von ihrer dringend benötigten und von der Krankenkasse bezahlten Kur, sie hatte ein mittelschweres Rückenleiden, nach Hause kommen würde und ihr geliebter Hund wäre weg.
Schweren Herzens, doch bedingt durch die Tatsache, dass sie stets ehrlich zueinander waren und mit Neuigkeiten, guten wie auch schlechten, nie hinter dem Berg hielten, rief er seine kurende Frau an und erzählte ihr von Bens Verschwinden, worauf sie am Telefon einen Weinkrampf bekam und ihn bat, er möge sie sofort von dem Ort, an welchem sie die Kur machte, abholen, worauf er sich in sein Auto setzte und auf den Weg zu ihr machte. Auf der Fahrt nach Hause weinte sie beinahe unentwegt, die wenigen kurzen Momente des Nichtweinens nützte sie um sich selbst Vorwürfe zu machen, wäre sie nicht auf Kur gefahren, wäre Ben noch da, nur um sofort wieder in Weinkrämpfe zu verfallen.
Doch das Weinen half nichts, Ben war weg, daran änderten selbst die auf Bäumen in der unmittelbaren und weiteren Nachbarschaft angebrachten Zettel nichts, auf welchen ein Foto von Ben zu sehen war und die Adresse des Hauses zu lesen war, in welchem der Hund lebte, auch die Telefonnummern seiner Besitzer fehlten nicht, ebensowenig das Versprechen, der Person, die Ben zurückbringen würde, eine schöne Belohnung in Form von Bargeld zu zahlen.
Ben blieb verschwunden. Er war nicht aufzufinden, nicht mithilfe der angebrachten Zettel, auch der Tierarzt, den Bens Halter in ihrer Not und Verzweiflung aufsuchten, um ihn zu fragen, ob er wüsste, was in einer solchen Situation zu tun wäre, wusste keinen Rat. Bens Besitzerin fiel in eine mittelschwere Depression, wie einst ihr Mann, und dieser hielt es an manchen Abenden zu Hause nicht mehr aus, aus diesem Grund frequentierte er des Öfteren eine in der Nähe gelegene Bar, um sich an deren Tresen mit Bier, wenn nicht vollständig zu besaufen, so doch einen dezenten Rausch anzutrinken, einerseits um die Situation, für die er nicht das Geringste konnte, zu ertragen, andererseits um durch die Gespräche mit anderen Männern am Tresen, die die vielfältigsten Probleme hatten und, ebenso wie er, versuchten, diese mit Bier und Gesprächen für sich selbst erträglicher werden zu lassen, auf andere Gedanken zu kommen.
Eines Abends befand er sich wieder am Tresen dieser Kneipe und sah ein Paar mittleren Alters dem Raum betreten, der Mann in einer gewöhnlichen, nicht eben schön anzusehenden, Daunenjacke, seine Frau in einem aus Tierfellen gefertigten Mantel. Bei diesem handelte es sich nicht um einen Pelzmantel im herkömmlichen Sinn, also Nerz-, Nutria- oder, wenn die Trägerin oder der Mensch, der ihr einen solchen Mantel zum Geschenk gemacht hat, über eine ausreichend große Barschaft verfügten, Zobelmantel, vielmehr bestand er aus vielen verschiedenen Teilen tierischer Haut. Zwei von diesen waren durch das markante Fell der Tiere, die ihre Haut gelassen hatten, leicht zu bestimmen: Luchs und Nerz, bei einigen anderen Fellstücken sah die Sache schon anders, unklarer aus: war es nun Waschbär oder Marderhund, eine schwierige Entscheidung, schließlich ist im Innenfutter vieler hochpreisiger, pelzbewehrter Kleidungsstücke das Wort Waschbär zu lesen, obwohl korrekt Marderhund drinstehen müsste.
Ein Teil des Mantels machte ihn stutzig, es handelte sich um den mittleren Teil der rückwärtigen Mantelseite, er bestand aus einem Fellstück, dunkelbraun in der Farbe, die Haare relativ kurz und er zeigte ein auffälliges Muster, dem von Jaguaren nicht unähnlich.
Er erkannte sofort, dass er ein Stück des Fells seines geliebten Hundes Ben anstarrte und kurzentschlossen, seinen Zorn und seine innere Anspannung ebenso niederringend wie sein Gefühl der Ohnmacht und des Entsetzens, ging er auf das Paar zu und fragte es, wo es den Mantel denn erstanden hätte und führte auch gleich den vorgeschobenen Grund für seine Frage an, nämlich dass ihm der Mantel außerordentlich gut gefalle und er einen solchen unbedingt seiner Frau zum Geschenk machen wolle. Die Frau war sichtlich erfreut ob der Tatsache, dass ihr Pelzmantel so gut anzukommen schien, dass ein ihr fremder Mann seiner Frau einen ebensolchen schenken wollte, ihr Mann sagte ihm, wo er den Mantel erstanden hatte, nämlich in einem Pelzfachgeschäft in der Innenstadt, warnte ihn aber vor, diese Art Pelzmantel würde ein kleines Vermögen kosten.
Er bedankte sich höflich, er hegte keinen Groll gegen die Frau und ihren großzügigen Ehemann, die beiden konnten schließlich nicht wissen, dass ein Stück des Fells von Ben stammte, seinem geliebten Hund. Fassungslos fuhr er nach Hause und weckte seine Frau, die sich bereits schlafen gelegt hatte, um ihr die Neuigkeit zu berichten.
Sie hörte ihn ruhig an, stellte keine Fragen und machte während seiner Ausführungen keine Bemerkungen, sie weinte still, ihre Augen blickten fassungslos, dann, als er fertigerzählt hatte, trug sie ihm mit tonloser Stimme auf, das Pelzfachgeschäft aufzusuchen und die Information, die Vermutung, dass ihr Ben Teil von Pelzmänteln geworden war, zu verifizieren, indem er weitere, im Geschäft hängende Pelzmäntel kontrollieren sollte auf Anzeichen jaguarähnlicher Fellzeichnungen. Sie selbst würde ihren Mann nicht in dieses Geschäft begleiten, er sollte jedoch in Erfahrung bringen,  falls er weitere Kleidungsstücke ausmachen sollte, die Teile von Bens Fell enthielten, woraus, zumindest irgendwas mussten die Leute im Laden dazu sagen, auch wenn es ganz sicher gelogen sein würde, aus den Häuten welcher Tiere die Kleidungsstücke gefertigt worden seien.
Am nächsten Vormittag fuhr er zu dem Pelzladen und fand nach kurzer Suche tatsächlich einen Pelzmantel, der Bens Fell enthielt und fragte den Verkäufer, der der einzige Mensch im Laden und dessen Kürschner, Besitzer und Verkäufer in Personalunion war, woraus der Mantel bestünde. Bereitwillig gab der Mann Auskunft, er war ein grobschlächtiger, vierschrötiger Geselle mit fettigem, halblangem Haupthaar und unrasiert, der Mantel bestünde aus den Fellen von Tiere Wölfen, Luchsen, Waschbären und den einiger anderer Tiere.
Bens Besitzer zeigte auf die Stelle des Pelzmantels, die aus Bens Haut bestand und fragte den Pelzdealer, was denn das für ein Fell sei, er hätte niemals zuvor ein derartiges zu Gesicht bekommen.
Der Pelzhändler sah ihn misstrauisch an, doch nach ungefähr fünf Sekunden begann er zu grinsen, dadurch legte er seine Zähne frei, die offensichtlich nie eine Regulierung genossen hatten und denen zumindest in den letzten zehn Jahren eine Kontrolle durch einen Zahnarzt erspart geblieben war, und eröffnete dem vermeintlich an dem Mantel interessierten Mann, dass dieses Stück Fell von einem Sibirischen Steppenkojoten stammen würde.
Der Mann musste sich auf die Zunge beißen um nicht laut aufzulachen, eine derart dummdreiste Lüge, und in dieser Dummdreistigkeit lag auch die Komik, war ihm niemals zuvor aufgetischt worden, seine Hand, die er in der Tasche seines Blousons stecken hatte, umklammerte sein Feuerzeug, das er in der Tasche hatte, er hatte das Rauchen vor zehn Jahren aufgegeben, doch war aus ihm kein militanter Nichtraucher geworden, daher das Feuerzeug, das er mit sich führte, um Rauchern Feuer geben zu können, schließlich wusste er aus eigener Erfahrung, wie schlimm es ist, eine Zigarette rauchen zu wollen, oder besser: zu müssen, rechnet man zum einen die Gewohnheitsmäßigkeit dieser Handlung und zum anderen den Suchtfaktor mit ein, und kein Feuerzeug zur Hand zu haben, so fest er konnte, es war eine Art Ersatzhandlung, die ihn davon abhielt, seine Faust, zumindest einmal, eher jedoch viele Male, als eine Art perpetuierte Äußerung seiner Abscheu und Wut, im Gesicht seines Gegenübers zu platzieren.
Er nahm die Visitenkarte des Kürschners, Verkäufers und Ladenbesitzers in Personalunion entgegen, die dieser aus der Gesäßtasche seiner speckigen Jeans gezogen und ihm hingehalten hatte, verabschiedete sich, sagte, dass sie einander sicherlich wiedersehen würden, und stieg in seinen Wagen. Da er diesen in einiger Entfernung zum Pelzgeschäft abgestellt hatte, und somit sicher sein konnte, dass der Pelzhändler ihn nicht würde sehen können, erlaubte er sich, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und hämmerte mit seinen Fäusten auf das Lenkrad ein, bevor er den Wagen anließ und nach Hause fuhr, um seiner Frau zu berichten, was er erfahren hatte. Sie harrte seiner Rückkehr und damit der Aufklärung des Sachverhalts auf der Couch im Wohnzimmer, auf die er sich neben sie setzte und ihr erzählte, was er erfahren hatte.
Still lauschte sie seinen Ausführungen, ihr Mund blieb dabei offen, und als er zu der Stelle kam, in der ihr geliebter Ben zu einem Sibirischen Steppenkojoten mutiert war, bat sie ihren Mann, in seiner Rede innezuhalten, sie habe genug gehört.
Er zeigte ihr die Visitenkarte, die ihm der Pelzhändler gegeben hatte und sie bemerkte, er hatte dies nicht bemerkt, denn er hatte die Karte nicht genau betrachtet, also er hatte sie angesehen, als sie ihm überreicht wurde, als Akt der Höflichkeit, wie man es zu tun hat, wenn man eine Visitenkarte in die Hand gedrückt bekommt, doch ohne in sich aufzunehmen, was auf ihr vermerkt war, verständlich, hatte er doch soeben, also im Pelzladen, einen weiteren Mantel entdecken müssen, in den Bens, also seines Hundes Fell eingearbeitet war, dass auf ihr nicht nur die Adresse des Geschäfts vermerkt war, sondern auch, unterhalb des Wortes Werkstätte eine weitere Adresse, in einem kleinen Dorf, ungefähr zehn Kilometer außerhalb der Stadt. An dieser Adresse wurden offenbar Tiere zu Kleidungsstücken verarbeitet.
Seine Frau bestand darauf, in das kleine Dorf zu fahren, um das sich an dieser Adresse befindende Objekt in Augenschein zu nehmen und so setzten sie sich kurzentschlossen in ihr Auto und fuhren dorthin. Was sie an der Adresse vorfanden war ein zwar großes, jedoch völlig verwahrlostes Haus auf einem mittelgroßen Grundstück, auch dieses zeigte deutliche Anzeichen mangelnder Pflege, zu ihrem Erstaunen konnten sie jedoch keine Nebengebäude ausmachen, keinen Schuppen oder Verschlag, im welchem man Käfige hätte unterbringen können, die eigentlich zu erwarten waren auf dem Grundstück eines Mannes, der seinen Lebensunterhalt mit der Herstellung und dem Verkauf von Pelzen verdiente.
Sie bat ihren Mann, zu dem einzigen Gasthaus in dem Dorf zu fahren, und als sie am Tresen im Gastraum saßen, außer ihnen befand sich nur ein altes Ehepaar im Raum, das an einem Tisch in einer Ecke saß und Tee trank, fragte sie die Kellnerin, die hinter der Bar ihren Dienst versah, sie war mittleren Alters und offenkundig nicht mit überbordender Intelligenz beschlagen, doch war sie sehr freundlich, ob sie wüsste, wer der Mensch sei, der an der Adresse, an der sie zuvor vorbeigefahren waren, wohnte. Die Kellnerin gab bereitwillig Auskunft, sie fragte nicht einmal, warum sich das fremde Ehepaar für einen Mann aus ihrem Dorf interessierte. Er sei ein Einheimischer, ein als Eigenbrötler bekannter Mensch, der in dem Haus lebe, und dieses, zum großen Ärger seiner Nachbarn, verkommen lasse, das seine Eltern ihm hinterlassen hatten, er lebe alleine seit sich seine Ehefrau von ihm getrennt hatte, sie war der ständigen Prügel überdrüssig geworden und zurück in die Ukraine geflogen, aus der er sie, über Vermittlung einer Heiratsagentur, geholt hatte, die Ehe war kinderlos zu Ende gegangen, und früher wurde er ab und an in der Stadt beobachtet, wie er Straßenprostituierte in seinen Wagen holte und mit ihnen zu seinem Haus fuhr.
Als einmal eines dieser Bordsteinmädchen spurlos verschwand, bekam er Besuch von der Polizei, doch konnte ihm nichts nachgewiesen werden, obgleich er als dringend tatverdächtig gegolten hatte. Auch, so erzählte die Kellnerin freimütig, sei er geizig, die wenigen Besuche in dem Gasthaus beende er stets ohne Trinkgeld zu geben.
Die Frau hatte genug gehört und gab ihrem Mann mit einem Blick zu verstehen, dass sie nach Hause fahren wollte, worauf er bezahlte, er gab der Kellnerin ein gutes Trinkgeld, und mit seiner Frau nach Hause fuhr.
Sie saßen im Wohnzimmer und er wollte von ihr wissen, was sie nun vorhatte, ihm war klar, dass sie das zuvor betriebene Sammeln von Informationen nicht um des Sammelns von Informationen willen betrieben hatte, doch sie erbat sich zwei Tage Bedenkzeit, in welchen sie sich klar werden wollte, was zu tun sei. Er bat sie, sich die weitere Vorgehensweise gut zu überlegen, schließlich handelte es sich um eine ernste Angelegenheit und in dieser Nacht, ebenso wie in den beiden auf diese folgenden, schliefen sie Arm in Arm, auch miteinander, und am vierten Morgen teilte sie ihrem Mann mit, dass sie sich klar geworden sei, was zu tun sei, damit sie ihren inneren Frieden würde finden können und die Sache mit Ben und was aus ihm geworden war für sich abschließen zu können. Sie würde es ihm sagen, wenn er von der Arbeit nach Hause käme.
Er, der seine Frau über alles liebte und ihr um jeden Preis in dieser sie höchst belastenden Situation helfen und ihr beistehen wollte, versprach ihr, das, was sie getan sehen wollte, zu tun, egal was es sei. Als er von seiner Arbeit nach Hause kam, saß seine Frau auf dem Sofa im Wohnzimmer, vor ihr auf dem Tisch lag seine gute Jagdflinte. Sie hatte sie aus dem Keller geholt und vom Öl befreit, mit dem er die Flinte eingerieben hatte, um Flugrost fernzuhalten. Er sah seine Frau an, fragend und ernst, und sie erwiderte seinen Blick, ebenso ernst wie entschlossen.
Wortlos ergriff er die Waffe, setzte sich in seinen Wagen, startete diesen und fuhr in das kleine Dorf.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen