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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 13

13


»Entschuldige bitte wegen gestern Abend, Michael.«
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Was war denn los?«
»Nun, ich habe mich in den letzten Tagen an dich gewöhnt.«
»Ich kann verstehen, dass du deshalb geweint hast. Das ist ein wirklich trauriger Umstand.«
»Lass den Blödsinn. Ich habe geweint, weil unsere gemeinsame Zeit schon sehr bald vorüber sein wird.«
»Wird sie das sein?«
»Du wirst doch nach Korsika gehen.«
»Und? Ich komme doch zurück nach Wien.«
»Aber dann kennst du mich vielleicht nicht mehr.«
»Jetzt lässt aber du den Blödsinn. Ich werde dich immer kennen.«
»Du wirst auf jeden Fall verändert zurückkommen.«
»Hoffentlich werde ich das. Zum Positiven verändert, wohlgemerkt.«
»Die Tage mit dir sind wie im Fluge vergangen. Wie lange bleiben wir noch hier in Rom?«
»Wenn du möchtest, bis die sieben Tage vorüber sind. Also so lange, wie wir das Apartment gemietet haben.«
»Ja, das möchte ich. Du hast dir ja noch nicht allzu viel von Rom angeschaut.«
»Gut. Christina, bezüglich meiner Reise nach Korsika habe ich eine Bitte.«
»Schieß los.«
»Reden wir nicht mehr davon. Auch nicht von dem Weg, der mir bevorsteht. Lass uns darüber reden, wenn ich aus Korsika zurück bin.«
»Ein wenig werden wir in der Zwischenzeit doch darüber reden. Oder eben schreiben. In den Mails, die wir einander schicken werden.«
»Das stimmt. Ich weiß ja nicht, wie viel du schreiben wirst, ich jedenfalls werde dir lange Mails schicken, damit du auf dem neuesten Stand bist, wie es mir geht und dort ergeht, und wie weit ich mit der Beantwortung meiner Fragen an mich selbst bin.«
»Ja, schreib mir detailliert, wie es dir dort ergeht. Meine Mails werden sicher kürzer als deine sein, denn bei mir wird sich nicht allzu viel ändern.«
»Sag das nicht. Ändern kann sich immer etwas.«
»Was denn? Dass mich das Fernweh packt und ich die Lust verspüre, nach Korsika zu reisen?«
»Sollte das der Fall sein, bist du mir herzlich willkommen.«
»Ich mache bloß Scherze.«
»Ich nicht.«
»Was machen wir heute, Michael?«
»Lass uns in ein Museum gehen, dann essen, danach entscheidest du, was wir machen und am Abend liegen wir wie ein lange verheiratetes Paar im Bett und ich lese dir aus der Zeitung vor.«
»Über Nummer vier auf deiner Liste müssen wir noch einmal sprechen, aber mit dem Rest bin ich einverstanden. Willst du oder soll ich?«
»Was?«
»Die Initiative ergreifen?«
»Also, wenn das so ist, dann ergreife ich-«
»Gerne die Initiative und gehe in die Küche, um meiner Christina einen Kaffee zu kochen«, führte sie seinen Satz zu Ende.
»Natürlich. An nichts anderes habe ich gedacht.«

»Das Museum war gut, aber das Essen hier ist besser.«
»Du warst nicht sehr interessiert an den Gemälden. Oder irre ich mich?«
»Nein, meine Liebe, du hast recht. Es lag an den Bildern. Sie haben mir einfach nicht gefallen. Obwohl sie zweifellos gut sind.«
»So was kommt vor. Und jetzt bin ich an der Reihe zu entscheiden, was wir uns ansehen.«
»Na dann, entscheide.«
»Es ist natürlich die Touristenattraktion Nummer eins in Rom, doch finde ich, dass du das Kolosseum von innen gesehen haben solltest.«
»In Ordnung. Lass uns hingehen. Aber erst nach dem Tiramisu, das ich noch nicht bestellt habe.«

»Das Kolosseum ist sehr beeindruckend.«
»Es freut mich, dass es dir gefallen hat. Haben dich die vielen Menschen gestört?«
»Lass es mich so sagen: ich habe schon nachgesehen, ob in irgendeinem Käfig nicht doch ein hungriger Tiger auf seine Chance wartet.«
Sie lachte.
Sie kamen an einem Kiosk vorbei und Christinas Blick fiel auf die neue Ausgabe eines deutschen Wochenmagazins.
Plötzlich erstarb ihr Lachen und sie sah Michael erschrocken an. »Sag, Michael, den wievielten Tag sind wir in Rom?«
»Ich glaube, heute ist der sechste Tag.«
»Nein, mein Lieber. Heute ist der achte Tag.«
Michael sah sie entgeistert an, dann begann er nachzurechnen. »Um Gottes willen, du hast recht.«
»Das Apartment haben wir aber nur für sieben bezahlt, oder?«
Michael überlegte. »Hast du dein Telefon dabei, Christina?«
»Nein, es liegt im Wohnzimmer. Wo ist denn deines?«
»In der Küche. Ich muss dringend telefonieren. Wenn du in einem Café warten möchtest-«
»Nein, möchte ich nicht. Gehen wir in die Wohnung. Sag, Michael, ist dir das gar nicht aufgefallen?«
»Nein. Ich habe nicht darauf geachtet.«
»Und die Maklerin? Hat sie sich denn nicht gemeldet?«
»Nein. Aber vielleicht ist mein Telefon noch immer stummgeschaltet.«
»Sag, kümmerst du dich nie um so was wie Termine?«
»Nein, eigentlich nicht. Ich habe nicht so viele davon.«
Christina sah ihn ungläubig an, dann sagte sie: »Michael, du musst wirklich etwas ändern. Dein Aufenthalt auf Korsika kann dir nur guttun.«

»Und?«
»Kein Problem. Die Maklerin hat gelacht. Sie hat gesagt, dass dieses Apartment erst in fünf Tagen neu vermietet wird.«
»So lange kann ich aber nicht in Rom bleiben.«
»Ich weiß. Willst du morgen nach Wien fahren? Oder fliegen wir? Preislich gibt es fast keinen Unterschied, glaube ich wenigstens.«
»Wenn das so ist, dann fliegen wir natürlich.«
»Ich rufe im Reisebüro in Wien an. Die sollen uns zwei Tickets buchen.«
Michael telefonierte.
»Und, mein Lieber, wann fliegen wir morgen?«
»Um siebzehn Uhr.«
»Das ist angenehm. Und die Wohnung? Wann müssen wir sie übergeben?«
»Wann wir wollen. Das Maklerbüro liegt nur zwei Straßen weiter.«
»Dann ist alles geklärt.«
»Christina, da gibt es noch eine ungeklärte Sache.«
»Ja?«
»Was machen wir heute noch?«
»Wir gehen ein bisschen spazieren. Damit du schöne Eindrücke vom nächtlichen Rom mitnimmst.«
»Gern. Und dann?«
»Dann darfst du bestimmen, was wir machen.«

Sie standen Hand in Hand vor dem Petersdom, und obwohl es regnete, suchten sie keinen Schutz in den Kolonnaden.
»So schön, wie es hier gerade ist, der erleuchtete Dom, das Stehen hier mit dir, so leid tut es mir, dass heute unser letzter Abend in Rom ist.«
»Das könnte ich gesagt haben, Michael.«
»So lange ich lebe, werde ich die Zeit in Rom nicht vergessen.« Er putzte sich die Nase. »Lass uns zur Engelsburg gehen. Wenn dich der Regen nicht stört.«
Sie steckte seine Hand in ihre Manteltasche, wie sie es in Florenz gemacht hatte.
»Der Erzengel steckt sein Schwert weg. Der Kampf ist also vorbei.«
»Deiner wird es auch bald sein, glaub mir.«
»Um ehrlich zu sein, ich habe ein bisschen Angst vor Korsika.«
»Ich weiß. Die hätte ich auch.«
Michael seufzte. »Aber so geht es wohl jedem Menschen, der alleine in die Fremde geht.«
»Aber du, Michael, hast im Gegensatz zu anderen Menschen die Möglichkeit, deinen Aufenthalt dort sofort zu beenden, wenn es dir nicht gefällt.«
»Ja, die habe ich. Und aus genau diesem Grund werde ich sie ganz sicher nicht in Betracht ziehen, außer natürlich, es passiert was ganz Schlimmes oder gar Lebensbedrohliches.«
»Warum reihst du die Möglichkeit zu verschwinden an die letzte Stelle?«
»Weil ich mich kenne. Würde ich denken ‘Wenn es mir hier, aus welchem Grund auch immer, nicht gefällt, hau ich einfach ab. Wenn das Essen nicht gut ist. Oder wenn es zu heiß oder zu kalt ist, zum Beispiel’, würde ich das auch in die Tat umsetzen. Denn irgendwas wird bestimmt nicht passen. So wäre ich einfach nicht fähig, lange genug dortzubleiben, um mir die Fragen zu stellen, die ich muss.«
»Da hast du recht. Du wirst dich deiner selbst erst stellen, wenn du keine Möglichkeit zu entkommen hast. Also mach das so. Aber bitte versprich mir, dass du sofort zurückkehrst, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert.«
»Versprochen.«
Sie küsste ihn und flüsterte in sein Ohr: »Und wenn du dich nicht meldest, dann verspreche ich dir, dass ich dich dort suchen werde. Und glaub mir, ich werde dich finden.«
Er erwiderte den Kuss und fragte: »Und was tust du dann?«
»Dir eine Standpauke halten, wie die Welt sie noch nicht gehört hat.«
»Einverstanden. Dein Mantel ist schon völlig durchnässt.«
»Stimmt. Lass uns in die Wohnung gehen, bevor wir uns erkälten.«

»Christina, da sind Teebeutel im Schrank. Möchtest du einen Früchtetee?«
»Ja, gern. Ich habe auf dem Heimweg gefroren, da kann ein Tee nur helfen.«
Sie saßen auf dem Sofa und hielten ihre Teetassen mit beiden Händen, um schneller warm zu werden.
»Wie wirst du es auf Korsika mit dem Trinken halten?«
»Ich werde ein Glas vom dort gebrauten Bier probieren, aber das wird es dann auch schon gewesen sein.«
»Das ist gut. Auch wenn es schwer werden sollte, du darfst dieses Mal den Alkohol auf keinen Fall als Ausweg ansehen.«
»Das werde ich nicht. Der Tee tut gut, mir ist nicht mehr kalt. Und dir?«
»Mir auch nicht. Aber so richtig warm ist mir auch noch nicht.«
»Möchtest du einen Gin Tonic trinken, Christina?«
»Ja, gern. Trinkst du auch einen mit mir?«
»Ausnahmsweise. Für gewöhnlich halte ich mich bei so was ja zurück.«
Christina lachte und er ging in die Küche.
»Das, mein Lieber, ist unser letzter Gin Tonic in Rom.«
»Möchtest du denn schon zu Bett gehen?«
»Ja. Und du wohl auch, so wie du mich anschmachtest.«
»Erwischt. Wann möchtest du morgen aufstehen?«
»Wir habe keine Eile. Wenn wir aufwachen, würde ich sagen.«
»Stimmt. Die paar Sachen, die wir haben, sind schnell gepackt.«
»Ich bin fertig. Trink aus und folge mir.«

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