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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 14

14


Michael weckte Christina, indem er sie auf die Wange küsste. »Wach auf, Christina, dein Telefon hat geläutet.«
Sie drehte sich zu ihm und sagte verschlafen: »Na und? Es wird schon nichts Wichtiges sein.«
»Soll ich es dir bringen?«
»Wenn du mir auch einen Espresso ans Bett bringst, dann ja.«
Michael brachte beides ans Bett.
»Wie ich vermutet habe, nichts Wichtiges. Meine beste Freundin hat angerufen.«
»Wirst du sie zurückrufen?«
»Am Abend dann, wenn wir in Wien sind.«
»Dann kannst du ihr erzählen, wie es in Rom war.«
»Das werde ich, da kannst du dir sicher sein.«
»Was wirst du ihr denn erzählen?«
»Die Wahrheit natürlich.«
»Und wie lautet die?«
»Das würdest du wohl gerne wissen, oder?«
»Ja. Also sag schon.«
»Nein, ich sage nichts. Was wirst denn du deinen Freunden erzählen?«
»Dass es mir in Rom sehr gut gefallen hat.«
»Und was wirst du über mich sagen?«
»Nun.« Michael schwieg.
»Siehst du? Solche Fragen sind unangenehm. Also stell sie nicht.«
»Was möchtest du nachher machen? Dir was anschauen oder zu Hause bleiben?«
»Das Wetter ist schön. Möchtest du in den Zoo gehen, Michael?«
»In Rom gibt es einen Zoo?«
»Ja, natürlich. Hast du das denn nicht gewusst?«
»Nein. Es wundert mich aber sehr, dass ich dich gar nicht danach gefragt habe.«
»Warum? Gehst du gern in Zoos?«
»Sehr gern. In Wien habe ich eine Jahreskarte für den Tiergarten.«
»Dann ist es wirklich verwunderlich, dass du mich nicht gefragt hast.«
»Na ja, eigentlich ist es gar kein so großes Wunder. Ich habe mich schließlich mit ganz anderen Sachen beschäftigt.«
»Das stimmt. Was fasziniert dich denn so an Zoos?«
»Ich weiß nicht warum das so ist, aber ich bin der Ansicht, dass eine Stadt, die ihre Tiere im Zoo gut behandelt, auch gut zu den Menschen ist, die in ihr leben. Aus diesem Grund besuche ich normalerweise als erstes den Zoo, wenn ich in eine Stadt komme.«
»Was meinst du mit gut behandelt?«
»Ich spreche von der Größe der Gehege und Volieren, und in welchem Zustand sie sind. Und natürlich auch von den Tieren selbst, ob sie verwahrlost wirken oder nicht.«
»Das ist das erste Mal, dass ich höre, wie jemand von einem Zoo auf eine Stadt schließt. Ich finden diesen Ansatz interessant.«
»Was verrückt bedeutet, oder?«
Sie lachte. »Nein. Eher sympathisch. Also, gehen wir in den Zoo?«
»Ja, sehr gerne.«

»Und, mein Lieber, wie hat dir der Zoo gefallen?«
»Ganz gut. Auch wenn einige Volieren viel zu klein sind.«
»Welche Tiere haben dir am besten gefallen?«
»Die Wasserschweine und die Wölfe. Und natürlich die Greifvögel. Und dir?«
»Die Wölfe.«
»Christina, wir müssen uns- Nein.« Michael blickte enttäuscht drein. »Die Zeit reicht nicht dafür.«
»Was meinst du?«
»Ich hätte mir noch gern die Kapitolinische Wölfin angesehen.«
»Dafür reicht die Zeit wirklich nicht mehr. Tut mir leid für dich.«
»Da kann man nichts machen. Aber ich komme ja wieder nach Rom.«
»Ach ja?«
»Natürlich. Ich muss ja Pater Vinzenz Bescheid geben.«
»Wenn du das wirklich machst, bin ich unglaublich stolz auf dich.«
Michael küsste sie und sagte: »Das wirst du sein, glaub mir.«
»Lass uns zum Apartment fahren und packen.«
»In Ordnung, meine Liebe.«

»Hast du einen Aufpreis zahlen müssen?«
»Nein. Die Maklerin hat mir bloß den Standardpreis berechnet.«
»Michael?«
»Ja.«
»Vielen Dank, dass du mich eingeladen hast.«
»Kein Thema. Ich muss dir danken, dass du mir die Augen geöffnet hast.«
»Das war wohl eher Pater Vinzenz.«
»Den ich ohne dein Zutun kein zweites Mal aufgesucht hätte.«
»Auch wahr. Nehmen wir den Bus zum Flughafen?«
»Nein. Lass uns mit dem Taxi fahren.«

Der Flug verlief ruhig. Christina, die einen Fensterplatz hatte, legte ihren Kopf auf Michaels Schulter und döste. Michael las die Zeitungen, die die Flugbegleiterin ihm gebracht hatte.

»Nun sind wir wieder in Wien.«
»Du sagst es.«
»Was nun?«
»Was soll nun sein?«
»Trennen sich unsere Wege hier, am Flughafen?«
»In welchem Bezirk wohnst du, Michael?«
»Im siebenten. Und du?«
»Im sechsten.«
»Dann setze ich dich vor deinem Haus ab.«
»Und weißt auch gleich, wo ich wohne.«
»Stimmt. Ich stehe dann pünktlich um neun bei dir auf der Matte.«
Beide lachten. Michael winkte ein Taxi herbei.
»Wie lange wirst du in Wien bleiben, bevor du nach Korsika reist?«
»Wie lange soll ich bleiben?«
»Das musst du wissen, Michael.«
»Längstens drei Tage. In dieser Zeit kann ich alles regeln.«
Christina blickte nach rechts oben. »Was hältst du davon: wir treffen uns morgen Abend in deinem Stammlokal und trinken was?«
»Sehr gern. Soll ich dir den Weg dorthin beschreiben?«
»Nein, ich weiß, wo der Ruprechtsplatz liegt. Du kannst mich aber auch vor meinem Haus abholen und wir gehen gemeinsam in die Innenstadt.«
»Das ist eine gute Idee. Und was machen wir heute Nacht?«
»Schlafen.«
»Und wo?«
»Du im siebenten und ich im sechsten Bezirk.«
»Alles klar.«
»Ich weiß, dass du eine andere Antwort lieber gehört hättest. Auch mir wäre es lieber, würden wir in einem Bett schlafen, glaub mir. Aber ich brauche diese Nacht für mich allein. Ich muss all die Eindrücke und Gefühle der letzten Tage verarbeiten. Und mich an das alleine schlafen gewöhnen, wo du doch verreisen wirst.«
»Aber so lange hast du nicht neben mir oder auf mir geschlafen, dass du dich erst wieder umgewöhnen müsstest.«
»So lange nicht, da hast du recht. Aber meine Gefühle für dich sind nun einmal«, sie sah auf den Boden des Taxis, »viel intensiver, als sie es bisher für einen Mann waren.«
»Es ist wahrscheinlich besser, wenn wir die Nacht alleine verbringen. Es klingt zwar nicht männlich, aber auch ich muss meine Gefühle für dich einordnen. Wir waren ununterbrochen beisammen, sodass keiner von und die Zeit dafür finden konnte.«
»So ist es auf jeden Fall besser.«
»Ich möchte aber, dass du weißt, dass du mich jederzeit anrufen kannst. Egal wie spät oder früh es ist.«
»Vielen Dank für das Angebot. Aber ich werde dich nicht anrufen. Wie gesagt, ich werde mich dem Ordnen meiner Gefühle widmen.«
Das Taxi hielt vor Christina Wohnhaus und der Lenker stellte ihr Gepäck in den Eingang.
Christina und Michael küssten sich innig und sie sagte: »Morgen um neunzehn Uhr hier, passt dir das?«
»Ja, meine Liebe.«
»Gut. Dann bis morgen.«
Michael ließ sich ein paar Straßen weiter vor seiner Haustüre absetzen.

Michael betrat seine Wohnung und nahm eine Dusche. Dann setzte er sich im Morgenmantel auf sein Bett und aß ein Joghurt, welches er  noch im Kühlschrank gehabt hatte.
›Ich bin gespannt, wie ich ohne sie schlafen werde. Sie wird mir fehlen. Eigentlich fehlt sie mir jetzt schon. Gar nicht so sehr der Sex mit ihr, obwohl er sehr erfüllend ist. Vielmehr ihre Nähe und Wärme, die werden mir fehlen. Ich würde sie zu gern anrufen, bloß um zu erfahren, wie es ihr geht und was sie gerade macht. Aber nachdem sie gesagt hat, dass sie mich sicher nicht anrufen wird, muss ich davon ausgehen, dass sie ihre Ruhe haben will. Ich habe ihr zwar gesagt, dass auch ich meine Gefühle ordnen muss, doch bin ich mir nicht sicher, ob das im Moment eine gute Idee ist. Sie tut sich da viel leichter, denn sie ist in ihrem gewohnten Umfeld. Sie hat ihren Job und ihre beste Freundin, der sie von unserer Zeit in Rom erzählen wird. Vielleicht sogar heute noch, am Telefon. Ich kann das aber nicht tun, meine Gefühle für sie ordnen. Wie soll ich auch? Ich mag Christina wirklich sehr, wenn ich ehrlich bin, liebe ich sie sogar. Und dennoch weiß ich nicht, wo ihr Platz in meinem Leben ist. Oder sein kann. Weil ich es mit sechsunddreißig Jahren noch nicht geschafft habe, meinen Platz in meinem eignen Leben zu finden. Erst muss ich mir auf Korsika die richtigen Fragen stellen. Und die richtigen Antworten darauf erhalten. Und bei dieser Gelegenheit mit zwei Sachen abschließen. Sachen ist ein falscher Ausdruck, er ist viel zu nüchtern. Mit zwei Menschen muss ich abschließen. Das ist mindestens so wichtig wie das Stellen und Beantworten der richtigen Fragen. Denn ohne dieses Abschließen werde ich niemals frei von diesen beiden Leuten sein. Und das bedeutet, dass alles, was ich mir mit anderen Frauen anfange, von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre. Mit Christina konnte ich über dieses Thema nicht sprechen. Ich weiß, dass ich ihr alles erzählen kann, doch über diese beiden Menschen konnte ich einfach nicht sprechen. Ich wäre mir dabei unmännlich vorgekommen, obwohl das natürlich lächerlich ist. Jedenfalls muss ich erst diese beiden Rucksäcke voller fauler Pfirsiche abwerfen, bevor ich mich auf eine neue Beziehung einlassen kann. Alles andere wäre höchst unfair Christina gegenüber. Eigentlich jeder anderen Frau gegenüber. Diese beiden Aufgaben, das Fragen-Antworten-Finden und das Abwerfen der Rucksäcke, muss ich in den nächsten Wochen auf Korsika lösen, koste es was es wolle. Ich muss nur aufpassen, dass ich kein Wort über die Rucksäcke in den Mails an Christina verliere. Wenn ich dann wieder in Wien bin, wenn alles erledigt ist, werde ich ihr natürlich von diesen beiden Leuten erzählen. Morgen werde ich auf die Post gehen und mir ein Urlaubsfach einrichten. Es ist sicher von Vorteil, wenn ich mir auch einen Reiseführer von Korsika besorge. Und am Abend werde ich mit Christina was trinken gehen. Ob sie etwas darüber sagen wird, wie sie ihre Gefühle eingeordnet hat? Oder wo? Ich werde sie aber keinesfalls dazu drängen, was zu sagen. Wenn sie darüber sprechen will, freut es mich. Und wenn nicht, werde ich es spätestens dann erfahren, wenn ich zurückkomme.‹
Michael putzte sich die Zähne und legte sich ins Bett. Er dachte einige Minuten an Christina und ihre gemeinsam in Rom verbrachte Zeit, dann schlief er ein.

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