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Samstag, 24. September 2016

Noch jung





»Ja, ich weiß es. Das war eine schlechte Idee.«
Er versuchte zu lächeln, doch die Schmerzen in seinem Rücken erlaubten ihm lediglich, zu grimassieren.
Am Vorabend war Michael, so hieß der Trinker, auf der Bar seines Stammlokals eingeschlafen und mitsamt dem Barhocker auf dem Boden aufgeschlagen. Dies war ihm nicht zum ersten Mal widerfahren - Gott bewahre! - in den beinahe einundzwanzig Jahren seiner zweifelhaften Karriere als Trinker - was heißt: Säufer - hatte er es oftmals fertiggebracht, ebenso ungewollt wie unsanft auf dem Boden zu liegen zu kommen.
›Das war wirklich unnötig‹, dachte er.
»Du weißt, was hätte geschehen können, oder?«, meinte Milorad, der Stammgast im selben Restaurant war, das Michael jeden Tag aufsuchte, um zu schreiben, zu trinken und ab und an auch zu essen, kurz, um der Einsamkeit zu entfliehen.
Mit einer knappen Geste veranschaulichte Milorad ihm den Abstand zwischen der Stelle, an der Michaels Kopf den steinernen Boden berührt hatte, und den beiden Kanten des Fußlaufs einerseits und andererseits den Oberkanten der Bierfässer, die in der Fensternische lagerten.
»Weißt Du, Michael, Du bist noch jung«, fuhr er fort.
›Ja, das stimmt. Ich bin noch jung. Und frei‹, dachte Michael. ›Vor allem frei. Das ist das schönste Gefühl, das ich in den letzten drei Jahren gehabt habe.‹
Michael hatte es fertiggebracht, über eine Frau hinwegzukommen. Nicht dass diese Frau, objektiven Kriterien nach, als die schönste Frau der Welt zu bezeichnen war, auch entbehrte sie jeglicher Tiefsinnigkeit, und dennoch war er über Jahre hinweg in sie verliebt gewesen, hatte sie sogar als seine Traumfrau bezeichnet und zwei Romane verfasst, in welchen sie tragende Rollen spielte.
Den ersten der beiden Romane hatte er geschrieben, um sie für sich zu gewinnen, sozusagen als Liebesbeweis, dem jedoch der gewünschte Erfolg versagt geblieben war.
Der zweite Langtext war eineinhalb Jahre nach dem ersten entstanden. Er war Michaels Versuch, die Frau dazu zu bewegen, ihm ein abschließendes Gespräch zu gewähren, doch sie ignorierte seinen Wunsch über Monate, was Michael zu der Überzeugung brachte, sich in eine wenig tiefsinnige, also oberflächliche, Frau verliebt zu haben.
»Es macht einen großen Unterschied, ob Du dir im Alter von achtzig Jahren das Genick brichst, oder ob Du das mit deinen siebenunddreißig Jahren schaffst.«
›Das stimmt‹, dachte Michael.
»Wenn Du mit achtzig einen tödlichen Unfall in Deinem Stammlokal erleidest, kann man sagen: ›Das passt schon so. Er ist wenigstens so gestorben, wie er gelebt hat.‹ Aber Du bist einfach noch zu jung für den Tod.«
Trotz der starken Schmerzen in seinem linken Lungenflügel, die ihm das Lachen bereitete, so wie auch das Niesen und Husten, lachte Michael. Dieses Mal ignorierte er den Schmerz, denn etwas hatte sich in ihm ausgebreitet.
Wenige Tage vor seinem Missgeschick hatte es angefangen, sich in ihm auszubreiten, wie das unterirdische Geflecht von Pilzen. Es war dieses spezielle Gefühl, das er zum letzten Mal vor vielen Jahren gehabt hatte.
Eine Frau hatte sein Interesse am weiblichen Geschlecht wieder erwachen lassen, und zwar nicht bloß auf geschlechtlicher Ebene. Man darf es ruhig so formulieren: Michael hatte sich verknallt, bevor er auf den Boden geknallt war.
›Nie hätte ich mir träumen lassen, dass sich dieses Gefühl noch einmal einstellen würde‹, dachte er. ›Nun ist es aber tatsächlich so, dass die schwarzen Wölfe vertrieben wurden.‹
Und sie waren in der Tat vertrieben worden, und zwar von den einzigen Wesen, die schwarze Wölfe, mögen diese auch noch so groß und blutdurstig sein, vertreiben können, nämlich von Schmetterlingen.
»Du hast recht, Milorad«, sagte Michael. »Ich werde meine Trinkerei einschränken. So etwas soll mir nicht noch einmal passieren. Außerdem habe ich jetzt einen Grund, weniger zu trinken.«
Milorad ging nicht auf den letzten Satz ein. Er sagte: »Ein großes Bier für jede Halbzeit muss reichen. Es ist nicht notwendig, jeden Abend zehn große Biere zu trinken.«
›Sie weiß noch nichts davon, dass ich dabei bin, mich in sie zu verlieben‹, dachte Michael. ›Ich sollte es ihr sagen, schließlich habe ich nichts zu verlieren. Und wenn sie mich abweist, dann werde ich bestimmt nicht wieder in ein solches Loch fallen wie damals. Außerdem ist sie bei Weitem tiefsinniger als die andere Frau. Und viel attraktiver. Und ich habe nun endlich einen Grund, das Trinken einzuschränken.‹
»Weißt Du, Michael, ich habe früher, als ich jung war, auch viel getrunken. Wenn man jung ist, geht das. Aber irgendwann ist es an der Zeit, die Finger von zu viel Alkohol zu lassen.«
›Dieser Zeitpunkt ist nun eingetroffen.‹
»Ich gelobe Besserung, Milorad.«
»Du weißt, dass Du großes Glück gehabt hast, Michael.«
»Ja.«
»Dieses Mal hast Du Glück gehabt. Noch.«
»Ich weiß, dass die Verletzungen, die ich mir zugezogen habe, harmlos sind im Vergleich zu dem, was hätte passieren können.«
»Das nächste Mal kommst Du vielleicht nicht so glimpflich davon. Niemand hat oft so großes Glück in seinem Leben.«
›Ich werde ihr von meinen Gefühlen erzählen. Vielleicht habe ich wenigstens einmal in meinem Leben das Glück, eine Frau für mich zu gewinnen, die mich wirklich interessiert.‹
»Nicht allzu oft, Milorad, stimmt.«
»Mir ist es ja egal, Michael. Du bist alt und intelligent genug zu wissen, was Du trinkst und wie viel. Es ist nur so, dass es schade um Dich wäre.«
»›Der Schriftsteller als exemplarischer Alkoholiker‹ ist zwar ein schönes Bild, doch ist das Trinken eine fürchterliche Angewohnheit. Vor allem in den Kategorien, in welchen ich es betreibe.«
»Wie gesagt, ich habe früher auch viel getrunken. Aber so viel wie Du trinkst, Michael, das ist nicht mehr normal.«
»Du hast ja recht, Milorad. Ich werde es einschränken.«
›Das mag ich am allerliebsten: wenn mich jemand aus meinem Umfeld, jemand, den ich beinahe jede Nacht am Tresen treffe, auf mein Trinkverhalten anspricht‹, dachte Michael. ›Milorad meint es natürlich gut, doch bin ich kein kleiner Bub mehr, dem man ins Gewissen reden muss.‹
Und so kam es, dass sich Michael ein weiteres Mal vornahm, weniger zu trinken und wieder mehr zu schreiben.

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