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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 17

17


Der Wecker riss Michael aus dem Schlaf. Er hatte von Christina geträumt, wie sie gemeinsam durch das bergige Hinterland Korsikas gewandert waren. Er verfluchte seinen Wecker, noch mehr aber verfluchte er sich selbst dafür, dass er es in Wien nicht geschafft hatte, glücklich zu werden, und nun wegfliegen musste.
›Aber muss ich das wirklich? Was wäre, wenn ich einfach hier bleiben würde? Was könnte denn schon Schlimmes geschehen? Gut, ich würde jeden Abend trinken. Wäre das so schlimm? Okay, es wäre schlimm. Außerdem habe ich Christina gesagt, dass ich wegfliege, also werde ich auch fliegen. Außerdem ist das Flugticket bezahlt, und natürlich habe ich keine Stornoversicherung abgeschlossen. Was mir wieder einmal ähnlich sieht. Nur weil ich nicht wegfliegen will, würde ich sie nicht in Anspruch nehmen, aber ich hätte ja auch krank werden können. Egal. Ich bin gesund und fliege heute.‹
Michael duschte und rief ein Taxi.
Während der Taxifahrt telefonierte er mit seiner Mutter. Diese war erfreut über seinen Plan, Korsika kennenzulernen. Er vermied es, auch nur andeutungsweise den wahren Grund seiner Reise durchklingen zu lassen, denn er wollte nicht, dass sie sich Sorgen machte.
Er war auf einen Fensterplatz gebucht, denn er liebte es, während des Flugs nach draußen zu blicken. Er war fasziniert von den Formen der Wolken und von der Geschwindigkeit, mit der das Flugzeug an ihnen vorüberflog. Der Flug verlief, abgesehen von einigen schwachen Turbulenzen, ruhig und der Pilot konnte pünktlich landen.

Michael nahm sich vor dem Flughafen ein Taxi, dessen Fahrer versprach, ihm eine Unterkunft zu besorgen. Er hielt Wort und Michael kam in einem kleinen Hotel im Stadtzentrum unter. Sein Zimmer war schlicht, doch zweckmäßig eingerichtet, außerdem war es sauber und nicht allzu teuer, denn das Frühstück war im Zimmerpreis ebenso inbegriffen wie eine kabellose Internetverbindung.
An der Rezeption unterhielt er sich mit der dort Dienst versehenden Frau über die Stadt und deren Sehenswürdigkeiten, sowie über seinen Plan, eine Wohnung oder ein kleines Haus im Hinterland zu mieten, um, wie er sagte, in Ruhe arbeiten zu können.
Sie gab ihm die Visitenkarte ihrer Schwester, die Immobilienmaklerin war, und bot Michael an, ein Treffen zwischen ihm und der Schwester zu arrangieren. Sie war sich sicher, dass ihre Schwester ein passendes Objekt frei hatte, besonders im Winter. Michael nahm ihr Angebot dankend an und die Rezeptionistin versprach, ihm Bescheid zu geben, wann ihre Schwester Zeit hatte.
Er verließ das Hotel und schlenderte durch die Straßen und Gassen der Stadt, zur Orientierung hatte er einen Stadtplan dabei, der an der Rezeption aufgelegen hatte.
›Das ist eine sehr schöne kleine Stadt, und sauber ist sie auch. Ich hätte mir nicht gedacht, dass es hier so aussieht. Und in der Tat, die Menschen hier sind wirklich schön. Nicht bloß die Frauen, alle Menschen. Dennoch werde ich nicht lange bleiben. So schön die Stadt ist, so wenig geeignet dürfte sie für mein Vorhaben sein. Hoffentlich kann ich mich bald mit der Immobilienmaklerin treffen und finde dann schnell eine Bleibe, wo es ruhig ist.‹

Michael betrat ein Restaurant beim Hafen und bestellte ein Glas Bier von einer Sorte, die auf Korsika gebraut wurde, und eine Portion Miesmuscheln. Das Restaurant war hübsch eingerichtet. Sein Interieur ließ den Gast auf den ersten Blick erkennen, dass die Küche sich auf Fisch und Meeresfrüchte spezialisiert hatte. Die Betreiber verzichteten jedoch auf unnötigen Kitsch wie Fischernetze, die an der Decke des Raumes gespannt und mit Seesternen aus Plastik gefüllt sind.
Michael war der einzige Gast im Raum und bemerkte, dass die Kellnerin ihn aus dem Augenwinkel beobachtete, während sie sich den Anschein der Zeitungsleserin gab.
Als sie ihm die Miesmuscheln brachte, bat Michael sie, sich kurz an seinen Tisch zu setzen. Sie zögerte, doch dann folgte sie seiner Einladung.
»Bitte verzeihen sie, dass ich sie gebeten habe, an meinem Tisch Platz zu nehmen«, sagte er auf Englisch.
»Das ist kein Problem, solange der Chef mich nicht bei ihnen sitzen sieht«, antwortete sie in perfektem Englisch.
»Ich bin zum ersten Mal auf Korsika und habe eine Frage, die sie mir bestimmt beantworten können. Wenn es ihnen nichts ausmacht.«
»Nein, tut es nicht. Was möchten sie wissen?«
»Es ist so«, log Michael, »ich bin Schriftsteller und möchte hier einen Roman verfassen.«
»Das ist ein schöner Beruf«, gab sie zurück.
»Er ist so lange schön, bis man ein neues Werk zu Papier bringen möchte.«
»Das ist, so nehme ich an, das Schwierigste an ihrer Arbeit.«
»Da haben sie recht. Es ist ein ewiges Frage-Antwort-Spiel. Aber das Allerschwierigste«, führte Michael die Herausforderungen beim Schreiben aus, welchen er sich niemals gestellt hatte, denn er hatte bloß kurze Texte verfasst, »ist die Sache mit der Beziehung.« Er machte eine Pause und blickte sie erwartungsvoll an. Er freute sich auf die Frage, die sie ihm gleich stellen würde und genoss es, sich einer Frau, die er nie zuvor gesehen hatte, als erfahrener Schriftsteller zu präsentieren.
»Beziehung?«
»Sehen sie, es ist jeden Tag ein neuer Kampf, eine Beziehung zu den handelnden Personen in meinen Romanen aufzubauen. Meist gelingt mir dies, denn ich bin darin durchaus erfahren, doch an manchen Tagen bringe nicht einmal ich es fertig.«
Sie fragte: »Und was ist dann?«
»An solchen Tagen ist es mir unmöglich zu schreiben.«
»Das verstehe ich. Und wie kann ich ihnen helfen?«
»Ich möchte meinen Roman nicht in einer Stadt schreiben.«
»Wo dann?«
»Auf dem Land. Irgendwo, wo es ruhig ist. Und hier kommen sie ins Spiel. Wissen sie einen Ort, an dem es ruhig ist und wo ich eine Wohnung oder ein Haus mieten kann?«
»Es tut mir leid, aber ich weiß wirklich nicht, wo sie im Hinterland etwas mieten können.«
»Sind sie Korsin?«
»Warum? Weil ich das nicht weiß? Ja, bin ich. Ich komme aus dieser Stadt. Aber ich lebe in Paris und bin nur in den Ferien hier. Deshalb kann ich ihnen nicht sagen, wo gerade was vermietet wird und wo es ruhig ist.«
»Ich verstehe. Was machen sie in Paris?«
»Ich studiere Medizin.«
»Paris ist eine schöne Stadt.«
»Waren sie schon dort?«
»Ja, einmal.«
»Es kommt darauf an, welchen Teil von Paris man sieht.«
»Das ist bei jeder Stadt so.«
»Wovon handelt ihr Roman denn?«
»Vom Suchen und Finden«, log er.
»Was suchen und finden die Personen in ihrem Werk?«
»Die Antworten auf alles.«
»Das klingt interessant. Haben sie schon mit dem Schreiben angefangen?«
»Nein, noch nicht. Wie gesagt, suche ich Ruhe. Erst wenn ich die gefunden habe, bin ich in der richtigen Stimmung um zu schreiben.«
»Dann wünsche ich ihnen viel Glück bei ihrer Suche. Darf ich ihnen noch ein Glas Bier bringen?«
»Nein, danke. Bringen sie mir bitte die Rechnung.«
Sie brachte sie ihm und er bezahlte.
»Vielen Dank für das Gespräch.«
»Ich bedanke mich. Und bitte verzeihen sie, dass ich ihnen nicht weiterhelfen konnte.«
»Das macht nichts.«
»Und alles Gute für ihren Roman.«
»Danke sehr.«

Michael ging zurück ins Hotel und legte sich auf das Doppelbett in seinem Zimmer.
›Wie ungeschickt von mir, mich als jemand auszugeben, der ich gern wäre. Das hätte auch ins Auge gehen können. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mir die Geschichte abgekauft hat. Na, auch egal. Noch viel ungeschickter war allerdings, dass ich mich nicht schon in Wien schlaugemacht habe, wo es auf dieser Insel wirklich ruhig ist. Oder wenigstens, welcher der ruhigste Ort ist, an dem Wohnungen vermietet werden. Was, wenn ich ein paar Tage in dieser Stadt bleiben muss, bis ich was Passendes finde? Es ist ja schön hier, und das Essen ist gut, wenigstens in diesem Restaurant, aber ich will nun einmal nicht in der Stadt bleiben. Hoffentlich vermittelt mir die Rezeptionistin schnell einen Termin bei ihrer Schwester. So schön es hier auch ist, ich will Ruhe. Aber vielleicht finde ich ja auch selbst etwas.‹
Michael packt seinen Laptop aus und versuchte, Ferienwohnungen oder Häuser im korsischen Hinterland zu finden. Bald musste er jedoch feststellen, das ihm, der sich niemals intensiv mit der Suche nach Immobilien hatte befassen müssen, dies schwerer fiel als gedacht, also ließ er es bleiben.
Er legte sich wieder auf das Bett und dachte an die vor ihm liegenden Aufgaben. Er fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, sich bald mit sich selbst beschäftigen zu müssen, also beschloss er, dieses Gefühl zur Seite zu schieben.
›Es ist nun einmal so, dass ich alleine auf dieser Insel bin. Da muss ich nun durch. Ich bin ja selbst schuld daran. Vereinsamen werde ich hier schon nicht. Die meisten Menschen scheinen zumindest ein bisschen Englisch zu sprechen. Wenn ich dann im Hinterland wohne, werde ich ohnehin oft mit Menschen Kontakt haben. Ich muss mir ja was zu essen und zu trinken besorgen. Wenn ich mich überhaupt selbst verpflege. Vielleicht gibt es dort ja auch ein Restaurant, in dem ich essen kann. Was soll ich heute noch tun? Ich werde wohl ausgehen müssen. Die Alternative wäre der Fernseher. Aber ich bin zum ersten Mal hier und sollte auch was sehen vom Leben auf dieser Insel.‹

Michael ging wieder durch die Gassen. Da es zu regnen begonnen hatte, beschloss er, noch einmal in das Restaurant zu gehen, in dem er zu Mittag gegessen hatte. Es war gut besucht, bloß zwei Tische waren noch frei. Eine junge Frau kam auf ihn zu und fragte ihn freundlich, ob er reserviert hätte. Er verneinte, worauf sie ihm zu verstehen gab, dass er unter diesen Umständen nicht würde essen können, denn das Lokal wäre ausreserviert.
Michael sah sich im Raum um und entdeckte die Kellnerin, mit der er sich zu Mittag unterhalten hatte, hinter der Bar, wo sie Getränke in Gläser füllte. Sie sah, er vermutete zufällig, in seine Richtung, erkannte ihn wieder und warf ihm einen freundlichen Blick zu. Er erwiderte diesen und ließ ihm einen hilfesuchenden folgen, worauf sie hinter der Bar hervorkam und einige Worte mit der Platzanweiserin wechselte. Diese entschuldigte sich daraufhin bei Michael und führte ihn zu einem der beiden freien Tische.
›Ich würde zu gern wissen, was sie zu ihrer Kollegin gesagt hat. Vielleicht ‘Das ist ein großer Autor. Du musst ihm unbedingt einen Tisch geben, sonst schreibt er in seinem nächsten Buch was Schlechtes über uns.’ Aber das werde ich wohl nie erfahren.‹
Er bestellte gegrillten Tintenfisch, und dazu Orangensaft. Nachdem er gegessen hatte, stellte er sich an die Bar und trank Mineralwasser.
»Darf ich sie auf ein Getränk einladen?«
Die Kellnerin lächelte. »Ja, warum nicht.«
»Was möchten sie?«
»Ich mache mir einen Gin Tonic, wenn ich darf.«
»Von mir aus dürfen sie.«
Sie stießen an.
»Vielen Dank.«
»Ich muss mich bedanken. Für den Tisch.«
»Keine Ursache.«
»Darf ich sie was fragen?«
»Ja.«
»Was haben sie zu ihrer Kollegin gesagt?«
»Ist das so wichtig?«
»Nein. Es interessiert mich bloß.«
»Haben sie heute Nachmittag geschrieben?«, wechselte sie geschickt das Thema.
»Nein, ich konnte nicht. Zu wenig Ruhe, sie verstehen?«
Sie lächelte. »Und ihre Wohnung auf dem Land? Haben sie die schon gefunden?«
»Nein, noch nicht. Aber ich werde mich bald mit einer Maklerin treffen. Wie lange müssen sie heute arbeiten?«
Sie sah ihn an und sagte lächelnd: »Tut mir leid, ich habe eine Freundin in Paris.«
Michael errötete, ihr entging das nicht.
»Sind sie irritiert, weil sie mit einer Kellnerin sprechen, die Frauen liebt?«
»Nein, keineswegs. Es freut mich sehr für sie, dass sie eine Freundin haben. Es sollte auch kein Date werden.«
»Was denn dann?«, fragte sie und blickte ihn herausfordernd an.
»Ich kenne niemanden hier, und sie sind mir sympathisch. Also dachte ich, wir könnten etwas zusammen trinken, wenn ihr Dienst vorüber ist.«
»Ich muss noch eine Stunde arbeiten. Sie können gerne hier an der Bar warten. Aber sie sehen ja, wie voll das Lokal ist. Ich werde mich also kaum mit ihnen unterhalten können.«
»Ich könnte ja spazieren gehen und sie in einer Stunde hier abholen.«
»Tun sie das. Es regnet nicht mehr und im Hafen liegen einige sehr schöne Boote vor Anker, wenn sie so was interessiert.«
»Vielleicht wird mein Interesse im Hafen geweckt.«
Sie lachte. »Na dann, bis in einer Stunde.«

Michael betrachtete die Boote im Hafen und konnte nicht verstehen, was Menschen daran fanden, sich in ihrem Urlaub Arbeit in Form einer Segelyacht aufzuhalsen. Er ging an einigen Gunstgewerblerinnen vorüber, die seine Weigerung, sich mit ihnen einzulassen, mit Worten in französischer Sprache quittierten, die er zwar nicht verstand, aber mit einiger Bestimmtheit als Schimpfwörter identifizierte. Er fragte einen Polizisten nach der Uhrzeit und unterhielt sich einige Minuten mit ihm über Korsika und die örtliche Kriminalitätsrate. In einem kleinen Café trank er einen doppelten Espresso und betrachtete danach die Schaufenster teurer Modeläden.

Michael stand an der Bar des Restaurants, doch die Kellnerin war nicht anwesend. Nach fünf Minuten kam sie aus einem Raum hinter der Bar, umgezogen und frisch geschminkt.
»Wollen wir gehen?«, fragte sie.
»Ja. Aber sie müssen mich führen. Ich habe keine Ahnung, wo wir hingehen könnten.«
»Das ist mir klar.«
»Arbeiten sie jeden Tag in diesem Restaurant?«
»Ja, zwangsläufig.«
»Wie meinen sie das?«
»Es gehört meinem Vater.«
»So ist das also«, stellte Michael fest. »Er finanziert ihnen das Studium und sie arbeiten dafür in den Ferien bei ihm.«
»Stimmt. Wie heißen sie eigentlich?«
»Verzeihen sie bitte meine schlechten Manieren. Ich heiße Michael«, sagte er und reichte ihr seine Hand.
Sie ergriff sie und sagte: »Und ich bin Claire. Freut mich.«
»Mich auch. Rauchst du?« Er hielt ihr seine Packung hin.
»Ja, danke.« Sie nahm eine Zigarette heraus und ließ sich von ihm Feuer geben.
»Wohin gehen wir?«
»In eine kleine Bar. Sie gehört einer Freundin und ist sehr ruhig. In fünf Minuten sind wir dort. Wo wohnst du?«
»Ich wohne im Hotel«, Michael kramte die Zugangskarte zu seinem Zimmer aus seiner Jackentasche und las Claire den Namen des Hotels vor.
»Du weißt gar nicht, wie dein Hotel heißt?«
»Nein, wozu auch? Ich habe ja die Karte. Wo wohnst du?«
»Über dem Geschäft.«
»Über welchem?«
»Über dem Restaurant. Meiner Familie gehört das Haus.«
»Wie praktisch.«
»Wie mans nimmt. Wir sind da.«
Sie betraten die Bar, Claire begrüßte ihre Freundin und stellte sie Michael vor. Sie nahmen an einem der drei Tische, die alle frei waren, Platz und Michael bestellte Gin Tonic und Orangensaft.
»Ein Schriftsteller, der nicht trinkt. Das ist eine Seltenheit.«
»Keine Sorge, ich weiß schon, was trinken ist.«
Claire lachte. »Das weiß jeder Arzt auch.«
Sie stießen an.
»Warum kommst du zum Schreiben nach Korsika?«
»Ich war der Meinung, dass Ruhe hilfreich sein könnte.«
»Um deine Beziehung zu den Charakteren besser aufbauen zu können?«
»Ja. Genau deshalb.«
»Worum geht es in deinem Buch?«
Michael suchte nach einem Ausweg aus seiner Lüge. »Es steht noch gar nicht fest, dass es ein Buch wird.«
»Warum nicht? Du bist doch Schriftsteller.«
»Aber ob ein Text ein Buch wird, entscheide nicht ich. Leider. Das entscheidet immer der Verlag.«
»Stimmt. Sonst wäre es auch zu einfach für euch Autoren. Also, worum geht es?« Sie ließ nicht locker.
»Ich brauche die Ruhe, um Ideen zu finden, worum  es gehen könnte. Dazu muss ich mir viele Fragen stellen und sie auch beantworten.«
»Also wird es so ein Selbstfindungs-Buch?«
»So was in der Art. Aber wie gesagt: ich habe noch nicht damit begonnen. Was ist mit deiner Freundin? Warum ist sie nicht mit nach Korsika gekommen?«
»Sie ist Assistenzärztin und hat dafür im Moment keine Zeit. Und deine Freundin? Wie alt bist du eigentlich?«
»Sechsunddreißig. Und du?«
»Siebenundzwanzig. Also, wo ist deine Freundin?«
»Ich glaube, dass sie schon geboren wurde. Sie weiß bloß noch nicht, dass ich existiere.«
Claire lachte laut. »Schön gesagt, Michael. Also bist du solo und stellst dir Fragen?«
»So kann man das sagen.«
»Wie viele Bücher hast du denn schon geschrieben?«
»Keines.«
»Aber du bist Schriftsteller?«
»Ja. Ich schreibe, habe aber nicht den Druck, etwas verkaufen zu müssen.«
»Also schreibst du bloß für dich?«
»Mehr oder weniger. Bis jetzt habe ich kurze Texte geschrieben, der längste ungefähr zwanzig Seiten, die habe ich natürlich einigen Menschen gezeigt.«
»Und eine Veröffentlichung im Selbstverlag kommt für dich nicht infrage?«
»Nein, überhaupt nicht. Nicht wegen des Geldes, sondern weil das einfach nicht die Art und Weise ist, auf die ich meine Texte publik machen möchte.«
»Und ins Internet stellen? In einen Blog zum Beispiel?«
»Ich bin kein besonders computeraffiner Mensch. Ich würde mir mit einem Blog Arbeit aufhalsen, die ich nicht mag. Und du? Bist du künstlerisch tätig?«
»Ich male.«
»Was?«
»Bilder in Öl und Acryl.«
»Das ist schön. Was sind deine bevorzugten Motive?«
»Das sind meist persönliche. Eben Sachen, die mich beschäftigen und die dann irgendwann einmal rausmüssen.«
»Und was machst du mit deinen Gemälden?«
»Die meisten hängen bei meinen Eltern und in der Wohnung meiner Freundin. Eines hast du heute gesehen.«
»Im Restaurant?«
»Ja.«
»Wo hängt es dort?«
»Hinter der Bar.«
Michael rief sich die Einrichtung des Lokals in Erinnerung und stutzte. »Die nackte Frau in blauer Farbe, die ist von dir?«
»Ja.«
»Der rote Farbe aus den Adern rinnt?«
»Die rote Farbe symbolisiert Blut.«
»Dein Bild gefällt mir, es ist sehr ausdrucksstark. Aber auch irgendwie abgründig. Oder täusche ich mich da?«
»Nein, tust du nicht.«
»Was ist die Bedeutung des Bildes?«
»Sex und Tod.«
»Treffend. Und wie heißt es?«
»Die Wunde im Herzen.«
»Ich habe kein Herz erkennen können.«
»Es ist ein sehr persönliches Werk. Ich habe ihm diesen Namen gegeben, weil er zu meiner damaligen Situation gepasst hat.«
»Ein Liebeskummer-Bild also.«
»So in der Art.«
»Verdienst du was mit den Bildern?«
»Nein. Das möchte ich auch nicht. Ich male sie bloß für mich. Und für meine Lieben.«
»Das ist schön. Möchtest du noch einen Gin Tonic trinken, Claire?«
»Ich würde sehr gerne noch einen trinken, aber ich muss morgen früh raus.«
»Schade. Ich darf dich doch einladen, oder?«
»Meinst du als Wiedergutmachung für dein Mineralwasser und meinen Gin Tonic, die du im Restaurant zu bezahlen vergessen hast? Ja, lade mich ein, dann sind wir quitt.« Sie lachte.
Michael wurde krebsrot. »Das war keine böse Absicht.«
»Ich weiß.«
Er bezahlte die Getränke und sie verließen die Bar.
Michael begleitete Claire bis zu ihrem Haus. »Darf ich morgen wieder essen kommen?«
»Ich würde mich freuen, einen so großen Autor zum dritten Mal innerhalb von zwei Tagen begrüßen zu dürfen.«
Beide lachten.
»Gut, Claire. Dann bis morgen.«
»Guten Heimweg, Michael. Und gute Nacht.«

Michael ging mit schnellen Schritten zum Hotel und fand auf seinem Nachttisch eine handgeschriebene Notiz, aus der hervorging, dass er am übernächsten Tag einen Termin im Büro der Maklerin erhalten hatte.
Im Bett liegend sah er nach, ob sein Mobiltelefon entgangene Anrufe verzeichnet hatte, und da das nicht der Fall war, schlief er alsbald ein.

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