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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 16

16


»Möchtest du frühstücken, Michael? Ich habe Semmeln und Marmelade da.«
Michael bereitete es einige Mühe, aus dem Bett zu steigen. »Nein, danke.«
»In Rom hast du mir fast jeden Morgen Espresso gemacht, doch ich kann dir bloß Filterkaffee anbieten. Willst du einen?«
»Gern, wenn er stark ist. Mit Milch und Zucker, bitte.«
Christina ging in die kleine Küche, und Michael folgte ihr, nachdem er sich angezogen hatte.
»Danke für den Kaffee.«
»Bitte. Und? Was wirst du heute machen?«
»Zuerst dich was fragen. Oder vielmehr dich um etwas bitten.«
Sie sah ihn fragend an.
»Kannst du dich, aber nur, wenn es dir nichts ausmacht, bitte um die Pflanzen in meiner Wohnung kümmern, während ich weg bin?«
Christina seufzte, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, Michael. Ich kann das nicht machen.«
»Okay, kein Problem. Sagst du mir auch, warum?«
»Zum einen hätte ich Angst, deinen Wohnungsschlüssel zu verlieren.«
»Und? Wenn er weg ist, lasse ich einen neuen anfertigen.«
»Und was, wenn deine Bilder weg sind?«
»Dann sind sie eben weg. Sie sind ohnehin hoch versichert. Aber das ist nicht der Hauptgrund, oder?«
Wieder seufzt sie. »Nein, ist er nicht. Michael, ich kann einfach nicht auf deine Wohnung aufpassen. Es ist viel leichter für mich, wenn du einfach abreist und irgendwann zurückkommst, ohne was dazwischen, bis auf die Mails. Würde ich alle paar Tage in deine Wohnung gehen, wo sich deine Sachen befinden, wäre die Zeit für mich noch schwerer erträglich. Ich hoffe, du kannst das verstehen.«
»Keine Sorge, Christina. Das verstehe ich. Ich würde wahrscheinlich nicht anders handeln als du.«
»Das erleichtert mich. Hast du einen Nachbarn, der das übernehmen kann?«
»Ja, habe ich. Die Pflanzen werden also nicht verdursten müssen.«
»Gut. Was machst du heute?«
»Ich werde packen und dann spazieren gehen. Vielleicht gehe ich in den Zoo, wenn es nicht zu kalt ist. Und am Abend werde ich mich von meinem Stammlokal verabschieden.« Michael lachte.
»Und wann wirst du dich von mir verabschieden?«
»Wenn ich den Kaffee, der noch in der Kanne ist, getrunken habe.«
»Also in wenigen Minuten, kurz und schmerzlos«, stellte sie fest und zwang sich zu lächeln.
»So ist es auf jeden Fall besser. Findest du nicht?«
»Ja, Michael.« Sie goss ihm den restlichen Kaffee ein und stellte eine Packung Milch und eine Zuckerdose neben seine Tasse.
Sie standen sich gegenüber und schwiegen. Beide hingen ihren Gedanken nach.
Kurz bevor das Schweigen peinlich zu werden drohte, sagte Michael: »Danke für alles.«
Er sagte diese Worte mit so großer Aufrichtigkeit, aber auch mit solcher Endgültigkeit in der Stimme, dass Christinas Augen sich mit Tränen füllten.
Sie brachte keine Silbe über die Lippen.
Michael umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Christina ließ ihn gewähren. Weder erwiderte sie den Kuss, noch fasste sie Michael an. Er löste die Umarmung und ging langsam zur Wohnungstüre. Bevor er sie öffnete, wandte er sich um und sah Christina im Wohnzimmer stehen. Sie sah ihn an, in ihren Augen lag Hilflosigkeit, und sie weinte stumm.
Michael hob seinen Arm und winkte kurz, bevor er die Wohnung verließ. Christina erwiderte seinen Abschiedsgruß nicht.

Er packte die Sachen, die er mit nach Korsika nehmen wollte, und ließ sich eine Pizza kommen. Nachdem er sie aufgegessen hatte, ging er zu Fuß in den Tiergarten. Er beobachtete die Tiere und musste innerlich laut auflachen, als er hörte, wie eine junge Frau ihrem Kind einen Marabu als einen Adler vorstellte. Er verzichtete darauf, sie auf ihren Irrtum hinzuweisen.

Michael stand unter der Dusche, als ihm einfiel, dass er vergessen hatte, Bargeld zu beheben. Nachdem er nicht sicher war, ob er überall auf Korsika mit Kreditkarte würde zahlen können, ging er in das Foyer seiner Bank und behob eine größere Summe Bargeld.

Gegen neunzehn Uhr ging Michael in die Innenstadt, um seinem Stammlokal noch einen Besuch abzustatten. Es saß an seinem Lieblingsplatz und aß Schnitzel. Er weihte die Kellnerin, die bei ihm am Tisch saß, in seinen Plan, nach Korsika zu fliegen, ein; den übrigen Gästen erzählte er nichts davon. Die Kellnerin, die Christina am Vortag so interessiert gemustert hatte, fragte ihn, wer Christina gewesen wäre und ob er etwas mit ihr am Laufen hätte. Michael erzählte, was sich in Florenz und Rom zugetragen hatte, und aus welchem Grund er nach Korsika reisen würde. Da er ein gutes Verhältnis zur Kellnerin hatte, fiel es ihm leicht, offen zu sprechen.
Der Abend schritt voran und Michael wusste, dass es notwendig war, nach Hause zu gehen und sich auszuruhen, denn er hatte am nächsten Tag nicht nur den Flug vor sich, auch musste er sich ein Hotel auf Korsika suchen, denn dies hatte er noch nicht gemacht. Dennoch blieb er.
»Ann, bitte gib mir noch ein Bier.«
»Noch eines?«, fragte sie erstaunt.
»Ja, warum nicht?«
»Du musst morgen Vormittag fliegen.«
»Aber bloß als Passagier.«
»Dir wird im Flugzeug schlecht werden, wenn du noch mehr trinkst.«
»Mir wird niemals schlecht.«
»Stimmt. Weil du vorher einschläfst.«
»Wann, bitte, bin ich eingeschlafen?«
»Seit ich hier arbeite, also in den letzten beiden Jahren, mindestens dreißigmal.«
Michael errötete.
»Tja, die Wahrheit tut weh, ich weiß.«
»Wie auch immer. Aber du musst mir einfach noch ein Bier geben. Ich bin so aufgeregt wegen morgen.«
»Das wäre ich an deiner Stelle auch.«
»Warum?«
»Auf eine fremde Insel fliegen, ohne ein Hotelzimmer zu haben, das stelle ich mir schon aufregend vor«, sagte sie grinsend.
»Ich werde schon was finden.«
»Am Strand soll es dort auch sehr nett sein. Vor allem im Winter.«
»Das soll ja kein Badeurlaub werden.«
»Das meinte ich nicht.«
»Was denn dann?«
»Wenn du kein Zimmer kriegst, schläfst du eben am Strand.«
»Sehr witzig, wirklich.«
Sie brachte ihm ein großes Bier. »Nummer sechs, bittesehr.«
»Danke.«
»Ich stelle mir das schön vor.«
»Was?«
»Du und dein Schreibheft auf Korsika.«
Michael sah sie fragend an.
»Ihr werdet die Insel erkunden und dabei viel erleben. Du wirst in das Heft schreiben, wen du getroffen und was du erlebt hast, und als Dankeschön ist das Heft dann dein Kopfpolster am Strand.« Sie lachte.
»Blödsinn. Du kannst dir sicher sein, dass es herrlich wird. Ich werde mich in einer Wohnung auf dem Land einquartieren, vielleicht sogar in einem Häuschen, und die Ruhe genießen. Während du hier Stress hast.«
»Ja, ja. Schreib mal, wie es dir dort so geht.«
»Ich habe zwar nicht vor, jeden Tag den Computer einzuschalten, aber vielleicht stelle ich zwei oder drei Fotos online.«
»Ja, mach das. Du vor deinem Häuschen, vielleicht auf der Veranda, auf deinem Schreibheft steht ein Bier und ein großes Wildschwein steht daneben und beobachtet dich und dein Heft.«
Michael lachte.
»Aber ernsthaft, ich würde schlafen gehen.«
»Du hast ja recht. Dann zahle ich mal.«
Sie brachte ihm die Rechnung, und nachdem er bezahlt hatte, verabschiedeten sie sich voneinander.
Bevor Michael das Lokal verließ, sah er sich im Barraum um, als wollte er sich jedes Detail einprägen.
Er wollte erst mit einem Taxi nach Hause fahren, doch entschloss er sich, den Weg zu Fuß zurückzulegen, denn er hoffte, durch die frische Luft so müde zu werden, dass er gut schlafen konnte.

In seiner Wohnung angekommen, stellte Michael den Wecker auf acht Uhr und goss seine Pflanzen.
›Als ich so überstürzt abgereist bin, habe ich der Nachbarin die Schlüssel nicht gegeben. Diese Zeit haben die Pflanzen ohne Wasser überlebt. Aber was, wenn ich etliche Wochen auf Korsika bleibe? Nein, es ist besser, wenn sie den Schlüssel hat und ab und zu nachschaut, ob alles in Ordnung ist‹, dachte er.
Er wollte Christina anrufen, doch verwarf der diesen Gedanken schnell wieder. Abgesehen von Christina und der Kellnerin hatte er niemandem in seinem Umfeld erzählt, was er vorhatte.
›Jetzt kann ich niemanden anrufen und sagen, dass ich nach Korsika fliege. Aber das interessiert ohnehin keinen. Christina kann ich am allerwenigsten anrufen, dabei würde ich ihre Stimme so gerne hören. Aber das kann ich ihr nicht antun. Nicht nach dem Ausdruck, den ihr Gesicht hatte, als ich ihre Wohnung verlassen habe. Vielleicht hat Ann recht, und ich finde kein Hotel. Dann muss ich vielleicht wirklich am Strand schlafen. Nein. Über so was mache ich mir Gedanken, wenn es soweit ist. Ich könnte ja wirklich ein Foto von mir posten, wie ich irgendwo auf dem Land, wo es schön ist, sitze. Und darunterschreiben, dass ich mir eine Auszeit nehme. Oder ich lasse Auszeit weg und schreibe einfach, dass ich alle aus Korsika grüße.‹
Michael rauchte eine Zigarette im Wohnzimmer und überlegte, ob es sinnvoll wäre, eine Flasche Bier aufzumachen und auszutrinken, doch entschied er sich dagegen.
›Ann hat recht. Ich sollte wirklich versuchen zu schlafen. Sonst wird mir im Flugzeug womöglich übel. Das Saufen muss ich auf Korsika sein lassen. Wenn ich trinke, ist die Zeit dort verloren, denn dann kann ich nicht das tun, wozu ich hinfliege. Vielleicht schaffe ich es, das Rauchen aufzugeben. Die ersten Tage würden zwar sehr hart werden, aber wenn ich mich irgendwie beschäftigen kann, fehlen mir die Zigaretten bestimmt nicht. Ich könnte ja mit den beiden Rucksäcken, also den beiden Frauen, abschließen, während ich auf Nikotinentzug bin. Ich meine, das Abschließen wird mich sicherlich aufregen, also wäre ich abgelenkt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Vielleicht kann ich mit den Rucksäcken nur abschließen, während ich mich dem zweiten Projekt, also den Fragen an mich selbst, widme, oder nachdem ich das gemacht habe. Es kann nämlich gut sein, dass das eine ursächlich mit dem anderen zusammenhängt. Ob das wirklich der Fall ist, weiß ich noch nicht, aber ich werde es herausfinden. Ich werde mir jedenfalls Zeit lassen und nichts überstürzen.‹
Michael rauchte eine weitere Zigarette und trank ein Glas Wasser. Dann entkleidete er sich und legte sich ins Bett. Er vergewisserte sich, dass er den Wecker auf die richtige Uhrzeit gestellt hatte, und dachte noch einmal an Christina.
›Was auch immer ich über mich selbst herausfinden werde und was immer das Resultat daraus sein wird, eines werde ich, solange ich lebe, nie vergessen: nämlich dass ich dass alles Christina zu verdanken habe. Ohne sie wäre ich noch immer in der selben schlimmen Situation wie am Abend, als wir uns kennengelernt haben. Ich neige nicht zu Selbstgesprächen, doch muss ich es laut sagen.‹
Er sagte: »Danke, Christina.«
Dann schloss er seine Augen und schlief ein.

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