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Montag, 26. September 2016

Thekla





Thekla ist eine böse Frau, das kann fürwahr so gesagt werden.
Keine Beschreibung vermag präzise den Grad an Bosheit wiederzugeben, der ihr innewohnt. Sie ist heute dreiundsechzig Jahre alt, was die für ihre Mitmenschen überaus furchtbare Vermutung zulässt, dass Thekla noch viele Jahre ihrem Drang zum Bösen nachgeben kann.
Es ist nicht so, das die Wurzel von Theklas Bösartigkeit in ihrer Kindheit oder Jugend gepflanzt worden wäre. Diese beiden Lebensabschnitte verliefen, wie man sagt, völlig normal, also wenigstens ohne allzu große Schwierigkeiten. Gut, in der Schule war sie nicht das hellste Licht auf dem Kronleuchter der Strebsamkeit, einmal musste sie eine Klasse wiederholen, doch erwiesen sich ihre Eltern als verständnisvoll und machten ihr keine große Szene deswegen.
Es lässt sich nicht präzise festmachen, wann und aus welchem Grund Theklas Bosheit angefangen hatte, rasant zu wachsen und fürchterliche Blüten auszubilden.
Mit Männern hatte sie niemals Probleme, diese kamen und gingen, und keiner dieser Liebhaber hatte ihr die Freuden der Mutterschaft beschert. Heute lebt sie allein, bloß ab und zu gelingt es ihr, einen jungen Mann, sie bevorzugt Männer unter fünfundzwanzig Jahren, durch eine angemessen hohe Gabe an Bargeld die wohl eher zweifelhaften Vorzüge der körperlichen Liebe mit einer um viele Jahre älteren Frau nahebringen zu dürfen.
Als sie fünfundzwanzig Jahre alt war, machte sie den ersten Schritt auf ihrem breiten und langen Weg der Boshaftigkeit.
Sie hatte eine Stelle als Bedienerin bei einem alten Ehepaar angenommen. Sie musste kochen, den Haushalt führen und war darüber hinaus für die Hasen im Garten verantwortlich, alles vielfach prämierte Zuchttiere. Sie musste sie füttern, ihre Ställe sauber halten und darauf achten, dass das große Freigehege stets mit einem Netz überspannt war, um Bussarde oder Habichte von den Hasen fernzuhalten. Eines Tages wurde ihr aufgetragen, einen Braten für acht Personen zuzubereiten, denn das alte Ehepaar hatte Gäste eingeladen. Thekla bereitete den Braten zu, präzise gesagt handelte es sich um mehrere Braten, und die Dame des Hauses lobte sie für die Zartheit und den Wohlgeschmack jedes einzelnen Stücks Fleisch. Ihr Gatte war derweil mit seinen Gästen zu den Hasenställen gegangen, diesen stolz seine preisgekrönten Häsinnen und Rammler vorzuführen. Als die alte Frau die Schreie ihres Mannes hörte, bedankte sie sich ein weiteres Mal für die Qualität der Mahlzeit, gab Thekla für den Rest des Tages frei und lief in den Garten.
Der frisch in die Wohnung neben Theklas eingezogene neue Nachbar läutete eines Tages bei ihr, um sich vorzustellen. Thekla war überwältigt von der Attraktivität des jungen Mannes, doch zeigte dieser keinerlei Interesse an ihr, er erwiderte ihre frivolen Blicke nicht und schien darüber hinaus zu übersehen, dass ihre linke Brust aus der Bluse gerutscht war. In den folgenden Tagen lugte Thekla oft und lange durch den Spion in ihrer Wohnungstüre, um zu sehen, wen der Mann mit nach Hause brachte. Eine schöne junge Frau ging in der Wohnung ein und aus, und Thekla wusste nun, dass sie die Freundin des neuen Nachbarn war. Thekla bestellte ein Callgirl in dessen Wohnung, exakt fünf Minuten vor dem üblichen Eintreffen von dessen Freundin. Sie verzichtete darauf, durch den Spion zu gucken, sondern begnügte sich mit dem Lärm, den das zweimalige Zuschlagen einer Wohnungstüre innerhalb von fünf Minuten verursachte.
Theklas Eltern waren große Bewunderer der Blasmusikkapelle ›Zum strammen Max‹ gewesen, also hatten sie es sich gewünscht, dass der ›Stramme Max‹ bei ihren Beerdigungen groß aufspielen sollte. Der Zufall wollte es, dass beide zur selben Zeit und sogar im selben Auto zu Tode kamen. Max spielte auf dem Begräbnis, so wie es Theklas Eltern Wunsch gewesen war, doch ihr missfiel diese Musik in hohem Ausmaß. Sie hatte dies geahnt und entsprechende Vorkehrungen getroffen. Sie stellte sich schräg hinter den Kapellmeister, so, dass die Blasmusiker sie gut sehen konnten. Als diese gerade mitten in einem flotten Marsch waren, öffnete Thekla ihre Handtasche und holte eine Zitronenhälfte hervor.
Den Gipfel ihrer Boshaftigkeit, bislang wohlgemerkt, erklomm Thekla, als sie in einer Einrichtung, einer Art Tageswerkstätte für trockene Alkoholikerinnen, arbeitete. Sie war zuständig für die Zubereitung der Mahlzeiten. Eines Tages nahm sie sich vor, etwas richtig Gutes zu kochen, und zwar eine Hauptspeise und einen Nachtisch, beide auf traditionelle Art zubereitet. Sie servierte den Damen in dieser Einrichtung Rehragout und Tiramisu.

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