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Mittwoch, 21. September 2016

Namensklausur





Ich, mein Name ist Dr. Igor Kushkurow, bin Professor für Vergleichende respektive Optimierende Präzisierung von für die schwarzrussische Bevölkerung wichtigen Termini an der Staatlichen Schwarzrussischen Universität. Um präzise zu sein bin ich nicht geeignet, auf diesem Lehrstuhl zu sitzen, denn von meiner Ausbildung her bin ich Biologe. Ich habe eine in ganz Schwarzrussland viel beachtete Dissertation verfasst, die sogar als Buch erschienen ist und ein großer Bestseller wurde. Das Thema meiner Dissertation, welches natürlich, in Schwarzrussland ist das üblich, auch der Titel meines Bestsellers ist, lautete: ‘Der Schwarzrussische Mönchsfalke als gefährlicher Eindringling in geschützte Habitate des Schwarzrussischen Habitsperbers. Ursache, Folgen und Abhilfe.’
Ich darf dieses wirklich große Problem kurz erläutern: Der Schwarzrussische Mönchsfalke, seinen Namen trägt er ob der Tonsur auf seinem Kopf, denn dieser ist spärlich befiedert, bis auf einen Kranz aus Federn eben, ist ein fürwahr grässliches Wesen, welches bevorzugt große Beutetiere schlägt, wie beispielsweise den Schwarzrussischen Termitentiger, eine an sich harmlose Kreatur, bloß für Termiten nicht. Nun verhält es sich so, dass der Habitsperber, seinen Namen verdankt er seinem Federkleid, das der Kutte eines Mönchs nicht unähnlich sieht, sich vorzugsweise von den Kadavern der Termitentiger ernährt. Ein Mönchsfalke, seinem schier unstillbaren Jagddurst folgend, schlägt jeden Tag zumindest acht Termitentiger, verspeist von diesen allerdings höchstens drei Stück. Die Konsequenz daraus ist, dass unnatürlich viele Kadaver anfallen, die von den Sperbern verzehrt werden, die in streng geschützten Gebieten leben, zu welchen die Falken eigentlich keinen Zutritt haben. Eine zeitlang gab es gehäuft Sichtungen von über die Maßen wohlgenährten Sperbern, die, Hühnern gleich, unfähig waren, sich in die Lüfte zu erheben. Als Ursache dieses Übels konnte ich die hohe Intelligenz der Falken ausmachen, die dahintergekommen waren, dass sich die Termitentiger bevorzugt in den Gebieten der Sperber aufhalten, denn dort werden sie von diesen erst nach Eintritt des natürlichen Todes verzehrt. Als Abhilfe standen mir zwei Möglichkeiten zur Wahl. Der Abschuss der Falken oder die Ansiedlung von Schwarzrussischen Bergschnabelsichlern, eine Art großer Adler, der sich hauptsächlich von Mönchsfalken ernährt. Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit und hatte Erfolg. Die Falken suchten alsbald das Weite. Wie sich die Ansiedlung der Sichler allerdings auf die Population der Schwarzrussischen Rotaugigen Melonenotter auswirken wird, weiß ich offen gestanden noch nicht. Das wird die Zukunft zeigen.
Jedenfalls, der Vizeminister für Bildung trat an mich heran und bat mich, auf dem Lehrstuhl, den ich nun innehabe, Platz zu nehmen. Er sagte, er wäre der Ansicht, dass ich am besten für diese schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe geeignet sei. Ich weiß bis heute nicht, wie ich zu dieser fürwahr großen Ehre gekommen bin. Was ich jedoch weiß ist, dass mein Vetter Dmitri Soffgaroft ein guter Freund des Vizeministers ist. Die beiden spielen jeden zweiten Tag Karten. Ich weiß natürlich, dass Vetter Dmitri weit besser spielt als der Vizeminister, glaube aber nicht, dass meine Berufung etwas mit diesem Umstand zu tun hat.
Um meine Tätigkeit simpel zu erklären: ich erfinde Namen für Menschen, Tiere, Objekte und Handlungen, die für die schwarzrussische Bevölkerung wichtig oder zumindest einigermaßen relevant sind. Ich verrichte diese schwere Arbeit in einem abgedunkelten und von Geräuschen, bis auf meine eigenen natürlich, völlig befreiten Raum, den ich meine Klause zu nennen pflege.
Mein erster Auftrag lautete, einen Terminus für Frauen zu finden, die nach Schwarzrussland kommen, um sich in diesem wundervollen Land mit Männern einzulassen. Ich spreche jedoch keineswegs von etwaigen Heiratsabsichten dieser Frauen, oder gar davon, dass diese Frauen die Männer, mit welchen sie sich einlassen, darum bitten, ihnen bei der Erlangung einer als geregelt zu bezeichnenden Tätigkeit behilflich zu sein. Vielmehr ist es so, dass sich diese Frauen mit Männern, oftmals sogar mit mehreren (sic!) an nur einem (sic!) Tag treffen, um gegen Barzahlung die Handlung des Sex zu vollziehen. Ich war sprachlos. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass es solche Frauen gibt. Jedenfalls hatte ich einen Terminus für sie zu finden. Ich begab mich für drei Wochen in meine Klause und dachte nach. Ich analysierte das Verhalten dieser Frauen gründlich, und danach hatte ich den korrekten Terminus für sie gefunden. Ich nannte sie ‘rapide Horizontalrohr-Gabelschnellgestelle’. Heute spricht man kurz von ‘Gabelschnellgestellen’.
Der Vizeminister trat mit einem innerfamiliären Problem an mich heran, welches er als überaus heikel bezeichnete. Er hatte seinen fünfzehnjährigen Sohn ertappt, als dieser, anstatt zu lernen, seinen schwarzrussischen Mannesstab in rhythmischen Bewegungen schüttelte. Ich erkannte, wie heikel die Angelegenheit war und dass mein Terminus keinesfalls Rückschlüsse auf des Vizeministers Sohn zulassen durfte. Ich schloss mich in meine Klause ein und dachte nach. Versuchsweise, nachdem ich diese Handlung nie zuvor ausgeführt hatte, schüttelte ich meinen Mannesstab. Ich muss zugeben, dass mir dieses Schütteln Freude bereitete, sogar große Freude. Nachdem ich fertiggeschüttelt hatte, rief ich, noch im Feuer der eben erlebten Freude lodernd, den Vizeminister an und teilte ihm mit, dass die Handlung seines Sohnes eine durchaus freudvolle wäre, die er unbedingt an sich selbst ausprobieren müsste. Der Vizeminister wurde grässlich böse und drohte sogar, mich Schwarzrussischen Grünzahnbären zum Fraß vorzuwerfen, sollte ich nicht innerhalb der nächsten sechs Tage einen geeigneten Terminus gefunden haben. Ich begab mich wieder in meine Klause und fuhr mit den Selbstversuchen fort. Am vierten Tag stellte ich erschrocken fest, dass ich bereits drei Tage der mir vielleicht noch verbleibenden Lebenszeit verschüttelt hatte. Also hörte ich mit dem Schütteln auf und fing zu denken an. Am sechsten Tag kam ich, nachdem ich weiß, dass junge Menschen wenig Wert auf gepflegtes Schuhwerk legen, auf den Terminus ‘infantile Handlung als Ersatz für das Polieren von Schuhen’. Der Vizeminister war zufrieden, doch der Bevölkerung war mein Terminus zu lang. Diese spricht heute von ‘wichseln’.
Dann musste ich einen Terminus für eine wahrlich bestialische Spezies finden. Der zweite Vizeminister für die Fischerei besuchte mich in meinem Büro und stellte ein gläsernes Behältnis auf meinen Schreibtisch, worin sich ein lebender Fisch befand. Der Mann klärte mich auf, dass es sich bei diesem Fisch um eine, trotz seines harmlos erscheinenden Äußeren, reißende Bestie handelte, die sämtliche Fische in und Wasservögel auf einem Teich binnen weniger Tage vom Leben zum Tod befördern konnte. Ich versprach, mich der Sache anzunehmen. Und in der Tat, die Bestie war grässlich, und sie ist es immer noch. Äußerlich gleicht sie einem gewöhnlichen Schwarzrussischen Steppenkarpfen, der ein harmloser Pflanzenfresser ist, doch besitzt diese Kreatur drei Reihen messerscharfer dreieckiger Zähne, sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer. Ich setzte, um die Gefährlichkeit der Kreatur präzise einordnen zu können, einen Steppenkarpfen in das Aquarium. Die Bestie stürzte sich sogleich auf den ebenso harmlosen wie zur Gegenwehr unfähigen Fisch und tötete diesen auf eine Art und Weise, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Um ganz sicher zu gehen, setzte ich einen Vogel, einen Schwarzrussischen Moorhakenschnäbling, auf die Wasseroberfläche. Der Vogel wurde von der Kreatur unter Wasser gezogen, woraufhin ich die Augen schloss. Ich nehme an, dass das Schauspiel, welches dann folgte, höchst grässlich war, denn vom Vogel blieb lediglich der Schnabel übrig. Um die Bestie näher untersuchen zu können, schöpfte ich vorsichtig das Wasser ab, was sie zeitnah verenden ließ. Ich sezierte den Fisch, doch konnte ich, bis auf das Gebiss und rotglühende Augen keine Abnormitäten feststellen. Ich betrat die Klause um nachzudenken, und bereits nach vier Stunden wusste ich, welchen Namen das Untier tragen müsste, nämlich ‘Schwarzrussischer Wolfszahnkarpfen’. Der zweite Vizeminister war hoch erfreut und zeigte sich vermittels eines Ordens erkenntlich.
Der Minister für die Verteidigung von Boden, Luft und Wasser rief mich gestern an und bot mir einen Lehrstuhl an. Ich weiß noch nicht, was ich lehren werde, noch nicht einmal, ob ich eine Klasse werde unterrichten dürfen, denn im Augenblick darf ich niemanden unterrichten, doch freue ich mich sehr auf diese große Herausforderung. Der Minister, mein Vetter Dmitri spielt auch mit ihm Karten, meinte, er wolle meinem Vetter einen Gefallen erweisen. Eine Assistentin würde ich auch zur Seite gestellt bekommen, versprach er. Ich teilte ihm mit, dass ich zuvor jedoch noch einen korrekten Terminus entwickeln müsste, denn zehn Minuten vor unserem Telefonat hatte mich der Vizesekretär des Ministers für Pflanzliche Belange kontaktiert.
Er hatte mir, reichlich aufgebracht, von einer eingeschleppten Pflanzenart erzählt, die die schwarzrussischen Männer verrückt machen würde. Dieses Gewächs, klärte er mich auf, bildet keine Früchte im herkömmlichen Sinne aus. Vielmehr bildet es blaue Beeren in Trapezform aus, deren Einnahme einen Mann zwar nicht tötet, ihn jedoch in eine reißende Bestie verwandelt. Die schwarzrussischen Frauen leiden besonders unter dem Verhalten der Männer, nachdem diese die Beeren eingenommen haben. Er empfahl mir dringend, die Wirkung dieser Beeren im Selbstversuch zu erproben, jedoch keinesfalls alleine in meiner Klause, sondern unbedingt im Beisein einer, wie er meinte, möglichst attraktiven und jungen Frau. Da meine Ehefrau diese beiden Kriterien seit gut zwei Jahrzehnten nicht mehr erfüllt, habe ich eine Studentin des Instituts für Angewandten Feminismus angefordert. Sie ist, das darf ich sagen, jung und überaus attraktiv und wird mir bei diesem Selbstversuch sicherlich gerne zur Hand gehen. Ich freue mich über alle Maßen auf diesen Versuch.

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