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Freitag, 19. August 2016

Puppenspielen





Die Erzählung spielt in ruraler Gegend. Nein, nicht ganz ­sagen wir: in einem Vorort von Graz. Ein junger Mann, nennen wir ihn der Einfachheit halber Markus, war nicht sonderlich zufrieden mit sich selbst und seiner Situation bezüglich des Wahrgenommenwerdens oder gar Angenommenwerdens vom anderen Geschlecht. Er war nicht gerade von hünenhafter Statur, lediglich seine Hühnerbrust war unübersehbar, der eines Puters nicht unähnlich, der ins Rohr geschoben wird, weder muskulös noch  besonders  vif,  lediglich  die  Talgproduktion  seiner Kopfhaut war wirklich ergiebig, ebenso die der Haut, die sein Antlitz umgab. Diese Umstände blieben den streng kritischen Blicken der Mädchen der Umgebung naturgemäß nicht verborgen und so war es nicht wirklich als Wunder zu bezeichnen, dass sie sich zierten, Markus an ihre eben erst fertig gesprossenen Knospen zu lassen, ein Umstand, der wiederum Markus nicht verborgen blieb, und so machte er flacherhand aus seiner Not eine, nun ja, Tugend. Diese Art von Beschäftigung mit sich selbst wurde ihm, verständlicherweise, bald langweilig und so verlegte er sich auf das oftmalige Frequentieren etlicher Lokale in Graz, die dafür bekannt waren, manche würden verschrien sagen, vorzugsweise von paarungswilligen Männern besucht zu werden, die sich mit den dort sehnlich ihrer Ankunft harrenden Damen, oftmals osteuropäischer Provenienz, auf das Zimmer begaben, um, zumindest die Männer, die sich einen solchen Spaß leisten konnten, zu zweit oder gar zu dritt, was dann aber wirklich teuer kommt, ein paar Runden im Whirlpool zu drehen. Die konnte sich Markus selbstverständlich nicht leisten als Schüler, noch dazu als schlechter. Eines Tages fragte Markus zwei seiner Freunde, ob sie bereit wären, ihm durch das Erweisen eines Gefallens aus seiner misslichen Lage bezüglich eines erfüllten Sexuallebens zu helfen: Sie sollten im Park ein Mädchen, das Markus sich selbstredend zuvor aussuchen wollte, eine hässliche junge Frau sollte es natürlich nicht sein, überfallen und Anstalten machen, als ob sie im Begriff wären, es gegen seinen Willen zu nehmen. Markus würde die beiden Schurken vertreiben und dadurch Nutznießer des Retterkomplexes werden, den die junge Frau, seiner Ansicht nach, entwickeln würde, ja müsste, denn sie würde sich sofort nach dem Gerettetwordensein in ihn, ihren Retter, unsterblich verlieben und sofort mit ihm schlafen wollen, idealerweise gleich hinter dem nächsten Busch im Park. Die beiden Freunde erklärten  Markus  für  verrückt  und  lehnten  sein  Ansinnen entrüstet ab. So war Markus weiterhin gezwungen, wenn er es sich  denn  leisten konnte, ins Freudenhaus zu gehen, ein Umstand, den eine Gruppe junger Männer, seine Freunde, gerne zum Thema machte, saß man im Stammlokal bei Bier zusammen. Da wurde   gelacht   und   Witze   wurden   gerissen,   die   den Bedauernswerten als Döspaddel hinstellten, als Menschen, der, einer Stubenfliege nicht unähnlich, nicht auffiel, solange er nur im Raum war und still, also nichts sagte, doch sobald die Fliege anfing, summende Geräusche von sich zu geben, also wenn Markus begann, orale Laute von sich zu geben, brach sich sehr oft Unerträgliches Bahn, einer der Freunde sprach gar von akustischer Luftverschmutzung, zu fokussiert war das, was er von  sich  gab,  zu  begierig  war  er  danach,  ein  Mädchen abzukriegen. Eines langen und, bezüglich der Feuchtigkeit einer Unmenge Bier, fröhlichen Abends kamen die Freunde auf die Idee, Markus ein Geschenk zu machen, nichts Besonderes, lediglich  etwas Kleines um die Freundschaft zu erhalten, nämlich eine aufblasbare Puppe aus Latex, eine von der Art, die man nicht in den Schaufenstern von Geschäften sieht, sondern auf die Mann sich legt, eine Gummipuppe eben. Am nächsten Tag machte sich eine Abordnung der Runde, bestehend aus  zwei  Mann,  auf  in  ein  Fachgeschäft  für  erotische Bedarfsartikel und erstand eine solche Puppe. Es handelte sich um ein Luxusmodell, die ihrem Erstbesteiger sogar das Gefühl versprach,  das  'Ius primae noctis' für sich in Anspruch genommen zu haben, freilich nur beim ersten Mal ­das sollte wohl das Lebensnahe an diesem Ding sein. Die Puppe war gekauft und nun stand die Frage im Raum, wie sie Markus sein neues Spielzeug   überreichen   sollten,   denn   dass   er   damit puppenspielen   würde,   das   war   allen   klar.   Einfaches Überreichen, auf dem Pausenhof in die Hand drücken, kam nicht infrage,  schließlich  wollte  ein  derart  außergewöhnliches Geschenk,   dem   auch,   in   diesem   Fall   für   Markus, quasitherapeutische      Fähigkeiten      innewohnten,      auf außergewöhnliche Art und Weise überreicht werden. Es musste eine Überreichungszeremonie werden, die der Großartigkeit des Geschenks  angemessen  war.  Sie  berieten  sich  und  wählten schließlich einen in ihren Augen passenden Plan eines Mannes ihrer Runde aus, um ihn letztlich in die Tat umzusetzen. Nur wenige Tage später fuhren sie mit zwei Autos zum örtlichen Furnierwerk, um sich ein Bäumchen, es handelte sich entweder um eine junge Fichte oder eine junge Tanne, anzueignen. Da das Bäumchen  zu  groß  war,  um  im  Kofferraum  oder  in  der Fahrgastzelle eines der beiden Wägen transportiert zu werden, wurde es kurzerhand an der Beifahrerseite, also der rechten Seite eines der beiden Autos an den Ort seiner Bestimmung gebracht indem der Beifahrer und der hinter diesem sitzende Mann  das  Bäumchen  festhielten.  Logischerweise  waren  die Autofenster heruntergekurbelt, da sie sich einen lauen Abend ausgesucht hatten für das Beschenken ihres Freundes stellte dies kein Problem dar, und sie hielten den jungen Baum mit den Händen ihrer rechten Arme. Sie betrachteten die auf Tafeln erkennbaren     gesetzlichen     Geschwindigkeitsbegrenzungen lediglich aus ihren Augenwinkeln, was hätte das auch schon ausgemacht im Falle des Angehaltenwerdens durch die Polizei, die sich damals dort noch Gendarmerie nannte, angesichts eines Baumes an der Seite eines der Autos und einer mittlerweile aufgeblasenen Latexpuppe im Fond des anderen Autos. So fuhren sie in den Nachbarort, wo der Freund wohnte und bevor sie die Erhebung,  auf  welcher  das  Haus  seiner  Eltern  stand, sinnigerweise nennt sich dieser Hügel Hausberg, fahrenderweise in  Angriff  nahmen,  schalteten  die  beiden  Fahrer  die Scheinwerfer aus und fuhren langsamer, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, das Geschenk sollte schließlich eine Überraschung sein. Sie stellten die Autos ab und achteten darauf, kein Geräusch zu verursachen, sie wollten den Freund nicht vor der Zeit aus seiner hochverdienten Nachtruhe reißen und schon gar nicht dessen Eltern oder Geschwister, diese braven Menschen hatten ihre Ruhe bitter nötig. Sie überwanden den Zaun, der das Grundstück umfriedete, er erwies sich als leicht zu bezwingendes Hindernis, und lehnten das mitgebrachte Bäumchen, an dem sie die aufgeblasene Puppe befestigt hatten, so an einen Baum, der vor dem Haus stand, das die Puppe, die natürlich unbekleidet war, den Fenstern des Hauses zugewandt war in all ihrer verführerischen Prallheit. Da sie der Ansicht waren,   dass   ein   derart   außergewöhnliches   Geschenk entsprechende  Aufmerksamkeit  verdient  hatte,  warfen  sie etliche Knallkörper, wie sie zu Silvester Verwendung finden, auf das Grundstück und fuhren weg, wieder ohne Licht und viel zu schnell. Zufrieden mit sich selbst und ihrer Tat fuhren sie in ihr Stammlokal und vereinbarten, sich ebendort am nächsten Abend zu treffen, um sich auszutauschen, welche Wirkung ihre Großzügigkeit gehabt haben mochte. Am nächsten Abend trafen sie sich wieder und wurden von einem aus ihrer Runde über die Folgen ihrer Tat unterrichtet. Die Mutter des Freundes hatte den Lärm der explodierenden Knallkörper sofort als Schüsse identifiziert und messerscharf, der Stamm ist doch stets in der Nähe des Apfels, gefolgert, dass es sich um Schüsse auf die   Flüchtlinge   handeln   musste,   die   im   Nachbarhaus untergebracht waren. Dieser Umstand, nämlich dass Flüchtlinge dort wohnten, war den Freunden ihres Sohnes nicht bekannt gewesen.  Ehrlich  nicht!  Sie  rief  die  Gendarmerie  an, anzunehmenderweise in großer Aufregung, und bat sie, schnell zu kommen, um den Marodeur im Nachbarhaus davon abzuhalten, noch mehr Menschen zu erschießen. Pflichtschuldig stellten die Gendarmen ihre kühlen Biere zur Seite und rasten auf den Hausberg.  Allein,  der  Unhold  war  verschwunden  und  tote Menschen nirgendwo auszumachen. Beruhigt legte sich die Mutter des  Freundes  wieder  schlafen  und  träumte  wahrscheinlich irgendwas von Platzpatronen, um am nächsten Morgen, ausgeruht und erholt, ihren Lieben ein gutes Frühstück zu richten, das diese für die Härten des Alltags stärken sollte. Beim Blick aus dem Fenster wurde sie der Gummipuppe auf ihrem schönen Baum   gewahr   und,   nach   einer   Sekunde   des   Schrecks, anzunehmenderweise wegen der Schüsse in der Nacht, kombinierte abermals messerscharf, dass da jemand eine nackte Frauenleiche auf ihren Baum gebunden haben musste. Sie wusste sich nicht anders zu helfen ­ und rief abermals die Gendarmerie. Um weiteres  Unheil  abzuwenden,  nahmen  die  Gendarmen  die Gummipuppe mit. Was mit ihr geschehen ist, das wissen nur die Gendarmen...

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