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Freitag, 23. September 2016

Ein armes Mädchen





Das arme Mädchen hieß Silvia und war zum Zeitpunkt seines selbstgewählten Todes zweiundzwanzig Jahre alt.
Ich hatte sie drei Jahre zuvor kennengelernt, durch meine berufliche Tätigkeit. Ich bin Streetworker, achtundvierzig Jahre alt und lebe in einer Partnerschaft mit einem Mann. Ich war siebzehn Jahre verheiratet und habe gewartet, bis unsere Töchter alt genug waren zu verstehen, dass Männer ihrem Vater mehr geben können als ihre Mutter. Sie haben sehr abgeklärt reagiert und mir gesagt, dass sie diesen Umstand seit Jahren vermutet hatten und dass sie sich über mein Coming-out freuten. Meine Exfrau, zu der ich noch heute ein gutes Verhältnis habe, hat mich stets unterstützt und zu mir gehalten. Von Anbeginn unserer Beziehung war sie im Bilde. Sie wusste, dass ich mich auch mit Männern getroffen habe und hat mich deswegen niemals kritisiert.
Mein Lebenspartner ist Vorstand einer großen Bank. Er ist der Seriöse von uns beiden, ich bin der jugendliche Part. Als Streetworker ist dies kein Nachteil. Die Menschen, mit welchen ich in meinem Job zu tun habe, nehmen mich eher ernst, wenn ich in Jeans und Turnschuhen auftauche, als wenn ich im Anzug herumliefe.
Ich habe Silvia kennengelernt, als sie neunzehn Jahre alt war. Sie war aus der Wohnung ihrer Eltern ausgezogen, da sie die Situation dort nicht mehr ausgehalten hatte. Ihr Vater hatte sie geschlagen und die Alkohol- und Tablettensucht ihrer Mutter war immer schlimmer geworden. Sie hatte das Gymnasium nach zwei Wiederholungen ein und derselben Schulstufe verlassen und nicht gewusst, wohin sie hätte gehen können.
Ihr Freund, der sie lediglich benutzt hatte, um seine Lust an ihr zu stillen, hatte sie verlassen und von ihren Freundinnen aus Kindertagen hatte sie sich keine Hilfe erwarten können. In ihrer Verzweiflung schickte sie der Freundin, die sie für ihre beste und einzige Vertraute gehalten hatte, ein E-Mail, in welchem sie die eindeutige Absicht äußerte, sich ihr junges Leben zu nehmen.
Diese Freundin reagierte auf diese Ankündigung, indem sie das Mail an sämtliche Personen in ihrem gemeinsamen Bekanntenkreis weiterleitete. In der Folge wurde Silvia mit hämischen Anrufen überhäuft, in welchen sie aufgefordert wurde, das Angekündigte doch endlich in die Tat umzusetzen. Sie setzte diese Ankündigung, wenigstens damals, nicht in die Tat um, Gott sei Dank, sondern schleppte sich mit der letzten ihr noch verbliebenen inneren Kraft auf ein Polizeiwachzimmer. Dort eröffnete sie der diensthabenden Beamtin, was zu tun sie im Begriff war.
Die Polizistin verständigte sofort die Bereitschaft habende Amtsärztin, welche Silvia umgehend in ein Krankenhaus einwies. Sie musste vier Wochen in der Klinik bleiben, die erste Woche auf der Akutstation für suizidale Menschen, die folgenden drei auf einer Therapiestation.
Wie ich aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit weiß, wird einem jungen Menschen in einer solchen Lage in einem solchen Krankenhaus nur selten geholfen, und so war es auch bei Silvia. Sie verließ kaum ihr Krankenzimmer, welches sie sich mit zwei fünfzigjährigen Alkoholikerinnen zu teilen hatte, die ihr die ungeliebten langen Tage von ihren verpfuschten Leben erzählten.
Silvia wurde im Krankenhaus noch depressiver und die ihr verabreichten Medikamente erwiesen sich, was mich nicht wundert, als wirkungslos. Ich wurde von der Klinik angefordert und gebeten, etwas für Silvia zu tun, sie irgendwo unterzubringen, wo sie genesen konnte. So brachte ich das damals neunzehnjährige Mädchen in der betreuten Einrichtung für junge Menschen mit Problemen unter, in der ich tätig bin.
Ich habe Silvia sofort ins Herz geschlossen. Ich nehme an, es war die Hilflosigkeit, die sie ausstrahlte, das nicht Wissen, was aus und mit ihr werden sollte.
Ich habe oft und lange mit ihr gesprochen, sie hat mir von ihrem unerträglichen Elternhaus erzählt und von ihren falschen Freunden. Ich habe sie getröstet, wenn sie traurig war und geweint hat und habe ihr versprochen, dass ich ihr helfen würde, so gut ich könnte. Sie musste mir dafür versprechen, sich nichts anzutun, solange sie in der Einrichtung bleiben würde. Sie versprach es mir und ich gab mich mit ihrem Versprechen zufrieden. Ich hatte lediglich die Unterbindung einer suizidalen Handlung im Sinn, als ich ihr das Versprechen abgenommen habe.
Ich nehme an, ich war zu fokussiert auf das, was mir vonseiten der Klinik über die neunzehnjährige Patientin Silvia erzählt worden war, als dass ich an andere Arten der Selbstbeschädigung gedacht hätte. Ansonsten hätte ich diese selbstverständlich zum Teil des Versprechens gemacht.
Die ersten Wochen in der Einrichtung verliefen gut für Silvia. Sie lebte sich gut in die dortige Gemeinschaft ein und schloss Freundschaft mit zwei Mädchen, die aufgrund von Drogenvergehen zu uns gekommen waren. Ich besuchte Silvia oft und sprach mit ihr. Sie machte auf mich den Eindruck, als wäre sie auf einem guten Weg.
Ich muss festhalten, dass ich sie stets in langärmeliger Oberbekleidung antraf.
Nach drei Monaten hatte Silvia mit meiner Hilfe ein Gymnasium gefunden, das sie als außerordentliche Schülerin am Unterricht teilnehmen ließ. Sie durfte im Unterricht Fragen stellen, Schularbeiten schreiben und wäre am Ende des Schuljahres in allen relevanten Unterrichtsfächern benotet worden, hätte also eine Art Zeugnis erhalten - dies in Hinblick auf eine spätere Reifeprüfung als Externistin.
Der Vorstand der Klasse, an deren Unterrichtsstunden Silvia teilnehmen durfte, war sehr zufrieden mit ihr. Er teilte mir mit, dass sie eine intelligente junge Frau mit schneller Auffassungsgabe wäre und er zuversichtlich wäre, dass sie die Reifeprüfung ohne Schwierigkeiten würde ablegen können. Ihr Klassenvorstand berichtete mir über ihr schulisches Vorankommen, denn es war uns beiden klar, dass dieses in ihrem zerrütteten Elternhaus keine Beachtung gefunden hätte. Ich unterhielt mich oft mit Silvia und sie gab mir Einblick in ihr bisheriges Leben und auch in ihre aktuelle innerliche Befindlichkeit. Ich tat Gleiches und erzählte von mir, meiner Ehe, meinen Töchtern und meinem Lebenspartner. Sie fand das “cool”, wie sie sagte.
Wir unterhielten uns über Literatur und ich fand heraus, dass sie die selben Autoren schätzte, deren Werke auch ich geliebt hatte, als ich in ihrem Alter war. Was ihren Musikgeschmack anlangte, war ich ein wenig besorgt, denn sie stand auf Bands, deren Texte sehr niederdrückend sind und oft von Selbstmord handeln. Ich sprach sie darauf an, fragte sie, wie diese Liedtexte auf sie wirkten, und sie sagte mir, dass sie durch das Anhören derartiger Texte weniger depressiv wäre und keinesfalls an Suizid dächte. Ich glaubte ihr.
In den folgenden Monaten entwickelte sie sich in eine positive Richtung. Eines Tages klopfte ich an die Tür ihres Zimmers. Sie war anwesend, das konnte ich an der Musik erkennen, die durch die geschlossene, jedoch unversperrbare Tür nach draußen drang. Silvia antwortete nicht. Ich dachte mir, dass sie Zeit mit sich alleine verbringen wollte, und so ging ich nach unten in die Cafeteria und trank ein alkoholfreies Bier.
Einmal hatte ich meine ältere Tochter in einer Situation überrascht, in der sie lieber allein geblieben wäre. Es war mein Fehler gewesen. Ich hätte an die Tür ihres Zimmers klopfen müssen, und nicht einfach in dieses stürmen dürfen. In den Tagen nach meiner Indiskretion herrschte peinlich betretenes Schweigen zwischen uns. Bis ich mir ein Herz fasste und meiner Tochter erklärte, dass sie sich nicht zu schämen brauchte. Ich sagte ihr ganz offen, dass ich in ihrem Alter ein wahrer Großmeister des erotischen Selbstvollzugs gewesen war und dass auch Erwachsene diese Handlung an sich vollziehen würden. Sie lachte und das Thema Onanie war vom Tisch gewischt.
Nach etwa einer halben Stunde klopfte ich erneut an Silvias Tür, doch sie reagierte noch immer nicht. Ich erkannte, dass das Lied, das durch die Tür nach draußen drang, das selbe war, das ich bereits zuvor aus ihrem Zimmer hatte dröhnen gehört. Im Refrain dieses Songs meint eine Person, dass sie tot besser dran wäre. Dabei handelt es sich in keiner Weise um ein suizidales Lied.
Ich öffnete die Tür und fand Silvia in ihrem Bett liegend vor. Sie lag dort in Jeans und T-Shirt und ihr Oberkörper war voll Blut. Ich stürzte auf sie zu und schüttelte sie, um zu sehen, ob sie bei Bewusstsein war. Sie sah mich aus verweinten Augen an und sagte mir, ich sollte abhauen. Ich begutachtete ihre Handgelenke und stellte erleichtert fest, dass sie sich nicht in die Pulsadern geschnitten hatte. Sie hatte sich jedoch mit einer Rasierklinge tiefe Schnittwunden an den Oberarmen zugefügt.
Ich befeuchtete ein Handtuch mit Wasser und säuberte ihre Oberarme vom Blut. Sie sah mich irgendwie weggetreten an, ließ mich jedoch gewähren.
Die Wunden waren tief, an einer Stelle hatte sie eine Ader durchtrennt, aber sie waren nicht lebensbedrohend. Die Wunden bluteten nicht mehr stark, dennoch rief ich einen Freund an, er ist Unfallchirurg und hatte zufällig dienstfrei, und erklärte ihm, was vorgefallen war. Er versprach, innerhalb der nächsten dreißig Minuten in der Einrichtung zu sein und Verbandmaterial sowie Nähzeug und Desinfektionsmittel mitzubringen.
Dreißig Minuten später stand er in Silvias Zimmer und versorgte ihre Wunden. Er versprach mir, niemandem von dem Vorfall zu erzählen und ihn auch nicht offiziell zu melden. Er machte mich jedoch darauf aufmerksam, dass Silvias Oberarme mit alten Narben übersät waren, welchen offenkundig selbstverletzendes Verhalten zugrunde lag. Ich versprach ihm, mich um Silvia zu kümmern und Sorge zu tragen, dass so etwas nicht noch einmal passieren würde.
Ich verzichtete darauf, ihr das Versprechen abzunehmen, sich in der Nacht ruhig zu verhalten und nicht selbst wehzutun, vielmehr sah ich sie eindringlich an und bat sie, das nicht wieder zu tun. Sie hatte wohl den ehrlich besorgten Blick in meinen Augen bemerkt und versicherte mir, sich nicht noch einmal zu schneiden. In dieser Nacht gab sie Ruhe.
Am nächsten Vormittag rief ich ihren Klassenvorstand an und erzählte ihm in kurzen Worten, was geschehen war. Ich ging nicht ins Detail bei meiner Schilderung der Ereignisse, doch er verstand auch so und versicherte mir, dass Silvias Fernbleiben vom Unterricht kein Problem darstellte. Er sagte mir, dass er sie sehr schätzte und bat mich, ihr eine baldige und gute Besserung zu wünschen. Ich tat dies und sie freute sich darüber, obgleich sie einen hoch verschämten Eindruck auf mich machte.
Ich fragte sie in ruhigem Ton, ob sie über den vorangegangenen Abend sprechen wollte, und sie sagte ja. Ich versicherte ihr, dass sie sich nicht zu schämen brauchte. Sie begann am Anfang, mit der Zeit, in welcher sie begonnen hatte, sich mit Klingen zu verletzen.
Dies war im Alter von sechzehn Jahren gewesen und hatte die in ihrem Elternhaus vorherrschende Situation zum Auslöser. Jedes Mal, wenn sie von ihrem Vater geschlagen worden war, hatte sie sich in ihr Zimmer eingeschlossen und sich ins Fleisch geschnitten. Sie hatte das gemacht, sagte sie, um den Druck abzubauen, der sich in ihrem Inneren aufgestaut hatte, wenigstens ein bisschen des Drucks. Ich hörte ihr zu, ohne selbst ein Wort zu sagen, und als sie meine Hand ergriff, um eine Art von Halt zu finden, eine Verbundenheit zu fühlen, um nicht das Gefühl haben zu müssen, allein zu sein beim Schildern dieser schrecklichen Begebenheiten, legte ich meine Hand auf ihre.
Ich konnte ihr die Frage nicht ersparen, warum sie sich am Abend zuvor verletzt hatte, was der Grund für den Druck gewesen war, den sie mit Hilfe einer Rasierklinge unbedingt hatte loswerden müssen.
Anfangs redete sie um den heißen Brei herum, doch als sie dahinterkam, dass das bei mir nicht fruchtete, rückte sie mit der Wahrheit heraus. Sie sprach von großer innerer Leere, die sie nicht länger hätte aushalten können. Ich fragte sie, seit wann sie dieses Gefühl der Leere denn hätte und sie sagte, seit dem Augenblick, in welchem sie erfahren hatte, dass sie ein Kind in ihrem Leib trug.
Einige Sekunden lang wusste ich nicht, was ich sagen sollte, dann fragte ich sie, wer der Vater ihres Kindes sei. Sie gestand unter schnell und in großer Zahl fließenden Tränen, dass sie keine Ahnung hatte, wer der Vater war. Ich fragte sie, mit wem sie geschlafen hatte und sie sagte, dass es viele Männer gewesen waren, deren Namen sie allerdings nie erfahren hatte. Als ich sagte, dass ich das nicht glauben könnte, erzählte sie mir, dass sie seit einiger Zeit auf den Strich ging, in ihrer Freizeit, die sie nicht in der Einrichtung zubringen musste.
Ich konnte es nicht fassen. Die Silvia, die ich kennen und schätzen gelernt hatte, hätte so etwas niemals gemacht.
Sie erzählte mir, dass die beiden Mädchen mit Drogenvergangenheit, mit welchen sie sich in der Einrichtung angefreundet hatte, die Idee gehabt hatten, mit illegaler Prostitution viel Geld zu verdienen, damit in großem Stil Drogen einzukaufen und mit Gewinn weiter zu verticken.
Anfangs konnte ich das nicht glauben, doch Silvia erzählte mir dies mit solcher Offenheit und in solcher Glaubwürdigkeit, dass ich in die Zimmer der beiden Mädchen stürmte, sie im Befehlston in Silvias Zimmer beorderte und dort mit dem eben Gehörten konfrontierte.
Sie erkannten die Nutzlosigkeit etwaigen Leugnens und bestätigten Silvias Darstellung vollinhaltlich. Ich rief den Leiter der Einrichtung an, er war in seinem Büro, und er kam sofort nach oben in den Wohntrakt der Mädchen. Ich gab ihm einen kurzen Überblick über die Situation, dann forderte er die Mädchen auf, ihm die gesamte Situation darzulegen. Nachdem diese der Aufforderung nachgekommen waren, beriet ich mich mit ihm. Die beiden Mädchen mussten die Einrichtung noch am selben Tag verlassen.
Das klingt hart, aber unter diesen Umständen hatten wir keine andere Möglichkeit, als sie sofort auf die Straße zu setzen. Da beide das neunzehnte Lebensjahr vollendet hatten, waren wir rechtlich auf der sicheren Seite. Moralisch vielleicht weniger, aber ich halte unsere Entscheidung für gerechtfertigt.
Nun stellte sich die Frage, was wir mit Silvia machen sollten.
Ich legte mich für sie ins Zeug und beschwor den Leiter der Einrichtung, sie in dieser bleiben zu lassen. Er rügte mich, weil ich ihre Selbstverletzung nicht gemeldet hatte, doch letztlich hatten meine Beschwörungen Erfolg. Silvia durfte bleiben.
Ich sprach noch lange mit ihr und versicherte ihr, dass alles gut werden würde, mit ihrem Kind, ihrer Schule und ihrer Zukunft. Sie lächelte mich gequält an und nickte. Heute, im Nachhinein, weiß ich, dass in diesem Lächeln bereits die Ahnung gelegen hat, das Wissen um etwas Schreckliches, das eintreten müsste.
Silvia besuchte weiterhin das Gymnasium und gab ihrem ungeborenen Kind zuliebe sogar das Kaffeetrinken auf. Ich begleitete sie zum Gynäkologen und in die Wohnung ihrer Eltern. Diese nahmen die Nachricht, dass ihr einziges Kind schwanger war, gleichgültig auf. Bei einer routinemäßigen Untersuchung wurde eine Auffälligkeit in Silvias Blut festgestellt. Weitere Tests, die gemacht wurden um sicherzugehen, bestätigten meine schlimme Befürchtung.
Als nunmehr ausschließlich homosexuell empfindender und lebender Mann habe ich viele Freunde, die mit dieser Krankheit leben müssen. Leider haben auch etliche Freunde den Kampf gegen sie verloren. Silvia war erschüttert. Doch irgendwie hatte ich den Eindruck, als hätte sie diese Diagnose erwartet. Sie erzählte mir, dass sie und die beiden Mädchen, die aus der Einrichtung geworfen worden waren, mit ihren Freiern ungeschützt verkehrt hatten. So hatten sie mehr Geld verlangen können. Ich konnte es nicht fassen. Dass junge Menschen dieses Risiko in Kauf nahmen. Für eine Handvoll Geld mehr.
Silvia entschloss sich, ihr Kind abzutreiben.
Als sie mir diesen Entschluss mitteilte, flehte ich sie an, ihn nicht in die Tat umzusetzen. Ich erzählte meinem Lebenspartner von Silvia und ihrer Geschichte. Für gewöhnlich spreche ich zu Hause nicht über meine Arbeit oder Menschen, mit welchen ich zu tun habe, denn mein Lebenspartner hat genug Stress in seinem Job in der Bank, da möchte ich ihn in seiner Freizeit nicht belasten. Doch in diesem Fall musste es sein, auch weil er meine Unruhe bemerkt hatte und wissen wollte, was die Ursache dafür war. Er hörte aufmerksam zu, während ich Silvias Lebensgeschichte vor ihm ausbreitete.
Als ich von ihrem Plan erzählte, das Kind abtreiben zu lassen, schlug er vor, sie zum Abendessen zu uns nach Hause einzuladen und mit ihr zu sprechen. Ich war überrascht. Ein solches Angebot hatte ich nicht erwartet.
Silvia war ebenso überrascht, willigte jedoch gerne ein. Ob es ehrliches Interesse an einer Unterhaltung mit uns beiden war, mit einem schwulen Paar in nicht mehr ganz so jungen Jahren, oder doch die Gelegenheit, dem Abendessen in der Kantine der Einrichtung zu entgehen, weiß ich nicht.
Mein Lebenspartner bereitete Roastbeef zu, dazu gab es erlesenen Wein, jedoch nicht für Silvia, aus Rücksicht auf ihre Schwangerschaft. Nach dem Essen saßen wir im Wohnzimmer und unterhielten uns. Eigentlich unterhielten sich mein Lebenspartner und Silvia, ich war interessierter Zuhörer.
Er sagte ihr gleich zu Beginn der Unterhaltung, dass er von mir über ihr bisheriges Leben informiert worden war und verschwieg auch nicht, dass er über ihre Schwangerschaft Bescheid wusste. Silvia sah mich an, in ihrem Blick lag eine Mischung aus Tadel und Betretenheit, doch sie sagte kein Wort. Mein Lebenspartner sprach sehr einfühlsam mit ihr, er zeigte Verständnis für ihre Lage und wies sie mehrere Male auf die Tatsache hin, dass ein Kind, das mit dieser Krankheit geboren wird, heutzutage ein beinahe völlig normales Leben führen kann.
Silvia hörte zu, doch letzten Endes beharrte sie auf ihrem Entschluss, das Kind abzutreiben. Zwei Tage später war Silvia nicht mehr schwanger. Mein Lebenspartner und ich hielten das für einen großen Fehler, doch war sie eine erwachsene Frau, auch wenn ich sie eher als großes Mädchen betrachtete.
Sie besuchte weiterhin das Gymnasium zur vollen Zufriedenheit ihres Klassenvorstands und schloss zwei Schulstufen mit sehr guten Noten ab. Sie wohnte weiterhin in der Einrichtung, ich hatte eine Sonderregelung für sie durchgesetzt, sie lernte und las viel, doch freundete sie sich nicht mit anderen, in der Einrichtung lebenden Mädchen an.
Heute weiß ich, dass sie sehr einsam war.
Ich fragte sie, warum sie mit anderen Mädchen nicht Freundschaft schließen wollte und lud sie hin und wieder zu uns nach Hause zum Abendessen ein. Sie erklärte mir, dass sie fürchtete, ein weiteres Mal an die falschen Freundinnen zu geraten, wie im Fall der beiden Mädchen mit Drogenvergangenheit. Die Einladungen zu uns nach Hause schlug sie aus, ohne einen Grund dafür zu nennen.
Heute glaube ich zu wissen, dass zu diesem Zeitpunkt für sie bereits festgestanden hatte, dass sie ihr Leben beenden würde.
Ich sah ihr die Krankheit, die körperliche, nicht an. Sie nahm ihre Medikamente, wie sie sagte, und hatte sich nicht mehr selbst verletzt. Als ob sie mir beweisen wollte, wie gut sie auf sich achtgegeben hatte, zog sie ihr Sweatshirt vor mir aus, schob die Ärmel des T-Shirts darunter nach oben und sah mich stolz an.
Drei Monate bevor Silvia ihre Reifeprüfung hätte ablegen sollen, riss mich ein mitternächtlicher Anruf aus dem Schlaf. Der Portier der Einrichtung forderte mich mit Beben in der Stimme auf, sofort zu kommen, es wäre etwas Schreckliches passiert. Ich sprang aus dem Bett, zog mich an so schnell ich konnte, gab meinem Lebenspartner einen Kuss und bat ihn, weiterzuschlafen. Dann raste ich zur Einrichtung.
Auf dem Platz vor der Eingangstür standen Polizeiautos und ein Rettungswagen, die Blaulichter abgeschaltet. Der Leiter der Einrichtung, der mit dem Notarzt sprach, ließ diesen stehen und eilte auf mich zu. Er sagte, dass Silvia sich vom Dach der Einrichtung gestürzt hatte. Sie hatte noch einige Sekunden nach dem Aufprall auf dem Asphalt gelebt und dem Portier, der Zeuge ihres Aufschlagens geworden war und sofort zu ihr geeilt war, meinen Vornamen ins Ohr gehaucht.
Meinen Namen. Sonst nichts.
In ihrem Zimmer fand man einen Abschiedsbrief, aus dem hervorging, dass die Leere in ihrem Leben zu groß geworden war, als dass sie sie noch hätte auffüllen oder wenigstens bekämpfen können.
Ihren Eltern war ihr Tod gleichgültig.
Mir nicht. Ich stehe oft an ihrem Grab und frage mich, was sie bewogen hat, ihrem jungen Leben ein Ende zu setzen. Ob ich mehr für sie hätte tun können. Und ob es ihr dort, wo sie jetzt ist, besser oder sogar gut geht. Ich werde es niemals wissen, es nie erfahren. Doch ich werde es bis zu meinem Tod hoffen. (2013)

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