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Donnerstag, 8. September 2016

Hubert Smiesls Kunst




Hubert Smiesl wurde am sechzehnten April vor dreiundvierzig Jahren als Sohn von Aloisia und Gustav Smiesl in Hinterklopfing geboren, und zwar als einziges Kind in eine Metzgerdynastie, die über vierhundert Jahre Bestand hatte. Somit war es ihm vom Schicksal in die Wiege gelegt worden, den Fortbestand dieser Dynastie zu sichern, durch das Erlernen des Metzgerhandwerks und das Zeugen zumindest eines Nachkommen, der diesen Beruf ebenfalls ausüben würde.
Hubert hatte eine normale Hinterklopfinger Kindheit, soweit man eine Kindheit in einem derartigen Ort als normal bezeichnen kann. Nachdem er die Grundschule ohne größere Schwierigkeiten absolviert hatte, bis auf insgesamt drei Wiederholungsprüfungen und einmal durchfallen, was bei Kindern aus diesem Ort durchaus üblich ist, trat er auf Wunsch seiner Familie in die örtliche Hauptschule ein.
Hubert hatte eigentlich das Gymnasium im Nachbarort besuchen wollen, denn dieses bot einen bildnerischen Zweig an und er war schon von Kindesbeinen an sehr an Kunst interessiert gewesen. Doch da seine Eltern ihn, als ihr einziges Kind, zur Weiterführung der Metzgerdynastie Smiesl auserkoren hatten, mangels Alternativen natürlich, musste er nun mal auf die Hauptschule.
Dort tat er sich erstaunlich leicht und schloss ohne große schulische Probleme ab. Das einzige, wenn auch geringe, Problem, das er während dieser Zeit hatte, war seine Mitgliedschaft in der berüchtigten Bubenbande ›Die tolldreisten Lauser‹, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, Schabernack zu treiben, wo und wann es nur ging.
Abgesehen von kleineren Delikten wie Apfeldiebstahl, dem Ummontieren von Autokennzeichen und dem Anbau von Hanfpflanzen verhielt sich diese Bande eigentlich recht unauffällig. Bis auf die Episode mit der Katze. Es handelte sich um die geliebte und vielfach prämierte Perserkatze namens ›Muschi‹ von Frau Gramhäuptel, einer alten Frau, deren generelle Bösartigkeit im ganzen Ort gefürchtet war.
Hubert und seine Freunde von den ›Tolldreisten Lausern‹ hatten das Tier in eine Falle, nämlich in eine Transportkiste gelockt und mit Vodka, den sie in die Milch gossen, die sie der Katze anboten, betäubt.
Danach rasierten sie das betäubte Tier gründlich, lediglich die Haare des Kopfes und am Schwanz ließen sie stehen. Dann stellten sie die Kiste mit der rasierten Katze vor Frau Gramhäuptels Haus, klingelten und liefen davon.
Wie durch ein Wunder gewann das Tier keinen der folgenden fünf Schönheitswettbewerbe für Haustiere.
Jeder im Ort wusste natürlich, wer die Katzenrasur zu verantworten hatte, doch niemand verriet die Lauser, zu froh waren alle, dass der bösen Alten ein Streich gespielt worden war.
Nachdem Hubert Smiesl die Hauptschule abgeschlossen hatte, begann er eine Lehre zum Metzger im elterlichen Betrieb. Er stellte sich geschickt an, was keine große Überraschung war, schließlich hatte er seinem Vater, und davor seinem Großvater oftmals bei ihrer Arbeit zugesehen und auch assistiert. Hubert legte die Meisterprüfung mir Bravour ab und übernahm den Familienbetrieb.
Seine Begeisterung für die Kunst hatte in den Jahren seiner Ausbildung jedoch keineswegs abgenommen, vielmehr war sie gewachsen, und so begann er, nur konsequent, diese in seine Arbeit als Fleischer einfließen zu lassen.
Er begann kunstvoll geformte Würste herzustellen, die dem jeweiligen Anlass, zu welchem sie verspeist werden sollten, Rechnung trugen. Als der umtriebigste Junggeselle des Ortes Hochzeit feierte, beauftragte er Hubert Smiesl, eine Wurst aus Wildschweinfleisch zu gestalten, die seinem Naturell entsprechen würde. Und Hubert fertigte eine solche Wurst.
Als dieses wahre Kunstwerk von einer Wildwurst auf der Hochzeitstafel enthüllt wurde, erröteten die anwesenden älteren Damen. Deren Ehemänner blickten neidisch auf dieses Prachtexemplar und die jungen Damen an der Tafel stießen ihre Begleiter an und murmelten, dass diese sich ruhig ein Beispiel an dieser prachtvollen Wurst nehmen könnten.
Einen veritablen Skandal verursachte Hubert, als die überaus gut genährte Frau des Hinterklopfinger Bürgermeisters für das Dorffest, welches anlässlich ihres fünfzigsten Geburtstages abgehalten wurde, von ihm verlangte, ein Kalb so zuzubereiten, dass es als Ganzes auf die Festtafel aufgetragen werden konnte. Es sollte aber ein niedlich aussehendes Tier sein, denn die Frau Bürgermeister wäre ja auch niedlich.
Hubert gab sein Bestes, wählte das niedlichste Kalb zur Schlachtung aus, das er finden konnte, und bereitete es zu. Seine künstlerische Ader jedoch gebot ihm, das Kalb der niedlichen Jubilarin optisch anzupassen, also bedeckte er es mit einem großen weißen Tuch und enthüllte es erst, nachdem das Bürgermeisterpaar und die Ehrengäste an der Festtafel Platz genommen hatten.
Ein Raunen ging durch die Reihen, als sie des Kalbes ansichtig wurden, denn in seinen Ohren steckte Petersilie und in seinem Maul ein Apfel. Die Jubilarin errötete und ihr Ehemann begann loszupoltern und erteilte Hubert Smiesl einen strengen Verweis.
Dieser ließ sich jedoch nicht entmutigen, vielmehr nahm er diesen Tadel als Motivation an, nun erst recht seine große Fleischkunstkarriere in Angriff zu nehmen.
Der örtliche Kindergarten fragte bei ihm an, ob er etwas für dessen Osterfest beisteuern wollte, und er sagte gerne zu. Hubert überlegte lange, was er denn beitragen sollte, dann hatte er die Lösung. Er filetierte einige Kaninchen und ordnete die Filets mit Hilfe von Nadel und Bindfaden so an, dass das ganze wie ein richtiges Kaninchen aussah. Die Leiterin des Kindergartens war entsetzt und wies ihn an, diese Monstrosität, wie sie das Kunstwerk nannte, auf den Müll zu werfen.
Zwei Tage lang war Hubert sehr verletzt, doch dann fasste er neuen Mut und beschloss, sich künftig ganz der Fleischkunst zu widmen.
Er verkaufte den Familienbetrieb und richtete sich ein geräumiges Atelier ein, samt angeschlossenem Kühlraum.
Da der Brite Daniel Hirn zu dieser Zeit große Erfolge mit in Formaldehyd eingelegten Meeresmonstern und Kühen feierte, befand Hubert Smiesl, dass es auch für ihn hoch an der Zeit war, solche Kunst zu erschaffen.
Er besorgte sich einen Hahn aus dem Freigehege des größten örtlichen Bauern und ein Ferkel aus dessen unversperrten Schweinestall. Er schlachtete die beiden Tiere, nahm sie aus und begann mit seiner künstlerischen Arbeit. Die Schwanzfedern des Hahns befestigte er an beiden Flanken des Ferkels, sodass sie wie Strahlen aus diesem ragten und an die Stelle des Rüssels setzte er den Schnabel des Vogels. Dann nahm er des Ferkels Beine ab, verschloss die durch die Abnahme entstandenen Löcher im Torso sorgfältig und befestigte die Beine des Hahns an des Ferkels Unterseite, und zwar hintereinander. Dieses Hybridwesen steckte er auf zwei stählerne Rohre, die an ihren unteren Enden miteinander verbunden waren. Das Ganze stellte er in einen gläsernen Behälter, den er mit Formaldehyd auffüllte.
Er gab seinem ersten echten Kunstwerk den Titel ›Schwarzfeuerferkel‹, dieser sollte dem kundigen Betrachter verdeutlichen, dass es in ruraler Gegend zwar keine Rotfeuerfische geben mochte, sehr wohl aber intelligente Interpretationen dieser Fische, erschaffen von örtlichen Geistesgrößen.
Erst dachte Hubert, sein Kunstwerk hätte eine eigene Ausstellung durchaus verdient, doch dann gelangte er zu der Überzeugung, noch weitere Werke erschaffen zu müssen, ehe die staunenden Hinterklopfinger Eingeborenen an seinem Genie teilhaben konnten.
Für die Erschaffung seines zweiten Meisterwerks fing Hubert nach einem starken Regen einen Feuersalamander, welchen er an Ort und Stelle häutete. Er hielt somit bereits ein Element seines neuen Meisterwerks in Händen, doch trug er sich schwer mit der Frage, welches Tier er noch heranziehen sollte. Er entschied sich für ein Wildschwein, welches er einem befreundeten Jäger aus dessen Kühlkammer entwendete. Die Haut des Salamanders zerteilte er, präzise gesagt entnahm er ihr lediglich die gelben Stellen, die er auf die Haut des zuvor vollständig enthaarten Ebers nähte. Ansonsten ließ er das Wildschwein unangetastet. Über dieses Kunstwerk goss er Epoxidharz, und zwar formte er einen Quader. Er nannte das Werk ›Der Hinterklopfinger kleingefleckte Eberlurch‹.
Die Vernissage im Rüsthaus der örtlichen Feuerwehr, zu der alle Eingeborenen erschienen waren, erwies sich als Desaster. Die Hinterklopfinger zeigten sich fassungslos ob der Tatsache, das einer aus ihrer Mitte, noch dazu der Spross einer alteingesessenen Fleischerdynastie, zu derartiger Kunst imstande war.
Hubert wurde verlacht, doch bloß von wenigen der Besucher seiner Vernissage. Die Mehrzahl der Gäste beschimpfte ihn. Man warf ihm vor, Kunst wider die Natur zu erschaffen, sogar das Wort entartet fiel zweimal.
Hubert lag in der Nacht, die der Ausstellungseröffnung folgte, wach und gekränkt in seinem Bett und überlegte, was nun aus ihm werden sollte, ob er es doch noch irgendwie schaffen könnte, als großer Fleischkünstler in die Geschichte einzugehen.
Gedanken schossen ihm durch den Kopf, Essiggurken aus Fleisch, mit Ölfarbe bemalt, Möbelstücke aus gut abgehangenen Steaks, die der Besitzer nach und nach würde braten können und ähnliche Ideen kamen ihm in den Sinn. Allein, er räumte diesen Konzepten keine wirklich großen Chancen auf dem internationalen Kunstmarkt ein.
Zwei Tage lang grübelte Hubert Smiesl hin und her, wie er doch noch ans Ziel kommen konnte. Er blätterte in unzähligen Bildbänden unzähliger Künstler, aß und trank kaum und schlief schlecht.
Am dritten Tag wollte es das Schicksal, dass ihm ein Bildband eines Spaniers namens Pablo Picasso in die Hände fiel. Da durchfuhr ihn die Erleuchtung wie ein Blitz, beim Betrachten der kubistischen Bilder Picassos.
Er begann, Trockenfleisch in Massen zu produzieren, färbte die Stücke mit verschiedenfarbigen Lebensmittelfarben ein, schnitt sie zu, befestigte sie auf Nirostaplatten und bot sie einer Galerie an. Diese schloss sogleich einen Vertrag mit ihm ab.
Seit diesem Tag ist Hubert Smiesl ein gemachter, sogar steinreicher Mann, denn diese Kunstwerke verkaufen sich millionenfach.
Der Grund hierfür ist ein denkbar einfacher. Wer einen echten Picasso erwirbt, wird es nicht wagen, das Bild abzuändern, ganz gleich wie hässlich es ist, denn es war schlicht zu teuer, um es zu manipulieren. Wer jedoch einen Smiesl kauft und nach einer Weile keinen Gefallen mehr an manchen Details des Kunstwerks findet, beißt einfach hier und dort ein paar Stücke ab und empfindet es hernach wieder als schön.

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