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Dienstag, 13. September 2016

Dieser Tag ist zu schön





Am Vormittag des achten Mai 2014 verließ Peter Moritsch sein Haus und setzte sich unter den Apfelbaum, der am Rande seines kleinen Gartens stand. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und in Peters Kopf pochte der Tumor.
“Unheilbar”, hatte der Arzt gesagt. “Da ist nichts zu machen, Herr Moritsch. Genießen sie die Zeit, die ihnen noch bleibt.”
“Das werde ich!”, hatte er sich darfaufhin selbst versprochen. Dann war er nach Hause gefahren und hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Seine liebste Beschäftigung war nämlich das Schreiben. ‘Was ist ein Mensch ohne Literatur? Weniger, als die Literatur ohne einen Menschen!’ Dieser Spruch, der ihm eines Tages eingefallen war, hing in Holz geschnitzt über der Türe seines Arbeitszimmers.
Peter Moritsch war Schriftsteller und eine Ausnahme. Letzteres aus einem einfachen Grund: er konnte von seiner Kunst leben, und das sogar sehr gut.
An den Stamm des Apfelbaumes gelehnt saß Moritsch im Gras und dachte über sein Leben nach. Er war neununddreißig Jahre alt, kinderlos aber glücklich geschieden und todkrank.
Schon oft hatte er unter dem Baum sein Leben Revue passieren lassen, und stets hatte er mit seiner frühesten Erinnerung begonnen: mit der an seine Großeltern väterlicherseits.
Sie waren einfache Leute, nobel waren sie bloß in ihren Herzen gewesen. Das für seine Arbeit so wichtige Vermögen, sich in Menschen hineinzuversetzen, hatten sie ihm mitgegeben. Schon als Kind hatte er jede freie Minute in ihrem Haus verbracht, und nachdem sie im Jahr 2010 verstorben waren, hatte er es übernommen und renoviert. Er hatte sie geliebt und sie hatten ihn verehrt.
Als sein erster Roman, ‘Der Arzt der Kaiserin’, der ein Massenerfolg werden sollte, vorgestellt wurde, saßen sie bei der Vorstellung des Werkes in der ersten Reihe und waren zu Tränen gerührt, denn Peter hatte das Buch ihnen gewidmet.
Seine Großmutter war im April 2010 verstorben, ihr Mann war ihr zwei Monate später gefolgt. Er war unheilbar an Krebs erkrankt, doch hatte er bis nach ihrem Tod durchgehalten, um sie nicht alleine auf der Welt zurückzulassen. Das hatte Peter gezeigt, was wahre Liebe ist und wozu sie imstande ist.
Wahre Liebe hatte er zeit seines Lebens nicht erfahren, von der seiner Großeltern abgesehen. Nach einigen, von den beteiligten Frauen rasch beendeten, Beziehungen hatte er eine Frau geheiratet, die er bei einer Lesung kennengelernt hatte. Sie bewunderte Peters Romane, doch hatte sie, wie er bald herausfand, größeres Interesse an den Texten und den Tantiemen, als an dem Autor selbst. Drei Jahre lang nahm er diesen Umstand gleichmütig hin. Als sie ihm eines Tages eröffnete, dass sie ihn verlassen würde, nahm er dies ebenso achselzuckend zur Kenntnis wie ihr Geständnis, seit mehreren Monaten ein Verhältnis mit einem anderen, noch erfolgreicheren Literaten zu haben. Sie ließen sich scheiden und Peter Moritsch schrieb einen neuen Roman.
Nachdem sein Großvater gestorben war und Peter erkannt hatte, was wahre Liebe ist, fiel er in ein tiefes Loch. Ihm war bewusst geworden, dass er sich nichts sehnlicher wünschte als wahre Liebe.
Er ertränkte seinen Kummer in Alkohol und probierte verschiedene Drogen, doch stellte er bald fest, dass er auf diesen Substanzen nichts von Wert schreiben konnte.
Er beschloss, solo zu bleiben. “Ein Schriftsteller, der in einer Beziehung lebt, wird ohnehin bloß abgelenkt. Er kann sich nicht mehr auf das Schreiben konzentrieren und verliert seine Schaffenskraft”, sagte er sich.
Die Kritiker waren sich einig, wie seine Werke zu bewerten waren: vernichtend. Peter Moritsch schrieb Romane für einsame Frauen. Seine Figuren waren Ärzte, Prinzen und reiche Erben, und die Geschichten gingen allesamt gut aus. Er erreichte eine große Leserinnenschaft, seine Bücher, deren Einbände ebenso kitschig waren wie ihre Inhalte, wurden millionenfach gedruckt und eines Tages fiel er in Ohnmacht.
Nachdem er wieder zu sich gekommen war, konsultierte er einen befreundeten Arzt. Der gab ihm den Rat, das Rauchen wenigstens einzuschränken und verzichtete auf weiterführende Untersuchungen.
Ein halbes Jahr später hatte Peter die Gewissheit, dass er sterben würde - und das vor der Zeit.
Er machte sich an die Arbeit, wollte einen Roman von wirklichem, auch von Kritikern attestiertem, Wert verfassen. Er schrieb ein gesellschaftskritisches Werk, das von seinem Stammverlag aufgrund seines Rufes als Bringer verlegt wurde, jedoch nicht wirklich überzeugen konnte. Ihm wurde vorgeworfen, bloß den milden Schärfegrad eines Radieschens beim Anprangern von Missständen zu erreichen, wo doch die Schärfe einer Chilischote angebracht gewesen wäre.
Diese Verrisse trafen ihn tief. In seinem Bereich war er ein Autor von Rang und Namen, also musste es doch möglich sein, auch im ernsthaften Fach zu reüssieren.
Ende Jänner 2013 hatte er mit der Arbeit an ‘Der Fall des Staates’ begonnen. Der Roman handelte von korrupten Politikern, Zuhältern und endete mit einem Massaker. Nach sechs Monaten Schreibarbeit hatte er das Manuskript eingereicht und kurze Zeit später einen weiteren Bestseller auf der Habenseite.
Seine Tumorerkrankung schritt unaufhaltsam voran. An vielen Tagen konnte er bloß nach der Einnahme schwerer Schmerzmittel ein paar Seiten schreiben. Peter wusste, dass es ihm so unmöglich war, einen weiteren, einen letzten Roman zu verfassen. Er überlegte das Schreiben aufzugeben, versuchte dies sogar, doch hielt er nur vier Tage durch. Diese vier Tage waren die längste Zeit seit seinem achtzehnten Lebensjahr, in der er nicht geschrieben hatte.
Damals hatte er begonnen, Kurzgeschichten und wenig gelungene Gedichte zu schreiben. Die Lyrik war nicht sein Ding, das hatte er eingesehen, also beschloss er viele Jahre später, dass die letzten Texte, die  er in seinem Leben schreiben würde, Kurzgeschichten werden sollten.
Insgeheim sah er diesen Umstand als sowohl positiv wie auch als negativ an. Das Positive daran war, dass es ihm möglich war zu schreiben, bis es nicht mehr gehen würde; das Negative daran schrieb er seinem Stolz zu. Er war ein reicher und an den Erfolg gewöhnter Schriftsteller, und das Verfassen von Storys war ein Risiko für ihn. ‘Was’, dachte er, ‘wenn meine Kurzgeschichten nicht gelingen? Dann wird die Nachwelt wohl oder übel zu folgendem Schluss kommen: Peter Moritsch war ein großer Autor von Kitschgeschichten. Von seinen beiden anderen Romanen ist ihm wenigstens einer nicht gänzlich missraten. Aber was er als Spätwerk verbrochen hat - also das ist wirklich Schund!’
Es sollte anders kommen. Drei Kurzgeschichten wurden in eine Anthologie eines renommierten Verlages aufgenommen, zwei weitere in einer bekannten Literaturzeitschrift veröffentlicht. Diese späten Werke brachten ihm eine große mediale Aufmerksamkeit ein. Seine Kurztexte wurden ausführlich besprochen und erhielten durch die Bank gute Kritiken. Vor allem die Tatsache, dass er darin das Thema Gehirntumor behandelt hatte, wurde ihm hoch angerechnet. Diese Werke waren nämlich autobiographisch, in ihnen hatte er seine Erkrankung öffentlich gemacht. Er erhielt viele Briefe mit Genesungswünschen, auch wenn jedem Menschen, der diese Geschichten gelesen hatte, klar war, dass ihr Schöpfer sich auf einer Einbahnstraße befand.
Am achten Mai 2014 saß der Schriftsteller Peter Moritsch an seinen Apfelbaum gelehnt im Gras und dachte über sein Leben nach. Am Morgen dieses Tages hatte er eine Kurzgeschichte geschrieben. Sie handelte von einem todkranken Mann, der seine Schmerzen eines Tages nicht mehr ertragen wollte und sich das Leben nahm.
Nachdem er fertiggeschrieben und den Text in seine Homepage gestellt hatte, ging er in den Keller, um eine Flasche Bier zu holen. Alkohol war ihm von den Ärzten zwar verboten worden, doch an diesem Tag wollte er sich nicht mehr daran halten. Er trank die Flasche aus und ging zum Apfelbaum.
Er betrachtete die chromblitzende Pistole in seiner Hand. Sie war geladen und entsichert. Probeweise presste er ihren Lauf an seine Schläfe. Er setzte die Waffe wieder ab und blickte zum Himmel. Auf einem Ast über seinem Kopf hatten sich zwei Türkentauben niedergelassen. Da erschien es ihm auf einmal unwirklich, dass ein einziger Schuss ihn von allen Schmerzen befreien würde. Und er hatte Angst. Angst vor dem Nichts, das ihn dann erwartete. Er nahm das Magazin aus der Waffe, nahm die Patrone aus dem Lauf und steckte die Waffe weg.
“Dieser Tag ist zu schön”, sagte er halblaut zu sich selbst. “Also morgen. Eine Kurzgeschichte geht noch.”

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