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Freitag, 5. August 2016

Walter, der Gestalter




Dass Walter, ihr einziges Kind, anders war - diesen Verdacht hatten seine Eltern Aloisia und Johann Pirckhuber schon früh. Auf dem Bauernhof in Gratwein, einem kleinen Dorf in der Nähe von Graz, war er am zweiten April des Jahres 1977 geboren worden.
Seine Eltern hielten Schweine, Ziegen, Kühe, Hühner und Hasen. Walter war von Anfang an fasziniert von diesen Tieren, besonders die Hasen liebte er. Eine besondere Faszination übten diese Tiere auf ihn aus, nachdem sie geschlachtet worden waren. In leblosem Zustand liebte er sie fast noch mehr, selbst die Hasen, die als lebendige Wesen seine bevorzugten Spielgefährten waren. Nachdem seine Mutter die Tiere zubereitet hatte, lief er stets nach draußen zur hinteren Wand der Scheune, wo die Schlachtungen stattgefunden hatten. Die Köpfe der Tiere waren es, die ihn interessierten. Er nahm sie an sich und bat seine Mutter, sie so lange zu kochen, bis nur noch die Schädelknochen übrig waren. Diese legte er danach in eine große Truhe in der Scheune. ‘Mein Schatz’ stand mit Kreide geschrieben auf ihrem Deckel.
“Johann! Walter ist verrückt, glaube ich!”, hatte Aloisia oft gestöhnt. “Ich weiß nicht, wozu der Bub all diese Schädel hortet.”
“Er ist eben ein Sammler. Lass ihn doch!”, bekam sie stets als Antwort.
Walter saß beinahe jeden Tag vor seinem Schatz. Er nahm die Schädel aus der Truhe und ordnete sie auf dem Boden so an, dass die großen beisammen lagen, wie auch die kleinen. Er legte sie auch aufeinander und freute sich, wenn sie nicht herunterfielen. Eines Tages schlich sich Johann Pirckhuber in die Scheune und beobachtete seinen Sohn, wie er drei Hasenschädel auf drei Schweineschädel legte und “Kunst” flüsterte. Da war Walter gerade einmal vier Jahre alt. Johann lief in die Küche und rief: “Aloisia, der Bub wird ein großer Künstler!”
Seine Frau warf in einem Anfall plötzlichen Ärgers den Kochlöffel in die Ecke und starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Dann begann sie zu weinen.
“Aber er soll doch den Hof übernehmen!”, schluchzte sie. “Wozu braucht es einen Künstler in Gratwein?” Dann lief sie ins Schlafzimmer.
In der Volksschule war Walter ein unauffälliger Schüler. Die Fächer Mathematik und Englisch lagen ihm überhaupt nicht, und die dritte Klasse musste er wiederholen. Entgegen der Befürchtung seiner auf Unauffälligkeit bedachten Mutter gab es im Dorf kein Gerede über diesen Umstand. In Gratwein ist das Durchfallen in der Volksschule nichts Außergewöhnliches.
Mit den Kindern in seiner Klasse verstand er sich gut, doch unternahm er nichts mit ihnen in der Freizeit. Walter saß lieber in der Scheune und spielte mit seinen Schädeln. An seinem zehnten Geburtstag schenkte ihm seine Mutter einen riesigen, hellblau emaillierten Topf samt dazupassendem Deckel. Sie war es leid, ständig Tierköpfe für ihren Sohn auszukochen. Dessen Freude war riesengroß und wurde vom Geschenk seines Vaters sogar noch gesteigert, nämlich einer elektrischen Kochplatte. Nun konnte er nach Herzenslust Köpfe kochen.
Seiner Mutter war diese Passion Walters nicht geheuer, doch sein Vater förderte sie.
“Buben sind nun mal Buben”, pflegte er zu sagen.
Als Walter seinen Eltern mitteilte: “Ich werde nach der Volksschule aufs Gymnasium in Rein gehen”, war die Bestürzung seiner Eltern doch sehr groß.
“Nein, Bub! Du machst eine Lehre zum Tischler!”, brüllte sein Vater und verlieh dieser Anordnung mit einer kräftigen Ohrfeige Nachdruck.
Walter fügte sich.
Die Hauptschule in Gratwein brachte er mehr schlecht als recht hinter sich. Er musste zwar keine Klasse wiederholen, doch hatte er in jedem Jahr zwei Wiederholungsprüfungen zu bestehen. Mit seinen Mitschülern kam er gut aus, doch eine echte Freundschaft konnte er nur zu Rosi Schinagl entwickeln. Rosi, die eigentlich Rosamunde heißt, denn ihre Eltern waren begeistert von der hohen Literatur, wurde seine beste und bis heute einzige Freundin. Sie entstammt einer angesehenen Gratweiner Gastronomenfamilie und übernahm nach dem Tod ihrer Eltern deren Bar ‘Zur nickenden Fichte’.
Sie saßen in der Schule nebeneinander und machten ihre Hausaufgaben gemeinsam. Den ersten Kuss tauschten sie in den Sommerferien nach der dritten Klasse aus. Ihre Eltern waren glücklich über diese Verbindung. Walters Vater, dem wie vielen Menschen in Gratwein der Hang zum Trunk innewohnte, sagte: “Sehr gut, dass Du mit der Rosi gehst, Walter! Ihre Familie hat eine Bar, also hast Du immer genug zu trinken. Und ich auch!”
Rosis Mutter meinte: “Rosi, Dein Freund wird ein erfolgreicher Tischler werden, Du wirst sehen. Wenn ein Tisch oder die Theke in der Bar kaputtgeht, kann er den Schaden schnell und günstig reparieren!”
Die Eltern der beiden Kinder waren so erfreut, dass sie ihnen erlaubten, die Nächte gemeinsam zu verbringen. Aus Freundschaft wurde bald Liebe.
Rosi hatte großes Verständnis für Walters Hang, mit Tierschädeln zu hantieren. Sie saß oft stundenlang neben ihm auf dem Boden der Scheune und beobachtete ihn gleichermaßen verliebt wie fasziniert bei seiner, wie er sie nannte, “künstlerischen Arbeit”. Sie selbst legte jedoch niemals Hand an. Walter hatte sie zwar oft ermuntert, dies zu tun, doch da ihr vor seinem Material grauste, ließ sie es bleiben.
Nach der Hauptschule absolvierte Rosi eine Lehre zur Kellnerin und Walter erlernte das Tischlerhandwerk in der örtlichen Tischlerei. Nachdem sie ihre Lehrabschlüsse in der Tasche hatten, fing sie in der Bar ihrer Eltern an und er rückte zum Bundeheer ein.
Während seiner Zeit beim Militär lernte Walter Pirckhuber zwei Dinge: trinken und noch viel mehr trinken. Hatte er sich in seinen Lehrjahren mir zwei großen Bieren an den Samstagabenden begnügt, so trank er diese Menge in der Kaserne des Nachbardorfes Gratkorn nun schon am Morgen. Das fiel niemandem auf, denn der Vizeleutnant, der Chef der Kanzlei, in der Walter Dienst versah, war selbst ein schwerer Trinker, der sich bei jeder Gelegenheit der ‘Geistigen Landesverteidigung’ widmete. Darunter verstand er das zur Hand nehmen eines Aktenordners, der diese Aufschrift trug, jedoch keine Akten enthielt, sondern eine Flasche Schnaps.
Rosi Schinagl blieb die Veränderung der Trinkgewohnheiten ihres Partners nicht verborgen. Einige Male stellte sie ihn zur Rede.
“Walter, so trinke doch weniger! Mit Dir ist ja gar nichts mehr anzufangen, wenn Du besoffen bist! Du bist schon so wie Dein Vater!”
Dieser hatte sich im Laufe der Jahre in einen haltlosen Säufer verwandelt, der seine Frau und seinen Sohn für sich auf dem Hof arbeiten ließ.
“Lass mich trinken, Rosi”, pflegte Walter darauf zu antworten. “Ich bin im Grunde meines Herzens Künstler, und nicht Tischler oder Bauer. Du wirst schon sehen: wenn mein Vater ins Gras beißt, starte ich meine große Karriere!”
Rosi seufzte dann immer und ließ das Thema auf sich beruhen.
Zwei Jahre später biss Johann Pirckhuber ins Gras und Walter übernahm den Hof. Seine Mutter ging ihm dabei zur Hand, doch allzu viel brauchte sie nicht zu tun. Bald hatte Walter sämtliche Tiere geschlachtet und ihr Fleisch verkauft. Die Köpfe behielt er natürlich.
“Mein Kind!”, rief Aloisia Pirckhuber. “Was soll nur aus dem Hof werden?”
“Der Hof wird mein Atelier. Ich werde nämlich Künstler!”
“Ach herrje! Du bringst mich noch ins Grab!”
So weit kam es dann doch nicht. Nachdem Walter seiner Mutter erklärt hatte, mit welcher Art von Kunst er eine Weltkarriere hinzulegen gedachte, fiel sie in Ohnmacht. Er hatte nämlich kein Detail ausgelassen.
Als sie wieder zu sich kam, stammelte sie: “Großer Gott im Himmel! Das überlebe ich nicht! Der Name Pirckhuber wird in Gratwein nicht mehr ausgesprochen werden, wenn Du das machst! Alle werden Dich auslachen, Walter! Wirklich alle, glaube mir!”
“Ach was! Die Leute werden schon erkennen, welch riesiges Genie in mir schlummert!”
“Was sagt denn Deine Rosi dazu?”
“Sie hat gesagt, dass sie mich unterstützen wird. Und dass sie schon sehr gespannt auf meine Kunstwerke und die Reaktionen der Leute ist.”
“Das ertrage ich nicht!”
“Dann geh doch nach Rein ins Frauenkloster. Dort hast Du Deine Ruhe.”
Drei Wochen nach dieser Unterhaltung legte Aloisia Pirckhuber ihre Schürze ab und die Kleidung einer Novizin an. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 verließ sie das Kloster nicht ein einziges Mal. Zu groß war ihre Furcht, von den Menschen auf die Kunst ihres Sohnes angesprochen zu werden.
Walter Pirckhuber wollte Kunst studieren. Er hatte zwar keine Mappe mit seinen Arbeiten, dennoch bewarb er sich an der Grazer Kunstuniversität. Anstelle einer solchen Mappe reichte er einfach einen Aufsatz ein, in welchem er exakt darlegte, welche Kunst er zu erschaffen gedachte. Zwei Wochen später rief ein Professor der Universität an und bat ihn, am nächsten Tag doch persönlich zu erscheinen. Er sollte nämlich sämtlichen Lehrenden vorgestellt werden.
Walters Erscheinungsbild am nächsten Tag entsprach dem Anlass, in seinen Augen wenigstens. In seinem besten Steireranzug steckend wurde er in einen großen Saal geführt und den vollzählig erschienenen Lehrkräften vorgestellt. Der Rektor der Hochschule ließ es sich nicht nehmen, den angehenden Künstler seiner Kollegenschaft zu präsentieren.
“Meine Damen und Herren!”, rief er. “Dieser Mensch ist Walter Pirckhuber!”
Einige Professoren brachen in schallendes Gelächter aus, und eine Frau rief: “Das ist also der Gratweiner Knochenmann!”
Instinktiv fühlte Walter, dass er an dieser Universität nicht würde studieren dürfen.
Tief getroffen fuhr er wieder in sein Dorf und berichtete Rosi von seiner Niederlage.
“Das macht doch nichts, Walter”, beruhigte sie ihn. “Dann studierst Du eben nicht. Große Kunst kannst Du auch so erschaffen!”
Diese Worte nahm er sich zu Herzen.
Am nächsten Tag malte er mit weißer Farbe die Worte ‘Atelier Walter Pirckhuber, Künstler’ an die Wand seiner Scheune.
Der Schriftzug war weithin sichtbar, und bald gab es Gerede im Ort, welche Kunst ein Gratweiner, einer aus ihrer Mitte, denn erschaffen könnte. Rosi Schinagl wurde in der ‘Nickenden Fichte’ auf die zu erwartenden Meisterwerke ihres Gefährten angesprochen, doch gab sie keine Informationen preis. Sie verriet lediglich, dass in etwa zwei Monaten, am neunten Mai 1999, die erste Ausstellung ihres Freundes eröffnet werden würde, und zwar in seinem Atelier.
In diesen zwei Monaten bekam Rosi Walter kaum zu Gesicht. Er arbeitete von früh bis spät an seiner Kunst. Er hatte sie gebeten, die Scheune nicht zu betreten, “Große Künstler brauchen Ruhe” hatte er gesagt, und sie respektierte seinen Wunsch. In Gratwein war er zum Gesprächsthema Nummer eins geworden, alle waren gespannt auf seine erste Ausstellung und konnten den Tag der Vernissage kaum erwarten.
Dieser Tag kam und pünktlich um sechzehn Uhr eröffnete der Bürgermeister die Ausstellung, indem er die Scheunentore mit feierlicher Miene öffnete. Die Menschen strömten in die Scheune um mit eigenen Augen zu sehen, was Walter erschaffen hatte.
Entsetzte Ausrufe erfüllten die Scheune.
“Um Gottes willen!”
“Das ist ja fürchterlich!”
“Abartig und grässlich!”
“Das soll auch noch Geld kosten?”
Zu sehen waren vier kleine Skulpturen aus den Schädeln von Nutztieren. Die Kiefer waren ineinander verkeilt und dargestellt waren, wie aus den Beschreibungen hervorging, Kussszenen. ‘Das Schwein und der Hase’ lautete ein Titel, ‘Die Sau liebt den Stier’ ein anderer.
Das größte Aufsehen aber rief ein anderes Kunstwerk hervor, ein Gekreuzigter aus Tierschädeln. Das Haupt der Figur war der Schädel eines Ziegenbocks.
“Walter!”, rief Rosi Schinagl mit hochrotem Kopf. “Was ist Dir da bloß eingefallen?” Dann lief sie aus der Scheune.
Der Bürgermeister packte den Künstler am Oberarm und fauchte: “Pirckhuber, Du Idiot! Anzünden sollte man Dein blasphemisches Werk!”
Ein Fotograf der ‘Kleinen Zeitung’ schoss ein paar Fotos und verließ die Vernissage sichtlich zufrieden.
Sein Blatt druckte in der Ausgabe des darauf folgenden Tages vier Bilder von Walters Kunstwerken. Das größte Bild zeigte das größte Kunstwerk der Ausstellung, nämlich den Gekreuzigten mit dem Titel ‘Der Gratweiner Bauernjesus’. Der Artikel trug die Überschrift ‘Kunst aus Gratwein - darf das sein?’ Walter wurde darin als Autodidakt beschrieben, der Rektor der Grazer Kunstuniversität und ein bekannter Galerist durften sich vernichtend über Pirckhubers Talent äußern.
Walter war niedergeschlagen. Rosi versuchte zwar ihn aufzumuntern, doch tat sie dies halbherzig. Am Abend des Tages der Vernissage hatten sie nämlich etliche Gratweiner in ihrer Bar aufgesucht um ihr hämisch grinsend zu versichern, dass ihr Lebensgefährte ein wahrhaft großer Künstler wäre. Das hatte sie gekränkt, doch gleichzeitig die Frage in ihr aufgeworfen, ob sie sich an der Seite dieses Mannes nicht zum Gespött Gratweins machen würde.
“Walter, Du bist zu weit gegangen! Der ‘Bauernjesus’ ist eine zu heftige Provokation für dieses Dorf. Du kannst ihn nicht so belassen, wie er jetzt ist!”, sagte sie.
“Was soll ich denn ändern? Einen Sauschädel anstelle des Ziegenschädels?”, gab Walter trotzig zurück. “Rosi, ich bin nun einmal Künstler! Und zur Kunst gehört die Provokation.”
In diesem Augenblick klingelte das Telefon und Walter vernahm die weinerliche Stimme seiner Mutter:
“Ich habe gerade in der Zeitung gesehen, was Du verbrochen hast! Ist Dir denn gar nichts heilig?”
“Mama”, setzte er mit belegter Stimme an, doch sie unterbrach ihn.
“Du bist eine Schande für Gratwein! Wage es nie wieder, etwas derart Gottloses zu erschaffen!” Dann legte sie auf.
“Das war meine Mutter”, sagte er betrübt zu Rosi.
“Das habe ich mitgekriegt. War sie sehr böse?”
“Ja, böse und traurig.”
“Wirst Du weiterhin solche Kunstwerke fabrizieren?”
“Ich weiß noch nicht.”
Im Gratweiner Pfarrblatt wurde der Skandal wieder aufgewärmt, und auch in Rosis Bar war er beinahe jeden Abend Anlass, die Wirtin mit neckischen Sprüchen zu hänseln.
Ende November stand auf Walters Scheune ‘15. Dezember! Enthüllung des ‘Grateiner Bauernteufel!’’ zu lesen.
“Sag, Walter, was wird das für ein Kunstwerk?”, fragte Rosi besorgt.
“Eines, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt”, gab Walter bereitwillig zur Antwort.
“Darf ich einen Blick darauf werfen?”
“Ja, das darfst Du”, sagte er und ging mit ihr in sein Atelier.
Er zog ein Tuch von der Skulptur und Rosi ihre Augenbrauen hoch.
“Walter!”, rief sie. “Das wars! Ich verlasse dich!”
“Warum?”, fragte er bestürzt.
“Wenn du dieses Machwerk der Öffentlichkeit präsentierst, bist Du bei allen Menschen in Gratwein für immer unten durch! Und da mache ich nicht mehr mir!”
Sie lief ins Haus und packte ihre Sachen in zwei Koffer, die er zu ihrem Wagen trug.
“Können wir wenigstens Freunde bleiben, Rosi?”
“Freunde werden wir immer sein, Walter. Aber zusammenleben werden wir nicht mehr.” Dann fuhr sie davon.
Am fünfzehnten Dezember versammelte sich eine Schar von zwanzig Menschen vor Walter Pirckhubers Scheune, um der Enthüllung des Kunstwerks beizuwohnen. Rosi Schinagl war nicht unter diesen, doch der Zeitungsfotograf war gekommen. Walter musste sein Werk selbst enthüllen, denn keiner der Anwesenden wollte diese Aufgabe übernehmen. Das Ganze dauerte nicht lange. Die Gäste beäugten das Werk, doch niemand sagte etwas. Die einzigen Geräusche in der Scheune waren die Klicklaute des Fotoapparats.
Der Zeitung war das Kunstwerk lediglich einen kurzen, einspaltigen Artikel wert. ‘Gratweiner Skandalkünstler wieder aktiv!’ lautete die Überschrift, Foto war keines zu sehen.
Der ‘Gratweiner Bauernteufel’ war ein vier Meter hohes Gebilde aus Tierschädeln, das einen feisten Mönch darstellte. Sein Kopf war der massige Schädel eines Ochsen und in der rechten Hand hielt er einen riesigen Bierkrug.
Walter Pirckhuber war enttäuscht. Er hatte auf ein größeres Echo gehofft, doch war es ausgeblieben.  Er hatte seine Schatztruhe geleert und keine Tierschädel mehr übrig, um weitere Kunstwerke zu erschaffen.
So sah er sich gezwungen, Vieh zu kaufen, um wieder frisches Material zur Verfügung zu haben. Er kaufte drei Rinder, acht Schweine und fünfzehn Hasen. Er bewirtschaftete wieder seinen Hof, sorgte gut für die Tiere, doch nagte die Tatsache, dass er als Künstler erfolglos geblieben war, an ihm.
Er sprach mit Rosi Schinagl, die er oft in ihrer Bar besuchte, über zukünftige künstlerische Projekte, doch wollte sie ihm keine Ratschläge geben, zu groß war ihre Furcht, in einen weiteren Skandal hineingezogen zu werden.
Wenn sie ihn fragte: “Warum hast Du keine neue Freundin?”, so meinte er stets achselzuckend: “Ich bin solo ganz glücklich.”
Auch wenn Walter Pirckhuber in den letzten Jahren künstlerisch nicht in Erscheinung getreten ist, so heiß das keineswegs, dass er ein einfacher Bauer geworden ist. Er war sehr wohl künstlerisch tätig.
Davon wird sich die staunende Öffentlichkeit schon bald überzeugen können. Seit gestern ist auf seiner Scheune nämlich folgende Ankündigung zu lesen: ‘1. Juni 2018! Enthüllung des ‘Gratweiner Höllentieres!’’

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