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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 15

15


Michael erwachte am späten Vormittag und verließ seine Wohnung kurz darauf, um eine Postfiliale aufzusuchen. Es dauerte nicht lange, und er hatte ein Urlaubsfach eingerichtet. Er kaufte sich einen Reiseführer über Korsika und ein französisches Wörterbuch, sowie feste Schuhe und Kleidung, die für das Wandern gut geeignet war. In einer Apotheke besorgte er sich verschiedene Medikamente für den Notfall, in einer Drogerie Mittel für die Körperpflege. In einem Reisebüro buchte er einen Flug nach Korsika für den übernächsten Tag.
Er überlegte, ob er der Nachbarin den Schlüssel zu seiner Wohnung geben und sie bitten sollte, die Zimmerpflanzen zu gießen, doch entschloss er sich, dies erst zu tun, wenn Christina diese Aufgabe nicht übernehmen wollte. Er hatte keineswegs die Absicht, sie dadurch enger an sich zu binden, er vertraute ihr einfach in höherem Maß als seiner Nachbarin.
Er durchforstete seinen Kleiderschrank und legte die Sachen, die er nach Korsika mitnehmen würde, auf die Kommode in seinem Schlafzimmer. Danach aß er eine Kleinigkeit in einem italienischen Restaurant in der Nähe seiner Wohnung.
Den Nachmittag verbrachte er zu Hause. Er zappte sich durch die vielen Fernsehsender, doch fand er weder Interesse an Dokumentationen über exotische Tiere noch an Komödien. Er holte seine Texte aus der Lade seines Schreibtisches und begann sie zu lesen. Sie waren samt und sonders dunkel und traurig, gleich, ob es sich um Gedichte, Kurzgeschichten oder Liedtexte handelte. Ihm war nicht wohl beim Lesen, denn er realisierte zum ersten Mal, dass sie eine bedrückende Wirkung auf andere Menschen haben mussten. Obwohl er sich vorgenommen hatte, sie an diesem Nachmittag alle zu lesen, brachte er dies bereits beim elften Text nicht mehr fertig und schleuderte die vielen Blatt Papier von sich.
Er suchte nach einer Beschäftigung, um die Zeit bis zum Treffen mit Christina zu überbrücken, doch war er zu aufgeregt, um etwas Sinnvolles an diesem Nachmittag zu machen. Er telefonierte mit seiner Mutter und mit einem Freund, doch wussten die nichts Neues zu berichten.
Er setzte sich an seinen Computer und suchte im Internet nach Informationen und Reiseberichten zum Thema Korsika. Er entfernte die Plastikfolie vom Schreibheft, das er in Rom gekauft hatte, und notierte auf dessen ersten Seiten, was ihm an Information wichtig erschien. Es handelte sich um mögliche Ausflugsziele, vorwiegend im Hinterland, Museen in den Städten und Restaurants, die gute Bewertungen erhalten hatten.
Sein Frisör hatte ihm einen Termin für siebzehn Uhr reserviert, und pünktlich um neunzehn Uhr stand er vor Christinas Wohnhaus.

»Du hast dir die Haare schneiden lassen«, begrüßte sie ihn.
»Gefalle ich dir mit kürzeren Haaren?«
»Ja, steht dir gut«, sagte sie und küsste ihn.
»Danke. Du siehst auch sehr gut aus«, erwiderte er und nickte anerkennend. Christina trug ein schwarzes Kleid und modische Schuhe zur Handtasche, die er ihr geschenkt hatte. »Fast ein bisschen zu schick für mich«, sagte er, der Jeans, Pullover und erkennbar oft getragene Schuhe anhatte.
»Du kannst dich ja umziehen, wenn du willst.«
»Weißt du was? Das mache ich auch. Natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht, kurz mit zu mir zu kommen und zwei Minuten zu warten.«
»So sehe ich wenigstens, wie du es mit der Ordnung hältst.« Sie lachte.
»War ich in Rom etwa unordentlich?«
»Nein, aber dort war es auch nicht schwer, Ordnung zu halten. Bei den wenigen Sachen, die du mitgehabt hast.«
»Stimmt.«

»Du hast eine sehr schöne Wohnung, Michael.«
»Danke.«
»Die ist sicher nicht ganz billig, oder?«
»Sagen wir so: sie war teuer, das stimmt. Doch nun muss ich nur mehr die Betriebskosten zahlen.«
»Du liebst moderne Kunst, wie ich sehe. Sind die Bilder echt?«
»Ja, das sind sie«, sagte er. »Aber ich habe die meisten günstig erworben.«
Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihm zu verstehen gab, dass sie seinen Worten keinen Glauben schenkte. »Mehr oder weniger günstig.«
»Hast du eine Haushälterin, oder bist du immer so ordentlich?«
»Weder noch.«
Sie sah ihn mit fragendem Blick an.
»Ich habe keine Haushälterin«, erklärte er. »Und ordentlich bin ich auch nicht. Das Geheimnis ist, dass ich nur die Sachen besitze, die ich wirklich brauche. Also habe ich nicht viel Zeug, was herumliegen könnte.«
Sie lachte. »Wenn du meine Wohnung siehst, kriegst du bestimmt einen Herzinfarkt. So wie es dort aussieht.«
»Das glaube ich nicht. Aber um ganz sicher sein zu können-«
»Möchtest du sofort zu mir gehen. Ich weiß, mein Lieber. Aber nicht jetzt. Also, zieh dich um, dann gehen wir aus.«
Michael zog sich um. »So passe ich besser zu dir, denke ich.«
»Das ist ein schöner Anzug, den du da trägst. Und wo ist die Krawatte?«
»So was besitze ich schon lange nicht mehr.«
»Na dann, gehen wir.«

»Es ist sehr schön hier, Michael. Kein Wunder, dass das dein Stammlokal ist.«
»Warst du schon einmal hier?«
»Ja, ein paarmal. Aber ich bin immer im Gastraum gesessen, nie vorne an der Bar.«
»Vorne darf man rauchen. Möchtest du was essen?«
»Nein, danke. Ich habe mit meiner besten Freundin zu Mittag gegessen.«
»Schade. Das Essen hier ist ausgezeichnet.«
»Ja, ich weiß. Das Mädchen hinter der Bar mustert mich sehr aufmerksam. Kommst du oft mit Frauen hierher?«
»Die letzte, mit der ich hier war, war meine Mutter.«
Christina lachte. »Diese Kellnerin ist groß für eine Frau. Und attraktiv ist sie auch.«
»Ja. Und auch sehr nett.«
»Sie hat einen ungewohnten Akzent. Woher kommt sie?«
»Sie kommt aus Luxemburg. Soll ich euch einander vorstellen?«
»Das ist nicht nötig«, sagte sie und küsste ihn. »Und hier schreibst du also deine schlimmen Texte.«
»Ja. Und zwar an diesem Tisch, wo wir gerade sitzen.«
Sie lachte. »Welche Ehre, an deinem Schreibtisch sitzen zu dürfen.«
»Nicht bloß das. Du darfst den Schriftsteller sogar küssen.«
Christina machte von diesem Recht Gebrauch. »Es gibt aber noch ein zweites Lokal, oder?«
»Ja, das ist auch sehr nett. Es wird vorwiegend von Studenten besucht. Wenn du möchtest, gehen wir nachher hin. Es ist gar nicht weit von hier.«
»Beim nächsten Mal, versprochen. Es ist so angenehm hier. Dieses Restaurant ist wirklich wunderbar.«
»Das stimmt. Wunderbar ist aber auch das zweite Lokal.«
»Soll ich uns noch Bier bestellen?«
»Gerne, Christina. Ich bin gleich zurück.«
Michael verließ den Tisch. Die Kellnerin brachte zwei Gläser Bier und einen kleinen Teller, auf dem zwei Dessertgabeln lagen.
Als Michael sich wieder setzte, sagte Christina: »Also, raus mit der Sprache: was hast du bestellt?«
»Ich? Gar nichts.«
»Lügner.«
Die Kellnerin stellte zwei Teller mit Palatschinken auf den Tisch.
»Die musst du probieren, meine Liebe. Die sind köstlich.«
Sie aß davon. »In der Tat, wirklich lecker.«
»Tja, ich weiß eben, was dir guttut.«
»Und ich, was dir guttut.«
»Das stimmt.«
»Wie lange möchtest du bleiben?«
»Warum? Möchtest du noch was trinken?«
»Ja, ein Bier noch. Dann habe ich genug.«
»Und? Hast du gestern noch mit deiner besten Freundin telefoniert?«
»Nein. Sie ist gestern zu mir gekommen.«
»Was habt ihr gemacht?«
»Wir sind im Wohnzimmer gesessen und haben geredet.«
»So wie wir in Rom.«
»Ja, und dann haben wir im Bett weitergeredet.«
»So ist das also. Ich darf nicht in dein Bett, aber die beste Freundin darf«, sagte Michael mit gespielter Gekränktheit.
Christina lachte. »So ist das eben bei besten Freundinnen, mein Lieber.«
»Und was hast du ihr erzählt? Über mich, meine ich.«
»Willst du die Wahrheit hören?«
»Unbedingt.«
Sie legte ihren Arm um seine Schulter und flüsterte in sein Ohr: »Dass ich warten werde, bis du zurückkommst. Und dann werde ich mir anhören, zu welchen Antworten du auf Korsika gelangt bist. Und diese bewerten. Und dann schaue ich mir an, wie du sie umsetzt. Dann werde ich entscheiden.« Sie machte eine Pause. »Vorausgesetzt, du willst mich dann noch.«
»Was bedeutet, dass ich nach meiner Rückkehr deiner strengen Bewertung unterzogen werde«, sagte er und küsste sie auf die Wange.
»Wirst du mich denn keiner neuen Bewertung unterziehen, wenn du zurückkommst?«
»Nun.« Michael zögerte, weiterzusprechen.
»Natürlich wirst du. Das ist nichts Verwerfliches, jeder würde so handeln.«
»Für heute Abend beziehungsweise heute Nacht habe ich dich bereits bewertet.«
Christina sah ihn an. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Erstaunen und Erheiterung. »Ach ja? Und wie hast du mich bewertet?«
»Positiv.«
»Das erleichtert mich sehr. Dann kannst du beim Einschlafen ja was Gutes über mich denken.«
»Wie bitte?«
Sie lachte. »Meine Wohnung ist aber nicht aufgeräumt.«
Er küsste sie. »Dann bringen wir eben noch mehr Unordnung rein.«
Beide lachten und küssten sich.
»Möchtest du noch was trinken, Michael?«
»Nein. Du?«
»Nein. Lass uns zu mir gehen.«
»Gehen oder fahren?«
»Wenn du so fragst, dann fahren wir.«
Michael beglich die Rechnung und sie gingen zu einem nahen Taxistandplatz.

»So schlimm sieht deine Wohnung gar nicht aus.«
»Du stehst im Vorzimmer, mein Lieber. Du hast ja das ganz große Chaos noch gar nicht gesehen.«
Michael betrat das Wohnzimmer. »Nun, ich würde sagen, hier wohnt ein kreativer Geist.«
Christina lachte. »Kreativ ja. Wenn es darum geht, Zeug von einem Haufen auf einen anderen zu schlichten.«
»So muss man es auch machen. Auf diese Art und Weise kommen immer wieder Dinge zum Vorschein, die man in einem ganz anderen Haufen vermutet hätte.«
»Stimmt«, sagte sie und küsste ihn. »Warte erst, bis du mein Schlafzimmer siehst.«
»Hast du eines? Oder müssen wir einach zwei oder drei Haufen zusammenschieben?«
Sie lachte. »Nein, müssen wir nicht.« Sie wies ihm den Weg.
»Du hast ja ein Lotterbett. Wie süß.«
»Meinst du das ernst?«
»Ja. So was habe ich lange nicht gesehen.«
»Es ist bequem, das ist das Wichtigste. Möchtest du probeliegen?«
Michael ließ sich auf das Bett fallen. »Was ist das unter mir?« Er griff in seinen Rücken und zog einen Sportschuh hervor.
Christina sagte verlegen: »Ach, da ist er.«
Michael lachte. »Hast du ihn schon vermisst?«
»Danke fürs Finden. Möchtest du was trinken?«
»Nein, danke«, sagte er und setzte sich an den Rand des Bettes. »Ich möchte«, er zog sie zu sich und schob ihr Kleid nach oben, »bloß dich.«

»Dein Lotterbett ist phänomenal, Christina.«
»Deshalb habe ich es ja.«
»Wenn wir morgen aufwachen, liegen wir sicher in einer Art Mulde.«
»Wie zwei Karnickel«, kicherte sie.
»Stimmt«, sagte er und streichelte ihren Rücken.
»Was ich dich fragen wollte: wirst du die gemeinsamen Nächte mit mir vermissen, wenn du weg bist?«
»Machst du Witze? Natürlich werde ich das.«
»Aber um dort nicht allein zu sein, wäre es doch naheliegend, dass du dich nach Ersatz für mich umschaust.«
»Meinst du?«
»Warum nicht? Eine von den schönen Korsinnen zum Beispiel.«
Michael richtete sich auf. »Das lässt dir keine Ruhe, oder? Dass ich gesagt habe, dass die dort sehr schöne Frauen haben.«
»Du bist ungebunden und kannst schlafen, mit wem du willst.«
»Sag, bist du eifersüchtig? Noch bevor irgendwas passiert ist?«
»Ich will dich einfach nicht verlieren.«
»Aber es ist doch nicht gesagt, dass du mich verlieren wirst.«
»Und was, wenn du dort eine schöne Frau kennenlernst?«
Michael schwieg.
»Was ist dann?«, fragte sie mit dünner Stimme. »Wirst du mit ihr ins Bett gehen?«
Michael musste sehr vorsichtig sein, wollte er Christinas Gefühle nicht verletzen. »Du bist eine wunderschöne Frau, Christina«, setzte er an.
»Das bin ich nicht«, unterbrach sie ihn. »Ich bin klein und habe ein paar Kilo zu viel auf den Hüften.«
»Und ich bin groß und ebenfalls kein Athlet.«
»Aber du bist ein Mann. Und bei euch ist das egal.«
»Also stört dich das nicht an mir?«
»Nein, überhaupt nicht.«
»Okay. Und du bist eine Frau. Bei euch Frauen ist mir das nicht egal.«
Sie sah ihn irritiert an, sagte jedoch nichts.
»Ich finde deine Figur perfekt, Christina.«
Sie versuchte zu Lächeln. »Wirklich?«
»Ja, wirklich. Ganz ehrlich.«
»Aber mein Bäuchlein-«
»Ist wunderbar. Was soll ich mit einer Frau, deren Skelett ich spüre, jedes Mal wenn ich sie anfasse.«
»Meinst du das ernst?«
»Ja. Es geht mir um diese Weichheit und Wärme, die eine spindeldürre Frau niemals haben kann.«
Sie küsste ihn auf die Wange. »Das ist nett, dass du das sagst.«
»Nicht nett, bloß ehrlich. Und deshalb sage ich dir auch ganz ehrlich, dass ich dir nicht garantieren kann, dass ich auf Korsika mit keiner Frau ins Bett gehe. Doch wenn ich das mache, dann bloß, um nicht alleine schlafen zu müssen.«
»Also nicht aus Lust?«, fragte sie lachend.
»Na ja, aus Lust vielleicht auch«, erwiderte er und beide lachten. »Ich werde mir dort über viele Dinge klarwerden, Christina. Und ich kann dir heute beim besten Willen nicht sagen, was dabei herauskommen wird. Aber ich verspreche dir, dass ich mich intensiv mir dir beschäftigen werde.«
»Wenn wir uns Mails schicken?«
»Nein, so meine ich das nicht. Ich weiß nicht, was rauskommt, doch das, was ich für dich empfinde, wird eine gewichtige Rolle bei allen Entscheidungen spielen, die ich treffen werde. War das jetzt verständlich?«
»Einigermaßen. Machen wir es so: Ich warte auf dich. Und wenn du zurück bist, dann reden wir.«
»Genau so haben wir das vereinbart.«
»Und bitte, erwähne keine anderen Frauen in deinen Mails, selbst dann nicht, wenn ich dich danach fragen sollte.«
»Das werde ich nicht. Aber bitte versuche, nicht an die Korsinnen zu denken. Du tust dir damit selbst nichts Gutes.«
»Okay. Wann fliegst du?«
»Aus deinem Lotterbett? In den nächsten Sekunden, wenn du mich nicht festhältst.«
Christina kam seiner wenig subtilen Aufforderung nach.
»Übermorgen fliege ich.«
»Ich werde dich vermissen«, sagte sie so, dass Michael verstand, dass das Gespräch beendet war.
Christina drehte sich auf die Seite und presste ihren Rücken an Michaels Oberkörper.
»Schlaf gut«, sagte Michael und legte noch einmal seinen Arm um sie.

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