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Donnerstag, 22. September 2016

Wolfsschaf

Das Schaf, das als einziges schwarzes Exemplar auf der Weide gestanden hatte, die übrigen Schafe waren allesamt weiß gewesen, hatte die Tode seiner Artgenossen mit angesehen. Diese waren beim Versuch, von der Weide, auf der sie gestanden hatten, auf eine andere, benachbarte Weide zu gelangen, zu Tode gebracht worden, von Kreaturen verschiedener Art. Die Weide, auf der sie zu stehen gezwungen waren, auf der das schwarze Schaf, nun umgeben von den grausam zugerichteten Kadavern seiner Artgenossen, stand, war bewachsen von ungenießbarem Gras, braun und vertrocknet, jedoch nicht wie Heu, das genießbar gewesen wäre, vielmehr sah es aus, als wäre es geröstet worden, zum Verzehr ungeeignet, denn es enthielt einen Stoff, dem Schwefel nicht unähnlich, der den Verzehr der Halme unmöglich machte, auch erzeugte dieser schwefelige Stoff einen Geruch, der die Weide stinken ließ wie die Spielwiese der Kinder des Teufels. Der Himmel über dieser Weide war kein Himmel in der Art, wie er allgemein mit seinem wechselnden Wolkenspiel genannt wird, vielmehr war er von diffusem Licht, verhangen von Wolken dunkelgrauer, beinahe ins Schwarze gehender Farbe, die nichts Gutes verheißen konnten und Feuchtigkeit absonderten in Form winziger Tropfen, feuchtem Nebel nicht unähnlich, doch ohne, wie der Nebel, die Sicht einzuschränken. Die Feuchtigkeit, die die Wolken freisetzten, war vom selben schwefeligen Geruch wie das verdorrte Gras. Obwohl es eisig kalt war, leuchteten Blitze in den dunklen Wolken, nicht unähnlich den Blitzen, wie sie im Hochsommer zu sehen sind, dennoch anders geartet als diese, denn sie erreichten den Boden nicht, schlugen nicht in diesen ein. Sie verliefen horizontal in den Wolken, oft ineinander verschlungen, wie die Lavaströme in der Hölle. Hinter der Weide tat sich ein Wald auf, er bestand aus dicht beisammen stehenden hohen Bäumen, deren Stämme schwarz waren, als wären sie verkohlt, die wenigen Äste, die einzelnen Bäumen verblieben waren, waren ebenso unbelaubt wie nadellos, doch aufgrund der Höhe der Bäume und der hoch aufgeschossenen schlanken Gestalt ihres Wuchses, außerdem der Dichte, in der sie beisammen standen, lässt sich sagen, dass es sich um einen Nadelwald handelte. Außer dem schwarzen Schaf war kein lebendes Wesen auszumachen, die Bestien verschiedener Art, die seine Gefährten auf grausamste Art und Weise getötet hatten, waren verschwunden, Aasfresser hatten sich keine eingefunden, trotz des Geruchs des Todes, den die Kadaver der Schafe verströmten. Auf der anderen Seite des hölzernen Zaunes waren Lebewesen auszumachen. Die Weiden dort waren von saftigem Grün, von hohem, gut im Saft stehendem Gras bewachsen, Schafe taten sich an diesem gütlich, viele Schafe, die meisten von ihnen waren weiß, einige wenige schwarz, es hatte sich reichlich Nachwuchs unter ihnen eingefunden, viele Lämmer waren auszumachen, die vergnügt miteinander spielten und einige Male von den Elterntieren in die Schranken gewiesen werden mussten, wenn sie es zu toll trieben. An diese grüne saftige Weide, die die Sonne mit ihren Strahlen in helles warmes Licht tauchte, fügte sich ein Wald aus Laubbäumen in schönstem Wuchs, Eichelhäher, Blaumeisen und Wiedehopfe flogen umher, im Hintergrund waren die schemenhaften Umrisse zweier Almen zu erkennen, vor jeder lag ein kleiner See, über einem von ihnen hatte sich ein Regenbogen gebildet, dessen Bogen ein Weißstorch entlangflog, auf der Suche nach Laubfröschen. Das schwarze Schaf blickte durch die Abstände zwischen den grob behauenen Querlatten des hölzernen Zaunes sehnsüchtig auf die andere, grüne Weide voller Leben, die auf der anderen Seite des Hindernisses sich auftat. Es hatte mit ansehen müssen, auf welche Arten und Weisen seine Gefährten zu Tode gekommen waren und es hatte die Gewissheit, dass ihm dasselbe Schicksal bevorstand. Jedes Mal, wenn es sich dem Zaun mit schnellen Schritten näherte, wuchs dieser, er wurde höher, ohne dass der Verursacher des Wachsens des Hindernisses erkennbar war. Das Schaf fühlte Panik und Schrecken in sich hochsteigen ob der Unfähigkeit, den Zaun zu überwinden. Es wusste, dass gleich etwas ganz Schreckliches passieren würde, passieren müsste, und dieses Wissen machte es ihm beinahe unmöglich zu atmen, sein Atem ging stoßweise, seine Lungen füllten sich mit einer gerade ausreichenden Menge Luft, das schwarze Schaf vor der Bewusstlosigkeit zu bewahren, seine Augen suchten, weit aufgerissen, nach einem physischen Weg aus dieser kalten schwefeligen Hölle, während seine Gedanke Rollen schlugen, so verworren waren sie von der Aussicht, bald dem unausweichlichen Tod zu begegnen wie auch dem ins Manische gesteigertem Wunsch, doch noch irgendwie mit dem Leben davonzukommen. Das Schaf begann im Kreis zu laufen bis ihm schwarz vor Augen wurde und es in einer wenige Augenblicke andauernden Ohnmacht zu Boden sank. Als es wieder bei Sinnen war und in Richtung des schwarzen kahlen Waldes blickte, erkannte es ein aufgrund der Entfernung nicht präzise zu bestimmendes Wesen, welches mit langsamen Schritten näher kam. Das Wesen ließ ein markerschütterndes Geheul ertönen und das Schaf erkannte, dass es sich um einen Wolf handelte. Dieser kam näher und das Schaf starrte auf das sich ihm nähernde Untier, welches seine Augen geöffnet hatte, diese funkelten in einem Grün, das dem Schaf das Blut in den Adern gefrieren ließ, und seine riesigen strahlend weißen Reißzähne sehen ließ, indem es seine Lefzen hochzog. Der Wolf war riesig, weit größer als das Schaf, sein Fell war vom dunkelsten Schwarz, das das Schaf je gesehen hatte, und zielstrebig kam er, abwechselnd kehliges Knurren und ohrenbetäubendes Geheul ausstoßend, seinem Opfer näher. Das Schaf verfiel in Starre und erwartete das Unausweichliche, seinen sicheren Tod. Um diesem, der sich ihm in Gestalt des riesigen schwarzen Wolfes näherte, nicht in die Augen sehen zu müssen, wandte es sich um und machte sich auf Höllenqualen in Form unbeschreiblicher Schmerzen, bis dann endlich der Tod eintreten würde und das Schaf vom Leiden befreien, ihm die Freiheit, die unausweichliche Freiheit schenken würde, gefasst. Der Wolf riss dem Schaf ein Hinterbein aus und schleuderte es achtlos zur Seite, er hatte nicht die Absicht, das Schaf zu fressen, wollte es bloß langsam, um sein Opfer möglichst lange am Leben, was bedeutet am Leiden, zu halten, vom Leben in der eisigen schwefeligen Hölle zum Tod bringen. Das Schaf empfand unbeschreibliche Schmerzen, die sein Gehirn, sein Vermögen zu denken, lähmten, doch nur für wenige Sekunden. Das Schaf verspürte den instinktiven Drang, dem sicheren Tod zu entrinnen, indem es wegzulaufen versuchte, und im Gegensatz zu seinen neun Gefährten, auf deren Kadaver es blickte, war es in der Lage, seine Vorderbeine zu bewegen, es stand nicht, wie die anderen Schafe, starr vor Schreck, angewurzelt, und es war auch zu Lautäußerungen in der Lage, die sich in Form gellender Schmerzensschreie Bahn brachen. Mit einem Hieb seines mit kräftigen Krallen bewehrten Vorderlaufes riss der Wolf die Haut am Rücken des Schafes auf, die Krallen gruben sich tief in Schichten des darunter liegenden Fleisches, das Schaf brüllte wie von Sinnen, Ströme von Blut flossen aus seinem Körper auf den Boden und der Wolf begann ein schreckliches Triumphgeheul. Das Schaf war sich trotz der unerträglichen Schmerzen, die es empfand, der Möglichkeit wegzulaufen bewusst, doch gleichzeitig wusste es, dass der schwarze Wolf es nun zu oft, zu schwer verletzt hatte, dass die Wunden, die er seinem Opfer zugefügt hatte, niemals heilen würden, so entschloss es sich, dem sicheren Tod doch ins Auge zu blicken. Diesem Entschluss des Schafes lag auch das Wissen zugrunde, dass der schwarze Wolf das Schaf, sollte es doch, durch Flucht und anschließende gute Wundheilung oder durch Zufall, eine glückliche Fügung, überleben, erneut heimsuchen würde, wieder und immer wieder, bis es endlich tot wäre, gestorben eines langsamen qualvollen Todes. Wackelig, auf drei Beinen, und stark blutend wandte sich das Schaf um und sah dem Wolf in dessen leuchtende grüne Augen. Mit einem kräftigen Stoß versetzte es die Bestie, die es plagte, derart in Erstaunen, dass sie zurückwich. Das Schaf knurrte den Wolf an und senkte das Haupt auf die schwarze Schafbrust. Mit einem Ruck riss das Schaf sich den eigenen Brustkorb auf, Blut spritzte nach allen Seiten, dann sah es dem riesigen schwarzen Wolf ein letztes Mal in dessen blutverschmierte Fratze. Es senkte seinen Kopf abermals auf seinen, nun geöffneten, Brustkorb und riss sich das Herz mit den Zähnen daraus, worauf es leblos zu Boden sank. Nun stieß der Wolf schmerzerfülltes Geheul aus, sein Fell löste sich vom Körper, Stücke seines Fleisches fielen zu Boden, seine Knochen barsten, von ihm blieb letzten Endes bloß ein Haufen undefinierbarer Masse zurück. Das Schaf hatte den Kampf gewonnen, denn als es sich selbst von der Qual des Wolfs befreite, war diese schreckliche Bestie besiegt. (2013)

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