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Montag, 10. Oktober 2016

Acht Einträge böser Menschen





Liebes Tagebuch!

Gestern habe ich sie umgebracht. Ich habe einfach ein Messer genommen und sie un die Ecke gebracht. Ich habe sie in die Küche getragen. Sie hat mich erwartungsvoll angeschaut, ganz so, als ob ich in der Küche eine Überraschung für sie bereithalten würde. Eine Überraschung habe ich in der Tat für Susi bereitgehalten. Mein gutes Küchenmesser. Sie hat gar nicht geschrien, vielleicht war sie aber auch beim ersten Stich gleich tot. Ich habe Susi ja gern gehabt, aber sie wollte mich eben nicht. Sie hat sich viel mehr um unsere Kinder gekümmert als um mich. Für die hatte sie immer Zeit und Energie, um zu spielen. Und wenn dann die Zeit gekommen war, und sie sich um mich hätte kümmern sollen, war sie immer müde und ist schlafen gegangen. Unsere Kinder haben das ganze Blut auf dem Küchenboden gesehen und waren gehörig verschreckt. Ich habe den Kleinen einfach erklärt, dass mir der Topf mit dem Kochwasser der roten Rüben hinuntergefallen ist, und sie haben mir das geglaubt. Als sie dann nach Susi gefragt haben, habe ich ihnen gesagt, dass sie im Himmel ist. Unsere Kinder waren zwar traurig, aber als ich ihnen erzählt habe, dass Susi auch in die Hölle hätte kommen können, waren sie froh, dass sie doch im Himmel ist. Das Mittagessen hat uns allen sehr gut geschmeckt. Ich habe Teile von Susi gekocht, als Gulasch. So hat sie mir doch noch eine Freude bereitet. Ich liebe nämlich Kaninchengulasch.



Liebes Stichtagbuch!

Letzte Woche stand ich auf dem Bahnsteig und wartete auf den Zug, der wieder einmal Verspätung hatte. Auf dem anderen Bahnsteig stand weinend eine fünfundzwanzigjährige Frau. Sie hielt ihr Telefon in der Hand, starrte auf dessen Display und weinte. Da sie mir gefiel, wechselte ich den Bahnsteig und ging zu ihr. Sie erzählte mir, dass ihr Freund sie wegen einer anderen Frau verlassen hätte und sie nun nicht weiter wüsste. Ich nahm sie in den Arm und tröstete sie. Und sie beruhigte sich auch schnell. Ich habe ihr sicherlich gefallen. Ich lud die arme Maus auf ein Mittagessen ein und bot ihr an, bei mir zu Hause im Gästezimmer zu schlafen, dessen Bett ich für solche Gelegenheiten stets frisch bezogen bereithalte. Sie lehnte anfangs ab, doch nachdem ich ein überaus charmanter Mann bin, sagte sie schließlich zu. Sie beeilte sich festzuhalten, dass sie auf keinen Fall in meinem Schlafzimmer nächtigen würde. So etwas ist mir schon einige Male passiert, doch das macht mir nichts aus. In meinem Gästezimmer steht ein gleich bequemes Bett, wie ich es in meinem Schlafzimmer habe. Am Abend mixte ich uns zwei Cocktails, ihr einen speziellen, mir einen gewöhnlichen, und brachte sie dann ins Bett. Am nächsten Morgen erwachte sie alleine im Gästebett. Ich habe dieses Mal darauf geachtet, meine Unterhose nicht im Gästezimmer zu vergessen. Sie sagte mir, dass sie sich an den Abend nicht erinnern könnte und hoffte, keinen Stumpfsinn geredet zu haben. Dann brachte ich sie zum Bahnhof. Nachdem ich mir das Video von uns beiden angesehen habe, kann ich sagen, dass sie keinen Stumpfsinn geredet hat, während ich bei ihr im Gästezimmer war. Sie war vielmehr ganz ruhig. Sie hat geschlafen.


Liebes Fährtenbuch!

Gestern habe ich Witterung aufgenommen. Als erfahrener Jäger ist mir dies ein Leichtes. Ich habe eine Häsin und eine Kätzin in freier Wildbahn entdeckt und ihre Witterung aufgenommen. Ich war gerade spazieren, als ich die beiden sah. In der Regel sind Häsinnen und Kätzinnen nicht zusammen anzutreffen, schon gar nicht miteinander spielend, doch gestern war es anders. Sie spielten miteinander. Dies versetzte mich in helle Aufregung. Eine von beiden zu erbeuten, wäre mir ein Leichtes gewesen, doch beide zusammen verfügten über vier Ohren und vier Augen, also musste ich es vorsichtig angehen. Zum Glück hatte ich meinen Hund zu Hause gelassen. Die markante Dogge hätte mich leicht verraten und meinen Plan zunichte gemacht. Da ich bei meiner Kleidung gedeckte Farben bevorzuge, ein guter Jäger trägt kein helles Gewand, fiel mir das Anpirschen leicht, und ich kam bis auf etwa fünf Meter an die beiden heran. Ein Gebüsch gab mir Deckung. Ich verbarg mich in diesem, beobachtete die Häsin und die Kätzin, überlegte mir eine Strategie, wie ich beide erbeuten könnte, ohne eine von ihnen flüchten zu machen, als sich plötzlich eine alte Kuh hinter mir aufbaute, mir ihre Handtasche auf den Kopf schlug und mich als pervers beschimpfte. Ich machte mich aus dem Staub. Ein weiterer Tag ohne Jagdglück.


Liebes Notenbuch!

Gestern habe ich mir einen Wunsch erfüllt, den ich seit langer Zeit mit mir herumgetragen habe. Ich habe es getan! Nicht zum ersten Mal, weiß Gott, aber dieses mal ist die Tinte nur so aus meinem Kugelschreiber herausgeflossen, wie ein Bach, der über seine Ufer tritt. Es war eine Sinfonie in Rot, das kann ich wohl sagen. Es war eine große Erleichterung, als ich mit dem ersten Akt fertig war. Als ich mit dem zweiten Akt begonnen habe, habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht das Gefühl gehabt, gegen eine Wand zu reden, dass alles, was ich sage, unverstanden, wenn nicht gar ungehört verhallt, denn gestern habe ich mir Luft gemacht und Gehör verschafft, in schriftlicher Form. Den zweiten Akt habe ich ebenfalls mit einer Sinfonie in Rot beendet. Im nächsten Jahr werde ich mit diesen beiden Akten keine Schwierigkeiten mehr haben, das steht nun fest. Und diese beiden Akte haben nun ein volles Jahr Zeit, sich zu überlegen, was mich zu meinen Sinfonien in Rot bewogen hat. Nun gehe ich ins Bett. Morgen haben wir eine Lehrerkonferenz.



Liebes Erlebnisbuch!

Gestern war die Mama sehr böse mit mir. Weil die Muschi, die Katze meiner kleinen Schwester, gestorben ist. Dabei war sie erst vier Jahre alt, die Muschi. Es hat sie einfach zerfetzt. Und die Mama glaubt, dass ich etwas mit der Sache zu tun habe, weil ich und der Peter mit der Katze gespielt haben, als sie gestorben ist. Der Papa ist auch sehr böse auf mich. Er hat gesagt, dass er herausfinden wird, was mit der Muschi passiert ist, und hat ihre Leiche zum Tierarzt gebracht. Er glaubt mir nicht, dass ein Blitz die Katze zerfetzt hat. Er sagt, dass es im Winter keine Blitze gibt. Da hat er recht. Dann hat die Mama gesagt, dass ihr schon meine Experimente mit den Fliegen nicht gefallen haben, wie ich den Fliegen beim Krabbeln zugeschaut habe. Aber wie soll ich einer Fliege beim Krabbeln zuschauen, wenn die Flügel noch dran sind? Das geht doch nicht. Irgendwie habe ich Angst, dass der Papa herausfindet, was mit der Muschi wirklich passiert ist. Vielleicht soll ich sagen, dass sich die Katze unabsichtlich auf einen Silvesterkracher gesetzt hat? Und der ist dann einfach explodiert.



Liebes Totenbuch!

Gestern ist mein Onkel gestorben. Ein halbes Jahr nach seiner Frau, meiner Tante, die ich auch gepflegt habe. Bis zu ihrem Tod. Ich habe meinen Onkel so gern gehabt. Jeden Tag habe ich ihm ein Buch vorgelesen, ein ganzes Buch. 'Der kleine Prinz', mein Lieblingsbuch. Jeden Tag. Er hat immer zu zittern begonnen, wenn ich ihm die ersten Worte vorgelesen habe, so sehr hat er sich gefreut, dass ich ihm das Buch wieder vorlese. Und jeden Tag habe ich ihm seine Medikamente gegeben. Sogar ein bisschen mehr davon, damit er schneller wieder gesund wird. Vorgestern hat mir der liebe Onkel seine gesamten Ersparnisse überschrieben, mehr als zehn Millionen. Ich wollte sein Vertrauen in mich feiern gehen, und weil er nicht mit mir feiern gehen konnte, bin ich eben alleine gegangen. Ich hätte mir auch nicht gedacht, dass man im Bordell so lange feiern kann. Und als ich dann in der Früh nach Hause gekommen bin, war der liebe Onkel tot. Ich weiß schon, dass es im Winter kalt ist, aber ich hätte das Fenster in seinem Schlafzimmer unmöglich geschlossen halten können, so wie es da drinnen gestunken hat. Ich werde den lieben Onkel verbrennen und seine Asche neben der seiner Frau in ein Erdloch leeren. Ich glaube, dem lieben Onkel hätte der Porsche gefallen, den ich mir soeben bestellt habe.



Liebes Verständnisbuch!

Heute war der Berger wieder bei mir. Der schon wieder. Er war achtundsechzig Jahre alt, hässlich wie die Nacht schwarz, und hat mich wieder vollgesudert, dass er keine Frau abkriegt. Ja, dann hätte er sich vielleicht öfter rasieren sollen. Vielleicht wäre Zähneputzen auch hilfreich gewesen. Fünfzig Minuten hat er gejammert, dann ist er endlich gegangen. Er wollte Ratschläge von mir, wie er bei Frauen landen kann. Was hätte ich der Vogelscheuche denn raten sollen? 'Suchen sie sich halt eine aus und tragen sie sie unter dem Arm in ihre Höhle' vielleicht? Der hätte das glatt gemacht. Heute ist mir die Geduld mit dem Berger endgültig abhanden gekommen. Seit Jahren jammerte er, dass es ihm so schlecht geht. Das geht doch nicht! Ich habe ihm geraten, einfach sein Schrotgewehr zu holen und sich den Schädel wegzuschießen. Dann ist er alle Sorgen los, habe ich gesagt. Vor einer Stunde war die Polizei bei mir und hat mir gesagt, dass er genau das gemacht hat. Er hat sich den Schädel weggeschossen. Die Polizisten haben mich gefragt, ob ich das hätte verhindern können. Ich meine, wer bin ich denn? Seine Psychotherapeutin. War ich. Und nicht seine Mama oder Ehefrau!


Liebes Faktenbuch!

Heute habe ich den Text zu einem neuen Song meiner Band verfasst. Er handelt von einem pickeligen dicken Mädchen im Alter von fünfzehn Jahren, das sich von allen unverstanden fühlt. Um sich abzulenken, beginnt sie, sich mit Rasierklingen die Oberschenkel zu ritzen, bis diese aussehen wie die Haut eines Krokodils. Sie ist schlecht in der Schule, wird dort gemobbt, beginnt zu trinken  und ihre Familie ist ihr auch keine große Hilfe. Letzten Endes sieht sie keinen anderen Ausweg mehr und bringt sich um. Die Musik zu diesem Text wird von bohrenden Gitarrenriffs dominiert, sodass die Hörer das Grauen fühlen, das das Mädchen durchmacht. Und als sich die Göre endlich umbringt, ertönen Fanfaren. Ich finde das gut. Ein Freund, dem ich den Text vorgelesen habe, äußerte Bedenken hinsichtlich etwaiger Teenager-Selbstmorde, die mein Song auslösen könnte. Ich habe ihm versichert, dass das auf gar keinen Fall meine Intention ist. Aber sollten sich wirklich ein paar dumme Gören wegen meines Songs die Karte umdekorieren, wird das Album ein Welterfolg. Und ich brauche Geld.

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