Labels

Blog-Archiv

Donnerstag, 29. September 2016

Voll ins Schwarze

Voll ins Schwarze



“Michael, du wirst das Jagdrevier übernehmen!”, hatte Rudolf Schinagl gesagt.
Der Angesprochene wusste, dass Widerrede zwecklos war. Was seines Vaters Wille war, hatte zu geschehen, das war Michael Schinagl klar.
“Aber Vater, ich wollte doch studieren”, wagte er dennoch sanft zu protestieren.
“Studieren? Du?”
Rudolf sah ihn erstaunt an.
“Du eignest dich doch bloß für eine Baumschule, Michael. Weißt du auch, warum?”
“Nein, Vater.”
“Dort brauchst du nur zu wachsen lernen.”
So war es immer gewesen. Michaels ältere Schwester Susanne war das Lieblingskind des Alten und durfte das Stahlwerk übernehmen, und er musste zurückstecken. Er grollte seinem Vater, doch ließ er sich dies nicht anmerken.
Im Alter von achtzehn Jahren hatte er die Jagdprüfung abgelegt und war gerne und oft ins familieneigene Revier gefahren, welches einen guten Bestand an Rotwild und einen sehr guten an Schwarzwild hatte.  Dass er jedoch auf seines Vaters Wunsch sein Dasein als der Jäger der Familie fristen sollte, und nicht als Konstrukteur von Sportautos oder wenigstens als Stahlwerkserbe, ließ ihn anfangs beinahe verzweifeln. Da sein Vater die technische Begabung seines Sohnes aber stets in Abrede gestellt hatte, fand Michael sich mit der Zeit damit ab, bloß der Jäger zu sein.
Er fuhr jeden Tag ins Revier, und fühlte sich bald nicht mehr als Jäger, sondern als Genießer. Er genoss die Ruhe dort, beobachtete die Tiere, von welchen er ab und zu eines mit nach Hause brachte, und war auf dem besten Weg, ein gut bezahlter hauptberuflicher Naturliebhaber zu werden, als es seinem Vater in den Sinn kam, seinen Sohn unter Druck zu setzen.
“Michael, die Abschusszahlen stimmen nicht!”, rief er. “Du musst mehr Hirsche und Wildschweine schießen! Solltest du dazu nicht imstande sein, so werde ich dich unterstützen.”
Den letzten Satz hatte er bloß gut gemeint, doch in Michaels Ohren klang er wie eine gefährliche Drohung.
“Danke, Vater, ich schaffe das schon”, entgegnete er schnell.
“Das hoffe ich, mein Sohn. Nicht zuletzt für dich! Das ist deine letzte Chance zu beweisen, dass du doch zu etwas nützlich bist.”
Diese Worte trafen Michael tief und er nahm sich vor, seinem Vater zu beweisen, dass dessen Lenden ein wahrer Meisterschütze entsprungen war.
Da borgte sich seine Schwester seinen Geländewagen aus und parkte ihn, spätnachts auf dem Heimweg, in einem Polizeiauto. Nachdem keine Personen zu Schaden gekommen waren und Rudolf Schinagl der Polizeiwache eine neue Zapfanlage spendierte, war das einzige Opfer dieses Unfalls - Michael Schinagl.
Sein Wagen musste in die Werkstatt und er war gezwungen, sich eines der Autos seines Vaters auszuborgen.
Er fuhr mit dem roten Sportwagen nicht auf direktem Weg ins Jagdrevier, vielmehr gab er dem Pferdchen auf der Autobahn die Sporen. Da wurde Michael Schinagl auf einmal bewusst, wie schön sein Leben verlaufen wäre, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, Sportwagenkonstrukteur zu werden.
Nach der Spritztour saß er traurig und seinem Vater grollend auf dem Hochstand, als er einen kapitalen Hirsch erblickte. Er wollte nicht schießen, doch pflichtschuldig legte er an und es krachte.
Zehn Sekunden später rief sein Vater ihn auf dem Mobiltelefon an.
“Sag, Michael, bist du verrückt geworden? Warum hast du den Ferrari genommen? Mit einem solchen Wagen fährt man nicht ins Revier!”
“Ich wollte eben wissen, wie sich eines von den Autos fährt, die ich deinetwegen nicht konstruieren kann, Vater.”
“Na warte! Wenn du nach Hause kommst, dann setzt es was!”
“Ich kann jetzt nicht mit dir streiten. Ich habe gerade geschossen, auf einen Zwölfender”, sagte Michael.
“Und hast du ihn getroffen?”, fragte der Alte aufgeregt und ohne Zorn in seiner Stimme.
“Ich weiß es noch nicht. Ich muss erst nachsehen.”
“Dann beeil dich! Worauf wartest du denn noch? Ich bleibe dran.”
Michael Schinagl stieg vom Hochstand und schaute nach, ob er getroffen hatte.
“Und?”, drängte sein Vater. “Hast du ihn getroffen?”
“Getroffen habe ich schon”, sagte Michael zögernd.
“Und was, wenn ich fragen darf? Den Hirsch?”
“Nein, den nicht.”
“Was dann?”
“Deinen Rappen.”

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen