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Mittwoch, 21. September 2016

Ich -PIEP-e auf Piepstöne!



für Lois



Ich, Dr. Igor Kushkurow, wurde vor drei Tagen vom schwarzrussischen Vizeminister für besondere Umstände des Inneren gebeten, ein Abhandlung zum Thema ‘Piepstöne - ihr guter Einfluss oder ihre zerstörerische Wirkung auf das Leben in Schwarzrussland’ zu verfassen.
Nachdem der Vizeminister ein guter Freund meines verehrten Vaters ist, habe ich gerne eingewilligt. Mein Herr Papa und dieser Politiker haben sich vor vielen Jahren, wie man bei uns zu sagen pflegt, gegenseitig die Hände gewaschen.
Meine Familie ist seit Generationen für den Schutz von in Schwarzrussland geschützten Tierarten verantwortlich, sozusagen als Monopolist. Drakan Moshkerow, der heutige Vizeminister, war in seinen jungen Jahren der Beauftragte für die Kontrolle der jagdlichen Aktivitäten in unserem schönen Mutterland.
Eines Tages, so hatte mein Vater erzählt, war Moshkerow im Palast meiner Familie erschienen und hatte sich verwundert gezeigt. Er hatte nicht verstehen können, aus welchem Grund der Bestand des Schwarzrussischen Barschganters von dreitausend Exemplaren auf weniger als vierhundertsiebenundsechzig, also unter die Grenze des Viehbestandsminimums, hatte sinken können, und dies innerhalb zweier Jahre.
Der Barschganter ist ein Wasservogel, einer Gans nicht unähnlich, doch anstelle eines Federkleides ist das Tier beschuppt und außerdem flugunfähig. Es ist zwar strengstens geschützt, jedoch überaus wohlschmeckend.
Der Beauftragte wurde in den Speisesaal meiner Familie geführt und gebeten, doch das Mittagsmahl mit meinem Vater einzunehmen. Er war davon sehr angetan und auf Nachfrage erläuterte Herr Papa, dass es Barschganter in feinster Latour-Sauce gegeben hatte.
Nun war Moshkerow der Verbleib der Vögel kein Rätsel mehr, und nachdem er von meinem Vater über den üblichen Preis für ein Exemplar auf dem Schwarzen Markt in unserer Hauptstadt in Kenntnis gesetzt worden war, waren die beiden rasch handelseins.
Drakan, heute darf ich ihn als meinen Onkel bezeichnen, stieg bald zum Vizeminister für besondere Umstände des Inneren auf. In Schwarzrussland gehen derartige Beförderungen rasch vonstatten, eine entsprechende Barschaft vorausgesetzt.
Onkel Drakan beauftragte mich, wie gesagt, mit der Abhandlung.
Ich halte es für notwendig zu erwähnen, dass ein derartiger Auftrag meiner eigentlichen universitären Ausbildung krass zuwiderläuft, denn ich bin Verhaltens- und Haltungsbiologe. Ich erforsche erst das Verhalten schwarzrussischer Wildtiere in freier Wildbahn, und danach, wie sie sich nach erfolgter Gefangennahme gebärden. Letzteres nimmt sich oftmals höchst grässlich aus.
Vor meines Onkels Auftrag forschte ich zum Thema ‘Der Schwarzrussische Tigerhase und seine gefangenschaftliche Verträglichkeit mit dem Schwarzrussischen Rochenkranich - Fügung oder Unfug?’
Nun, es handelt sich hierbei um Unfug, um einen groben noch dazu.
Der Tigerhase ist ein gut verträgliches Tier - sowohl geschmort als auch mit anderen Tieren. Seine zwei Reihen messerscharfer Zähne setzt es bloß zur Zerkleinerung seiner einzigen Nahrung ein - des Schwarzrussischen Hanfkrebses, eines landgängigen Schalentieres.
Der Rochenkranich hingegen ist eine äußerst hinterhältige und bösartige Kreatur. Dieser dreibeinige Vogel setzt die Schönheit seiner rosafarbigen Kehrseitenbefiederung ebenso gekonnt wie todbringend ein. Erst lockt er ein argloses Tier, wie den Tigerhasen, herbei indem er seine rückwärtigen Federn einladend aufgeplustert präsentiert, um bald darauf den auf ungezwungene Paarung hoffenden und aufgesprungenen Hasen vermittels eines im Federkleid verborgen gehaltenen Stachelschwanzes auf eine Art und Weise zu Tode zu bringen, die ich hier aus Taktgefühl nicht wiedergeben kann.
Doch nun zu meiner Abhandlung.
Wann immer ich mich mit diffizilen Fragestellungen zu beschäftigen habe, bringe ich mich in Tante Paulas Etablissement sowohl in Stellung als auch in Schwung. So war es auch gestern Abend.
Tante Paula kenne ich genau gleich lange, wie ich das Etablissement kenne, welchem sie heute als Besitzerin vorsteht. Es liegt in einer unscheinbaren Straße unserer schönen Hauptstadt, in der etliche einstöckige Häuser stehen. Ein weiteres Stockwerk wäre auch nicht vonnöten, schließlich finden im Obergeschoss vier Zimmer Platz, von welchen eines sogar mit einer Sprudelwanne ausgestattet ist.
Paula, die eigentlich Miroslava heißt, hat mir während meiner Studienzeit an unzähligen Abenden in Wort und Tat erläutert, wie das Wannenwasser zum Sprudeln gebracht wird und wie man es sogar zum Kochen bringen kann.
Nachdem meine Familie reich ist, war es mir oft möglich, meinen Kopf auf diese Weise freizubekommen um mich hernach auf wirklich wichtige Themen versteifen zu können.
Gestern wurde mir in Paulas Häuschen erstmals bewusst, wie sehr schwarzrussische Männer von Piepstönen beeinflusst werden.
Die gute Tante bat ihre Nichte Pauline, mir die Funktionsweise der Sprudelwanne zu erläutern.
Da ich zuvor jedoch ein gut gefülltes Glas Vodka bester schwarzrussischer Provenienz und Permanenz auf Tante Paulas Wohl und meine Kosten hatte leeren müssen, köchelte das Wasser bloß vor sich hin.
Auf einmal ertönte ‘Piep! Piep! Piep!’ und Pauline sprang aus der Wanne und begann sich anzukleiden. Ich verstand die schwarzrussische Welt nicht mehr. Die Nichte meiner lieben Tante wies mich in unerbittlichem Tonfall darauf hin, dass unsere gemeinsame Zeit abgelaufen wäre, sollte ich kein zweites Mal in die Tasche greifen.
Ich griff in meine Tasche, holte mein Mobiltelefon hervor und wählte, während ich grunzte wie ein Schwarzrussischer Bullenbeutler, auf der Wählscheibe die Nummer meiner Tante. Paula kam ins Zimmer und ich befragte sie zu dem mir neuen Sachverhalt.
“Wir gehen mit der Zeit, Igor”, antwortete sie lapidar.
“Was soll das heißen, liebe Tante?”, bat ich um Aufklärung.
“Ich weiß, dass du seit vielen Jahren die Pendeluhr in diesem Raum anhältst, sobald du ihn betrittst.”
“Na und?”
“Ich verstehe ja, dass du weit mehr Zeit benötigst als andere Männer, um das Wasser zum Kochen zu bringen, doch nun musst auch du dich fügen. Eine Stunde ist nun einmal eine Stunde.”
“Und das Piepsen?”
“Das war die Alarmuhr, die ich meiner lieben Nichte”, sie strich Pauline zärtlich übers Haar, “zum Geburtstag geschenkt habe, damit sie nicht unangemessen lange mit dir in der lauwarmen Wanne sitzen muss.”
Ich war sprachlos, also kleidete ich mich an und verließ wortlos Tante Paula Etablissement.
Nie zuvor hatte ich mir Gedanken über Piepstöne gemacht, doch seit gestern Abend stören sie mich.
Niedergeschlagen begab ich mich in meine großzügig angelegte und dank der Großherzigkeit meines Vaters größtbürgerlich möblierte Wohnung und legte mich in meine Badewanne. Ich versuchte das Wasser zum Kochen zu bringen, doch brachte ich dies nicht fertig. Es fehlte mir etwas dazu, vermute ich.
Also setzte ich mich an meinen Schreibtisch und dachte über Piepstöne nach. Plötzlich kam mir die Erkenntnis: schon oft war ich von diesen unnatürlichen Geräuschen heimgesucht worden, und stets zum falschen Zeitpunkt.
Meine erste Studie zur Dokumentation der Bestandsaugmentation von Wildtieren kann in diesem Zusammenhang als exemplarisch bezeichnet werden.
Ich lag auf dem Waldboden und wartete auf ein männliches Exemplar des Schwarzrussischen Steintölpelrudlers. Dieses Wesen ist fürwahr von geringen intellektuellen Kapazitäten, doch macht es diesen Mangel durch seinen unstillbaren Paarungsdrang wett. Ich weiß von Jägern, die diese Kreatur bei der Interaktion mit Steinen beobachtet haben wollen. Auch existieren Berichte, wonach ein einziger männlicher Rudler es mit gleich vier Wollschwanzbären aufgenommen haben soll, um sich hernach mit den gut zwanzig Bärinnen in deren Harems zu paaren.
Ich lag also, meine Kamera im Anschlag, auf dem Boden und plötzlich hörte ich die keuchenden Laute eines sich nähernden Rudlers. Das Wesen stapfte auf die Lichtung und machte sich an einem umgestürzten Baum zu schaffen. Ich hielt die Luft an und filmte die archaische Szene. Dann erblickte es die von mir auf der Lichtung angepflockte Schwarzrussische Eulenziege und begann erneut zu keuchen. Die Augen der Ziege wurden noch größer als sie den Rudler erblickten, der in unzweideutiger Absicht auf sie zukam.
In diesem Augenblick begann meine Kamera zu piepsen, als Zeichen dass der eingelegte Film in einer Minute am Ende seiner Kapazität angelangt sein würde. Der Rudler wandte sich von der Ziege ab und bewegte sich in die Richtung, aus der der Piepston gekommen war, also in meine Richtung.
Panik ergriff mich.
Hätte mich die Kreatur zu fassen gekriegt, wäre es wohl schlecht um mich bestellt gewesen. Ich verfüge über kein Fell und keine robuste Haut, also befand ich mich durchaus in Gefahr, vom Rudler in Besitz genommen und in die Tiefen der schwarzrussischen Wälder verschleppt zu werden, als Waldbraut sozusagen.
Ich warf die Kamera weg und rannte um mein Leben als freier und ungebundener Mann.
Nachdem diese gefährliche Situation in meine Erinnerung zurückgekehrt war, zwang ich mich dazu, an ein schönes Erlebnis zu denken, also dachte ich an meine Großmutter.
Sie war eine echte Schwarzrussin gewesen, von strenger Moral und mit unverrückbaren Prinzipien.
Eines dieser Prinzipien war die strikte Einhaltung von althergebrachten Methoden der Kindeserziehung. Dazu gehörte der Schnaps. “Ein Schnaps vor dem Bett, wirkt Wunder und ist nett”, pflegte diese gute Frau stets zu sagen. Nur konsequent, erhielt ich von meinem zweiten Lebensjahr an jeden Abend eine Tasse, die mit einer warmen, süßen und verführerisch duftenden Flüssigkeit gefüllt war. Bei dieser handelte es sich, wie ich heute weiß, um besten schwarzrussischen Vodka mit einem Volumsprozentgehalt von vierundsiebzig, somit um ein sogenanntes Super-Premiumprodukt.
Meine Frau Oma erwärmte diesen Schnaps auf kleiner Flamme, sodass sich der gute Geist des Alkohols mit der wohltuenden Wirkung des beigefügten Schwarzrussischen Stachelröhrlings verbinden konnte. Diese Mischung verbrachte meinen Körper alsbald in den Zustand der völligen Ruhe, mein Geist jedoch unternahm Reisen auf fremde, von seltsamen Kreaturen bewohnte Planeten und durch weit entfernte Galaxien.
Die Modernisierung der Küche meiner Großmutter bereitete diesen Reisen allerdings ein abruptes Ende. Hatte sie den Trunk anfangs auf einem gemauerten, mit Holz befeuerten Ofen erwärmt, so tat sie dies nach erfolgtem Austausch ihrer Kochstelle auf einer sogenannten Stromheizplatte.
Diese war von schwarzrussischen Experten konstruiert worden, deren Hauptanliegen es war, den Bürgern die Sorge um den richtigen Zeitpunkt zu nehmen, an dem ein Topf oder sonstiges Gebinde vom Feuer genommen zu werden hat. Den richtigen Zeitpunkt machte diese intelligente Platte nach dem Ablauf von vier Minuten deutlich, indem sie einen lauten, oftmals wiederholten Piepston von sich gab. Vier Minuten, das darf ich erklärend hinzufügen, ist die Standardkochzeit in meinem schönen Mutterland. Eine gewöhnliche Speise darf nach vier Minuten auf der Platte als fertiggekocht angesehen werden.
Meine Großmutter hatte meinen Schlummertrunk jedoch stets viel länger auf dem damals noch echten Feuer belassen, somit waren vier Minuten eine bei Weitem zu kurze Zeit. Die Folge war, dass die Wirkung meines Trunkes sich lediglich auf die dem Alkohol zuzuschreibende beschränkte, denn die Wirkstoffe des Stachelröhrlings konnten sich nicht einmal in Ansätzen entfalten.
Vier Jahre lang erwachte ich jeden Morgen schwer verkatert, dann beschloss meine Familie, dass es an der Zeit war, mir eisgekühlten Vodka vor dem Einschlafen zu servieren. Von da an wachte ich nie wieder in schlimmem Zustand auf. Bis heute trinke ich ein gerüttelt Maß an Vodka vor dem Einschlafen, und das tut mir gut.
Meine Gedanken wanderten zurück in die Erinnerungen der letzten Jahre.
Es begab sich, dass sich eine Gruppe Menschen zusammengefunden hatte, alles junge Leute, die schnell Anklang fand bei der Jugend in der schönen schwarzrussischen Hauptstadt. Diese Popularität fußte keineswegs auf der Kunstfertigkeit, mit welcher die Instrumentalisten ihren Klangwerkzeugen, darunter ein Kübel, ein mit Schrauben gefüllter Kochtopf und eine gegen einen Toilettendeckel geschlagene Toilettenbrille, Töne entlockten, als vielmehr auf der gesanglichen Darbietung und der Wortwahl des Sängers.
Der gab nämlich Textzeilen wieder, die selbst bei wohlwollendster Betrachtung als höchst zotig zu bezeichnen waren.
In der Unterbodenbahn wurde ich Zeuge der Darbietung dieser Musikanten. Der Zug befuhr die Strecke Diamant. Das bedeutet, dass es sich um eine Straße an der Oberfläche handelt, in der wirklich reiche Menschen wohnen. Jeder Palast hat seine eigene Haltestelle. Ich muss anmerken, dass meine Familie keinen Palast in der Diamant besitzt. Meine Eltern leben in einem geräumigen Bauwerk inmitten des Stadtparks, welcher ab Mittag von gewöhnlichen Menschen gesäubert wird, sodass meine Verwandtschaft, also meine Eltern und mein Onkel, ungehindert durch den Park flanieren kann.
Jedenfalls hat diese Gruppe ein höchst erotisches Lied offenbar eigens für die Diamant-Strecke komponiert, denn jedes Mal, wenn es im Text unweigerlich zu einer Obszönität gekommen wäre, erklang ein Piepston, um auf eine Palasthaltestelle hinzuweisen.
Wenn ich mit der mir eigenen hohen Sensibilität darüber nachdenke, muss ich feststellen, dass mich diese Piepstöne sehr gestört haben. Bis heute weiß ich nicht gesichert, was es mit den nickenden Fichten auf sich hatte und wie es mit ihnen weitergegangen ist. Ich hoffe doch, dass der im Lied vorgekommene Onkel sich gut um sie gekümmert hat.
Für die Musikanten hoffe ich jedenfalls, dass sie ihre unflätigen Lieder auch für die Rückfahrt eigens komponiert haben, denn auf dieser erklingen die Piepstöne in anderen Abständen als auf der Hinfahrt. In Schwarzrussland wird öffentlich geäußerter Unflat nämlich überaus hart bestraft.
Diese drei schlimmen Erlebnisse haben mich zu Erkenntnis gebracht, dass Piepstöne eine zerstörerische Wirkung haben können.
Nachdem ich mir diesbezüglich aber nicht vollends sicher war, befragte ich meinen Assistenten und Freund Dr. Dmitri Mostsoff zu seinen Erfahrungen mit Piepstönen.
“Igor”, sagte er, “ich leide grässlich unter dieser Art von Tönen.”
“Möchtest du mit mir darüber sprechen?”, fragte ich.
“Nein, das möchte ich nicht”, sagte er bestimmt, also musste ich noch bestimmter mit ihm sprechen.
“Dmitri, weißt du, was ein Schwarzrussischer Borstenkalmar ist?”
Er erschrak und stammelte: “Ja.”
“Weißt du auch, wie sich diese Kreatur geriert?”
“Grässlich”, flüsterte er.
“Dmitri, du kennst doch das Herbstschwimmbecken meiner Familie, oder?”
“Ja, das kenne ich.”
“Weißt du auch, was darin herumschwimmt und gerade sehr hungrig ist?”
“Nein, Igor, das weiß ich nicht”, sagte Dmitri.
“Vier Borstenkalmare!”, fauchte ich.
Dmitri sah mich erst verständnislos an, dann verstand er und erzählte mir von seinem schlimmsten Erlebnis mit einem Piepston.
“Ich war damals siebzehn Jahre alt und saß an diesem Abend schon etwa vier Stunden im ‘Borstigen Seidenbaum’”, begann er.
“Wo hast du gesessen?”, fragte ich nach.
“In meinem damaligen Stammlokal. Ich hatte gut und gerne acht Liter vom besten schwarzrussischen Erdäpfelbrandbier getrunken.”
“Um Mutterlandes willen!”, entfuhr es mir. “Diese Menge würde einen Scherenzahnbärling töten.”
“Das wohl, aber nicht mich! Jedenfalls, die Apparatur zur ausschankseitigen Kontrolle der Konsumation gab seit ich mein sechstes Erdäpfelbrandbier geordert hatte Piepstöne von sich.”
“War das Papier im Inneren der Apparatur zur Neige gegangen?”, folgerte ich ebenso logisch wie fragend.
“Nein, Igor, es war ein Alarmpiepsen. Es bedeutete, dass ich mit der Bestellung des sechsten Liters das dem Lokal von meinem Vater gesetzte Limit erreicht hatte und jeden darüber hinausgehenden aus eigener Tasche bezahlen musste.”
“Lass mich raten, Dmitri: du hattest wie immer kein Geld in der Tasche.”
“Nun.” Dmitri Mostsoff grinste erst, wohl um die Wahrheit meiner These zu bestätigen, dann beschloss er jedoch zum Angriff überzugehen und rief mit gespielter Empörung: “Wie kommst du darauf, dass ich kein Geld in der Tasche habe?”
“Natürlich hast du Geld in der Tasche, Dmitri, und zwar in der linken Außentasche deiner Jacke.”
Er erstarrte.
“Ja ja, mein Guter, du denkst wohl ich habe nicht bemerkt, dass du dir meine Geldbörse angeeignet hast, doch weit gefehlt!”
Er seufzte und legte mein Eigentum auf den Schreibtisch zurück.
“Dmitri”, sagte ich streng, “dein Erlebnis mit dem Piepston, das du mir geschildert hast, lässt mich völlig kalt. Es ist für meine Abhandlung gänzlich unbrauchbar!”
“Mir fällt im Augenblick aber kein anderes ein”, stammelte er.
“Vielleicht in drei Augenblicken”, ermunterte ich ihn. Ich fühlte instinktiv, dass in diesem Fall mehr als nur leichter Nachdruck vonnöten war, also fügte ich hinzu: “In vier Augenblicken ist es jedoch zu spät. Denn dann werden meine Borstenkalmare bereits gefressen haben.”
“Was?”, fragte er. “Was werden sie gefressen haben?”
Ich beugte mich in seine Richtung vor, sah ihm fest in die Augen und sagte mit der mir manchmal eigenen Grabeskälte in meiner Stimme: “Die Frage ist nicht was, Dmitri. Die Frage ist: wen werden sie aufgefressen haben?”
Er schluckte. Ich trommelte mit meinen Fingern auf die Tischplatte.
“Nun”, begann er zu sprechen. Zu schwitzen begann er ebenfalls.
Ich erkannte die Not, in der Dmitri sich befand, und wollte ihm helfen. Da ich auch ein großer Dichter bin, nämlich der erste und bislang einzige Preisträger des von meiner Familie ausgelobten Jährlichen Schwarzrussischen Literaturpreises, fiel es mir leicht, ein aufmunterndes Gedicht zu formulieren:
“Der Kalmar frisst den kleinen Wicht,
übrig bleibt kein Knochen nicht.
Er frisst des Deppen Haut und Haar,
und dann auch dessen Kinderschar.”
Dmitri Mostsoffs Körper geriet in Wallung und seine Zunge löste sich.
“Es war so, Igor”, setzte er an. “Ich war in meinen jungen Jahren ein großer Knieschlaufenballer.”
“Das ist mir bekannt, Dmitri.”
Es stimmte, er war im Knieschlaufenballspiel wirklich gut gewesen. Dies ist eine, man darf es so sagen, sportliche Spezialität in Schwarzrussland.
Hierbei trägt der Spieler einen mit Wasser gefüllten Beutel aus der Haut des Tundrapinguins, den Ball, an einer einem Galgenstrick nicht unähnlichen Schlinge um sein linkes Knie und muss versuchen, drei beinahe verdursteten Schwarzrussischen Wasserbären zu entkommen. Die Bären können das Wasser im Ball riechen und wollen es sich naturgemäß einverleiben. Rettet sich der Spieler in einen Käfig, so hat er gewonnen. Üblicherweise wird dann nach etwa dreißig Minuten in die Arena “Hurra! Die Bären sind tot!” gerufen und der Spieler verlässt den Käfig als glorreicher Held. Die inzwischen verdursteten Wasserbären werden vor der Arena gegrillt.
Verliert der Spieler jedoch, so ist ihm nicht bloß der Tod gewiss, denn die Bären neigen dazu, bei dieser Gelegenheit auch gleich ihren Hunger zu stillen, sondern auch ewige Schande, die sich auch über die nachfolgende Generation der Familie des Glücklosen ergießt.
Dmitri Mostsoff hatte sechs Spiele gewonnen und danach seinen Knieschlaufenball an die Schraube gehängt.
“Es war gerade verkündet worden dass die Bären tot waren, und ich wartete auf den Piepston, der mir das Signal zum  Verlassen des Käfigs hätte sein sollen.” Er machte eine Pause.
“Und”, fragte ich, “wie ging es weiter?”
“Nun”, seufzte er, “der Piepston kam einfach nicht.”
“Wie konnte das geschehen?”
“Es war wohl eine Fehlfunktion. Jedenfalls wurde das Flutlicht in der Arena abgeschaltet und ich musste die Nacht im Käfig verbringen.”
“Warum wurde das Licht abgeschaltet?”
“Ich war der letzte Spieler an diesem Abend, und nach dem letzten wird es finster. So ist das eben.”
“Warum hast du den Käfig nicht einfach verlassen?”, fragte ich, der ich die Sachlage einfach nicht begreifen konnte.
Dmitri sah mich mit einem unschuldigen Blick an, der jedem Knaben zur Straflosigkeit gereicht hätte, und sagte: “Weil kein Piepston gekommen ist.”
Ich war sprachlos.
Nachdem ich die Sprache wiedergefunden hatte, konnte ich nichts anderes machen als Dmitri Mostsoffs Worte zu wiederholen: “Es ist eben so: dem Letzten wird es finster.”
Dann seufzte ich und ließ meinen Assistenten und Freund wegtreten.
Ich beschloss, Dmitris negative Erlebnisse nicht in meine Abhandlung einfließen zu lassen. Mein Onkel Vizeminister hätte sich unweigerlich auf seinen Kopf gegriffen und mir wohl auf meinen geschlagen, hätte er erfahren, mit welchen Leuten ich mich umgebe.
Da ich jedoch noch eine Episode hinsichtlich der Piepstöne benötigte, um meiner Abhandlung ein gewisses Maß an Würze zu verleihen, sah ich mich gezwungen, mich auf meine eigene bisherige Existenz zurückzuwerfen.
Ich begab mich in mein Archiv und sah mir die Videofilme an, die mich selbst zum Inhalt haben. Ich war nämlich sehr oft im Staatlichen Schwarzrussischen Fernsehen aufgetreten, um meine Expertenmeinung zu wichtigen Themen darzulegen. Diese Videoaufnahmen haben den für meine Abhandlung letztlich enormen Vorteil, nicht bloß das zu beinhalten, was tatsächlich ausgestrahlt wurde, sondern auch viele Stunden Material davon, was sich hinter den Kulissen zugetragen hat.
Einmal sollte ich zum Thema ‘Die Schwarzrussische Elsterschlange in gemeinsamer bodennaher Haltung mit dem Schwarzrussischen Weißgescheckten Blaufellmull - erbaulich oder grauenhaft?’ sprechen.
Erbaulich waren die Ergebnisse meiner Versuche keineswegs ausgefallen. Die Elsterschlange, ein für gewöhnlich nicht nur aggressives und diebisches, sondern auch überaus gefräßiges Wesen, hatte offensichtlich Gefallen an den Mullen gefunden, was dazu geführt hatte, dass der weibliche Mull nach kurzer Zeit Kreaturen auf die schöne schwarzrussische Erde warf, die bloß als ‘nun wirklich nicht von dieser Welt’ zu bezeichnen waren. Doch zurück zu dem, was sich im Fernsehstudio abgespielt hat.
Rosalunska Behawitsch war die Vizeassistentin des Aufnahmeleiters der Sendung ‘Schwarzrussland weiß!’, in welcher ich meine Expertise kundtun sollte. Sie war, nun ja, ausnehmend attraktiv und ich zu diesem Zeitpunkt, oh ja, alleinstehend und dank einer großzügigen Spende meiner Familie, wirklich wahr, nicht darauf angewiesen auf meine Ausgaben achtzugeben, während sie sich, für mich wunderbar, in Geldnöten befand.
Nachdem sie mich in einem separierten Raum, der eher ein Kämmerchen war, ausgiebig geschminkt hatte, entblößte sie sich vor mir und durfte mich, etwa dreißig Minuten nachdem wir das Finanzielle geklärt hatten, ein zweites Mal schminken.
Wir gingen Hand in Hand, dafür hatte ich schließlich auch bezahlt, in das Studio und unterhielten uns, nunmehr gelöst.
Ich war zuvor instruiert worden, dass die Sendung nach dem dritte Piepston direkt übertragen werden würde, doch nachdem ich im Kämmerchen nicht nur Geld, sondern auch ein gewisses Quantum Aufmerksamkeit gelassen hatte, unterlief mir das Missgeschick, den dritten Piepston zu überhören.
“Dr. Kushkurow, wie werden sie mich in Erinnerung behalten?”, fragte Rosalunska.
Nach diesen Worten ertönte das dritte, von mir überhörte, Piepsen und wir waren auf Sendung. Das Mikrofon am Revers meiner Jacke war eingeschaltet und der Moderator begann mit folgenden Worten: “Dr. Igor Kushkurow, ich freue mich, sie heute-”
Da unterbrach ich, der ich noch gar nicht im Bild war, ihn ungewollt mit: “Du bist mein Kopulationsfröschchen.”
Ich lachte schallend, als ich das auf Video sah.
Der Moderator stockte, dann versuchte er, die Szene mit Humor zu retten: “Ich freue mich, dass wir einander bereits so vertraut sind.”
Ich überhörte seinen Satz, doch nicht aus Bosheit, vielmehr lauschte ich der nächsten Frage von Fräulein Behawitsch: “Wissen sie, Herr Doktor, wie sie mir in Erinnerung bleiben werden?”
Ich antwortete: “Aber sicher doch, ich bin deine Mammutbuche.”
Die Kamera wurde auf meine in der ersten Reihe im Publikum sitzende liebe Frau Mama gerichtet, deren erst stolzgeschwellte Brust einem Hähnchenbrüstchen wich und deren zuvor blasses Antlitz einen hahnenkammfarbigen Teint annahm. Außerdem begann sie, zwar nicht hörbar, dafür aber umso deutlicher sichtbar, zu schnauben.
Der Moderator wurde ärgerlich.
“Dr. Kushkurow, ich weise sie darauf hin, dass sie viel Geld dafür erhalten, dass sie heute hier bei uns im Studio sind.”
Wieder hörte ich nicht ihn, sondern bloß Rosalunskas Frage, die sie in mein Ohr und somit in mein Mikrofon hauchte: “Herr Doktor, werden sie mir ein zweites Mal mit Geld aushelfen?”
Ich antwortete: “Hehe, bei der Gegenleistung, die ich von dir für das Geld erhalte, werde ich dir in den nächsten acht Nächten näherbringen, wo der Riesenbonsai wächst. Meine Alten haben mir gerade eine Masse Geld gegeben.”
Wieder war meine Mutter zu sehen. Sie kramte aufgeregt in ihrer Handtasche und ich vermute, dass sie nach ihrer Pistole, und nicht nach einem Gebetsbuch suchte.
An dieser Stelle endet die Aufzeichnung.
Die Sendung wurde am nächsten Tag direkt ausgestrahlt, als Begründung für die Verlegung wurde eine Unpässlichkeit des Moderators angeführt.
Nachdem ich mir diese Erlebnisse ins Gedächtnis gerufen habe, fällt es mir nun leicht, einen Titel für meine Abhandlung zu finden.




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