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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 10

10


»Ich habe sowohl weißen als auch braunen Zucker mitgebracht. Welchen magst du lieber? Übrigens, guten Morgen.«
»Guten Morgen. Ist dein Davonlaufen denn schon beendet?«
»Ja, für heute. Wie hast du geschlafen?«
»Gut. Ich habe nichts Schlimmes geträumt. Und du?«
»Ich glaube, ich habe auch nichts geträumt.«
Christina stieg aus dem Bett. »Soll ich uns einen Espresso machen?«
»Ja, gerne. Ich habe eine Art Topfenstrudel gekauft. Möchtest du ein Stück?«
»Ja. Der schmeckt sicher gut.«
»Dein Espresso schmeckt sicher besser.«
»Wie ist das Wetter? Regnet es noch?«
»Nein. Es hat aufgehört. Möchtest du nach dem Frühstück spazieren gehen?«
»Ja, warum nicht. Du hast von zwei Bauwerken gesprochen, die dir aufgefallen sind, als du zum zweiten Mal auf dem Dach der Engelsburg warst. Welche sind das?«
»Das eine ist ein großes Gebäude auf der linken Seite des Tiber, das andere eine alte Kirche auf der rechten.«
»Welches möchtest du dir ansehen?«
»Die Kirche, wenn dir das recht ist. Da können wir sicher hineingehen. Sollte das andere ein Verwaltungsgebäude oder so was sein, werden wir vor verschlossenen Türen stehen.«
»Gut, Michael, dann gehen wir in die Kirche.«
»Solange ich nicht beten muss.«
»Ein Gebet zu sprechen würde dich in der Tat auf der Stelle umbringen«, sagte sie und lachte.

»Ich habe meine Geldbörse im Wohnzimmer liegenlassen. Kannst du mir bitte eine Münze geben, Michael? Ich möchte eine Kerze für meine Mutter anzünden.«
»Das ist eine gute Idee. Ich werde zwei für meine Großeltern entfachen.«
Sie zündeten die Kerzen an und standen einige Minuten schweigend vor dem Metallgestell, auf dem viele Kerzen brannten.
»Hast du deine Großeltern gern gehabt?«
»Ja, ich habe sie sehr geliebt.«
»Denkst du oft an sie?«
»Nein, eigentlich nicht.«
»Warum nicht? Zu schmerzhaft?«
»Ja. Es ist wohl eine Art von Selbstschutz, dass ich nicht oft an sie denke. Wenn ich in der Steiermark bin, ist das natürlich anders.«
»Inwiefern?«
»Immer, wenn ich dorthin fahre, gehe ich am ersten Tag auf den Friedhof und zünde eine Kerze auf ihrem Grab an.«
»Darüber freuen sie sich bestimmt.«
»Tja, wenn sie sich schon nicht über das freuen können, was aus mir geworden ist, so doch wenigstens über die Kerze.«
»Zieh dich nicht selbst runter, Michael«
»Du hast recht. Denkst du oft an deine Mutter?«
»Nein. Ich halte das so wie du. Je weniger denken, desto schmerzloser.«
Michael legte seinen Arm um ihre Schulter und drückte sie an sich, Christina legte ihren Arm um seine Taille.
Sie betrachteten alle Bilder, die in der Kirche hingen, und Christina lauschte interessiert Michaels Ausführungen, als er ihr die Bedeutung der im Mosaik in der Apsis dargestellten Szene erläuterte. Dann saßen sie, schweigend Hand in Hand, auf einer der alten Bänke und hingen ihren Gedanken nach.
Ein alter Mönch in einem braunen Habit setzte sich neben Michael. Er sprach kein Wort. Michael war es unangenehm, ihn zu mustern, dennoch konnte er nicht anders. Er konnte seinen Blick nicht von den Augen des Mönchs abwenden. Diese waren von strahlend blauer Farbe, welche durch die weißen Bartstoppel auf seinen Wangen an Intensität gewann, und trugen, so empfand es Michael, sowohl den wachen Ausdruck der Juvenilität in sich, als auch den milden Blick des Alters, der Güte und Lebenserfahrung ausstrahlte.
Christina blieb nicht verborgen, dass Michael dazu übergegangen war, den Mann anzustarren. Sie versetzte ihm einen sanften Stoß in die Rippen und flüsterte: «Hör auf damit. Du kannst den Mönch doch nicht so anstarren.«
Michael wollte etwas sagen, da wandte sich der Gottesmann Christina zu und sagte mit ruhiger Stimme auf Deutsch: »Mein Kind, lassen sie ihren Mann ruhig weiterstarren.«
Christina errötete.
Der Mönch fuhr fort: »In einem alten Gotteshaus wie diesem entdecken viele Menschen etwas, dass sie in ihren Bann zieht. Das liegt an der ganz besonderen Atmosphäre hier. Ihr Mann wird offenbar von meinen Augen in Bann gezogen.«
Michael beeilte sich zu sagen: »Es tut mir leid, Pater. Ich wollte sie keinesfalls stören oder belästigen.«
»Das haben sie nicht, mein Sohn. Sind sie zum ersten Mal in dieser Kirche?«
»Ja, das bin ich. Das sind wir, meine ich.«
»Ich bin für diese Kirche gar nicht zuständig, doch komme ich gerne und oft hierher.«
»Sie ist wunderschön«, sagte Christina.
»Ja, das ist sie in der Tat«, gab der Mönch zurück.
»Warum kommen sie so oft hierher?«, fragte Michael.
»Es liegt an der Ruhe. Hier kann ich ungestört meinen Gedanken nachhängen.«
»Und dann komme ich und störe sie beim Beten.«
»Keineswegs. Ich komme nicht, um zu beten.«
Michael sah ihn fragend an.
»Mönche beten nicht die ganze Zeit, mein Sohn. Selbst für uns kann eine Kirche einfach nur ein Ort der Ruhe sein, ganz ohne Gebete. Auch wir machen uns Gedanken über dies und das.«
Michael errötete.
»Was suchen sie hier?«, fragte ihn der Franziskaner.
»Ich weiß es nicht. Eigentlich gar nichts. Ich habe diese Kirche vom Dach der Engelsburg aus gesehen und mir gedacht, dass sie einen Besuch lohnen könnte.«
»Er sucht nach seinem Ort, Pater«, sagte Christina. »Er hat noch nicht zu sich selbst gefunden. Und ich versuche, ihm dabei zu helfen.«
»Christina, das interessiert den Pater bestimmt nicht.«
»Doch, mein Sohn, das interessiert mich. Lassen sie ihre Frau nur weitersprechen.«
»Er ist nach Italien gereist, um einen Ort zu finden, an dem es ihm besser geht. Wir habe uns im Zug kennengelernt. Und nun versuchen wir, diesen Ort zu finden. Doch das ist ein schwieriges Unterfangen.«
Der Mönch nickte wissend und sagte zu Michael: »Es ist in der Tat schwer, einen Ort für sich selbst zu finden, glauben sie mir. Man muss sich die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellen. Und dann muss man den Mut haben, dem Weg zu folgen, der einem von den Antworten gewiesen wird.«
Michael seufzte.
Christina ergriff das Wort: »Er ist der Ansicht, wenn auch unbewusst, dass er seinen Ort in einem Menschen finden wird.«
»Es ist möglich, dass sie ihn in einem Menschen finden. Sie können ihn natürlich auch in Gott finden. Aber bedenken sie, sowohl Gott als auch Menschen sind fehlbar.«
»Gott ist fehlbar?«, fragte Michael erstaunt. Er glaubte nicht an Gott, doch solche Worte aus dem Mund eines Mönchs zu hören, verblüffte ihn.
»Natürlich ist Gott fehlbar. Wäre es anders, gäbe es keine Kriege und keine Hungersnöte auf der Erde. Und keine Verbrechen.«
»Ihre Sichtweise überrascht mich.«
»Wie sie unschwer erkennen können, bin ich ein Mönch. Aber ich bin auch ein Mensch. Sogar einer, der kritisch denken kann.«
»Pater, können sie ihm  einen Rat geben, welche Fragen er sich stellen soll?«
»Das kann ich tun. Doch nicht heute. Wie lange werden sie in Rom bleiben?«
»Noch ein paar Tage«, sagte Christina.
»Oder länger, wenn es notwendig ist. Und du das möchtest, Christina.«
Sie sagte nichts darauf.
»Kommen sie, wenn sie möchten, zum Franziskanerkloster auf dem Pinico und fragen sie nach Pater Vinzenz.«
»Das werde ich, Pater. Darf mich meine Freundin begleiten?« Er wandte sich ihr zu. »Falls du das möchtest.«
»Natürlich darf sie.« Der Mönch erhob sich. »Ich werde sie in mein Gebet mit einschließen. Sie beide.« Dann verließ er die Kirche.
»Hätte ich nichts sagen sollen?«, fragte Christina.
»Es war gut, dass du was gesagt hast«, antwortete Michael und küsste sie auf die Wange. »Möchtest du noch hierbleiben?«
»Nein, lass uns gehen. Mir ist kalt.«
»Hast du Hunger?«
»Ja. Lass und was suchen, wo es Fisch gibt.«

»Die Goldbrasse ist wirklich ausgezeichnet.«
»Ja, das ist sie. Sag, Michael, war das vorhin in der Kirche dein Ernst?«
»Was?«
»Das mit der eventuellen Verlängerung des Aufenthaltes in Rom.«
»Ja, wenn es nötig sein sollte.«
»Und was, wenn ich nach dieser Woche zurück nach Wien fahren will?«
»Dann fährst du.«
»Also machst du das nicht von mir abhängig?«
»Nein. Ich kann ja nicht über dein Leben und deine Zeit verfügen, wie es mir gerade passt.«
»Das ist gut.«
»Aber, damit eines ausgesprochen ist: sollte ich länger bleiben und solltest du mir dabei Gesellschaft leisten wollen, würde ich mich sehr darüber freuen.«
»Das kann ich mir denken. Aber noch ist ja nichts entschieden.«
»Du sagst es.«

»Das Tiramisu, das mir der Kellner aufgedrängt hat, wäre nach dem Fisch nicht wirklich notwendig gewesen.«
»Tja, mein Lieber, selbst schuld«, lachte Christina.
»Danke für dein Mitgefühl. Darf ich meinen Kopf in deinen Schoß legen?«
»Liegst du gut?«
»Ja. Danke. Sollte dir mein Haupt zu schwer werden, sag es einfach.«
»Und? Was hältst du von der Begegnung mit dem Mönch?«
»Sie war sehr interessant. Vielleicht sollten wir, oder nur ich, wenn du nicht mitkommen möchtest, wirklich in das Franziskanerkloster gehen, um mit Pater Vinzenz zu reden.«
»Willst du denn, dass ich dich in das Kloster begleite?«
»Ich würde mich darüber sehr freuen. Aber das entscheidest du, wenn ich dir sage, dass ich mich auf den Weg dorthin mache.«
»Gut, so machen wir es.« Sie grinste.
»Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll. Ich meine, es hat mich ebenso erstaunt wie erfreut, dass der Mönch Gott für fehlbar hält. Aber wenn er erfährt, dass ich weder mit der Kirche als Organisation noch mit Religion was am Hut habe, wird er vielleicht nicht sonderlich erfreut sein.«
»Ich halte ihn für einen Mann, der über so was steht.«
»Ich ja irgendwie auch, aber sicher bin ich mir da nicht.«
»Michael, wer sagt denn, dass ihr zwangsläufig über Gott, die Kirche oder Religion sprechen werdet?«
Michael überlegte. »Stimmt. Aber das werde ich ja früh genug erfahren.«
»Ich denke, dass dir ein Gespräch mit ihm nicht schaden kann. Und vielleicht lernst du ja sogar, wie man einen Rosenkranz betet.«
Er lachte. »Ja, genau. Und dann kaufe ich mir einen.«
»Und was machst du dann damit?«
»Ich schenke ihn dir, meine Liebe. Dann hast du eine schöne Halskette.«
Christina lachte. »Nein, im Ernst: es kann natürlich sein, dass er dir dasselbe sagt wie ich. Was jedoch kein Schaden wäre.«
»Schaden kann es nicht, das stimmt.«
»Und eines solltest du nicht vergessen: dieser Mann hat weit mehr Lebenserfahrung als wir beide zusammen.«
»Das sicherlich.«
»Und er ist nicht als Mönch geboren worden. Wer weiß, was er vor seinem Eintritt ins Kloster gemacht hat und was er erlebt hat.«
»Vielleicht ist er ja einer dieser Menschen, über die man sagt ‘vom Saulus zum Paulus’?« Michael kicherte.
»Das ist zwar möglich, doch schwer vorstellbar. Aber das werden wir ohnehin bald herausfinden.«
»Was bedeutet, dass du mich begleiten wirst.«
»Natürlich begleite ich dich. Hast du ernsthaft geglaubt, dass ich mir das entgehen lasse?«
»Ich weiß ja nicht, was du-«, stammelte er verlegen.
»Was mit auffällt ist, dass du offenbar kein allzu großes Mitteilungsbedürfnis hast.«
»Wie meinst du das?«
»In den letzten Tagen, also seit ich dich kenne, warst du bloß ein einziges Mal in einem Internetcafé. Und auch das nur, um mir deine Gedichte auszudrucken.«
»Das stimmt nicht ganz. Am Bahnhof haben wir dieses Apartment im Internet gefunden.«
»Da hast du recht. Und telefonieren habe ich dich auch nie gesehen.«
»Es gab eben nichts Wichtiges mitzuteilen.«
»Du hast niemanden darüber in Kenntnis gesetzt, dass du eine Woche in Rom verbringst?«
»Nein. Wen hätte ich informieren sollen?«
»Freunde vielleicht? Oder deine Eltern?«
»Wozu? Was soll das bringen?«
»Na, dein Umfeld würde wissen, wo du bist. Und dass es dir gut geht.«
»Also soll ich jetzt ein paar Menschen in Österreich anrufen?«
»Das ist natürlich deine Entscheidung. Aber sie würden sich vielleicht freuen.«
»Gut. Ich rufe morgen meine Eltern an und sage ihnen, dass ich mit einer lieben Freundin in Rom bin und es mir dementsprechend gut geht.«
»Ja, mach das. Aber warum hast du nicht einmal deine Freunde angerufen?«
»Willst du jetzt wirklich über so was reden? Also gut. Meine Freunde hätten ja auch mich anrufen können.«
»Na ja, immerhin bist du derjenige, der weggefahren ist. Hast du überhaupt echte Freunde? Ich spreche jetzt aber nicht von Bekannten, die du in deinem Stammlokal kennengelernt hast.«
»Natürlich habe ich die. Hast du denn keine echten Freundinnen?«
»Doch. Die habe ich. Zwei echte Freundinnen, immerhin.«
»Ich habe ein paar echte Freunde. Aber wir telefonieren selten.«
»Und wie weißt du dann, was bei ihnen los ist, ob es ihnen gut geht?«
»Ich gehe davon aus, dass bei ihnen alles in Ordnung ist. Wäre es anders, würden sie sich melden.«
»Was bedeutet, dass ihr euch nur selten seht und hört, aber wenn einer von euch Probleme hat, dann seid ihr anderen zur Stelle. Sehe ich das richtig?«
»Ja, das tust du. Ist es denn bei dir und deinen Freundinnen anders?«
»Wenn es Probleme gibt, stehen wir einander natürlich bei. Und am Telefon hängen wir sehr oft.«
»Du pflegst zwischenmenschliche Kontakte nicht gerade intensiv, oder?«
»Doch. Soll heißen: wer mich sehen will weiß, wo er mich antrifft.«
»Hast du echte Freundinnen?«
»Ich hatte welche.«
»Und warum hast du keine mehr?«
»Ach, aus verschiedenen Gründen. Oberflächlichkeit, Krankheit, nicht am selben Ort wohnen und solche Gründe. Ich will eigentlich nicht darüber reden. Und vielleicht war ich einigen auch zu offen.«
»Darüber haben wir schon gesprochen. Ja, Frauen sind mitunter sensibel, was das anlangt.«
»Leider.«
»Und morgen rufst du deine Eltern an?«
»Versprochen. Aber das kostet dich etwas.«
»Und was? Einen Kuss?«
»Den auch. Und einen Kaffee. Die Reihenfolge bestimmst du.«
»Den Kuss kriegst du sofort«, sagte sie und küsste ihn. »Den Kaffee später. Ich will nicht aufstehen. Es ist gerade so gemütlich auf dem Sofa.«
»Möchtest du die Nachrichten sehen?«
»Nein. Wozu auch? Die sind meistens deprimierend. Irgendwo herrscht sicher Krieg, woanders wurde ein Kind entführt und umgebracht und irgendein Politiker hat sich sicher kaufen lassen.«
»Ja, die Welt ist schlecht.«
»Weil die Menschen schlecht sind.«
»Nicht unbedingt schlecht, Christina. Eher schwach und verführbar.«
»Stimmt vielleicht. Wo stehst du eigentlich politisch, Michael?«
»Links. Und du?«
»Ich auch.«
»Aber eigentlich ist es egal, wen man wählt.«
»Wie bitte? Warum soll das egal sein? Ich sehe das anders.«
»Wie siehst du das, Christina?«
»Na, dass man bloß die Linken wählen kann.«
»Ist das nicht eine verkürzte Sicht auf die Realität?«
»Nein, finde ich nicht. Wie kommst du darauf?«
»Es ist doch wirklich egal, wen man wählt, also welche Partei. Und weißt du auch, warum?«
»Sag.«
»Weil jeder einzelne Politiker, ganz gleich von welcher Partei, doch bloß eines im Sinn hat: nämlich das bisschen Macht, das ihm von der Wirtschaft abgetreten wird, bis zur nächsten Wahl zu sichern und bei ebendieser zu verteidigen. Das Land und die Menschen sind diesen Leuten gleichgültig.«
»Diesen Eindruck habe ich auch gewonnen. Aber das trifft doch vor allem auf die alten Politiker zu, die schon lange im Geschäft sind. Die jungen sind da ganz anders, noch nicht so halsstarrig.«
»Ja, das sind sie sicherlich. Aber auch sie sind von Jahr zu Jahr länger im Geschäft, sofern sie nicht rechtzeitig den Absprung schaffen, und werden eher früher als später fügsam werden müssen.«
»Du wärst ein schlechter Politiker, Michael.«
»Nein, ich wäre ein guter. Ich würde bloß nach meiner ersten Rede aus dem Parlament fliegen. Und aus der Partei auch.«
Christina lachte.
»Anderes Thema: wie bist du auf die Idee gekommen, in einer Gärtnerei anzufangen?«
»Eigentlich wollte ich ja in der Boutique einer Freundin anfangen.«
»Ah, eine Boutique, wie chic«, unterbrach Michael mit hochnäsiger Stimme und lachte.
»Lach nicht. Das hat Hand und Fuß. Sie entwirft und näht die Kleider selbst. Das Geschäft läuft gar nicht schlecht.«
»Warum hast du dort nicht angefangen?«
»Ich wollte nicht Privates mit Geschäftlichem verknüpfen. So was geht selten gut aus.«
»Das stimmt.«
»Dann habe ich eine Liste geschrieben mit Jobs, die zu machen ich mir vorstellen konnte.«
»Und Gärtnerin stand an erster Stelle.«
»Nein, an zweiter. An erster stand Therapeutin.«
»Physiotherapeutin?«, fragte Michael, um sich Antwort selbst zu geben. »Nein, falsch. Du hast ja ein paar Semester Psychologie studiert. Also Psychotherapeutin, oder?«
»Gut kombiniert, mein Herr.«
»Und warum bist du dann keine Seelenklempnerin geworden, wenn ich fragen darf?«
»Weil die Ausbildung viel zu teuer war.«
»Diesen Beruf hättest du allen Ernstes gerne ausgeübt?«
»Ja. Warum schaust du so überrascht drein?«
»Ich stelle mir das als eine furchtbare Arbeit vor.«
»Warum denn?«
»Na, da kommen die Leute zu dir und erzählen dir von ihren Problemen und laden sie bei dir ab.«
Christina lachte. »Also genau so wie du?«
Michael erschrak. »Um Gottes willen, du hast recht. Ich bin auch einer von diesen Leuten.«
»Du hast recht. Sie kommen zum Therapeuten und erzählen von ihren Problemen. Und der hilft ihnen, diese zu bewältigen.«
»So wie du es bei mir machst,« sagte er kleinlaut.
»Und genau das stelle ich mir als das Schöne an diesem Job vor. Das Helfen. Das Sehen, wie es den Menschen durch die Gespräche mit mir langsam besser zu gehen beginnt.«
»Eine positive Entwicklung zu sehen ist immer schön. Besonders dann, wenn man dazu beitragen durfte.«
»Eben. Und die Krönung ist dann, so stelle ich es mir vor, wenn sie mich nicht mehr brauchen, wenn die Therapie zu Ende ist. Und sie gelernt haben, ihre Probleme selbst zu lösen oder zumindest mit ihnen umzugehen.«
»Ja, das ist sicher schön. Möchtest du die Ausbildung immer noch machen?«
»Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht.«
»Weil sie teuer ist?«
»Nein, das ist nicht der Grund. Ich könnte schon was zur Seite legen, wenn ich wollte. Aber der Lernstoff ist sehr umfangreich. Und ich habe keine große Lust mehr, die Nächte durchzulernen.«
»Das verstehe ich. Ich habe auch nie viel vom Lernen gehalten.«
»Das habe ich mir schon gedacht. Wie haben denn deine Noten in der Schule ausgesehen?«
»Na ja, ich bin zweimal durchgefallen. Muss ich noch mehr sagen?«
Sie lachte. »Was hat denn deine Frau Mama dazu gesagt?«
»Sie war überglücklich, mich zwei Jahre länger verköstigen zu dürfen.«
Christina hielt sich den Bauch vor Lachen.
»Nein, ehrlich. Lach nicht.« Nun lachte auch Michael. »Ich meine, so ein gewöhnlicher Lebensweg, die Schule schnell abschließen und dann brav studieren, das ist doch langweilig. Und da wäre meiner Frau Mama ganz sicher auch langweilig geworden. Aber so hatten wir stets einen Anlass für befruchtende Diskussionen über Themen, die einen heranwachsenden Mann nun einmal beschäftigen.«
»Ach ja? Und die wären?«
»Nun, Alkohol, Zigaretten, Anwesenheit in der Schule und andere Themen.«
»Hast du damals etwa getrunken?«
»Ja, schon.«
»Warum?«
»Das war nichts Besonderes. Das haben meine Freunde auch alle gemacht.«
»Es war also der Gruppenzwang?«
»Ich würde nicht Zwang sagen. Wir wollten es, das Trinken hat uns einfach großen Spaß gemacht.«
»Und in welchem Alter hast du aufgehört zu trinken?«
»Tja«, sagte Michael, dann schwieg er.
Christina ergriff seine Hand und sah ihm in die Augen. »Wann?«
»Eigentlich habe ich nicht damit aufgehört.«
»Trinkst du viel?«
»Ja, mit dir. Viel Gin Tonic.«
»Lass das. Ich meine es ernst.«
»Wenn du es schon so präzise willst: ja, ich trinke oft und viel.«
Sie fühlte, dass ihm dieses Thema höchst unangenehm war.
»Und warum?«, fragte sie mit sanfter Stimme.
»Ich weiß es nicht genau. Phasenweise trinke ich Unmengen, dann wieder lange Zeit keinen Tropfen.«
»Was sind das für Phasen, in denen du so exzessiv lebst?«
»Das Problem ist, dass ich in solchen Phasen nicht wirklich lebe.«
»Was tust du denn dann?«
»Ich«, er machte eine Pause, »existiere.«
»Und das Trinken hilft dir beim Weiterexistieren?«
»Ja. Aus diesem Grund trinke ich ja.«
»Nimmst du sonst auch was?«
»Na ja, gelegentlich Gras. Und ganz selten Koks. Und du? Was nimmst du?«
»Ich habe zu Hause eine Pflanze stehen. Doch zurück zu dir. Würde es dir schwerfallen, auf Dauer damit aufzuhören?«
»Mit den Drogen nicht. Beim Alkohol ist das eine andere Geschichte.«
»Haben diese Exzesse was mit dem Unwohlsein zu tun?«
»Ich habe mir diese Frage noch nie gestellt. Aber ich glaube, dass das Unwohlsein nicht der Auslöser ist«, log er.
»Also ist es der Auslöser«, stellte sie nüchtern fest. »Wie lange dauern denn diese Exzesse für gewöhnlich?«
»Meistens von siebzehn bis dreiundzwanzig Uhr.«
»Michael, ich will wissen, wie viele Tage oder gar Wochen sie andauern.«
Michael errötete. Er wusste, dass ihr die Wahrheit nicht gefallen würde, dennoch sagte er sie. »Der letzte ungefähr vier Monate.«
Christina erschrak. »Ist das dein Ernst?«
»Ja. Leider.«
»Und dann hörst du von einem Tag auf den anderen auf zu trinken?«
»Ja. Das macht mir nichts aus.«
»Hör zu. Ich weiß nicht, ob dir das schon mal wer gesagt hat, aber du, mein Lieber, nutzt den Alkohol als Ausweg aus dem Unwohlsein.«
»Also bitte, das ist völlig falsch, meine Liebe. Ich trinke bloß, um früher und besser schlafen zu können.«
»So kann man das auch formulieren. Ich hingegen würde sagen: du trinkst, um so früh wie möglich einschlafen zu können, sodass du nichts mehr mitkriegst von der Welt und von dir selbst.«
Michael schwieg.
»Ich werfe dir dein Verhalten nicht vor. Du handelst, wie du es eben tun musst. Aber eine Tatsache kannst du nicht abstreiten: keine Frau will einen Mann, der sich vier Monate lang jeden Abend besinnungslos säuft. Und erzähl mir jetzt nicht, dass dir das noch nicht aufgefallen ist.«
»Doch, das ist es«, flüsterte Michael. Er fühlte Tränen in seine Augen steigen, doch konnte er sie zurückhalten. Bis auf eine, die seiner Nase entlanglief. »Aber was soll ich denn sonst machen?«
Christina nahm ihn in die Arme. Mit ruhiger Stimme sagte sie: »Und dein Davonlaufen? Wann tust du das? Am Anfang, in der Hochblüte oder am Ende des Unwohlseins?«
»Irgendwann zwischen der Hochblüte und der Höchstblüte.«
»Also wenn es überhaupt nicht mehr geht?«
»Ja, wenn nicht einmal mehr das Trinken hilft.«
»War das an dem Abend, als wir uns im Zug begegnet sind, der Fall?«
»Ja.«
»Ich habe in den letzten Tagen keine Entzugserscheinungen bemerkt«, sagte sie nachdenklich.
»Die habe ich nie.«
»Und was wäre gewesen, wärst du in Wien geblieben?«
»Keine Ahnung. Ich will es auch gar nicht wissen?«
»Hättest du dir was angetan?«
»Nein, ganz sicher nicht. So was kommt für mich nicht infrage. Wahrscheinlich wäre das Unwohlsein irgendwann abgeklungen.«
»Hast du es als so schlimm empfunden, dass du dir gesagt hast, es geht wirklich nicht mehr?«
»Ja. Darum auch meine überstürzte Abreise.«
»Und deine früheren Fluchten?«
»Da habe ich mir stets gesagt, dass ich eine Luftveränderung brauche.«
»Aber das Gefühl, dass es gar nicht mehr geht, hast du zuvor niemals gehabt?«
»Nein, nie. Bis vor ein paar Tagen eben. Da schon.«
»Es wird immer schlimmer werden, Michael.«
»Was?«
»Das Unwohlsein. Wenn du dich nicht davon befreist.«
»Das ist mir irgendwie klar.«
»Irgendwie?«
»Es ist mir klar.«
»Das hoffe ich für dich, Michael.«
»Darf ich dir eine Frage stellen, Christina?«
»Schieß los.«
»Du musst mir aber eine ehrliche Antwort geben.«
»Das tue ich immer. Also raus damit.«
»Wie denkst du jetzt über mich?«
»Dass«, sie lachte, »trotz deiner Exzesse Hopfen und Malz noch nicht verloren ist.«
Auch Michael lachte.
»Nein, im Ernst. Du hast zweifellos ein Problem. Aber ich halte dich nicht für verloren. Es ist noch nicht zu spät.«
»Das freut mich sehr. Ich muss sagen, dass mich unser Gesprä-« Der restliche Satz ging in Gähnen unter.
»Müde gemacht hat«, beendete sie den Satz für ihn. »Mich auch. Wie fühlst du dich nun?«
»Besser. Weil ich diese Sache, die mit dem Trinken, aussprechen konnte.«
»Möchtest du jetzt schlafen? Oder möchtest du«, sie schob seinen Pullover hoch und nestelte an seinem Gürtel herum, »was ganz anderes machen?«
»Wenn du wissen möchtest, ob ich hier auf dem Sofa mit dir schlafen will, ist die Antwort ja.«
»Gehen wir morgen zu Pater Vinzenz?«
»Ja, das machen wir. Und angesichts der Sachen, die wir hier gleich machen werden, sollten wir ihn bitten, uns die Beichte abzunehmen.«
Christina lachte.

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