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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 18

18


Als Michael am nächsten Morgen erwachte, nahm er sein Telefon in die Hand, denn er wollte seine Mutter anrufen und ihr sagen, dass er wohlbehalten angekommen war und es ihm gut ging. Diese hatte ihr Telefon ausgeschaltet, also sprach Michael wenige Sätze auf die Mobilbox. Dann duschte er und begab sich in den Speisesaal des Hotels, wo das Frühstücksbuffet aufgebaut war. Er goss sich Kaffee ein und schmierte Butter auf eine Scheibe Brot, die er mit Schinken und Käse belegte. Nach einem ersten Schluck vom Kaffee entschied er, dass dieser untrinkbar war und Orangensaft besser wäre.
Die Rezeptionistin kam an seinen Tisch und fragte ihn, ob er die Notiz gefunden hätte. Er bejahte und bedankte sich für den Termin bei ihrer Schwester.

Wieder auf seinem Zimmer, schaltete er den Laptop ein um nachzusehen, ob er Mails erhalten hatte.
Christina hatte ihm geschrieben, aus der Anzeige der Eingangszeit ersah er, dass sie dies um ein Uhr dreißig gemacht hatte.
‘Lieber Michael, ich hoffe, du bist gut angekommen und es gefällt dir auf Korsika. Hier in Wien ist alles wie immer. Melde dich mal, ich vermisse dich. Deine Christina.’
›Das ging aber schnell. Ich hätte mir nicht gedacht, dass sie so bald schreiben würde. Ich frage mich, warum sie ‘deine’ schreibt. Ich meine, wir sind in keiner Beziehung. ‘Liebe Grüße, Christina.’ hätte gereicht. Und melden soll ich mich. Aber was, glaubt sie, kann ich denn schon groß erzählen? Ich bin noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden auf Korsika und soll ihr bereits Bescheid geben. Aber gut, ich werde ihr natürlich schreiben. Obwohl ich eigentlich warten wollte, bis sich was Berichtenswertes ereignet hat. Ich habe sie sehr gern, aber ich will mir nichts aus den Fingern saugen müssen, nur damit ich was schreiben kann. Aber antworten muss ich ihr nun wohl.‹
Michael klickte auf ‘Antworten’ und schrieb: ‘Liebe Christina, ich bin gut angekommen und auch guter Dinge, was das Finden einer Bleibe im Hinterland angeht. Das Essen ist sehr gut, und gestern habe ich eine Korsin kennengelernt. Sie heißt Claire, ist sehr attraktiv und lesbisch. Wir waren in einer Bar und haben was getrunken, ich habe Orangensaft gehabt, und über Kunst gesprochen. Ansonsten kann ich dir noch nicht viel berichten, da ich mit dem Nachdenken noch nicht begonnen habe. Damit fange ich an, sobald ich Ruhe habe. Ich vermisse dich auch. Liebe Grüße, Michael.’
Er schickte das Mail ab, schaltete den Laptop aus und verließ das Hotel.

Da das Wetter gut war, beschloss Michael, die Küste entlang zu gehen. Bald jedoch stieß er dabei auf Hindernisse, einerseits in Form abgesperrter Strandabschnitte, die als Privatgrund gekennzeichnet waren, andererseits in Form von schroffen Felsen, die zu erklimmen ihm zu gefährlich erschienen. So war er einige Male gezwungen, Umwege über die Straße, die die Küste entlang führte, in kauf zu nehmen.
Er sog den unverwechselbaren Duft des Meeres ein und versuchte, kleine Krabben, die sich auf den Felsen sonnten, zu fangen, jedoch ohne Erfolg.
Die Strecken, die er neben der Straße auf einem schmalen Gehsteig zurücklegen musste, führten ihn durch ein paar Ortschaften, die sich alle glichen. Die Häuser waren weiß gekalkt, und an vielen waren Schilder angebracht, die Vorbeikommende darauf hinwiesen, dass Zimmer oder Apartments frei waren. Michael überlegte, ob es Sinn machen würde, sie sich anzusehen um einen Eindruck zu gewinnen, wie solche Apartments von innen aussahen, doch verzichtete er letztlich darauf.
›Was bringt es mir, hier eine Wohnung zu besichtigen? Die Apartments im Hinterland sehen vielleicht ganz anders aus. Die Raumaufteilung ist vielleicht eine ganz andere, und die Einrichtung vielleicht auch.  Außerdem kann ich die Menschen, die diese Apartments hier vermieten, nicht herausläuten und so tun, als wollte ich eines mieten. Das wäre nicht fair.‹
Er ging auf dem selben Weg in die Stadt zurück, auf dem er sie verlassen hatte. Die Uhr auf einem Kirchturm forderte ihn geradezu auf, in das Restaurant von Claires Vater zu gehen, denn sie zeigte zwölf Uhr vierzig an.

Das Lokal war besser besucht als am Tag zuvor, Claire war die einzige Kellnerin. Sie bedeutete ihm mit einer Geste, an dem Tisch, der der Bar der nächste war, Platz zu nehmen. Sie brachte Getränke an einen Tisch und setzte sich danach zu ihm.
»Guten Tag, Michael. Es freut mich, dich zu sehen.«
»Guten Tag, Claire. Die Freude ist auf meiner Seite.«
»Ich habe dir diesen Tisch zugewiesen-«
»Weil er gleich neben der Bar steht und du schnell hinter diese gehen kannst, wenn du Getränke ausschenken musst.«
Sie lachte. »Stimmt. Aber im Augenblick sind alle Gäste versorgt. Bis auf dich natürlich. Was möchtest du trinken?«
»Ein Glas Orangensaft, bitte. Und zu essen hätte ich gerne die Miesmuscheln, bitte.«
»Die haben dir wohl geschmeckt.«
»Sie waren köstlich.«
Claire brachte ihm Saft.
»Hast du gestern gleich ins Hotel zurückgefunden?«
Michael sah sie an. »Ja, natürlich. Ich bin schließlich von hier aus dorthin gegangen.«
Claire griff sich auf die Stirn. »Ja, stimmt. Du hast mich ja nach Hause begleitet.«
Michael lächelte.
»Was hast du heute gemacht?«
»Ich bin die Küste entlang gewandert.«
»Hat es dir gefallen?«
»Ja, es war abwechslungsreich. Küste, Ortschaft, Küste, Ortschaft. Bloß Krabben konnte ich keine fangen. Ich glaube, ich habe die falsche Technik.«
Sie lachte. »Ja, die sind schnell. Wenn du willst, zeige ich dir, wie man sie fängt.«
Michael erwiderte lachend: »Zeig mir besser, wie man Wildschweine fängt. In der Wildnis wird mir das mehr nützen.«
»Entschuldige bitte. Die Gäste in der Ecke möchten zahlen.«
Sie stand auf und ging kassieren. Kaum hatte sie sich wieder gesetzt, wurde sie in die Küche gerufen, um Michaels Muscheln zu servieren.
»Hast du keine Angst, dass der Chef dich am Tisch sitzen sieht?«
»Nein. Der ist heute nicht da.«
»Gestern war er auch nicht da.«
»Am Abend schon.«
»Wo war er?«
»Er sitzt meist am Tisch bei den Stammgästen.«
»So ist das. Er darf, aber du darfst nicht. Wie gemein.« Er sah sie mitleidig an und sie lächelte.
»Er ist nun mal der Chef. Waren die Muscheln gut?«
»Sehr gut sogar.«
»Was machst du am Nachmittag?«
»Ich habe mir überlegt-«
»Entschuldige. Die Pflicht ruft.«
Sie erhob sich, um einen Tisch abzuräumen.
»Also?«
»Ich habe mir überlegt, noch einmal die Küste entlang zu wandern. Dieses Mal aber in die andere Richtung.«
»Wenn ich dir einen Tipp geben darf: fahr mit diesem Bus bis zur Endstation«, sie schrieb die Nummer des Busses auf einen Zettel, »und gehe dort zur Küste hinunter.«
»Was ist dort anders?«
»Du kannst die Küste entlang gehen, ohne zwischendurch auf die Straße ausweichen zu müssen.«
»Das ist ein guter Tipp. Vielen Dank, Claire.«
»Gerne. Wie lang hast du vor zu wandern?«
»Bis zum späten Nachmittag, wenn das Wetter hält. Warum fragst du?«
»Und was steht dann auf dem Programm?«
»Keine Ahnung. Vermutlich duschen und meine E-Mails abrufen.«
»Erwartest du ein Mail?«, fragte sie mit schelmischem Grinsen. »Vielleicht von einem Verlag, der nachfragt, wo den dein Werk bleibt.«
»Nein, das glaube ich nicht. Eher schreibt mir eine Freundin aus Wien.«
»Ich dachte, du bist solo?«
»Bin ich auch. Es handelt sich um eine-« Er suchte nach einem passenden Wort.
»Platonische Beziehung?«, schlug sie vor.
»Nein, das nicht. Aber-«
»Zu spät. Du hast dich soeben verraten.«
»Es ist nicht so, wie es- Sag, was interessiert dich das? Du hast ja eine Freundin.«
»Ach, bloß so. Vielleicht wegen dem, was du gestern Abend gesagt hast.«
»Was habe ich denn-«
»Es tut mir leid, Michael. Ich muss Speisen servieren. Aber ich bin gleich wieder bei dir.«
Sie servierte.
»Was ich gestern gesagt habe, ist die Wahrheit.«
»Lass uns ein anderes Mal darüber sprechen.«
»Und wann?«
»Heute Abend? In der Bar, in der wir gestern waren?«, schlug Claire vor.
»Gerne. Es hat mir dort gut gefallen. Klein, schummrig und die Musik war auch gut.«
»Treffen wir uns dort? Findest du überhaupt hin?«
»Nein, fürchte ich.«
»Ich muss bis dreiundzwanzig Uhr hinter der Bar stehen.«
»Bis wann kann ich was zu essen bestellen?«
»Bis zweiundzwanzig Uhr.«
»Das passt gut. Dann komme ich um halb zehn zum Abendessen und dann gehen wir in die Bar.«
»Möchtest du denn gar nicht die anderen Restaurants hier kennenlernen?«
»Nein. Wozu? Ihr kocht ausgezeichnet«, sagte Michael achselzuckend.
»Danke sehr. Das höre ich gerne.«
»Kannst du mir diesen Tisch frei halten?«
»Sicher, kein Problem. Dann wünsche ich dir viel Spaß an der Küste.«
»Claire, ich habe noch nicht bezahlt.«
»Ich weiß. Ich wollte bloß sehen, ob du heute daran denkst.«
»Natürlich denke ich daran. Das gestern war ein Versehen, ehrlich.«
»Ich scherze bloß.«
Michael zog seine Geldbörse hervor.
»Lass gut sein, Michael. Du bist eingeladen.«
»Aber das geht doch nicht«, protestierte er.
»Doch, das geht. Wenn mein Vater nicht da ist, bin ich die Chefin. Und die sagt gerade, dass das geht.«
»Danke sehr. Aber nur unter der Bedingung, dass ich dich am Abend einladen darf.«
»In Ordnung.«
»Dann bis später, Claire.«

Michael verließ das Restaurant und setzte sich in einen Bus jener Linie, die Claire ihm aufgeschrieben hatte. Er bat den Fahrer, ihm Bescheid zu sagen, wenn sie die Endstation erreicht hätten.
Dort stieg er aus und stieg durch kniehohe Halme den Abhang hinunter zur Küste.
›Claire hatte recht, kein Hindernis weit und breit. Diesmal bin ich nicht gezwungen, den Gehsteig neben der Straße zu nehmen. Ich kann ungehindert wandern und meinen Gedanken freien Lauf lassen. Wer weiß, vielleicht kann ich, auch ohne dass sie mir die richtige Technik gezeigt hat, eine Krabbe fangen.‹
Michael ging die Küste entlang, es kümmerte ihn nicht, dass seine Schuhe bald durchnässt waren vom Meerwasser in den kleinen Becken, die sich im Lauf der Zeit auf den Felsen gebildet hatten. Diese Becken dienten einer großen Zahl an Krabben als Nahrungsspeicher, der nie versiegte. Michael wollte um jeden Preis eine von ihnen fangen, also suchte er sich einen Felsen aus, setzte sich an dessen Rand und versuchte sein Glück. Er fing zwei kleine Krabben, betrachtete sie aus der Nähe und stellte fest, dass er sowohl ein weibliches als auch ein männliches Exemplar gefangen hatte, bevor er sie wieder auf den Felsen zurück setzte. Vom Jagdfieber gepackt, wollte er auch eine große Krabbe fangen.
Er wartete geduldig, bis sich eine aus ihrem Versteck wagte, griff dann schnell zu und hatte sie in seiner Hand. In dieser hielt er sie und wollte sie eben betrachten, als die Krabbe ein Stück Haut seiner Handfläche zwischen ihre Schere bekam und zudrückte. Erschrocken vom plötzlichen starken Schmerz öffnete Michael seine Hand, um das Tier freizulassen, doch hing es fest und wollte nicht loslassen. Michael wollte ihm keine Schmerzen zufügen, also unterließ er es, zu tun, was ihm in den Sinn gekommen war, nämlich es einfach von seiner Handfläche wegzureißen. Stattdessen tauchte er seine Hand in das natürliche Becken, worauf die Krabbe losließ und verschwand, und er an ihrer statt seine schmerzende Handfläche betrachten konnte. Er blutete zwar nicht, doch konnte er deutlich einen kleinen Bluterguss erkennen. Michael beschloss, dass das Thema Krabbenfang für ihn nunmehr erledigt war, und marschierte noch eine Weile die Küste entlang.
›Claire wird mich auslachen, wenn ich ihr die Geschichte mit der Krabbe erzähle, aber was solls. Ich werde noch ein paar Minuten weiterwandern und dann zurück zur Bushaltestelle gehen. Es ist noch früh, also habe ich keine Eile. Ich könnte dann im Hotel nachsehen, ob Christina geschrieben hat. Und wenn ich schon im Internet bin, kann ich auch gleich nachsehen, was sich in Österreich und der Welt ereignet hat.‹
An der Haltestelle musste er beinahe dreißig Minuten auf den nächsten Bus warten. Er hatte nichts zu lesen bei sich, auch kein Telefon und kein Schreibheft, also saß er auf dem sandigen Boden und vertrieb sich die Zeit mit rauchen.

Er rief seine Mails ab und hatte bloß eines erhalten.
‘Lieber Michael. Es freut mich zu hören, dass du rasch Anschluss gefunden hast, und auch, dass du deinem Vorsatz, nicht zu trinken, treu bleibst. Und nachdem Claire ja Frauen liebt, brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Es ist klar, dass es noch ein bisschen dauern wird, bis du eine Bleibe auf dem Land findest. Ich weiß, du brauchst diesen Tipp nicht, aber dennoch rate ich dir, zwei oder drei Wohnungen oder Häuser zu besichtigen, bevor du dich entscheidest. Bloß um vergleichen zu können. Ich nehme nicht an, dass du bereits erste Schritte unternommen hast, in dich zu gehen, und ich will dich auch nicht drängen. Nun zu mir. In Wien geht alles seinen gewohnten Weg. Ich arbeite und meine Freizeit verbringe ich in meiner Wohnung, wo ich meistens sitze und nachdenke. Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich dabei sehr oft an dich denke. Denkst du eigentlich oft an mich? Oder nehmen dich die neuen Eindrücke auf Korsika so stark ein, dass du dafür keine Zeit hast? Heute Abend kommt meine beste Freundin vorbei. Wahrscheinlich werden wir wieder einmal reden, auch über dich. Schreib mal wieder. Ich vermisse dich. Deine Christina.’
Michael las das Mail und steckte sich eine Zigarette an. Nachdem er diese geraucht hatte, rauchte er noch zwei, erst dann konnte er sich mit dem Inhalt von Christinas Mail auseinandersetzen.
›Was soll ich davon halten. Und was antworten? Vielleicht sollte ich Zeit verstreichen lassen, bevor ich antworte. Nein, das kann ich nicht. Am Ende macht sie sich noch Sorgen, glaubt, dass mir was zugestoßen ist. Jedenfalls macht sie sich keine Sorgen wegen Claire, weil sie lesbisch ist. Ob ich oft an sie denke? Und ich soll mal wieder schreiben. Dabei habe ich ihr erst gestern geschrieben. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich bin hier, um Abstand zu gewinnen. Doch das kann ich nicht, wenn Christina mich einengt. Und das tut sie. Am liebsten wäre ihr offenbar, wenn ich morgen zurückfliege. Obwohl, sie hat mir auch geraten, nicht die erstbeste Wohnung zu mieten. Also akzeptiert sie, dass ich nicht so bald wieder in Wien sein werde. Ich könnte ja schreiben, dass ich den Computer nur mehr freitags einschalten werde, weil ich sonst zu sehr abgelenkt werde von dem, was ich mir hier auf Korsika vorgenommen habe. Das müsste sie eigentlich verstehen. Ich muss das aber so formulieren, dass ich sie mit meinen Worten nicht verletze. Na ja, mir wird schon was einfallen. Ich habe sie ja auch sehr gern und vermisse sie und hätte sie gerne an meiner Seite. Aber solche Gedanken darf ich nicht zulassen, sonst komme ich nicht weiter.‹
Bevor Michael Christina antwortete, rauchte er zwei weitere Zigaretten. Beim Anzünden der zweiten dachte er: ›So viel zum Thema aufhören zu rauchen.‹
‘Liebe Christina, heute bin ich die Küste entlang gegangen und habe eine Krabbe gefangen. Die hat sich allerdings als durchaus wehrhaft herausgestellt, was mir Schmerzen bereitet hat. Morgen treffe ich mich mit der Maklerin und werde mir hoffentlich bald ein paar Wohnungen ansehen können. Heute Abend gehe ich mit Claire wieder was trinken. Keine Sorge, ich werde Orangensaft bestellen, für mich zumindest. Du hast recht wenn du schreibst, dass ich von den Eindrücken hier stark eingenommen bin. Diese hindern mich jedoch nicht daran, oft an dich zu denken und dich zu vermissen. Allerdings habe ich festgestellt, dass ich diese Eindrücke besser in mich aufnehmen kann, wenn ich alles Gewohnte so weit wie möglich loslasse. Das heißt, dass ich meinen Laptop nicht mehr jeden Tag einschalten werde. Ich mache das selbstverständlich nicht aus dem Grund, dass ich deine Mails nicht lesen möchte. Es ist vielmehr so, dass ich jedes Mal, wenn ich ihn einschalte, nachschaue, was sich in Österreich und der Welt so ereignet hat. Und das ist das Allerletzte, was ich erfahren sollte,  wenn ich mich mit mir selbst beschäftigen will, denn das lenkt mich ab. Ich habe mir gedacht, ich mache es so: ich schalte den Laptop nur mehr jeden dritten Tag ein, und das so lange, bis ich Ruhe gefunden und begonnen habe, an mir selbst zu arbeiten. Wenn ich damit angefangen habe und es funktioniert, werde ich ihn wieder jeden Tag am Abend einschalten. Bitte schreib mir, was du davon hältst und ob es dir so recht ist. Ich verspreche dir, dass ich morgen Abend meine Mails abrufen werde. Ich will dich damit aber nicht dazu drängen, mir bis morgen zu schreiben. Schreib, wenn dir danach ist. Liebe Grüße aus Korsika. Michael.’
Er schickte das Mail ab, schaltete den Laptop aus und steckte sich eine Zigarette an.
›Ich hoffe, Christina hat kein Problem damit. Und es ist ja auch die Wahrheit. Je seltener ich im Internet bin, desto weniger bin ich abgelenkt.‹
Michael schaltete den Fernseher ein und sah sich ein Fußballspiel an. Er konnte dem schnell sprechenden Kommentator nicht folgen, also schaltete er den Ton aus und konzentrierte sich auf den Verlauf des Spiels, das unentschieden ausging.

Gegen neunzehn Uhr zog er sich um und ging durch die Straßen eines ihm noch unbekannten Viertels der Stadt. Er prägte sich die Route, die er nahm, gut ein, um nicht zu spät, also nach dem Ende der Küchenöffnungszeiten, in Claires Restaurant zu kommen.

»Guten Abend«, sagte er zu Claire, die wie angekündigt hinter der Bar stand.
»Guten Abend, Michael. Bitte nimm Platz.«
Er folgte ihrer Aufforderung und fragte: »Wie geht es dir?«
»Gut. Wie du siehst, habe ich viel zu tun, also vergeht die Zeit schnell.«
»Das stimmt. Wenn nichts zu tun ist, dauert es meist sehr lange bis zum Feierabend.«
»Apropos Feierabend: hast du was dagegen, wenn uns nachher eine Freundin von mir Gesellschaft leistet?«
»Nein, überhaupt nicht.«
»Das freut mich. Du wirst sie mögen.«
»Wirklich? Ist sie nett?«
»Das ist sie. Sie schreibt.«
»Dann ist sie ganz sicher nett.«
Claire lachte und wandte sich wieder den Flaschen zu. Michael warf einen Blick in die Speisekarte und bestellte.
»Was hast du heute gemacht?«
»Ich bin mit dem Bus bis zur Endstation gefahren und war an der Küste.«
»Wie hat es dir gefallen?«
»Gut. Bis auf die Tatsache, dass Krabben zur Gegenwehr fähig sind.«
Sie fragte lachend: »Ach, hast du eine gefangen?«
»Eigentlich waren es drei. Zwei kleine und eine, die groß und böse war.«
»Hat sie dich gezwickt?«
»Ja, hat sie. Das war eine sehr unerfreuliche Erfahrung.«
»Ich habe dir ja angeboten, dich in die Geheimnisse des Krabbenfangs einzuweihen.«
»Ich wollte nicht warten. Die Gelegenheit schien günstig. Ist der Chef da?«
»Nein, der kommt erst morgen zurück.« Claire setzte sich an den Tisch. »Macht es dir wirklich nichts aus?«
»Was?«
»Dass meine Freundin mitkommt.«
»Nein, ehrlich nicht. Spricht sie Englisch? Mein Französisch«, er wechselte die Sprache und sagte auf Französisch: »ist nämlich zu schlecht für eine vernünftige Konversation.«
Claire lachte schallend. »Es ist in der Tat nicht gut. Aber du kannst es ja auf Korsika verbessern. Und ja, sie spricht Englisch.«
»Wann kommt sie? Und wohin? Kommt sie hierher oder treffen wir uns in der Bar mit ihr?«
»Wir holen sie ab. Ihre Wohnung liegt auf dem Weg.«
»Was schreibt sie?«
»Vorwiegend Märchen. Aber auch Kurzgeschichten und Gedichte.«
»Märchen?«, fragte Michael erstaunt.
»Ja. Märchen für Kinder.«
»Es kommt nicht oft vor, dass jemand Märchen schreibt.«
»Sie ist gut darin und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.«
»Das freut mich für sie.«
»Vielleicht gibt sie dir ja ein paar Tipps«, sagte Claire und lachte.
Michael meinte ebenfalls lachend: »Die habe ich dringend nötig.«
Sie ging hinter die Bar und entkorkte eine Flasche Rotwein. »Möchtest du ein Glas?«
»Nein, danke. Ich trinke heute nicht. Wenigstens habe ich mir das vorgenommen.«
»Was dann? Orangensaft oder Mineralwasser?«
»Hast du alkoholfreies Bier?«
»Ja.« Sie brachte ihm eine Flasche. »Bittesehr.«
»Danke.« Er trank einen großen Schluck. »Beinahe so gut wie echtes Bier. Aber nur beinahe.«
Sie lachte.
»Claire, ich gehe kurz nach draußen, eine Zigarette rauchen.«
»Wenn du noch zwei Minuten warten kannst, komme ich mit.«
»Kein Problem.«
Sie standen vor dem Restaurant und rauchten. Michaels Blick haftete an der weißen Bluse aus dünnem Stoff, die die anhatte. Dieser Blick entging ihr nicht.
»Gefällt dir meine Arbeitskleidung?«
»Ich habe auf das geachtet, was darunter ist. Was für ein Motiv trägst du auf dem Arm?«
»Eine Lilie. Aber die Tätowierung ist schon alt.«
»Eine große Lilie«, stellte er fest.
Sie lachte. »Ja, stimmt.« Sie knöpfte den Ärmel ihrer Bluse auf und schob ihn nach oben.
Michael betrachtete die Lilie. »Eine sehr schöne Arbeit.«
»Danke.«
»Was bedeutet dieses Motiv?«
»Sowohl Liebe als auch Tod.«
Michael ging nicht auf ihre Erklärung ein. Er nahm sich jedoch vor, das von ihr gemalte Bild hinter der Bar eingehend zu betrachten.
»Bist du tätowiert?«
»Nein. Ich wollte mich tätowieren lassen, habe mich aber nie getraut. Und als ich keine Angst mehr vor den Nadeln hatte, ist mir kein vernünftiges Motiv eingefallen.«
»Es ist nie zu spät. Gehen wir wieder rein?«
»Ja. Ich muss mir dein Gemälde aus der Nähe ansehen.«
»Nur zu. Komm hinter die Bar und sieh es dir an.«
»Danke.«
»Aber du darfst mich nicht behindern.«
»Keine Sorge, das werde ich nicht.«
Michael betrachtete das Bild aus der Nähe. ›Es ist wirklich gut‹, dachte er. ›Claire kann malen. Die Abstimmung der Farben aufeinander ist ihr gut gelungen. Ein sehr schönes Bild, auch wenn es sehr abgründig ist. Wie das Blut, das der nackten Frau aus den Adern rinnt. Aber ich habe selbst ja auch sehr abgründige Texte geschrieben. Ich habe keine Ahnung, was sie durchgemacht hat, als sie dieses Bild gemalt hat. Was auch immer es war, es musste offensichtlich raus.‹
Er setzte sich wieder an seinen Tisch.
»Was sagst du nun, nach eingehender Betrachtung?«, fragte sie.
»Es gefällt mir sehr gut. Sehr ausdrucksstark und gut kombiniert, was die Farben betrifft.«
»Danke sehr. Würdest du es bei dir zu Hause aufhängen?«
»Ja, auf jeden Fall. Willst du es mir etwa schenken?«
Sie lachte. »Nein, tut mir leid. Das bleibt hier.«
»Schade.«
»Ja, das Leben ist wirklich grausam. Möchtest du noch etwas trinken?«
»Wie spät ist es denn schon?«
»Ich muss noch fünfzehn Minuten arbeiten und mich dann umziehen. Dann können wir gehen.«
»Dann trinke ich nichts mehr. Würdest du deiner Kollegin bitte sagen, dass ich zahlen möchte.«
Claire winkte die Kellnerin herbei und Michael bezahlte.
Während Claire mit dem Aufräumen und Putzen der Bar beschäftigt war, blätterte Michael in einer Zeitschrift für Jagd und Fischerei. Da er die Texte der Artikel kaum verstand, verlegte er sich auf das Betrachten der zahlreichen Abbildungen.
Nach zwanzig Minuten setzte sich Claire an den Tisch und sagte: »Ich bin fertig. Wollen wir gehen?«
»Ja, gehen wir.«

»Na, du großer Krabbenjäger, hast du ein Mail erhalten?«
»Ja, habe ich.«
»Und was stand darin?«
»Ach, nichts wichtiges. Das Übliche eben.«
»Du willst nicht darüber sprechen, oder?«
»Nein, möchte ich nicht. Es gibt auch nichts, was ich dazu sagen könnte.«
»Alles klar.«
»Wo wohnt deine Freundin?«
»Catherine wohnt im übernächsten Haus.«
»Catherine, ein schöner Name. So heißt meine Lieblingsschauspielerin.«
»Ist sie Französin?«
»Ja. Weiß deine Freundin, dass ich mit von der Partie bin?«
»Nein, noch nicht.«
Sie erreichten das Wohnhaus von Catherine und Michael wartete rauchend auf die beiden Frauen.
»Michael, das ist Catherine.«
Er reichte ihr die Hand. »Ich heiße Michael.«
»Ich bin Catherine. Freut mich, dich kennenzulernen.«
»Die Freude ist auf meiner Seite.«
»Nachdem das geklärt ist, lasst uns in die Bar gehen«, sagte Claire.
»Rauchst du, Catherine?«, fragte Michael und hielt ihr seine Packung hin.
»Ja, danke.« Sie nahm eine Zigarette heraus.
»Möchtest du auch eine, Claire?«
»Wie aufmerksam er ist«, sagte Catherine zu Claire. »Wie lange bist du schon auf Korsika?«, fragte sie Michael.
»Den zweiten Tag«, gab dieser zurück.
»Und wie gefällt es dir auf dieser Insel?«
»Sehr gut.«
»Michael möchte eine Wohnung im Hinterland mieten.«
»Wo im Hinterland?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich habe morgen einen Termin bei einer Maklerin. Dann werde ich mehr wissen.«
Sie betraten die kleine Bar und setzten sich an den selben Tisch, an dem Claire und Michael am Abend zuvor gesessen hatten. Die Besitzerin der Bar kam an ihren Tisch, um die Bestellung aufzunehmen.
»Für mich Gin Tonic, bitte«, sagte Claire.
»Ich nehme ein großes Bier«, meinte Catherine.
»Und für mich Orangensaft, bitte.«
»Catherine, du sitzt einem der wenigen Autoren gegenüber, die nicht trinken.«
»Trinkst du nie, Michael?«
»Doch, ich trinke durchaus. Doch habe ich mir vorgenommen, nicht zu viel zu trinken, solange ich auf Korsika bin.«
»Er möchte hier einen Roman schreiben.«
»Nicht so schnell, Claire«, lenkte Michael ein. »Erst muss ich mich mit ein paar Sachen auseinandersetzen und Antworten darauf finden. Dann kann ich, vielleicht, zu schreiben beginnen.«
›Das war wirklich eine dumme Idee, überhaupt zu erwähnen, dass ich schreibe‹, dachte er. ›Ich glaube gar nicht, dass sie mir abgekauft hat, dass ich einen langen Text schreiben möchte. Jetzt kann ich bloß versuchen, einen Ausweg aus dieser Lüge zu finden, bevor es wirklich peinlich wird.‹
»Claire hat mir erzählt, dass du Märchen schreibst«, versuchte er dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.
»Ja, ich schreibe Märchen. Aber auch Gedichte und Kurzgeschichten. Was schreibst du?«
»Bislang habe ich Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben.«
»Hast du sie auch veröffentlichen können?«
»Nein, das wollte ich nicht.«
»Vielleicht wird sein erster Roman ja gleich ein Bestseller«, sagte Claire.
»Was für Märchen schreibst du?«
»Das sind moderne Adaptionen von sehr alten Märchen. Ich schreibe sie neu, sodass sie in die heutige Zeit passen.«
»Also moderne Märchen?«
»Ja, so kann man das sagen.«
»Sind deine Bücher bloß in französischer Sprache erschienen, oder gibt es sie auch auf Englisch?«
»Zur Zeit noch nicht. Aber wer weiß, vielleicht werden sie eines Tages übersetzt.« Catherine lachte.
»Aus welchem Grund schreibst du eigentlich, Michael?«, fragte Claire.
»Aus dem selben, aus dem du malst, Claire. Um Sachen loszuwerden, die rausmüssen.«
»Aus diesem Grund entsteht wohl alle Kunst«, meinte Catherine.
»Arbeitest du oder studierst du?«, fragte Michael sie.
»Ich habe studiert, aber abgebrochen. Im Moment kann ich vom Schreiben ganz gut leben.«
»Das freut mich für dich.«
»Hast du einen Job?«
»Nein, ich habe ein bisschen Geld auf der Seite, also brauche ich nicht zu arbeiten.«
»Und trotzdem vergisst er, in meinem Restaurant zu zahlen«, sagte Claire mit gespieltem Ernst.
Michael errötete. »Das war ein Versehen, ehrlich.«
Die beiden Frauen lachten.
Die Besitzerin der Bar fragte sie, ob sie noch etwas trinken wollten. Sie bestellten eine Runde der gleichen Getränke wie zuvor.
»Warum möchtest du auf Korsika nüchtern bleiben?«, fragte Catherine.
»Sagen wir so: ich habe in Wien zu viel getrunken.«
»Kann man zu viel trinken?«, fragte sie und lachte.
»Ich denke, man kann.«
»Das denke ich nicht«, meinte sie und nahm zwei große Züge vom Bier.
»Du sitzt mit einer wahren Meisterin, wenn es ums Trinken geht, an einem Tisch, Michael«, erläuterte Claire.
»Es ist bloß wichtig, rechtzeitig mit dem Saufen Schluss zu machen, bevor es zu spät ist«, meinte Michael.
»Kann es das überhaupt sein?«, fragte Catherine.
»Ja. In Wien sagt man gerne über einige große Künstler: ‘Er hat zu spät aufgehört.’«
»Und? Wenn das die Wahrheit ist, darf man das doch sagen.«
»Das schon. Aber es wäre für jeden Menschen, der gerne trinkt, gut, den Satz weiterzuführen.«
»Wie lautet der zweite Teil?«
»Sonst würde er noch leben.«
Catherine schwieg.
Claire sagte: »Ja, diesen Nebensatz sollte man dazusagen.«
Catherine musterte Michael und sagte: »Also, warum bist du wirklich auf Korsika? Wegen eines Romans wohl kaum.«
»Doch«, antwortete dieser. »Oder lass es mich so sagen: ich bin hier um nachzudenken, über das Leben und mich selbst. Wenn daraus ein Roman werden sollte, wäre das ein positiver Nebeneffekt.«
Claire sah ihn an und lachte. »So ist das also. Du möchtest gar nicht die Ruhe im Hinterland genießen, um Ideen für ein Buch zu sammeln, sondern um deine persönlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.« Als sie das Wort Angelegenheiten aussprach, symbolisierte sie mit Bewegungen ihrer Finger Anführungszeichen. »Darum möchtest du wahrscheinlich auch weniger trinken.«
»So ist es«, bestätigte Michael.
»Ich finde es gut, dass du das machst«, sagte Catherine. »Einfach irgendwo hinfahren, Ruhe suchen und nachdenken.«
»Jedenfalls habe ich ein Schreibheft dabei, falls mir doch was einfallen sollte, das es wert ist, aufgeschrieben zu werden.«
»Vielleicht erwähnt er uns sogar, wenn er wirklich ein Buch schreiben sollte«, meinte Claire und Catherine lachte laut auf.
»Das glaube ich nicht. Wenn er was schreiben sollte, wird es wohl um ganz andere Sachen gehen. Oder täusche ich mich da, Michael?«
Dieser versuchte, auf Französisch den Satz ‘Wie könnte ich euch beide in meinem Roman unerwähnt lassen.’ zu formulieren. Sein Scheitern an dieser Aufgabe ließ die beiden Frauen in schallendes Gelächter ausbrechen.
»Wann triffst du die Maklerin?«
»Morgen, gegen Mittag.«
»Wie willst du denn vom Hinterland in die Stadt kommen? Mietest du dir ein Auto?«
»Ich brauche die Stadt nicht. Ich bleibe einfach dort und genieße die Ruhe.«
»Na, da bin ich aber gespannt, ob das alles so sein wird, wie du es dir vorstellst.«
»Warum, Claire?«
»Wenn du in irgendeinem verlassenen Dorf haust, wie willst du an Nahrungsmittel gelangen?«
»Oder wirst du einfach einem Hirten eine Ziege abkaufen und dich von ihr ernähren?«, feixte Catherine.
»Hör zu, Michael, wenn du wirklich abgeschieden wohnen möchtest, dann ist dort nichts. Kein Supermarkt, kein Restaurant, keine Bar und, wenn du Pech hast, noch nicht einmal ein Telefonnetz, geschweige denn Internet.«
»Claire hat recht. Ohne Auto oder wenigstens einen Motorroller wird es schwer, wenn nicht gar unmöglich für dich sein, zu überleben.«
Michael sah die beiden betreten an. »Meint ihr das ernst?«
»Ja. Wir verarschen dich nicht.«
»Du hast dich nicht über das Landesinnere Korsikas informiert, oder?«
»Nein, habe ich nicht. Das war vielleicht ein kleiner Fehler.«
»Aber bloß ein sehr kleiner«, meinte Catherine lachend.
›Das habe ich gut gemacht‹, dachte Michael. ›Warum habe ich mich nicht auf diesen Aufenthalt vorbereitet? Aber egal. Nun bin ich auf dieser Insel und werde das durchziehen, weswegen ich hergekommen bin. Und wenn ich jeden zweiten Tag mit dem Fahrrad in die nächste Ortschaft zu einem Supermarkt fahren muss, dann wird mich das auch nicht umbringen.‹
»Ich werde morgen ja erfahren, wo ich unterkommen werde, und wie weit es von dort bis zum nächsten Supermarkt ist.«
»Du solltest der Maklerin unbedingt sagen, dass du dich selbst verpflegen möchtest. Sonst gibt sie dir zum Schluss eine Wohnung im hintersten Winkel der Einöde«, riet Catherine.
»Das werde ich«, sagte Michael ihr zu. »Was für Gedichte schreibst du denn?«, fragte er sie, um das Thema zu wechseln.
»Gedichte über Dinge, die mich beschäftigen.«
»Sie schreibt oft Gedichte über Bilder«, sagte Claire.
»Über welche Bilder?«, fragte er und erkannte, dass die Frage unnötig war, so wie Claire Catherine ansah.
»Über meine Bilder.«
»Das ist richtig. Claire hat viele Bilder gemalt, die mich derart fasziniert und auch aufgewühlt haben, dass ich nicht anders konnte, als über sie zu schreiben.«
»Was hast du über ihre Gemälde geschrieben? Darüber, was man sieht, wenn man vor ihnen steht und sie betrachtet?«
»Nein. Über die Gefühle, die unsere Malerin hier am Tisch dazu veranlasst haben, sie zu malen. Und natürlich über das, was ihre Bilder in mir ausgelöst haben.«
»Um das zu können, musst du Claire aber sehr gut kennen«, stellte er fest.
»Catherine und ich sind zusammen aufgewachsen. Sie ist wie eine Schwester für mich.«
»Und Claire für mich«, ergänzte Catherine.
»Ich habe bloß eines ihrer Bilder gesehen. Das hinter der Bar in ihrem Restaurant.«
»Welches meinem Vater gehört«, stellte Claire richtig.
»Ich finde dieses Bild sehr ausdrucksstark, wenngleich auch sehr abgründig. Was für ein Gedicht hast du dazu geschrieben?«
»Gar keines.«
»Warum nicht, wenn ich fragen darf?«
Catherine sah Claire an und sagte: »Claire hat es mir verboten.«
Michael sah Claire erstaunt an und fragte: »Weshalb?«
»Sie kennt mich, wie gesagt, ein Leben lang und weiß, was mit mir los war zu der Zeit, in der dieses Bild entstanden ist.«
»Und das wolltest du nicht in Verse gegossen wissen?«
»Nein, das wollte ich nicht.«
»Und ich habe Claires Wunsch natürlich respektiert.«
»Oder mein Verbot«, präzisierte Claire lächelnd.
»Vielleicht darfst du ja in ein paar Jahren ein Gedicht über dieses Bild schreiben.«
»Darüber sprechen wir in ein paar Jahren.«
Die Besitzein der Bar sperrte ihr Lokal zu und stellte einen Aschenbecher auf den Tisch. Claires und Catherines Aufforderung, sich an diesen zu setzen, lehnte sie mit der Begründung ab, den Stand an Getränken kontrollieren und fehlende in eine Liste zur Nachbestellung eintragen zu müssen.
»Sehr gut, nun können wir rauchen«, sagte Michael und bot den beiden Zigaretten an.
»Hast du vor, auf Korsika mit dem Rauchen aufzuhören, Michael?«
»Wie kommst du darauf, Catherine?«
»Du hast deine Zigarette, bevor du sie angezündet hast, mehrere Male zwischen deinen Fingern gedreht und sie mit einem Blick angesehen, der bedeuten könnte: ‘Und noch eine Zigarette. Eigentlich will ich sie ja gar nicht rauchen, aber wenn der Aschenbecher nun einmal auf dem Tisch steht, füge ich mich und rauche sie.’«
Michael lachte. »Ertappt. Ja, ich habe mir vorgenommen, oder wenigstens daran gedacht, das Rauchen aufzugeben. Aber ich fürchte, das wird mir nicht gelingen.«
»Es gibt Schlimmeres als Rauchen«, sagte Claire.
»Wenn du drehen kannst und gerne Gras rauchst, solltest du dich im Hinterland nach Hanfpflanzen umsehen. Dort wachsen nämlich viele davon.«
Er lachte und meinte: »Das kenne ich aus meinem Heimatort. Auch dort pflanzen die jungen Leute ihren Hanf in der unberührten Natur.«
»Ernte aber ja nicht die Pflanzen ab, die eine Schleife mit der Aufschrift ‘Catherine’ tragen«, ermahnte ihn Claire.
»Markiert ihr eure Pflanzen denn?«, fragte er in nicht ganz ernstem Ton.
»Sicherlich. Rauchst du gerne Gras, Michael?«
»Ich habe gerne geraucht, aber damit aufgehört. Seid ihr eifrige Raucherinnen?«
»Ich habe früher oft geraucht. Doch mittlerweile rauche ich nur noch ein bis zwei Joints im Monat.«
»Und du, Catherine?«
»Ich rauche gerne und oft. Es hilft beim Schreiben, mir jedenfalls.«
»Lebst du das ganze Jahr über in dieser Stadt?«
»Ja. Ich besuche Claire zwar ein paarmal im Jahr in Paris, aber ansonsten lebe ich hier.«
»Hast du eine Freundin oder einen Freund hier?«
Claire begann zu lachen. »Siehst du, wie aufmerksam unser Österreicher ist, Catherine? Ich habe ihm erzählt, dass ich lesbisch bin, also fragt er dich zuerst nach einer Freundin, und erst dann nach einem Kerl.«
Catherine lachte ebenfalls. »In der Tat, sehr aufmerksam. Nein, Michael, ich hatte sowohl Freundinnen als auch Freunde, doch im Moment bin ich solo und glücklich damit. Warum? Gefalle ich die etwa?«
Michael wurde rot. »Ja, du gefällst mir. Aber ich bin aus ganz anderen Gründen auf Korsika. Also keine Sorge, ich werde dich nicht anmachen.«
»Er hat jemanden in Wien«, teilte Claire ihrer Freundin mit. »Sie schreibt ihm Mails und er sagt, dass es weder was Platonisches noch was Festes ist.«
»So ist das«, stellte Catherine fest. »Du hältst sie dir also warm.«
»Nein, das mache ich nicht. Wir haben ein paar Tage in Florenz und Rom verbracht und wir mögen uns. Viel mehr gibt es nicht zu sagen.«
»Komm schon, Michael. Wir wollen alle Details erfahren«, sagte sie. »Vielleicht schreibe ich ja ein Gedicht über dich und- Wie heiß sie eigentlich?«
»Sie heißt Christina.«
»Und weiter?«
»Sie ist gleich alt wie ich und arbeitet in einer Gärtnerei.«
»Und wie lange kennt ihr euch schon?«
»Wir haben uns vor ungefähr zwei Wochen im Zug nach Florenz kennengelernt.«
»Und gleich miteinander gepennt.«
»Wir haben uns schon ein bisschen Zeit gelassen.«
»Und? Liebst du sie?«
»Also, nein, oder- Ich weiß nicht.«
»Du bist also hier, um über sie nachzudenken.«
»Nein. Ich bin hier, um über mich nachzudenken.«
»Hast du Kinder?«
»Nein, Catherine. Und du?«
»Nein, habe ich nicht. Warst du schon einmal verheiratet?«
»Ja, war ich. Und ich bin glücklich geschieden.«
»Das ist niemand.«
»Wie meinst du das?«
»Ich halte die Behauptung, glücklich geschieden zu sein, für reinen Selbstschutz.«
Michael schwieg.
Claire ergriff das Wort. »Du hast doch heute ein Mail von ihr erhalten, oder?«
Michael seufzte. »Ja.«
»Was hat sie geschrieben?«
»Dass sie mich vermisst und dass sie froh ist, dass du-«, er hielt inne.
»Dass Claire was?«, fragte Catherine.
»Dass du lesbisch bist.«
»Du hast ihr erzählt, dass du mich kennengelernt hast?«
»Ja. Hätte ich das nicht tun dürfen?«
»Doch, natürlich.«
»Es war gut, dass du erwähnt hast, dass Claire auf Frauen steht.«
»Warum?«
»Weil deine Christina offenbar was von dir will. Und jetzt weiß sie, dass von Claire keine Gefahr ausgeht.«
»Willst du was von ihr?«
»Ich will meine Ruhe auf dem Land. Das ist alles, was ich will.«
»Du musst auf jeden Fall gut aufpassen, was du ihr schreibst.«
»Ich weiß.«
»Im Hinterland wirst du jedenfalls keine Frau kennenlernen.«
»Warum nicht?«
»Weil an den Orten, wo es wirklich ruhig ist, für gewöhnlich bloß ein paar alte Leute wohnen. Und die sind, wie du herausfinden wirst, weder besonders freundlich noch gesprächig.«
»Das ist perfekt für mich. So bin ich wenigstens nicht abgelenkt. Trinken wir noch was? Ich habe Lust auf ein kleines Bier.«
»So viel zum Thema nicht trinken«, meinte Catherine und lachte.
»Ich muss in der Stadt Bier trinken«, verteidigte sich Michael. »Wenn ich bald jeden zweiten Tag in den Nachbarort zum Supermarkt wandern muss, werde ich wichtigere Sachen als Bier einkaufen.«
Alle lachten und bestellten, Claire Gin Tonic, Catherine und Michael Bier.
»Wie lange möchtest du denn in der Einöde bleiben?«
»Drei, vier Wochen. Wahrscheinlich sogar länger.«
»Wirst du ab und zu in die Stadt kommen?«
»Nein. Wenn nichts Schlimmes passiert, wie Krankheit oder ein Unfall, dann nicht.«
»Dann müssen wohl wir ihn besuchen. Was meinst du, Claire?«
»Warum nicht?«
»Sehr gerne. Falls ihr euch die Fahrt in die Wildnis wirklich antun wollt.«
»Sag Claire einfach, wo du wohnst, und wir kommen vorbei.«
»Das werde ich.«
»Wenn du dort was schreibst, musst du es uns aber vorlesen.«
»In Ordnung, Catherine. Aber gleiches Recht für alle. Wenn du in der Zwischenzeit was schreibst, musst du es mir auch vorlesen.«
Claire meinte: »So machen wir das. Wir kommen dich besuchen und ihr lest euch eure Texte vor.«
»Das gilt natürlich auch für dich und deine Kunst, Claire«, sagte er.
»Was meinst du?«
»Solltest du ein neues Bild malen, musst du es natürlich mitbringen.«
»Wie bitte?
»Michael hat recht«, sagte Catherine. »Wenn du was malst, musst du es uns zeigen. Gleiches Recht und gleiche Pflicht für alle.«
»In Ordnung«, meinte Claire. »Aber um etwas Schwung in die Sache zu bringen, schlage ich folgendes vor: wir geben unserem Österreicher sieben Tage Zeit, um in der Einöde was zu schreiben. Währenddessen schreibst auch du etwas, Catherine, und ich male ein Bild. Was haltet ihr davon?«
»Ich bin dabei«, sagte Catherine. »Aber jeder von uns muss sein Bestes geben, keiner darf bloß Alibi-Kunst abliefern.«
»Das ist klar. Wie sieht es aus, Michael? Bist du dabei?«
»Natürlich.«
»Also gut. Hand drauf.«
Sie legten ihre Hände aufeinander und verliehen der Abmachung dadurch Gültigkeit.
»Die Zeit läuft ab dem Tag, an dem Michael seine Bleibe im Hinterland bezieht.«
»Okay.«
Die Besitzerin der Bar kam an den Tisch und informierte sie, dass sie noch eine letzte Runde bestellen konnten.
Michael übernahm das Bestellen. »Ein großes Bier, einen Gin Tonic und ein Glas Orangensaft, bitte. Und die Rechnung.«
Sie erhielten die Getränke und er bezahlte.
»Vielen Dank. Das wäre aber nicht nötig gewesen.«
»Keine Ursache. Ich muss euch danken, denn nun habe ich eine Aufgabe und verliere mich nicht bloß in meinen Gedanken, wenn ich auf dem Land bin. Darf ich auch eine Kurzgeschichte schreiben, oder soll es ein Gedicht werden?«
»Ich würde sagen, jeder produziert die Kunst, die er will. Oder, Claire?«
»Natürlich. Es gibt keine Einschränkungen.«
»Was hast du studiert, Catherine?«
»Geschichte. Aber nicht sehr lange.«
»Wo? In Paris?«
»Ja.«
»Habt ihr zusammen gewohnt?«
»Ja, haben wir. Und? Was fragst du als nächstes?« Catherine sah ihn frech grinsend an.
Michael errötete und schwieg.
»Nein«, sagte Claire. »Wir waren kein Paar.«
»Das wolltest du doch fragen, oder?«
»Ja.«
»Keine Sorge, Michael. Das fragen alle Männer«, meinte Catherine und lachte.
»Uns war das Risiko einfach zu groß?«
»Welches Risiko? Eure Familien?«
»Nein, die sind sehr liberal. Wir wollten nicht zusammen sein, denn wenn es nicht funktioniert hätte, wäre vermutlich auch unsere lebenslange Freundschaft beendet gewesen.«
»Das verstehe ich. Eine sinnvolle Entscheidung.«
»Und du? Hast du schon einmal was mit einem Mann gehabt?«
»Ja, habe ich.«
Catherine blickte ihn erstaunt an. »Ich kenne viele Männer, die schon was mit Männern gehabt haben, aber keiner hat das so unumwunden zugegeben wie du.«
Michael dachte kurz nach. »Zugeben ist das falsche Wort. Es ist ja kein Verbrechen, nicht einmal ein Fehltritt. Ich habe mir eben gesagt: ‘Probier das aus. Dann weißt du, ob es was für dich ist oder nicht.’«
»Diese Einstellung gefällt mir.«
»Ich bin eben der Meinung, dass man nur dann ein erfülltes Sexleben haben kann, wenn man weiß, was man will und was nichts für einen ist. Also sollte jeder wenigstens einmal auf der eigenen Seite aus dem Fluss der Lust gestiegen sein.«
Claire und Catherine lachten schallend ob Michaels Formulierung, und auch die Besitzerin der Bar, die ihr Gespräch mitgehört hatte, lachte.
»Nachdem wir ausgetrunken haben, schlage ich vor, dass wir aufbrechen«, sagte Michael.
Die Besitzerin rief von der Bar aus: »Nein, geht noch nicht.«
Zwei Minuten später saß auch sie am Tisch und hatte vier Gläser mit Pastis darauf gestellt, dazu eine große Karaffe mit Wasser.
»Das geht auf mich. Ich habe euer Gespräch belauscht und bin der Meinung, dass dies ein sehr lustiger Abend werden kann.«
»Michael, ich darf dich mit Julie bekanntmachen. Ihr gehört, wie du sicher bemerkt hast, diese wundervolle Bar.«
»Es freut mich sehr, Julie. Ich muss dir zu deinem Lokal gratulieren. Es ist wirklich nett. Und auch«, fügte er grinsend hinzu, »noch raucherfreundlich.«
Julie lachte. »Ja, ab einer bestimmten Uhrzeit kann man hier qualmen.«
Sie holte Tabak und Zigarettenpapier hervor und fragte Catherine: »Hast du Gras dabei?«
Catherine bejahte und gab Julie eine prall gefüllte kleine Dose. Julie drehte zwei Joints, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Claire und Michael mitrauchen würden. Einen steckte sie sich selbst an, den zweiten reichte sie Catherine, die ihn anzündete.
»Dieser Abend ist in der Tat sehr lustig«, stellte Michael fest.
»Ich habe mitgehört, als du von deinem Plan erzählt hast, dir eine Wohnung auf dem Land zu suchen, Michael.«
Michael blickte sie aus glasigen Augen an und meinte bloß: »Ja?«
»Solltest du morgen von der Maklerin nichts Passendes vermittelt bekommen, gib mir Bescheid.«
»Weißt du eine Wohnung, die für ihn geeignet wäre?«, fragte Claire.
»Du weißt vielleicht noch, dass meine Großeltern in den Bergen-«
»Stimmt«, unterbrach Claire. »Das Häuschen deiner Familie.« Sie sah Michael an. »Das wäre perfekt für dich.«
Michael, der die Wirkung des Marihuanas deutlich spürte, lachte und sagte: »Und? Gibt es dort Wildschweine?«
Catherine nahm den Joint aus Michaels Hand und sagte resolut: »Du hast genug geraucht.«
Michael protestierte, doch sie blieb hart.
»Aber die Maklerin morgen, ihre Schwester kennt mich«, versuchte er die Tatsache anzuführen, dass er am nächsten Tag einen Termin bei der Maklerin hatte.
»Michael, du hörst mir jetzt gut zu: du gehst morgen zur Maklerin und lässt dir zeigen, was sie im Angebot hat. Aber du darfst nichts unterschreiben. Ist das klar?«
»Ja.«
»Was darfst du nicht?«
»Unterschreiben.«
»Gut.«
Michael war schwer illuminiert.
»Ich glaube, dein Gras ist zu stark für ihn«, meinte Julie.
»Wie auch dein Pastis«, gab Catherine zurück.
»Wie geht es dir, Michael?«, fragte Claire.
»Ich bin sehr müde und glaube, ich sollte so schnell wie möglich schlafen gehen.«
»Findest du zu deinem Hotel?«
»Ja, das schaffe ich schon.«
»Soll ich dich dorthin begleiten?«
»Nicht nötig. Aber danke für das Angebot.«
Michael erhob sich. »Es tut mir leid, aber ich bin einfach zu müde. Ich hoffe, ihr seid nicht böse, wenn ich jetzt gehe.«
»Nein, sind wir nicht«, versicherte Catherine.
»Danke für das Gras und den Pastis.« Michael benötigte drei Versuche, bis er es geschafft hatte, die Eingangstüre aufzusperren. »Ich wünsche euch einen schönen Abend.«
»Was darfst du morgen auf gar keinen Fall tun?«, rief Claire ihm nach.
Er wandte sich um und sagte: »Unterschreiben.«

In seinem Zimmer sog er die Schuhe aus und ließ sich angezogen auf das Bett fallen. ›Gras und Schnaps. Das habe ich wirklich nötig gehabt.‹, dachte er, bevor er einschlief.

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