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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 11

11


»Hier ist es aber schön.«
»Ja, Christina. In einer Stadt mit weiß Gott wie vielen Kirchen hat sich Pater Vinzenz ein besonders hübsches Fleckchen ausgesucht.«
Ein junger Mönch begrüßte sie freundlich und führte sie in einen Raum, der offenbar für Besprechungen herangezogen wurde. Er war klein, ein Tisch und vier Stühle standen in seiner Mitte, und an den Wänden hingen Ölgemälde, die Szenen aus der Bibel zeigten.
»Dieser Raum hat eine angenehm ruhige Atmosphäre«, sagte Christina. »Wie geschaffen für das, was dir bevorsteht, Michael.«
Michael sah sich eines der Gemälde aus der Nähe an. Bei ihren Worten drehte er sich um und sagte mit gequälter Miene: »Ich fürchte, ich werde diesen Raum in keiner allzu guten Erinnerung behalten.«
Christina lachte. »So schlimm wird es schon nicht werden.«
In diesem Augenblick betrat Pater Vinzenz den Raum.
»Es freut mich sehr, dass sie beide meiner Einladung gefolgt sind.«
»Sie haben es sehr schön hier, Pater Vinzenz«, sagte Christina.
»Vielen Dank. Aber bitte, nennen sie mich Vinzenz. Das erleichtert das Reden. Wie heißen sie, mein Kind?«
»Ich bin Christina, und mein Freund heißt Michael.«
»Sind sie zum ersten Mal in Rom?«
»Ich war schon öfter hier, Michael zum ersten Mal.«
»Und, Michael, welchen Eindruck haben sie von Rom?«
»Rom ist eine wunderschöne Stadt.«
»Was hat sie denn hierher geführt?«
»Ich wollte schon immer einmal nach Rom. Und dieses Mal hat es sich so ergeben.«
»Und sie haben sich im Zug kennengelernt?«
»Ja«, sagte Christina. »Er hat es in Wien nicht mehr ausgehalten und ist in den nächsten Zug gesprungen.«
Vinzenz nickte. »Sie sind auf der Suche nach ihrem Ort? So hat Christina es gestern gesagt.«
»Ja, Vinzenz, so kann man es ausdrücken.«
»Und sie hoffen, ihn in Rom zu finden?«
»Da bin ich mir nicht mehr so sicher.«
»Warum?«
»Ich habe viele Gespräche mit Christina geführt und mich dadurch ein bisschen besser kennengelernt.«
»Das ist gut. Sich selbst zu kennen ist der erste Schritt.«
»Wie haben sie ihren Ort gefunden, Vinzenz?«, fragte Michael
»Ich werde ihnen in wenigen Worten meine Geschichte erzählen. Ich habe in einer Bank gearbeitet, in hoher Position. Ich habe sehr viel Geld verdient und uns, also meiner Frau, unseren drei Kindern und mir hat es an nichts gefehlt, wir waren glücklich. Doch von einem Tag auf den anderen ist alles, was ich bis dahin für erstrebenswert gehalten hatte, bedeutungslos geworden.« Er machte eine Pause, sah Michael und Christina abwechselnd in die Augen.
»Was ist geschehen?«, fragte Christina.
»Eines Morgens bin ich aufgewacht und konnte nicht aus dem Bett steigen. Nach zehn Minuten hatte ich es doch geschafft, aber dann brauchte ich eine halbe Stunde, um mich anzukleiden.«
»Hatten sie einen leichten Schlaganfall?«, fragte Michael.
»Keineswegs. Dieser Zustand dauerte drei Tage an, dann ist meine Frau mit mir in ein Krankenhaus gefahren.«
»Und? Wie lautete die Diagnose?«
»Schwere Depression. Das war natürlich ein Schock für meine Familie und für mich. Ich war vier Monate in einer Spezialklinik, und danach ein halbes Jahr zu Hause.«
»Und ihr Job?«
»An Arbeit war nicht zu denken in dieser Zeit. In der Zwischenzeit ist meine Ehe zerbrochen und ich bin vor dem Nichts gestanden. Sowohl materiell als auch, und das war noch viel schlimmer, seelisch.«
»Was haben sie dann gemacht?«
»Ich bin in den Orden eingetreten.«
»Aus welchem Grund? Waren sie schon vorher religiös?«
»Nein, der Religion habe ich immer kritisch gegenüber gestanden.«
»Warum wollten sie dann Mönch werden?«
»Es war die Lebensweise, die mich angezogen hat, nicht das Gebet. Der Verzicht auf Überflüssiges, die Kleinheit des Besitzes, und natürlich das Kontemplative, das Meditieren.«
»Wie ging das? Sind sie zum Abt gegangen und haben gesagt ‘Lieber Abt, ich bin jetzt da. Ich glaube zwar nicht wirklich an Gott, aber ich würde gerne Mönch werden’?«, fragte Michael.
»Natürlich war ich ehrlich. Ich habe meine Situation dargelegt, auch meine kritische Haltung gegenüber der Kirche und der Religion, und wurde trotzdem aufgenommen. Und ich glaube, dass ich im Lauf der Jahre ein wertvolles Mitglied meines Ordens geworden bin.«
»Haben sie diese Entscheidung jemals bereut?«
»Viele Male. Aber ich habe mich damals dazu entschlossen, auf diese Art zu leben.«
»Wann haben sie sie bereut?«
»Ich bin zwar ein Mönch, doch bin ich auch ein Mann. Es gab etliche Anlässe, meinen Entschluss zu bereuen, doch am Ende des Tages wusste ich stets, dass ich die für mich richtige Wahl getroffen hatte.«
»Verzeihen sie mir bitte, dass ich ihnen all diese Fragen stelle, Vinzenz. Ich möchte keinesfalls indiskret sein.«
»Das sind sie nicht, Michael. Fragen sie nur.«
»Wie lange hat es gebraucht, bis sie sich sicher waren, dass das Kloster ihr Ort ist?«
»Es hat schon ein paar Jahre gebraucht, bis ich mir wirklich sicher war.«
»Und wie waren die Jahre der Unsicherheit für sie?«, fragte Christina.
»Es war keine harte Zeit, falls sie das meinen. Sie war angefüllt mit Ruhe. So konnte ich mich intensiv mit mir selbst beschäftigen und zu mir finden.«
»Und ihre kritische Haltung? Haben sie nie damit angeeckt?«, fragte sie.
»Das kam durchaus vor. Doch letzten Endes ist das ganze Leben ein Kompromiss. Nicht nur das Leben in ihrer Welt, sondern auch das in einem Kloster.«
»Kompromiss. Das ist etwas, das du offenbar noch nicht kennst«, sagte sie zu Michael.
Dieser lächelte gequält.
»Wie meinen sie das, Christina?«
»Mein lieber Freund pflegt davonzulaufen.«
»Wovor?«
»Er nennt es Unwohlsein?«
»Ich verstehe.«
»Und deswegen trinkt er und läuft dann weg. Wobei das Trinken, wie ich herausgefunden habe, bei ihm die schwache Ausprägung des Weglaufens ist.«
»Und was ist die starke?«
»Ich verreise«, schaltete sich Michael wieder in das Gespräch über sich ein.
»Und auf diese Art und Weise suchen sie nach ihrem Ort, wollen so zu sich selbst finden?«
»Das war mein Plan. Aber, wie gesagt, durch Christina habe ich viel über mich selbst gelernt.«
»Michael ist der Ansicht, dass er seinen Ort in einem Menschen finden kann. Oder sogar muss.«
»Einen Menschen als seinen Ort zu sehen mag ja eine sehr romantische Vorstellung sein, doch kann das auch böse enden.«
»Aber ist es das Risiko nicht wert? Ich meine, was, wenn es funktioniert? Ich lerne jemanden, also eine Frau, kennen und es passt alles. Warum sollte ich meinen Ort nicht in ihr sehen?«, fragte Michael.
»Ein Ort bleibt ein Ort, während Menschen sich entwickeln, in die eine oder die andere Richtung. Sie können auf Abwege geraten, und oft ist es dann so, dass sie den Menschen, der sie liebt, dazu verleiten, ihnen auf diese Abwege zu folgen. Das müssen sie nicht einmal aus Bösartigkeit tun, auch die, die ihnen folgen, tun dies oft nicht bewusst«, gab der Mönch zurück.
»Vinzenz drückt das viel besser aus als ich«, sagte Christina zu Michael.
»Das liegt daran, dass meine Beziehung zu Michael eine ganz andere ist als ihre, Christina. Ich betrachte Michael aus viel größerer Distanz, sowohl persönlicher als auch der des Alters.« Er wandte sich Michael zu. »Haben sie jemals Zeit an einem Ort der Stille verbracht?«
»Sprechen sie von einem Kloster?«
»Ein solches ist dafür prädestiniert. Doch es muss nicht zwangsläufig ein Kloster sein.«
»An welchem Ort herrscht denn noch so eine Stille?«
»Sie kann an jedem beliebigen Ort herrschen. Das kann eine Wohnung sein, ein Wald, sogar eine belebte Straße.«
»Eine Straße?«, fragte Christina. »Das verstehe ich nicht.«
»Es geht nicht um die Art von Stille, die Absenz von Geräuschen bedeutet. Ich spreche von innerer Ruhe. Die lässt sich an jedem Ort finden, vorausgesetzt man ist bereit, sich auf sich selbst zu konzentrieren und seiner inneren Stimme zuzuhören.«
»Was kann ich also tun?«
»Sie müssen sich stellen.«
»Mich stellen?«
»Ja. Ihrem Ich. Mir ist bewusst, dass das banal klingt, wie aus einem schlechten Film, aber so ist es nun einmal.«
»Wie soll er das am besten angehen?«
»Machen sie sich zwei Listen, Michael. In die eine tragen sie ein, was sie haben oder sein müssten, um glücklich zu sein. Auf das andere Blatt schreiben sie, was sie daran hindert, glücklich zu sein.«
»Und dann verbrenne ich die zweite Liste und bin glücklich?«, fragte Michael flapsig.
»Michael, das ist nicht der Ort für dumme Witze«, wies Christina ihn scharf zurecht.
»Seien sie nicht so streng mit ihrem Freund, Christina«, beschwichtigte der Pater. »Er hat in den letzten Tagen viel erlebt.«
»Na ja, so viel haben wir auch nicht unternommen«, meinte Michael.
»Das vielleicht nicht. Aber innerlich haben sie, wie ich meine, einiges erlebt.«
»Das stimmt.«
Vinzenz sah Christina an. »Erst die Gespräche mit ihnen, durch die Michael gleichsam mit dem Kopf auf die Realität gestoßen wurde. Und nun sage ich in etwa dasselbe wie sie zu ihm. Da ist seine Reaktion nur verständlich, was natürlich nicht heißt, dass sie zielführend ist.«
»Ich weiß. Entschuldige, Michael.«
»Nein, Christina. Ich muss mich entschuldigen. Meine Bemerkung war wirklich unpassend.«
»Ihr Vorschlag mit den Listen ist wirklich gut, Pater Vinzenz«, sagte Christina.
»Ich glaube, dass Michael sich nur so die richtigen Fragen stellen wird.«
Der junge Mönch, der Christina und Michael empfangen hatte, betrat den Raum und flüsterte in Vinzenz Ohr.
Dieser erhob sich und sagte: »Es tut mir leid, aber ich habe einen Termin, den ich wahrnehmen muss.«
»Das ist kein Problem, Vinzenz«, beeilte sich Michael zu sagen. »Wir wollten ohnehin-«
»Wollten wir?«, fragte Christina.
Vinzenz lächelte. »Ich sehe, sie sind sich uneins darüber, ob dieses Gespräch schon zu Ende ist.«
»Ich denke, dass es das nicht ist.«
»Das denke ich auch. Wenn sie möchten, kommen sie doch morgen oder übermorgen wieder. Vielleicht hat Michael«, er wandte sich dem Angesprochenen zu, »dann bereits die Listen geschrieben und miteinander verglichen. Und vielleicht ist ihm dabei ein merkwürdiger Umstand aufgefallen.«
»Ich schreibe sie noch heute, Pater. Und ich werde sie aufmerksam vergleichen.«
»Vielen Dank, Vinzenz, dass sie sich Zeit für uns genommen haben. Wir kommen bestimmt wieder«, sagte Christina.

»Es war gar nicht so schlimm«, stellte Michael erleichtert fest.
»Was hast du denn erwartet? Dass er dir die Hölle androht?«
Michael lachte. »Nein, das nicht gerade. Aber- Ich weiß auch nicht. Ich bin eigentlich ohne große Erwartungen hingegangen.«
»Und nun?«
»Bin ich positiv überrascht. Er ist ein wirklich weltoffener Mensch. Und ein sehr interessanter obendrein.«
»Du hast heute gar nicht in seine Augen gestarrt.«
»Das habe ich wohl vergessen. Aber ich werde es nachholen.«
»Was bedeutet, dass du vorhast, ihn noch einmal zu besuchen.«
»Ja.«
»Mit den Listen?«
»Ich weiß noch nicht, ob ich sie mitnehmen werde. Schreiben werde ich sie auf jeden Fall. Aber ich denke, es reicht, wenn ich mich mit ihnen beschäftige und dem Pater sagen kann, wo es bei mir hapert.«
»Michael.«
»Ja.«
»Küss mich.« Sie drückte ihn an sich und sie küssten sich vor den Toren des Klosters.
»Womit habe ich das verdient?«
»Damit, dass du die Listen schreiben und dich mit ihnen auseinandersetzen wirst.«
»Wenn das so ist, schreibe ich jeden Tag acht Listen.«
»Übertreib mal nicht, mein Lieber. Was machen wir jetzt? Willst du nach Hause gehen und gleich mit den Listen anfangen, oder stärken wir uns erst einmal?«
»Stärken. Worauf hast du Appetit?«
»Gehen wir in das Restaurant bei unserem Apartment. Dort haben sie eine große Auswahl.«
»Dann lass uns hingehen.«

»Ja ja, die Zigarette danach.«
»Nach einem guten Essen ist eine Zigarette einfach ein Genuss.«
»Stört es dich, dass ich das Fenster aufgemacht habe?«
»Nein, überhaupt nicht. Liegt es am Rauch?«
»Nicht nur. Wir habe auch seit gestern nicht gelüftet. Soll ich uns einen Espresso kochen?«
»Ja, gerne. Ich fange inzwischen mit den- Christina?«
»Ja.«
»Hast du die Gedichte noch, die ich dir ausgedruckt habe?«
»Ja. Warum?«
»Ich habe kein Papier dabei.«
»Und dein Schreibheft?«
»Da kommen nur die Resultate meiner Kreativität rein, nicht mein Seelenmüll.«
»Wenn das mal nicht das gleiche ist. Okay, hier hast du sie.« Sie gab ihm die Blätter. »Eigentlich ist es gut, dass du die Listen darauf schreibst.«
»Warum?«
»Na, so habe ich nicht bloß die Gedichte, sondern auch die handschriftliche Selbstbefragung des Schriftstellers.«
»In der Tat. Du hast ja keine Vorstellung von der Summe, die diese Blätter einmal wert sein werden.«
Beide lachten.
Christina ging in die Küche und Michael setzte sich an den Tisch im Wohnzimmer, zwei Blatt Papier vor sich und einen Schreibstift in der Hand.
›Also, womit fange ich an? Mit der negativen Liste oder mit der Zukunftsliste? Eigentlich ist keine von beiden positiv, denn die Zukunft ist ja noch nicht eingetreten. Und wer weiß, vielleicht tritt ja auch nie das ein, was ich in meinem Leben haben will. Egal, ich fange mit der Leidensliste an. Mein Unwohlsein sollte ich wohl an die erste Stelle setzen.‹
Er schrieb das Wort ‘Unwohlsein’ auf das Blatt.
»Christina«, rief er, »ich habe schon angefangen. Und ich glaube, ich bin auf einem guten Weg, was die Liste anlangt.«
Sie kam aus der Küche und sah auf das Blatt.
»In der Tat, mein Lieber. Dieses Wort zu lesen habe ich wahrlich nicht erwartet«, meinte sie sarkastisch.
»Gib mir Zeit. Auf dem Blatt ist noch viel Platz frei.«
»Dann schreib mal«, sagte sie und ging wieder in die Küche.
›Woher kommt das Unwohlsein? Na klar, ich bin allein, daher kommt es. Ich habe niemanden zum Reden und um andere Sachen zu machen.‹
Er schrieb ‘allein’ auf. Kaum hatte er das Wort ausgeschrieben, strich er es durch und schrieb stattdessen ‘Einsamkeit’.
›Das passt besser. Und was mache ich dagegen? Ich schreibe. Zwar keine schönen Texte, aber immerhin.‹
‘schreiben’ war das nächste Wort auf der Liste.
›Und wenn das Schreiben nicht mehr hilft? Tja, dann saufe ich. Und das Saufen bewirkt, dass ich nicht wirklich gut schreiben kann. Aber das ist wohl bei den meisten Autoren so. Also kann ich auf die Verbindung Schreiben-Trinken verzichten. Was, und da hat Christina recht, aber die schlimmste Nebenwirkung des Trinkens ist: es bewirkt das Alleinsein. Ich werde dadurch noch einsamer. Denn wer will wirklich einen Alkoholiker neben sich im Bett haben? Doch wohl niemand. Also hängt die Einsamkeit ursächlich mit dem Saufen zusammen. Und umgekehrt. Das eine bewirkt bei mir das anders. Wie in einem Teufelskreis.‹
Michael schrieb ‘Alkohol’ auf das Blatt und setzte dieses Wort durch einen Pfeil mit zwei Spitzen in Zusammenhang mit ‘Einsamkeit’.
Christina stand in der Tür und beobachtete Michael. Obwohl der Kaffee fertig war, sagte sie nichts, um ihn nicht zu stören, und verschwand nach wenigen Augenblicken wieder in der Küche.
›Und wenn nicht einmal mehr der Alkohol hilft, was mache ich dann? Wegrennen. Wie immer. Ich verreise. Aber ist das Unwohlsein wirklich der einzige Grund dafür? Ich habe ja keine Strukturen in Wien. Ich meine, ab fünf Uhr im Stammlokal zu sitzen und entweder zu schreiben oder zu trinken ist ja schön. Aber es ist eben auch ein Symbol des Fehlens einer Struktur, einer sinnvollen Beschäftigung. Aber die Worte Struktur oder Job gehören wohl eher auf die andere Liste.‹
Er notierte ‘Flucht’ und ‘fehlende Struktur’. ‘Flucht’ setzte er an die letzte Stelle, und ‘fehlende Struktur’ fügte er neben ‘Unwohlsein’ ein und verband diese beiden Begriffe mit einem doppelten Pfeil.
Dann ging er in die Küche, goss sich Espresso ein und sagte zu Christina: »Meine Liebe, die erste Liste, die negative, ist fertig.«
»Das hast du gut gemacht, mein Lieber. Jetzt trink in Ruhe deinen Kaffee und dann rauch eine Zigarette, wenn du möchtest. Danach schreibst du die zweite Liste.«
»Und dann?«
»Dann vergleichst du sie und wir reden darüber, was deine Listen dir sagen.«
»So machen wir es.« Er küsste sie.
Nachdem er geraucht hatte, setzte er sich wieder an den Tisch.
›So, nun die zweite Liste. Was will ich? Liebe. Geborgenheit. Wärme, Nähe und Verständnis. Wie nenne ich das? Privates Glück klingt zwar irgendwie kitschig, trifft es aber ganz gut.‹
Michael schrieb ‘privates Glück’ an die oberste Stelle der zweiten Liste.
›Und was noch? Was bedingt das private Glück? Nicht saufen, logisch. Und irgendwas Sinnvolles. Eine Beschäftigung, die was darstellt. Nicht dass ich was darauf gebe, was die Leute sagen. Eine Tätigkeit mit Sinn eben. Egal ob sie Geld einbringt. Davon habe ich ohnehin genug. Etwas, mit dem auch eine Frau zufrieden sein kann. Ein sinnvoller Job? Nein. Eine Beschäftigung, die- Nein. Eine Aufgabe. Das ist es. Und mit einer solchen kommt auch die Struktur in mein Leben zurück.‹
‘Aufgabe’ war das zweite Wort auf der Liste.
›Angenommen, ich habe mein privates Glück und eine Aufgabe gefunden, was brauche ich noch? Gesundheit ist immer wichtig. Aber die hat auf der Liste nichts verloren. Wenn ich nicht mehr trinke und es vielleicht auch einmal schaffen sollte, mit den Zigaretten aufzuhören, dann ist schon viel für die Gesundheit getan. Eigentlich brauche ich gar nichts mehr. Denn dann bin ich glücklich. Und was heißt das dann? Das heißt doch, dass ich mich dann nicht mehr unwohl fühle. Dann ist mein Unwohlsein weg. Diese beiden Listen sind einer mathematischen Aufgabe sehr ähnlich. Und als Ergebnis kommt die Freiheit vom Unwohlsein heraus.‹
Michael schrieb ‘Frei von Unwohlsein’ an die unterste Stelle des Blattes und unterstrich die Worte zweimal. Dann wollte er sich daran machen, die beiden Listen miteinander zu vergleichen.
›Und jetzt vergl- Nein. Was soll ich sie groß vergleichen? Ich weiß ja noch, was ich erst vor wenigen Minuten geschrieben habe. ‘Frei von Unwohlsein’ als Endergebnis. Das ist es. Es ist so einfach. Die einfachste Rechenaufgabe der Welt. Warum bin ich bisher nicht auf dieses Ergebnis gekommen, wo es doch so simpel ist.‹
Er lief in die Küche und umarmte Christina. »Meine Liebe, ich bin fertig.«
»Und? Worauf bist du gekommen?«
»Dass es simpel ist. Die Antwort ist so simpel wie nur irgendwas.«
»Wie lautet die Antwort?«
»Warte, ich zeige sie dir.«
Er holte die Listen und legte sie nebeneinander auf den Küchentisch. Sie las, was er notiert hatte, dachte kurz darüber nach und umarmte ihn.
»Weißt du nun, was der Pater und ich dir zu sagen versucht haben?«
»Ja. Nun ist mir klar, was ihr gemeint habt.«
»Aber ein Wort vermisse ich auf den Listen. Eines, das du in den letzten Tagen oft gebraucht hast.«
»Welches denn?«
»Ort.«
Michael schwieg.
»Wo ist denn dein Ort auf diesen Listen?«
»Ich weiß es auch nicht. Ich bin in mich gegangen, habe ehrlich und präzise in Worte gepackt, was im Moment nicht passt und was ich gerne hätte, doch die Frage nach dem Ort hat sich mir nicht aufgedrängt.«
»Sie hat sich vielleicht nicht aufgedrängt, dennoch hast du sie beantwortet.«
»Wo habe ich sie denn beantwortet?«
»Du hast sie unbewusst beantwortet. Die Antwort lautet: dort, wo das doppelt unterstrichene Ergebnis in dein Leben tritt, ist er, dein Ort. Das hängt nicht von einer Person ab, auch nicht von einem Job. Es ist das Ergebnis, eine Mischung, aus vielen Faktoren, die alle einander bedingen und die zusammenspielen müssen. Wenn sie das tun, dann bist du frei von deinem Unwohlsein, dann bist du glücklich. Egal wo das sein wird, dort ist er. Dein Ort.«
»Somit ist alles klar«, stellte Michael erfreut fest.
Christina sah ihn mit vor Erstaunen hochgezogenen Augenbrauen an. »Was ist klar, Michael?«
»Nun weiß ich, was ich tun muss, um glücklich zu werden.«
»Und du glaubst, dass dieser Prozess schnell abgeschlossen sein wird?«
»Natürlich.«
»Ich an deiner Stelle wäre etwas vorsichtiger mit solchen Aussagen.«
»Wie meinst du das?«
»Lass es mich so sagen: all diese Aufgaben, um sie mal so zu nennen, brauchen Zeit. Ich will deine Geschwindigkeit keinesfalls bremsen, aber weißt du schon, was du machen willst? Jobmäßig, meine ich.«
»Ich werde schon was finden.«
»Und wie sieht es mit dem privaten Glück aus?«
»Ach, es gibt so viele Frauen, die einen Mann suchen. Eine von diesen wird mich schon wollen.«
Christina erkannte, dass sie Michael an diesem Abend unmöglich bremsen konnte. Zu groß war seine Euphorie. »Natürlich. Und im Augenblick musst du eben mit mir vorlieb nehmen«, sagte sie und küsste ihn.
»Das mach ich doch gern«, sagte er und erwiderte ihren Kuss.
»Du bist jetzt richtig aufgedreht.«
»Wundert dich das? Nachdem nun alles klar ist, geht es mir viel besser.«
»Ja, du wirkst gelöst.«
»Es war wirklich eine gute Idee, die Listen zu schreiben.« Er küsste Christina, hob sie hoch und trug sie in das Schlafzimmer, wo er sie auf das Bett legte. »Und jetzt wird nicht mehr geredet, meine Schöne. Jetzt machen wir was ganz anderes. Etwas, das auf meiner dritten Liste, der imaginären, ganz oben steht.«

»Wirst du Pater Vinzenz die Listen zeigen?«
»Nein. Ich glaube, dass es gar nicht mehr notwendig ist, zu ihm ins Kloster zu gehen.«
»Ich denke, wir sollten noch einmal hingehen.«
»Wozu? Was soll das jetzt noch bringen?«
»Schau, Michael, er war so nett, uns in sein Kloster einzuladen. Also ist es wohl ein Gebot der Höflichkeit, ihn aufzusuchen und dich für den Tipp mit den Listen zu bedanken. Wo sie dir doch in Rekordzeit den Ausweg aus deiner Situation gewiesen haben.«
»Sag, Christina, höre ich etwa Sarkasmus aus deinen Worten?«
»Nein, keineswegs, mein Lieber.«

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