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Donnerstag, 29. September 2016

Ein guter Österreicher




Ich bin ein achtundvierzig Jahre alter Mann und lebe in Österreich. In Wien, um präzise zu sein. Ich arbeite zur Zeit in einer Bar und bilde mich nebenbei weiter. Dabei helfen mir das Fernsehen und meine liebste Tageszeitung sehr. Denn aus diesen beiden Medien erfahre ich, was los ist. Es geht nämlich darum, zwischen den Zeilen zu lesen und den gesprochenen Sätzen zu hören. Mein Vater hat mich das gelehrt.
Mein Vater war überhaupt ein guter Mann. Nach dem Krieg, dort war er erst bei der SA, dann in der SS, hat er in einem Ziegelwerk am Ofen gearbeitet. Doch bald ist ihm diese Arbeit zu schwer geworden und er hat sich eine neue gesucht. Sein Freund, der ehemalige Herr Gauleiter, war ihm dabei sehr behilflich. Er hat ihn in einer Schule untergebracht, als Schulwart. Jeden Tag, wenn er von der Arbeit nach Hause gekommen ist, hat er mir erzählt, was er zu den Schülern gesagt hat. Er hat ihnen oft von seiner Zeit bei der SS erzählt, wie schön es damals war. In einer gut sitzenden Uniform, mit Regeln, die niemand brechen durfte, und wenn sie doch wer gebrochen hat: Peng. Und die Sache war erledigt. Ja, damals hat es noch Zucht und Ordnung gegeben. Jedenfalls, mein Vater hat den jungen Buben von der SS erzählt. Er hat ihnen oft gesagt, wie leid sie ihm tun, dass sie es nicht erleben können, das Gefühl, in der SS zu sein. Er ist auch oft nach der Schule mit ihnen in den Wald gegangen. Er hat nämlich seine Pistole, die er bei der SS bekommen hat, noch gehabt. Im Wald hat er den Buben gezeigt, wie so eine Pistole funktioniert. Er hat ihnen auch beigebracht, wie man sie reinigt und wie man mit ihr schießt. Als Zielscheibe haben sie eine Figur aus Pappe benutzt. Es war die Figur eine Jazz-Musikers, also eines Negers. Mein Vater hat erzählt, dass die Buben schon bald zwischen die Augen des Negers getroffen haben. Wenn sie besonders gut aufgelegt waren, haben sie ein Unfruchtbarkeitsritual abgehalten. Dabei haben sie dem Pappneger zwischen die Beine geschossen. Aus den Buben ist übrigens was geworden. Sie alle sind politisch aktiv, drei von ihnen haben sogar studiert. Die Narben auf ihren Wangen beweisen das. Ich selbst bin politisch nicht aktiv. Ich finde, das sollen andere machen. Ich wähle ohnehin immer dieselbe Partei. Auch mit mir ist mein Vater oft in den Wald gegangen. Dort haben wir meistens Lagerfeuer gemacht. Fast immer haben wir Bücher zum Anzünden verwendet. Es gibt ja so viel aus der Art geschlagene Literatur. Mein Vater hat mir stets eingeimpft, dass ich bloß die Finger von solchen Büchern lassen soll.
Meine Mutter war eine liebe Frau und sie hat sehr gut gekocht. Graupensuppe hat sie besonders gut kochen können. Und erst ihr Kamillentee, ein Gedicht. Eigentlich hat sie sich mit meinem Vater gut verstanden. Wenn sie was ausdiskutieren mussten, ist mein Vater stets mit ihr in den Wald gegangen. Eines Tages ist mein Vater alleine aus dem Wald zurückgekommen. Als ich ihn gefragt habe, wo die Mutter ist, hat er nur gesagt, dass wir von nun an ein Männerhaushalt sind. Ich war damals erst dreizehn Jahre alt und habe nicht weiter nachgefragt.
Ich habe mir in der Schule schwergetan, und so hat mein Vater gesagt, dass ich eine Lehre machen muss. Ich habe dann Maurer gelernt. Einerseits war es schön, ständig im Freien zu sein. Die Bauherren haben immer viel Bier spendiert und ich habe eine schöne braune Farbe bekommen. Aber andererseits, was da alles abgegangen ist, unglaublich. Da waren Türken und Jugoslawen auf der Baustelle. Furchtbar. Vor allem die Türken. Erstens haben sie gestunken und zweitens gestohlen. Ich glaube sie haben gestunken, weil sie ständig Kebab gegessen haben. Ich meine, ich esse sehr gerne Kebab, mindestens drei Stück jede Woche, aber stinken tue ich nicht. Höchstens vom Bier, das ich dazu gerne und reichlich trinke. Einmal hat auf der Baustelle eine Kombizange gefehlt. Ich habe sofort gewusst, wer dafür verantwortlich war. Natürlich die Türken, oder eben einer von ihnen. Ich habe das auch gleich dem Polier gesagt, doch der war der Ansicht, dass einer von den Jugoslawen der Dieb war. Als ich dann in meine Werkzeugkiste geschaut habe, lag die Kombizange drin. Ich vermute, dass einer von den Türken mir die Zange untergeschoben hat. Aber ich bin ja nicht blöd. War ich noch nie. Ich habe die Zange stillschweigend mit nach Hause genommen. Noch heute leistet sie mir gute Dienste.
Als ich ausgelernt war, bin ich zum Bundesheer gegangen. Ich war in einer Jägereinheit als Maschinengewehrschütze eingeteilt. Genau solche Gewehre haben sie im Krieg auch verwendet. Mein Gott, was war ich stolz. Mein Ausbilder war ein sehr guter Mann. Sein Vater war in der SS, so wie meiner. So haben wir bald eine gute Basis für befruchtende Gespräche gehabt. Eines Abends haben sich unsere Väter in einem Gasthaus getroffen. Mein Ausbilder und ich waren auch dabei. Es war ein schöner Abend, mit vielen interessanten Themen, die besprochen wurden. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es in diesem Staat so nicht weitergehen darf. Sonst kommt es eines Tages noch so weit, dass Schwule Lesbierinnen heiraten und dann Babys aus Afrika importieren dürfen. Und das geht gar nicht. Leider habe ich nach meiner schönen Zeit beim Bundesheer den Kontakt zu meinem Ausbilder verloren. Mein Vater hat sich noch ein paarmal mit seinem Vater getroffen, aber leider nicht mehr oft.
Denn die Polizei hat meinen Vater abgeholt. Und dann haben sie ihn ins Gefängnis gesteckt. Sie haben nämlich meine Mutter gefunden. Im Wald, in den mein Vater mit ihr gegangen ist, um ein Problem zu lösen. Sie hat sich wohl mit der SS-Pistole meines Vaters zuerst ins Herz und dann in den Kopf geschossen. Ich weiß nicht, wie es gehen konnte, dass mein Vater seine Pistole trotzdem noch gehabt hat. Jedenfalls hat er sich dann im Gefängnis aufgehängt. Zu seiner Beerdigung sind sehr viele Menschen gekommen. Etliche von ihnen haben mir von meinem Vater erzählt und mich beglückwünscht, weil ich der Sohn eines so schneidigen Gruppenführers bin.
Ich wollte dann nicht mehr als Maurer arbeiten. Mein Vater hat mir ein bisschen Geld hinterlassen. Also bin ich auf eine Reise gegangen, nämlich dorthin, wo mein Geld noch was wert ist, nach Thailand. Dort habe ich Sachen gesehen, unglaublich. Männer aus Europa, die dorthin fliegen, um mit den dortigen Frauen zu schlafen. Das hat mir auch meine Begleiterin erzählt, die mir in den drei Wochen, die ich dort war, ganz Phuket gezeigt hat. Ich habe sie über eine Agentur kennengelernt,  sie war gar nicht teuer, dafür sehr zutraulich. Wahrscheinlich, weil ich das große Paket genommen habe, also auch mit Führung durch die Nacht. Bevor wir ins Bett gegangen sind, haben wir uns das Nachtleben dort angeschaut. Widerlich. Weiße Männer, die mit Asiatinnen ins Bett gehen. Also wirklich, pfui Teufel!
Als ich wieder zurück in Österreich war, bin ich nach Wien gezogen. Dort habe ich eine Frau kennengelernt. Sie ist Afrikanerin, aus Kenia. Es war der klassische Fall. Ich war einsam und hatte Geld in der Tasche, sie war auch einsam und wollte Geld in der Tasche haben. So haben wir uns kennengelernt. Sie hat mir gleich an unserem ersten Abend in dem kleinen Zimmer mit Sprudelwanne erzählt, wie sehr sie ihre Landsleute verabscheut, die Österreicher nur deswegen heiraten, damit sie die Staatsbürgerschaft kriegen. Echt widerlich, so etwas. Und dann hat sie mir gesagt, dass sie mich liebt. Ich habe damals als Türsteher in einer Bar gearbeitet. Die Arbeit hat mir keinen Spaß gemacht. Meine Freundin hat gesagt, dass ihre Arbeit ihr Spaß macht und sie sie weiter ausüben will. Außerdem verdient sie gut. Ich habe dann einen Job in der Bar angenommen, in der sie arbeitet. So habe ich sie stets unter Kontrolle, also, ich kann stets auf sie aufpassen. Vor drei Jahren haben wir geheiratet. Nun rege ich mich jeden Tag auf, weil das mit ihrer Staatsbürgerschaft so lange dauert. Die wollte sie nämlich als Hochzeitsgeschenk haben. Jeden Tag liegt sie mir damit in den Ohren, furchtbar. Ein Kind haben wir auch. Gott sei Dank sieht es aus wie ein heller Milchkaffee. Da haben wohl meine guten Gene durchgeschlagen. Ich mag nämlich keine allzu gut sichtbare Rassenvermischung. Unser Sohn ist sehr gelehrig. Ich fahre oft mit ihm aus der Stadt und in den Wald, wo wir gerne Lagerfeuer machen. Was mich ein bisschen traurig macht ist, dass mein Sohn seinen Großvater nicht kennenlernen kann. Mein Vater hätte bestimmt eine große Freude an einem solchen Enkelsohn gehabt.

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