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Donnerstag, 29. September 2016

Der Rückkehrer





Karl Möstl blickt noch einmal sehnsüchtig zum Himmel, dann geht er wieder in den riesigen Stall, der sein Arbeitsplatz ist. Er muss ihn täglich ausmisten und die Kühe und die Schweine, die darin in getrennten Bereichen leben, mit Futter versorgen. Diese Tätigkeiten nehmen mehrere Stunden in Anspruch, in welchen Karl viel Zeit zum Nachdenken und Grübeln hat, denn auch wenn seine Arbeit körperlich anstrengend ist, so stellt sie keineswegs ein intellektuelle Herausforderung dar.
Möstl ist Knecht auf dem Bauernhof seiner Schwester. Dieser liegt in einer kleinen Ortschaft im steirischen Hügelland. Die Landschaft ist idyllisch, Eingriffe in sie werden, wenn überhaupt, nur äußerst sanft vorgenommen, um den Ruf als Erholungsgebiet nicht zu gefährden.
Die dort zu findende Erholung war der Grund, aus dem Karl wieder in sein Heimatdorf gezogen ist und auf dem Hof seiner Familie, der von seiner Schwester geführt wird, als Knecht anzufangen. Diese Entscheidung ist ihm nicht schwergefallen. Zum einen ist er dort aufgewachsen und hat als kleiner Junge seinen Eltern und deren Bediensteten oft bei der Arbeit zugesehen und ihnen geholfen; zum anderen hat er in Wien, wo er gelebt hat, alle Hoffnung, noch irgendwie glücklich zu werden, verloren.
Er hat Kunstgeschichte studiert und ist Galerist geworden. Er war sehr erfolgreich, hatte einige aufstrebende Künstler unter Vertrag und verdiente eine Menge Geld. Er genoss es, sich in der Schickeria zu bewegen, wo es alles gibt, außer Tiefgründigkeit.
In seinem Inneren blieb Karl stets der Landmensch, egal wie viel er von welchen Drogen auch immer konsumierte oder mit wie vielen Schönen der Nacht er das Bett teilte. Er wusste zwar um die Oberflächlichkeit dieser Gesellschaft, mit der er feierte, und verachtete deren Mitglieder dafür, doch war er einfach zu schwach, und wohl auch zu geschäftstüchtig, um sich ihr zu verweigern.
Eines Tages brach er in seiner Galerie zusammen. Er wusste nicht, was es war, das ihn zum Schreien und Weinen brachte, und das vor seinen besten Kunden.
Die Weinkrämpfe traten in der Folge in immer kürzeren Abständen ein, und schließlich ließ sich Karl von Freunden dazu überreden, einen Psychiater aufzusuchen. Diesem erzählte er von sich, seinem Leben und von dem, was er mehr als alles andere wollte, nämlich glücklich sein. Der Arzt diagnostizierte eine Erschöpfungsdepression und riet Karl dazu, sich eine Auszeit zu nehmen. Er wollte ihm keine Tabletten verschreiben, vielmehr riet er ihm, eine Zeitlang dort zu leben, wo es ihm immer gut gefallen hat, nämlich dort, von wo er herkommt.
Karl dachte ein paar Tage darüber nach, dann rief er seine Schwester an. Diese war sofort einverstanden, dass Karl bei ihr wohnen würde und so zog er wieder in sein Elternhaus.
Zuvor hat er seine Galerie geschlossen und seinen Künstlern geraten, sich einen anderen Vertreter zu suchen, denn er könnte ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, wann er wieder in Wien sein würde. Diese waren sehr verständnisvoll und versprachen ihm, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten, falls er sich dazu entschließen sollte, in die Kunstszene zurückzukehren.
Erst war Karl über das Verständnis der Maler verwundert, doch als er darüber nachdachte, erkannte er, dass die meisten von ihnen wissen mussten, was innerliche Erschöpfung ist und was deren Folgen sein können.
Über das Unverständnis der Spaßgesellschaft, deren Teil er war, wunderte er sich hingegen nicht. Von diesen Menschen hatte er sich nichts anderes erwartet.
In den ersten beiden Wochen in der alten Heimat machte Karl Möstl nichts anderes, als die Ruhe zu genießen, die im Dorf herrscht. Dann bat er seine Schwester, ihn anzumelden und seit diesem Tag ist er Knecht.
Er entschloss sich, harte körperliche Arbeit zu verrichten, weil er fühlte, dass diese ihm nach fünfzehn Jahren als Galerist, der sich ausschließlich intellektuell und gesellschaftlich betätigt hat, nur helfen könnte, wieder Ordnung in sein Leben zu bringen.
Anfangs tat er sich schwer mit der anstrengenden Arbeit, doch nach zwei Wochen hatte er sich eingewöhnt, und nach weiteren sieben Wochen des Grübelns während des Ausmistens kehrte die Zuversicht zurück in Karl Möstls Gedanken. Da erkannte er, dass er in Wien nichts verloren hatte. Lebensjahre hatte er dort verloren, aber mehr nicht.
Bevor Karl Möstl in den Stall geht, blickt er stets sehnsüchtig zum Himmel, weil er endlich glücklich sein möchte. Jedes Mal, wenn er bei der Stallarbeit grübelt, wann er es denn sein wird, stellt er fest, dass er mit jedem Tag zumindest weniger unglücklich ist. Wenn er analysiert, warum das so ist, kommt er stets zum selben Schluss: er fühlt sich besser, weil er in einer Umgebung lebt, die ihm gefällt und in der bodenständige Menschen leben, und weil er nach seiner Arbeit etwas sieht, das er in Wien nie so deutlich sehen konnte: nämlich ein Ergebnis seiner Mühe.

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