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Donnerstag, 29. September 2016

Annas Schild





Anna saß am Ufer des Bächleins. Sie ließ ihre Füße im Wasser baumeln und starrte auf die Steine im Bachbett, die durch das klare Wasser gut zu erkennen waren. Der Tag war sonnig, der warme Juniregen war vorübergegangen, die Wolken hatten sich verzogen. Libellen schwirrten über das Wasser, Wasseramseln saßen auf Steinen, die vom Bach lediglich um- nicht jedoch überspült wurden und ein Bussard zog hoch am Himmel schreiend seine Kreise.
Anna konnte sich weder für die sie umgebende Vogel- und Insektenwelt begeistern, vielmehr nahm sie sie nicht einmal wahr, noch hatte sie Augen für die Landschaft, die sie umgab. Sie starrte auf die Steine im Bachbett, nahm keine Notiz von den Bachforellen und den kleineren Fischen, die zwischen den Steinen standen oder um diese herum schwammen. Sie starrte mit Augen, in welchen kein Ausdruck lag, weder der Freude noch der Traurigkeit, weder der Liebe noch des Hasses, auf die Steine und Tränen füllten ihre Augen. Sie füllten sie und als sie übervoll wurden, rannen sie über ihre Wangen und benetzten Annas leichtes Sommerkleid.
Sie dachte an vergangene Tage, an Menschen, deren Wege den ihren gekreuzt hatten, und die sie niemals wieder ihren Weg würde kreuzen sehen. Sie rief sich vergangene Liebschaften in Erinnerung, dachte an vor langer Zeit verstorbene Verwandte. Sie dachte jedoch nicht an die Menschen, deren Wege den ihren künftig kreuzen würden, auch nicht an den Weg, den sie selbst einschlagen würde, also ihre persönliche Zukunft. Während sie an diese Menschen dachte, konnte sie ihre Tränen nicht am Hochsteigen hindern.
Ein Marienkäfer ließ sich auf ihrem nackten Knie nieder. Anna schnippte ihn achtlos weg. Der Käfer fiel ins Wasser und bevor er vom Bach fortgerissen werden konnte, schwamm eine Bachforelle auf ihn zu und verschluckte ihn. Anna war es gleich.
Sie dachte an ihre Eltern, die sie sehr liebte. Diese hatten ihr eine schöne Kindheit auf dem Land ermöglicht und waren ihr ebenso liebe- wie verständnisvolle Eltern gewesen. Jeder Wunsch war ihr, einem Einzelkind, von den Augen abgelesen worden. Sie hatte die Freiheit gehabt, vier Studienrichtungen auszuprobieren, bis sie eine für sie passende gefunden hatte. Anna hatte auf Tierärztin studiert und ihr Studium in der vorgeschriebenen Mindestzeit abgeschlossen.
Sie spielte mit dem filigranen Kettchen aus Gold, welches sie um ihren Hals trug und das ein Geschenk ihres Vaters gewesen war. Den Anhänger aus vergoldetem Silber, der an dem Kettchen angemacht und ein Geschenk ihrer Großmutter gewesen war, nahm sie von der Kette und warf ihn in das Wasser. Er sank auf den Sand zwischen den Steinen und blieb dort, im Sonnenlicht funkelnd, liegen. Ein Fisch zeigte offensichtliches Interesse an dem blitzenden Gegenstand, kam jedoch bald dahinter, dass ein Anhänger aus Silber, selbst wenn er mit einer dünnen Schicht Gelbgold überzogen ist, als Nahrung für Fische ungeeignet ist. Somit blieb der dem Anhänger aufgeprägten Madonna das Schicksal des Jona erspart.
Anna blickte auf den Anhänger und rief sich die beständig wiederholten Mahnungen ihrer Großmutter ins Gedächtnis, die sie stets davor gewarnt hatte, sich einem Mann zur Gänze hinzugeben, sich so weit auf ihn ein- und ihn so nah an sich heranzulassen, dass sie verletzt werden konnte. Anna hatte diese Mahnungen stets ignoriert und die Folgen dieser Missachtung waren schwerwiegend ausgefallen. Stets hatte sie Männer nah an sich herangelassen, zu nah. Dies hatte zur Folge gehabt, dass sie oft verletzt worden war. Bereits bei ihren ersten Freunden, sofern diese pubertierenden Bettgenossen überhaupt als solche bezeichnet werden konnten, hatte sie es so gehandhabt, dass sie sich ihnen vollständig geöffnet hatte, einer durchgeschnittenen Feige gleich. Die jungen Männer hatten Annas unverkrampfte Haltung zur Sexualität genossen, doch sobald sich Probleme in die Beziehungen einzuschleichen begannen, fingen sie an, ihre Offenheit gegen sie einzusetzen. Sie legten ihren Freunden und Freundinnen dar, wie es in Annas Seele aussah und machten sich im Verein mit anderen über sie lustig und sie verächtlich, und vergaßen nicht dafür zu sorgen, dass diese Geschichten, Annas Vorlieben im Bett mit eingeschlossen, die Runde machten. Anna blieb dies naturgemäß nicht verborgen.
Sie fühlte sich erniedrigt und stets schwor sie sich, den jeweils nächsten Bettgenossen auf Abstand zu halten, was dessen Nahekommen ihrer Seele anlangte. Allein, sie brachte dies niemals fertig. Stets war sie ein offener und auskunftsfreudiger Mensch gewesen, was ihre innerliche Befindlichkeit anging. Auf dieselbe Art und Weise hatte sie sich ihren Eltern gegenüber geöffnet. Nie hatte sie ihnen verschwiegen, wie es ihr erging, sowohl schulisch, privat als auch seelisch. Sie hatte offen mit ihnen sprechen können, über erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, über den Konsum von Alkohol an den Wochenenden und sogar über ihre Erlebnisse unter Einfluss verschiedener Drogen, mit welchen sie experimentiert hatte. Ihre Eltern waren ihr stets verständnisvoll begegnet, und Anna hatte gefühlt, dass dieses Verständnis ehrlich gemeint war, nicht bloß vorgeschoben.
Ihre Eltern waren selbst in der Geisteshaltung der Liberalität und Toleranz großgezogen worden, so war es ihnen ein Leichtes, ihrem einzigen Kind Verständnis entgegenzubringen und ihm Ratschläge zu erteilen, die Anna nicht als von oben herab geäußert empfunden hatte. Vielmehr empfand sie diese Ratschläge als echte Hilfe und gleichzeitig als Bestätigung dafür, dass ihre Eltern sie ernst nahmen. Sie hatten sie nicht für ihre Drogenexperimente kritisiert, hatten ihr vielmehr von ihren eigenen Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Substanzen erzählt. Sie hatten es geschätzt, dass ihre Tochter so offen mit ihnen kommunizierte, es jedoch unterlassen, Anna darauf hinzuweisen, dass sie äußerst vorsichtig sein sollte, welchen Menschen sie, außerhalb ihres engsten, ihres familiären Kreises, mit derselben Offenheit begegnen würde.
Anna hätte diesen Hinweis nicht unbedingt gebraucht, denn sie war eine intelligente junge Frau und wusste um den Wahrheitsgehalt dieser Worte, selbst wenn sie nie ausgesprochen worden waren.
Nach der ersten schief gegangenen Liebelei hatte sie diese Worte laut zu sich selbst gesagt, ebenso nach jeder weiteren, doch fanden die Worte trotz häufiger Wiederholung nicht den Weg von Annas Gehirn in ihr Verhalten.
Während Anna einen Frosch beobachtete, der mit schnellen Bewegungen den Bach aufwärts, entgegen dessen Fließrichtung, schwamm, erkannte sie, in welch auswegloser Situation sie sich befand. Sie hatte es nicht fertiggebracht, sich einen Schutzschild zuzulegen, der ihre Seele hätte schützen können.
Sie beobachtete den offensichtlich nach Nahrung suchenden Frosch und brach erneut in Tränen aus. Wie gerne hätte sie in diesem Augenblick ihre Eltern neben sich sitzen und die Möglichkeit gehabt, mit ihnen zu sprechen. Allein, sie war alleine. Des Sitzens am Ufer des Bächleins überdrüssig, streifte sie ihre Sandalen über und wanderte leise vor sich hin weinend den Lauf des Wassers bachabwärts. Sie wollte jemanden anrufen, doch hatte sie ihr Telefon in ihrer Wohnung gelassen und außerdem nicht gewusst, wen sie hätte anrufen sollen.
Ihre Lage erschien ihr ausweglos. Sie konnte an nichts anderes denken als an die Indiskretionen und Verletzungen durch Menschen, die sie hatte ertragen müssen. Sie wusste, dass sie dringend einen Schutzschild benötigte, doch im selben Augenblick auch, dass sie es nicht schaffen würde, sich einen bereits fertigen zuzulegen, geschweige denn einen solchen in mühevoller Kleinarbeit aufzubauen. Sie trat auf einen etwa eineinhalb Meter langen Strick aus Bast und nahm ihn an sich. Sie wusste nicht, aus welchem Grund sie den Strick aufgehoben hatte. Für gewöhnlich entnahm sie dem Gras, welches das Ufer von Bächen bestand, keine Gegenstände. Sie schlenderte, den Strick in der Hand, ein weiteres Stück bachabwärts und befingerte ihn wie einen Rosenkranz. Sie kam an eine Stelle, wo der Bach erkennbar tiefer war als an den Stellen, an welchen sie zuvor vorbeigekommen war. Sie ließ sich auf einem großen Stein am Ufer nieder und blickte in das Schwarz des Loches, das sich unter der Wasseroberfläche vor ihr auftat. Ein weiteres Mal dachte sie an den Schutzschild, welchen sie sich hätte zulegen müssen. Sie dachte auch an ihre Eltern, ebenso an ihre Großmutter. Und sie weinte dabei.
Sie wischte ihre Tränen mit dem Handrücken weg und beschloss, nun einen Schutzschild zu errichten. Einen aus Stein. Anna, eine schmächtige Frau von zweiunddreißig Jahren, hob den Stein, auf dem sie eben noch gesessen hatte, mit großem Kraftaufwand hoch und legte ein Stück des Stricks darunter. Sie befestigte den Strick so am Stein, dass dieser fest gehalten wurde. Das andere Ende des Stricks legte sie um ihren Hals und verknotete es.
Anna hob den Stein hoch und starre mit großer Entschlossenheit in ihren Augen auf das tiefe schwarze Loch im Bachbett. (2013)

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