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Mittwoch, 7. September 2016

Hasso





Hasso war elf Jahre alt, als den Schäferhund das Schicksal vieler Tiere auf dem Land ereilte: er wurde überfahren.
Es war eine neblige Nacht im November, als er eine Straße überquerte und ein Auto mit hoher Geschwindigkeit daherkam.
Da der Hund zum Zeitpunkt seines Todes keinen Herren hatte, wurde nicht um ihn getrauert. Er wurde in das Tierkrematorium der nächsten Stadt gebracht und dort verbrannt.
Wie bereits erwähnt hatte sein Leben elf Jahre gedauert, und zwar elf bewegte Jahre.
Georg Hauser hatte Hasso bei einem Züchter gekauft und ihm seinem einzigen Sohn Peter zum Geburtstag geschenkt. Peter hatte große Freude an dem Welpen und nahm ihn überall hin mit, wo dies möglich war. Zum Missfallen seiner Mutter ließ er ihn in seinem Bett schlafen und allerlei Schabernack durchgehen. Peter wollte mit seinem Hund nämlich keine Hundeschule besuchen, er war der Meinung, dem Tier alles Notwendige selbst beibringen zu können.
Angenagte Schuhe und Tischbeine entschuldigte er vor seinen Eltern mit dem Hinweis auf Hassos Zahnen, mitternächtliches Jaulen mit dem auf den Vollmond und den Tod von Susi, dem Zwergkaninchen der Familie Hauser, erklärte er zu einem Unglücksfall.
Es handelte sich dabei zweifellos um ein Unglück, doch hatte Hasso seinem Jagdglück nachgeholfen. Susi hatte ihn als Eindringling in ihr Territorium angesehen und ihn das spüren lassen. Wann immer sie sich außerhalb ihres Käfigs aufgehalten hatte und sich ihre Wege gekreuzt hatten, hatte sie ihn attackiert und zweimal sogar gebissen.
Eines Tages beschloss Hasso den Spieß umzudrehen und biss seinerseits zu - Susi war Geschichte.
Es war nicht die Handlung des Tötens an sich, die die Veränderung in Hassos Wesen hervorrief, sondern das Gefühl, Macht über Leben und Tod zu besitzen. Sie war es, die das Leben des Schäferhundes von dem Zeitpunkt seines ersten Mordes an führen sollte: Die Macht zu entscheiden.
Er wurde für den Tod des Kaninchens zwar geschimpft, doch blieben weitere Bestrafungmaßnahmen aus, was sein Selbstbewusstsein nur noch steigerte. Ein mächtiger Hund, das war er nun.
Als Hasso drei Jahre alt war, hatte er bereits einige Entscheidungen über Leben oder Tod getroffen.
Es waren drei Katzen, sechs Vögel, darunter ein Papagei, elf Mäuse und acht Wanderratten, die von diesen Entscheidungen betroffen waren - und Hasso hatte sich stets gegen das Leben entschieden. Im Dorf wurden die Kadaver der Katzen dem nächtlichen Treiben eines Fuchses oder Dachses zugeschrieben. Niemand kam auf die Idee, den stets freundlichen Hund der Familie Hauser als Täter in Betracht zu ziehen.
Als Peter Hauser sechzehn Jahre alt war, änderte sie dies.
Er war eine Beziehung mit Maria Gruber eingegangen, die seine Klasse besuchte. Naturgemäß verbrachte er von da an weit mehr Zeit mit dem Mädchen als mit seinem Hund. Hasso wurde erst aus dem Bett seines Besitzers verbannt, und nach drei Wochen warf Peter ihn auf Marias Geheiß aus dem Haus. Hasso war gezwungen, in der Hundehütte hinter dem Haus zu schlafen. Er wusste sehr wohl, dass Maria für seinen Rauswurf verantwortlich war.
Da kein Zaun das Grundstück der Hausers umgab, war es leicht für ihn, dem Mädchen unauffällig zu folgen und sich den Weg einzuprägen, den Maria von ihrem Elternhaus zurücklegen musste, um zu dem ihres Freundes zu gelangen.
Eines warmen Juniabends kam Maria nicht bei Peter an. Ein noch in der Nacht losgeschickter Suchtrupp fand sie im Straßengraben. In ihrer zu einer Faust geballten rechten Hand hielt sie Hassos Hundemarke, fest umklammert noch im Tod.
Hasso war bald als Täter überführt, doch wurde der Tod des Mädchens als Unfall eingestuft, sodass dem Hund die Einschläferung erspart blieb und er bloß in das Tierheim der nächsten Stadt gebracht wurde, wo er sich mit einem gleichaltrigen Schäferrüden einen Zwinger teilen musste - doch nicht für lange.
Eines Morgens lag der zweite Hund tot im Zwinger. Die Leiterin des Tierheims wollte Hasso kastrieren, um ihn anderen Hunden gegenüber verträglicher zu machen, doch bevor sie ihren Plan in die Tat umsetzen konnte, wurde sie von Herta Glawogger angerufen. Diese war eine Frau von vierundsiebzig Jahren, reich, verwitwet und einsam.
Bei einem ihrer zahllosen Besuche im Tierheim hatte sie Hassos treuherzigen Blick bemerkt und beschlossen, ihm ein Zuhause zu geben.
Hasso war glücklich, als der das weitläufige Grundstück, das sein neues Revier war, betrat. Es war ein Park, dem es an nichts fehlte: Ein großer Teich, auf dem einige Enten friedlich umherschwammen, ein der Natur überlassener Teil und eine Gartenlaube, deren Steinboden ihm an heißen Sommertagen Abkühlung verschaffen würde.
Herta, die froh war, einen Gefährten gefunden zu haben, verhätschelte Hasso. Nach etlichen Fehlschlägen hatte sie herausgefunden, was der Hund am liebsten fraß, und dieses Futter bereitete sie ihm jeden Tag frisch zu. Sie unternahmen ausgedehnte Spaziergänge im eigenen Park und auf den Wiesen des Dorfes.
So verbrachte er drei Jahre auf dem Anwesen. Hasso hatte lange Zeit keine Entscheidung mehr getroffen, und die Enten im Park hatten sich an seine Anwesenheit gewöhnt und ihre natürliche Scheu verloren. Als er acht Jahre alt wurde, setzte Herta ihm einen für Hunde genießbaren Geburtstagskuchen vor. Er verstand nicht, aus welchem Grund sich sein Speiseplan so plötzlich geändert hatte, also musste er eine Entscheidung fällen. Er beließ es beim Beschnuppern des Kuchens, rührte ihn ansonsten jedoch nicht an.
Seine Besitzerin geriet darob in Harnisch und versetzte ihm zwei nicht allzu feste Hiebe mit ihrem Spazierstock. Hasso ließ sie über sich ergehen. Als Herta am Morgen des nächsten Tages sämtliche Enten im Park tot vorfand und ihrem Hund einige weitere, nunmehr feste, Schläge verabreichte, geriet dieser seinerseits in Rage in biss sie in den Unterarm.
Sie schrie auf, flüchtete in einen Nebenraum und versperrte die Türe. Zwei Stunden später wagte sie sich wieder heraus. Hasso lag auf dem Sofa und als er sie sah, ging er langsam und mit gesenktem Kopf auf sie zu. Diese unterwürfige Haltung rührte sie und sie verzieh ihm.
Der Hund jedoch hatte seiner Besitzerin die Schläge nicht verziehen. Zwei Tage nachdem er sie gebissen hatte, fiel er sie an. Da sie keine Verwandten und nur wenige Freunde hatte, fand man sie erst elf Tage später.
Hasso war da längst weg.
Er war in einen Wald gelaufen und hatte es in den vierzehn Monaten, die er dort lebte, nicht bloß fertiggebracht, sämtlichen der dreiundzwanzig Projektile, die auf ihn abgefeuert wurden, unverletzt zu entkommen, sondern auch zu einer ungewöhnlich hohen Sterblichkeit unter Rehkitzen und Frischlingen beizutragen.
Als er genug vom Leben im Wald hatte und diesen verließ, gab er ein Bild des Elends ab. Sein Fell war struppig, seine über neun Jahre alten Augen waren zwar wachsam, um Feinde zu erkennen, doch auch müde, und er hinkte, denn sein linker Hinterlauf war verwundet. Eine alte, erfahrene Bache hatte ihm ihre Frischlinge nicht kampflos überlassen wollen.
Er humpelte neben der Landstraße, es war beinahe Mitternacht, da hielt ein grüner Geländewagen neben ihm und Gustav Fröhlich stieg aus. Der Revierförster redete beruhigend auf den verletzten Hund ein und hob ihn, nachdem er ihn einige Minuten lang gestreichelt hatte, behutsam in den Wagen.
In der Praxis des Tierarztes wurde Hasso am nächsten Morgen geröntgt, die Wunde, die ihm das Wildschwein beigebracht hatte, wurde desinfiziert und genäht, und nach ein paar Impfungen wurde er in häusliche Pflege entlassen.
Der Förster päppelte ihn auf, ließ ihn ansonsten jedoch in Frieden. Er wollte dem offensichtlich alten Hund die Zeit geben, die er brauchen würde, um sich an sein neues Heim zu gewöhnen. Mit dem Jagdgefährten seines neuen Herren, einem Weimaraner, kam er einigermaßen gut aus. Es hätte auch keinen Sinn gemacht, sich mit dem dreijährigen Rüden anzulegen - Hasso hätte nur verlieren können.
In seinen letzten zwei Jahren führte er ein ruhiges Leben. Er wurde gut versorgt und konnte ansonsten tun und lassen, was er wollte. Die Vögel, die er ab und zu fing, Eichelhäher und Drosseln, ließ er wieder frei. Er hatte keine Freude mehr am Entscheiden über Leben und Tod.
Mit elf Jahren lief er ein letztes Mal davon. Er wollte noch etwas erleben, fühlte er doch, dass sich sein Dasein dem Ende zuneigte. Der Förster hatte vergessen das Gartentor zu schließen und Hasso war weg.
Er folgte der Landstraße bis er in ein Dorf kam, dessen Geruch ihm vertraut war. Er erkannte die Straßen wieder, auf welchen er in seinen ersten Lebensjahren gelaufen war, und auch die Stelle, an der Maria Gruber geendet hatte. Er trottete ein Stück weiter, als er ein Auto schnell näherkommen hörte und vom Licht der Scheinwerfer erfasst wurde.
Da die Innenbeleuchtung des Wagens ebenfalls eingeschaltet war, konnte Hasso ein letztes Mal in die Augen seines ersten Herren Peter Hauser blicken.

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