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Montag, 12. September 2016

Der Jäger als Problembär





“Sofort!”, hatte das letzte Wort von Paul Meister gelautet und er hatte es ins Telefon gebrüllt. Manuel Bär war daraufhin zu seinem Auto gelaufen und zum Klubhaus der Jagdgemeinschaft Hellenfels gefahren, der er seit drei Jahren angehörte. Paul Meister war der Vorsitzende dieses Zusammenschlusses von Jägern, und wenn der Boss rief, pflegte Manuel dem Ruf umgehend Folge zu leisten.
‘Ich bin gespannt’, dachte er während der eineinhalbstündigen Fahrt, ‘was der Chef von mir will. Vielleicht hat er eine Rotte Wildschweine gesehen und braucht meine Hilfe, um sie zu erlegen.’
Vor dem Klubhaus erwartete ihn der Boss bereits. Anstatt Manuel die Hand zu geben, legte er seine Hand auf dessen Schulter und sagte: “Bevor wir hineingehen, sollst du wissen: das heute tagende Gericht wird gerecht urteilen.”
“Gericht?”, fragte Manuel Bär erstaunt. “Welches Gericht?”
Paul ging nicht auf die Frage ein. Er öffnete die Türe und führte Manuel in den Sitzungsraum. Dieser war voll von Trophäen von Wildschweinen, Eulen und anderer Tiere. Zwei Männer saßen im Raum, Dietrich Mühlböck, der Kassier des Klubs, und Martin Schuster, der Schriftführer.
“Meine Herren, unser Mitglied Manuel Bär ist endlich zu uns gestoßen, also lasst uns anfangen. Manuel, Du sitzt auf diesem Stuhl!”, sagte Meister und wies auf einen einzelnen Sessel, der vor zwei zusammengeschobenen Tischen stand, an welchen die drei Männer saßen.
Manuel Bär begann unruhig zu werden. Nervös fuhr er sich mit der Zunge über die Oberlippe und benetzte unabsichtlich seinen Schnauzbart.
“Was soll das hier?”, fragte er.
“Es gibt gewisse Probleme mit dir, Bär!”, herrschte ihn Dietrich Mühlböck an.
Manuel errötete.
“Wenn es um meinen Anteil an der Pacht geht, kann ich euch beruhigen”, begann er, doch Martin Schuster unterbrach ihn.
“Schweig!”, sagte er barsch. “Seit Monaten vertröstest du uns! Was ist mit dem Geld? Wo ist es?”
Unruhig wetzte Manuel auf dem Sessel hin und her.
“Es gab ein paar Probleme mit der Bank, doch mein Betreuer hat mir Hilfe zugesichert.”
“So so, dein Berater hilft dir also. Hat er dir auch geholfen, damit du dir ein neues Gewehr anschaffen konntest?”
Bär schwieg betreten.
“Ein wirklich gutes und dementsprechend teures Gewehr”, sagte Paul Meister.
“Woher wisst ihr davon?”
“Das steht hier nicht zur Debatte!”, rief Mühlböck.
“Du hast in deiner Stammkneipe mit der Flinte geprahlt”, klärte Martin Schuster den vor Gericht Stehenden auf.
“Ich wollte einfach eine gute Waffe haben”, sagte Bär leise.
“Also, Manuel, wann kriegen wir unser Geld?”
“In drei Wochen sollte ich es haben, Martin.”
“Drei Wochen?”, fauchte Mühlböck. “Sag, willst du uns einen Bären aufbinden, Bär?”
Manuel starrte Hilfe suchend die Wand hinter den drei Männern an, doch die Hilfe blieb aus. Stattdessen sahen ihn die Glasaugen eines ausgestopften Ebers streng an.
‘Seine Augen habe die selbe Farbe wie meine’, dachte Bär.
Er wandte sich wieder dem Tribunal zu und versuchte die Enden seines Schnauzers zu zwirbeln.
“Deine Rotzbremse ist zu kurz”, stellte Paul fest und die neben ihm Sitzenden brachen in schallendes Gelächter aus.
“Warum gibst du deine Stelle als Billeteur nicht auf und wirst Unteroffizier beim Militär?”, fragte Mühlböck.
“Den Bart dafür hat er ja schon”, gluckste Schuster.
“Das meine ich ernst, Manuel. Warum wirst du nicht Soldat?”
“Was soll ich beim Bundesheer?”, fragte Bär.
“Dort bekommst du drei Mahlzeiten am Tag, kannst in der Kaserne schlafen, und gesoffen wird dort auch viel.”
“Außerdem würdest du lernen, Verpflichtungen zu erfüllen und dich auf deinen Auftrag zu konzentrieren”, sagte Paul.
“Was meinst du damit?”, fragte Manuel.
“Dass du ein Säufer bist, Bär!”, rief Mühlböck. “Der Alkohol dringt dir aus jeder Pore.”
“Ich weiß selbst, dass ich trinke. Ich will wissen, was Paul damit meint, dass ich lernen würde, mich auf den Auftrag zu konzentrieren.”
Dietrich Mühlböck, der Kassier, hob die Hand und sagte: “Moment, meine Herren! Immer der Reihe nach. Punkt eins ist somit erledigt. Der Angeklagte kann nicht zahlen. Sehe ich das richtig, Bär?”
Manuel bejahte leise und betrachtete den Eber.
‘Du hast es gut, denn du hast keine Sorgen mehr’, sagte er im Gedanken zum ausgestopften Tier.
Er neigte nicht zu Halluzinationen, doch das Wildschwein, so kam es ihm vor, trat in einen Dialog mit ihm ein.
‘Gut? Nein, mein Lieber. Ich wurde erschossen, und dann hat man mir auch noch Haare ausgerissen, um einen Saubart daraus zu machen. Das nennst du gut?’
Manuel fasste sich erschrocken an seinen Oberlippenbart und stellte erleichtert fest, dass er noch an seinem Platz war.
‘Ja, du hast deinen Bart noch, Jäger’, schien das Wildschwein zu sagen. ‘Doch bald wird er verschwunden sein.’
“Den Frauen gefällt er ohnehin nicht”, entfuhr es Manuel Bär.
Die drei Männer starrten ihn entgeistert an.
“Sag, Manuel, sprichst du gerade mit dem Wildschwein?”, fragte Paul.
Martin Schuster stand auf, betrachtete den Eber aus der Nähe und sagte zu Manuel: “Der Schwarzkittel hat deine Augen.”
“Lassen wir das. Es gibt noch einen Punkt abzuarbeiten”, sagte Dietrich.
“Welchen?”, fragte Manuel ängstlich.
“Die Sache mit der Geiß, die du Martin stehlen wolltest!”
“Ich wollte niemandem etwas stehlen!”, protestierte Bär. “Die Geiß gehört mir!”
“Nein, Manuel, nicht jedes Reh, das du siehst, gehört dir!”, rief Paul ärgerlich. “Was bildest du dir eigentlich ein? Du setzt dich auf den Hochstand, der für Kamerad Schuster reserviert ist, und legst auf das Reh an, das jeden Tag dort steht. Wenn das kein Diebstahl ist, weiß ich auch nicht.”
“Ich habe doch mit Martin über das Reh gesprochen!”
“Ja, das hast du sehr wohl. ‘Was ist jetzt mit dem Reh?’, hast du mich gefragt. Als ich dir gesagt habe, dass dich dieses Reh nicht zu kümmern braucht, hast du reagiert wie ein Schulbub, dem man seinen Apfel weggenommen hat”, sagte Martin Schuster.
“Erstens stimmt das nicht. Ich habe gar nicht reagiert”, setzte Manuel Bär zu einer Rechtfertigung an, doch Paul unterbrach ihn.
“Schweig! Schon vom ersten Tag an wusste ich, dass es mit dir Probleme geben würde. Du bist ein Problembär, Manuel! Vom Jäger zum Problembären, und das in so kurzer Zeit. Das ist schon eine reife Leistung, herzlichen Glückwunsch!”
“Hast du wirklich geglaubt, dass es so läuft?”, rief Dietrich Mühlböck. “So nach dem Motto: ich sehe ein Reh, das mir gefällt, also darf ich es schießen? Ha? Nein, so läuft es nicht, Herr Bär! Herr Problembär.”
“Das müsst ihr doch verstehen!”, rief Manuel. “Bis jetzt habe ich nur Böcke geschossen, einen Bock nach dem anderen. Ich möchte eben auch einmal bei einer Geiß zum Zug kommen.”
Martin Schuster lachte bitter.
“Was sollte denn die kindische Drohung, mir eine runterzuhauen, wen ich dir nicht sage, was mit dem Reh ist?”
“Damit hat er gedroht?”, fragte Dietrich.
“Ja, das hat er. Als ob ich mich davon beeindrucken ließe!”
“Was hast du dazu zu sagen, Bär?”, fragte Paul Meister streng.
Manuel Bär dachte: ‘Bitte, Wildschwein, hilf mir!’, doch der Eber schwieg.
“Gar nichts”, sagte der Angeklagte schließlich.
“Dann lasst uns zur Urteilsfindung kommen!”, sagte Paul. “Manuel Bär, du wartest draußen vor der Türe!”
Manuel ging nach draußen. Im Vorraum saß er auf einer Bank und blätterte in einer Zeitschrift für Jäger.
Nach drei Minuten kam Paul Meister aus dem Sitzungsraum und sagte: “Bär, folge mir!”
Vor dem Tribunal stehend, empfing Manuel sein Urteil.
Der Gerichtsmediziner staunte nicht schlecht über Manuel Bär. Dieser hatte es tatsächlich zustande gebracht, Suizid zu begehen, indem er sich in Kopf, Herz und Bauch geschossen hatte - und zwar aus Langwaffen unterschiedlichen Kalibers!

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