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Donnerstag, 22. September 2016

Sechs wirklich ernste Angelegenheiten





Edeltraud D., 47, Landwirtin

Ach, Franz, was soll ich sagen? Es tut mir schon irgendwie leid, dass ich Dich habe sitzen lassen. Es war sicherlich nicht sehr fair von mir, so mir nichts, dir nichts zu Gustav zu wechseln, doch es war einfach notwendig. Das musst Du doch einsehen! Ich hätte es Dir natürlich schon vorher sagen sollen, und Dich nicht vor vollendete Tatsachen und gepackte Koffer stellen sollen, so hättest Du wenigstens Zeit gehabt, Dir auf einem anderen Hof eine Stelle als Knecht zu suchen, aber so war es halt. Weißt Du, der Gustav ist nicht so fesch wie Du, aber seiner funktioniert wenigstens. Und ich habe halt Ersatz gebraucht. So etwas habe ich mir halt nicht alleine besorgen können. Deiner hat ja schon lange nicht mehr funktioniert. Nicht so richtig halt. Da ist der vom Gustav viel besser. Wie der anschiebt! Ein Traum, sage ich Dir. Und außerdem ist er ein gutes Stück länger als Deiner. Wenn ich auf dem vom Gustav sitze, also da werde ich so richtig durchgerattert! Der gibt halt richtig Impuls. Außerdem ist der vom Gustav viel schöner als Deiner. Und riechen tut er auch besser, noch nicht so verbraucht eben. Ach Franz, ich konnte gar nicht anders, als mich mit dem Gustav einzulassen. Wie du weißt, habe ich dreiundfünfzig Hektar Ackerland zu bestellen. Und dafür habe ich einfach einen neuen Traktor gebraucht!
Mach es gut. Edeltraud.



Johannes N., 43, Pfarrer

Mein lieber Josef! Ich weiß, Du bist sehr böse auf mich, und ich gebe zu, dass ich mich Dir gegenüber falsch verhalten habe. Ich führe das jetzt nicht als Rechtfertigung, oder gar Entschuldigung, an, doch ist es eine Tatsache: die Kirche als Ganzes, ebenso wie meine Kirche als Bauwerk, ist ein riesiges Gebilde mit vielen düsteren Orten und noch dunkleren Ecken. Allein Gott ist unfehlbar, wir Menschen sind das keineswegs. Das heißt, dass überall, wo Menschen am Werk sind, Fehler passieren, mal große, mal kleine. Und der Fehler, dessen ich mich Dir gegenüber schuldig gemacht habe, ist der größte, den ich je begangen habe. Auch wenn sie das Trauma, dass Du zweifellos durch mich erlitten hast, nicht verschwinden lassen können, so bitte ich Dich inständig, meinen Worten Glauben zu schenken: es tut mir leid! An diesem Tag kamst Du zu mir in die Pfarrkanzlei und wolltest Dich aussprechen, weil Du große Probleme in der Schule hattest. Als Du so dagesessen hast, verzweifelt und den Tränen nahe, konnte ich nicht anders, als Dich in den Arm zu nehmen. Ich habe Dir sanft den Kopf gestreichelt und Dir gut zugeredet, indem ich Dir ins Ohr geflüstert habe. Danach habe ich das gemacht, was ich bei Buben in Deinem Alter stets in solchen Situationen mache, einfach weil ich es nicht besser kann. Ich bin mit Dir in die Sakristei gegangen und habe Dir selbst angesetzten Schnaps zu trinken gegeben, um Dich zu beruhigen. Und Du bist auch ruhig geworden. Du hast Deinen Kopf in meinen Schoß gelegt und ich habe Dir den Kopf gestreichelt. Du bist eingeschlafen, und ich habe Dich betrachtet, so jung, so gesund und die Zukunft noch vor Dir. Ich habe kurz den Raum verlassen, um für Dich zu beten. Ich wollte gerade wieder in die Sakristei gehen, um Dich weiter zu trösten, da rief mich meine Sekretärin an und sagte mir, dass eines unserer gemeinsamen Kinder einen Unfall gehabt hätte. Ich habe, ohne weiter an Dich zu denken, die Sakristei abgeschlossen und bin ins Krankenhaus gefahren. Josef, ich bete zu Gott, dass Du mir diese Nacht verzeihst, die Du alleine in der dunklen und kalten Sakristei zubringen musstest.
Reuevoll, Pater Johannes.



Kevin P., 28, Tattoo-Künstler

Werte Kundin! Ich möchte mich aufrichtig für das entschuldigen, was letzte Woche in meinem Studio geschehen ist. Sie sind in mein Studio gekommen, um sich ein Tattoo auf den Rücken stechen zu lassen, und ich habe eingewilligt, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich darf sagen, dass ich mich sehr über das Vertrauen, welches Sie mir entgegenbrachten, gefreut habe, als Sie mich baten, Ihnen ein Motiv zu stechen, welches das wiederspiegelt, was ich in Ihrem äußeren Erscheinungsbild erkenne. Wir haben uns auf ein Hündchen in rosaroter Farbe geeinigt. Ich möchte mich nun wirklich nicht selbst loben, doch muss ich sagen, dass Ihr Tattoo zu meinen besten Arbeiten zählt, was die naturnahe Darstellung anlangt. Es war, das gebe ich zu, ein Versäumnis meinerseits, Sie nicht gefragt zu haben, wie wohlgenährt das Hündchen ausfallen sollte. Den Schwanz des Hündchens aber musste ich als Ringelschwanz darstellen, denn ein üblicher Hundeschwanz wäre sich platzmäßig nicht ausgegangen, ohne in Ihre bereits vorhandenen anderen Tattoos hineinzureichen. Die Nase Ihres Hündchens dürfen Sie mir aber nicht zum Vorwurf machen, ein wenig künstlerische Freiheit steht wohl jeden Tätowierer zu, und schließlich waren Sie es, die ein Tattoo bekommen wollte, das Ihre äußeren Werte zum Ausdruck bringt. Sie erinnern sich vielleicht, dass wir gerade über Steckdosen gesprochen haben, als ich die Nase des Hündchens gestochen habe. Ich nehme an, dass mich dieses Gespräch zu der Nase inspiriert hat, die Ihr Hündchen nun trägt. Sollte ihnen Ihr Tattoo nicht gefallen, so bin ich selbstverständlich gerne bereit, es zu ändern. Ich könnte mir vorstellen, dass schwarze Grannen Ihrem Hündchen gut stehen würden.
Mit freundlichen Grüßen, Kevin P.
P.S. Wie habe Sie es eigentlich fertiggebracht, Ihren gesamten Rücken in einem Spiegel zu betrachten?



Milorad C., 57, Kellner

Sehr geehrter Herr Stammgast! Sie haben sich auf elektronischem Weg über mich beschwert. Sie haben geschrieben, dass ich Sie nicht gut bedienen würde. Sollten Sie tatsächlich diesen Eindruck gewonnen haben, so entschuldige ich mich in aller Form hierfür. Ich erlaube mir jedoch anzumerken, dass Sie es einem Kellner nicht gerade leicht machen. Ich Hauptkritikpunkt war die Qualität des an der Bar ausgeschenkten Trinkwassers. Nun, dieses Problem konnten wir, sozusagen mit vereinten Kräften, mittlerweile aus der Welt schaffen. Blindverkostungen haben zwar ergeben, dass die Qualität des Wassers an der Bar ident ist mit der des Wassers aus der Küche und der Herrentoilette. Aus welchem Grund Sie darauf bestanden haben, bloß Wasser aus der Küche oder der Toilette serviert zu bekommen, ist mir zwar unerklärlich, aber das war Ihr Problem, das nun ja gelöst ist. Schließlich sind Sie ja dazu übergegangen, mit dem leeren Krug in der Hand auf die Toilette zu gehen, um kurz darauf mit einem vollen zurückzukehren. Und das vor allen Gästen! Dieses Verhalten ist zwar dem Ruf des Lokals in keiner Weise zuträglich, aber dennoch: alle Achtung! So etwas erfordert Mut.
Mit gastfreundlichen Grüßen, Milorad C.
P.S. Eine Frage habe ich: ist das Holen Ihres Wassers zur Spargelzeit eigentlich angenehmer als sonst?



Pascal A., 11, Schüler

Liebe Jacqueline, die Mama hat gesagt, dass ich mich bei Dir entschuldigen muss. Entschuldigung. Ich war bei Dir im Schlafzimmer. Dort habe ich die Lade bei Deinem Bett aufgemacht. Da war ein Brief drinnen, von Manfred. Ich finde es schade, dass er dich nicht mehr lieb hat. Ich habe ihn mögen. Es war lustig, wie ihr zusammen Turnübungen gemacht habt, auch wenn ihr dabei nackt gewesen seid. Aber die Mama hat sicher das gemeint, was ich gestern gemacht habe. Ich war nämlich wieder in Deiner Lade. Und da habe ich Deinen Stabmixer gefunden. Ich habe ihn aber nicht einschalten können, weil er hat ja keine Knöpfe. Ich habe Dich mit dem Mixer einmal gesehen, habe aber nicht gesehen, wie Du ihn eingeschaltet hast. Ich habe ihn heimlich mitgenommen. Dann bin ich zur Mama in die Küche, weil die hat Püree gemacht. Ich habe zu ihr gesagt, dass ich das auch kann und dass sie die Ziegen füttern gehen kann. Ich habe den Mixer von der Mama weggegeben und das Püree mit Deinem Mixer machen wollen. Aber weil ich ihn nicht habe einschalten können, habe ich damit halt so umgerührt. Dann ist die Mama gekommen und wie sie gesehen hat, dass ich Deinen Mixer habe, ist sie sehr böse geworden. Ich habe probiert, Deinen Mixer sauerzumachen, doch da sind so Rillen, da ist der Erdapfel drin geklebt. Also habe ich Deinen Mixer in den Geschirrspüler getan und eingeschaltet. Dann hat die Mama den Spüler aufgemacht und Deinen Mixer gesehen.Da hat sie fast einen Herzkasperl gekriegt. Und Dein Mixer ist jetzt kaputt. Die Mama hat dann gesagt, ich muss Dir einen neuen Mixer kaufen. Ich habe Taschengeld gespart, also kaufe ich ihn Dir. Entschuldige.
Dein Bruder Pascal.
P.S. Nimmst Du mich mit in das Mixer-Geschäft? Bitte bitte!



Walter G., 49, Politiker

Geschätzter Gemeinderat! Wie Ihr sicherlich bemerkt habt, bin ich der letzten Sitzung unentschuldigt ferngeblieben. Dafür entschuldige ich mich, und bei dieser Gelegenheit auch gleich für die noch folgenden Male unentschuldigten Fernbleibens. Ich habe hierfür jedoch einen triftigen Grund: meine Freundin erwartet ein Kind von mir. Habt Ihr die neue Kläranlage schon gebaut? Und wie sieht es mit den neuen Sesseln für die Schule aus, habt Ihr die gekauft? Ich habe ja stets gegen diese Investitionen gestimmt. Und das war, aus heutiger Sicht, auch gut so. Wie gesagt, ich werde nicht mehr an Euren Sitzungen teilnehmen können, da ich meine Freundin auf keinen Fall alleine in Sambia zurücklassen kann. Nicht bei der schlechten medizinischen Versorgung dort. Ich hoffe, Ihr seid mir deswegen nicht böse. Ich habe sogar ein Trostpflaster für Euch! Die Kläranlage und die Sessel für die Schulkinder werde ich aus eigener Tasche bezahlen, nur eben in Sambia. Macht es gut, euer Walter.
P.S. Ich habe mir das Wappen Eurer Gemeinde auf den Boden meiner Patek Philippe gravieren lassen. Ich trage Euch zwar nicht im Herzen, aber wenigstens kann ich Euch so jeden Morgen auf den Arm nehmen.

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