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Dienstag, 11. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 19

19


Michael erwachte um zehn Uhr. Sein Kopf schmerzte bei jeder Bewegung seines Körpers und ihm war übel. Er ging nach unten an die Rezeption und bat den dort Dienst versehenden jungen Mann um eine Kopfschmerztablette. Er gab ihm eine, und Michael löste sie in einem Glas Wasser auf, das er in einem Zug leertrank.
Die Frau, bei deren Schwester er den Termin hatte, kam in den Raum und teilte ihm mit, dass ihre Schwester einen Unfall gehabt hatte und im Krankenhaus lag, und den Termin somit nicht wahrnehmen konnte. Michael bat sie, ihrer Schwester gute Besserung von ihm zu wünschen und erwähnte, dass er durch eine private Vermittlung bereits ein Haus gefunden hatte.
Nachdem er bei seiner Ankunft im Hotel angegeben hatte, nicht genau zu wissen, wie viele Nächte er dort bleiben würde, war sein Zimmer ohnehin für die nächsten Tage auf seinen Namen reserviert, wie die Rezeptionistin ihm mitteilte.
Michael ging wieder auf sein Zimmer und ließ sich auf das Bett fallen.
›Es tut mir sehr leid für ihre Schwester, das mit dem Unfall. Mir kommt dieser Umstand jedoch gelegen, denn so brauche ich den Termin bei ihr nicht wahrnehmen oder ihn unter irgendeinem Vorwand absagen. Mein Kopf schmerzt immer noch. Das Kiffen und Trinken gestern war keine gute Idee.‹
Er schloss die Augen und fiel in einen leichten Schlaf, der vom Klingeln seines Telefons beendet wurde.
Seine Mutter rief ihn an und wollte wissen, wie es ihm auf Korsika gefiel. Er teilte ihr in kurzen Worten mit, dass es ihm gut ginge und er gerne weiterschlafen würde, was sie akzeptierte, ohne nach dem Grund seiner Müdigkeit zu fragen. Er legte auf und schlief weiter.
Zur Mittagszeit erwachte er und dachte kurz daran, Claires Restaurant zu besuchen, doch da er fürchtete, die Übelkeit würde zurückkommen, ging er nicht dorthin. Er schaltete seinen Laptop an um nachzusehen, ob er E-Mails erhalten hatte. Christina hatte ihm eines geschickt.
‘Lieber Michael, mit Freude habe ich gelesen, dass du so sehr gewillt bist, an dir zu arbeiten, dass du deinen Laptop nicht mehr jeden Tag einschalten wirst, um nicht abgelenkt zu werden. Ich akzeptiere das natürlich und vermisse dich. Deine Christina.’
Michael rauchte eine Zigarette und las das Mail ein zweites Mal.
›Kurz und bündig‹, dachte er. ›Es ist phantastisch, dass sie das akzeptiert. Aber ein bisschen mehr hätte sie doch schreiben können. Zum Beispiel, ob sie sich wieder mit ihrer Freundin getroffen hat. Oder was sich bei ihr in der Arbeit tut. Oder was sie- Nein. Halt. Ich wollte ja, dass es so läuft. Also was rege ich mich jetzt auf? Ist das mein verletzter Stolz, weil sie nicht mehr geschrieben hat? Nein, Schluss damit. Ich werde ihr Ende der Woche schreiben, wenn ich was Wichtiges zu berichten habe.‹
Er schaltete den Laptop aus und beschloss, doch in Claires Restaurant zu gehen. ›Dann esse ich eben etwas, wovon mir sicher nicht schlecht wird.‹

»Lass dir die Miesmuscheln schmecken, Michael«, sagte Claire. »Ich könnte so was nicht essen, wenn es mir so schlecht gegangen ist wie dir gestern.«
»Vielen Dank, dass du mich daran erinnerst, Claire.«
»Solltest du dir nicht gerade ein paar Immobilien zeigen lassen?«
»Die Maklerin hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus.«
»Heißt das, dass du Julies Angebot annehmen wirst?«
»Warum nicht? Du kennst das Häuschen doch. Wie sieht es aus?«
»Es ist klein, aber hübsch. Und es ist abgelegen, also hast du ganz sicher deine Ruhe.«
»Wie weit ist es denn von der Stadt entfernt?«
»Zu Fuß ungefähr drei Stunden.«
»Das ist perfekt. Weit genug weg und doch nicht aus der Welt.«
»Soll ich Julie anrufen und ihr sagen, dass du dort einziehen möchtest?«
»Ja, bitte ruf sie an. Die Einzelheiten könnten wir am Abend besprechen.«
»Lass mich raten: in ihrer Bar.«
Michael lachte. »Warum nicht? Du kommst doch mit, oder?«
Claire grinste. »Ja, klar. Soll ich Catherine auch anrufen? Soll sie wieder Gras mitbringen?«
»Ich freue mich, wenn sie mitkommt. Aber vom Gras habe ich erst mal genug.«
»Das kann ich mir denken. Und vom Pastis wohl auch.«
»Ja, davon auch.«
»Was wirst du am Nachmittag machen?«
»Ich weiß es noch nicht. Vielleicht mit dem Schreiben beginnen.«
»Du hast unsere Abmachung also nicht vergessen?«
»Nein, natürlich nicht. Sie ist mir ein Ansporn, mal wieder was zu schreiben.«
»Was schwebt dir vor?«
»Vielleicht die Story ‘Der Tag, an dem mich eine Krabbe beinahe umbrachte’.«
Claire lachte laut. »Warum nicht?«
»Nein, im Ernst. Ich werde mir heute irgendwas ansehen. Gibt es hier ein Museum oder eine Galerie für moderne Kunst?«
Claire nannte ihm die Namen und Adressen zweier Galerien.
»Danke. Vielleicht entdecke ich dort Bilder, die mir gefallen.«
»Wenn nicht, kannst du ja am Abend das Bild hinter der Bar betrachten.«
»Das kenne ich bereits. Oder hast du vor, es auszutauschen?«
Claire überlegte. »Nein, austauschen werde ich es nicht. Aber ich werde ein anderes Bild von oben holen und in den Raum hinter der Bar stellen. Dort kannst du es dir am Abend ansehen.«
»Das würdest du tun?«
»Das werde ich tun.«
»Vielen Dank.«
Nachdem Michael bezahlt hatte, verließ er das Restaurant.

Er betrat die erste der beiden Galerien, die auf moderne Kunst spezialisiert waren. Darin hingen einige großformatige Bilder, die Motive aus dem Alltag eines Malers zeigten und fotorealistisch gemalt waren. Michael betrachtete diese Kunstwerke, doch sagten sie ihm nicht zu, denn er war kein Freund des Fotorealismus, vor allem dann nicht, wenn Alltagsszenen in dieser Maltechnik dargestellt waren, die einen tieferen Sinn offensichtlich vermissen ließen.
In der zweiten Galerie waren mittelgroße Gemälde ausgestellt. Die Mehrzahl von diesen zeigte Tiere, die auf Korsika vorkamen, wie Wildschweine, Blaumeisen und Schafe. Die Tiere waren, so fand er, in durchaus ansprechender Weise dargestellt, dennoch fragte er sich, worin der Sinn im Malen solcher Tiere lag. Obwohl er sich vorgenommen hatte, jedes einzelne Bild in dieser Galerie zu betrachten, konnte er bereits beim vierten Werk das Gähnen nicht unterdrücken und verließ die Galerie.

›Was solls? Bevor ich jetzt in ein Museum gehe und wieder vor Bildern stehe, die  mir nicht gefallen, gehe ich besser ins Hotel zurück. Ich werde Christinas Mail beantworten. Ich habe ihr schließlich versichert, dass ich den Mail-Account heute auf jeden Fall öffnen werde. Das bedeutet, dass sie davon ausgehen wird, dass ich ihr Mail lese. Vielleicht ist ihr E-Mail-Provider sogar einer von diesen, die anzeigen ob ein Mail, das man geschickt hat, vom Empfänger gelesen wurde. Dann wäre es nicht nur unfair und selbstsüchtig, sondern obendrein auch noch unehrlich, sowohl Christina als auch mir selbst gegenüber, so zu tun, als hätte ich gar kein Mail erhalten. Nein, ich muss ihr antworten. Und wenn ich danach wirklich meine Ruhe haben möchte, darf ich den Laptop bis zum Ende der Woche eben nicht einschalten. Oder wenigstens das Mailprogramm nicht öffnen.‹

‘Liebe Christina. Danke für dein Verständnis. Glaube mir, ich würde dir allzu gern jeden Tag ein Mail schicken, in dem ich dir erzähle, was ich erlebt habe, aber so ist es wirklich besser. Bis Freitag also, dann schalte ich den Laptop wieder ein. Ich denke oft an dich und liebe dich. Michael.’
Michael klickte auf ‘Senden’ und erschrak.
Er öffnete den Ordner, in dem sich die von ihm gesendeten Mails befanden, und las das eben abgeschickte.
Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, also rauchte er eine Zigarette. Nach der vierten Zigarette fiel ihm das Denken aufgrund der beruhigenden Wirkung des Nikotins leichter.
›Um Himmels willen, was habe ich getan? Ich habe geschrieben, dass ich sie liebe, dabei wollte ich schreiben, dass ich sie vermisse.‹ Er fühlte, wie Kälte und Hitze abwechselnd in ihm hochstiegen. Jedes Mal, wenn die Hitze kam, hatte er das Gefühl, dass ihm ein faustgroßer Knödel im Hals steckte und ihn am Atemholen hinderte. ›Was kann ich jetzt tun? Eigentlich gar nichts. Das Mail ist abgeschickt, und ich habe keine Möglichkeit zu verhindern, dass es ankommt. Ein zweites Mail zu schreiben, in dem ich ihr erkläre, dass anstelle von ‘liebe’ ‘vermisse’ hätte stehen sollen, wäre einerseits eine Frechheit und andererseits auch nicht ganz ehrlich. Denn tief in meinem Herzen weiß ich, dass ich sie- Nein. Schluss damit. Du musst dich auf das konzentrieren, weswegen du nach Korsika gekommen bist, Michael. Das einzige, was ich tun kann, ist ihre Reaktion abzuwarten. Und bis dahin nicht mehr an diesen Streich denken, dem mir mein Unterbewusstsein soeben gespielt hat.‹
Keine fünf Minuten später erfolgte Christinas Reaktion. Sein Telefon klingelte und er sah ihren Namen auf dem Display aufleuchten.
›Es hilft ja nichts. Wenn ich ihren Anruf nicht annehme, weiß sie, das irgendwas nicht stimmt.‹
Michael seufzte und nahm den Anruf entgegen.
»Hallo, Christina. Wie geht es dir?«
Christinas Stimme klang erregt. »Ist das dein Ernst?«
›Was soll ich sagen?‹, fragte er sich. ›Soll ich sie fragen, ob sie wissen will, ob meine Frage ernst gemeint war? Aber das würde offensichtliches um den heißen Brei reden sein.‹
»Ja, irgendwie schon.«
»Irgendwie?« Ihre Stimme klang jetzt verständnislos.
»In dem Augenblick, in dem ich es geschrieben habe, war es mein Ernst.«
»Und davor? Und jetzt?«
»Was soll ich dir sagen, Christina?«
»Die Wahrheit, Michael.«
»Und wenn ich nicht weiß, wie die Wahrheit diesbezüglich lautet?«
»Sag, willst du mich verarschen?«, fragte sie aufgebracht.
»Nein, will ich nicht. Ehrlich.«
»Liebst du mich auch, oder nicht?«
›Was meint sie mit ‘auch’? Schluss mit diesem bemühten Herumreiten auf irgendwelchen Worten. Sie liebt mich, und aus.‹
»Wahrscheinlich liebe ich dich, Christina.«
»Wahrscheinlich?«
»Ja. Ich weiß es nicht genau. Das ist der andere Grund, weshalb ich auf Korsika bin.«
»Was ist das für ein Grund?« Sie klang gefasst, doch Michael fühlte, dass sie den Tränen nahe war.
»Christina, leg auf. Ich rufe dich an. So ist es günstiger für dich.«
»Okay.« Sie legte auf und er rief sie an. »Also, der Grund.«
»Ich habe es dir nicht erzählt, aber ich trage zwei Rucksäcke auf meinem Rücken. Oder besser: in meiner Seele.«
Sie seufzte. »Welche?«
»Zwei Frauen, mit welchen ich noch nicht abschließen konnte.«
Nun weinte sie. »Und?«
»Das Abschließen mit diesen beiden Frauen ist, zum einen der zweite Grund, aus dem ich hier bin, und zum anderen die Grundbedingung, dass ich eine neue Beziehung eingehen kann.«
»Wer sind diese Frauen?«
»Die eine ist meine Ex-Frau, und über die andere möchte ich nicht sprechen. Noch nicht.«
»Also bist du auch nach Korsika gegangen, um diese Rucksäcke abzuwerfen. Um frei für eine neue Beziehung zu werden«, stellte sie mit milder Stimme fest, und Michael erkannte an ihrem Tonfall, dass sie zu lächeln versuchte.
»Ja. Tut mir leid, dass ich dir das verschwiegen habe.«
»Okay. Nun ist es heraus. Und ich kann verstehen, dass du abschließen musst. Dass du mir das verschwiegen hast, verstehe ich zwar nicht, aber gut. Michael?«
»Ja, Christina.«
»Überleg dir jetzt gut, was du mir antwortest. Gibt es sonst noch was, das du mir verschwiegen hast?«
»Ja. Wenn ich mir im Fernsehen ein Fußballspiel anschaue und aufgeregt bin, habe dich den Hang, in der Nase zu bohren.«
Sie lachte. »Lass den Blödsinn.« Ihre Stimme wurde wieder ernst. »Also?«
»Nein, Christina. Ich habe dir sonst nichts verschwiegen.«
»Gut. Ich glaube dir. Also, wie machen wir weiter? Oder wie machst du weiter?«
»Ich werde diesen Ballast abwerfen und bin dann innerlich ein freier Mann, wenn ich wieder nach Wien komme.«
»Dann lassen wir das so stehen. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich sogar zu dem Schluss, dass es lieb von dir war, mir deine Rucksäcke zu verschweigen.«
»Es war jedenfalls nicht böse gemeint.«
Ihre Stimme klang erheitert. »Also, wirst du deinen Laptop diesen Freitag einschalten?«
»Das werde ich, versprochen.«
»Ich liebe dich, Michael.«
Michael seufzte. Er fühlte Tränen in sich hochsteigen und räusperte sich zweimal, sagte jedoch nichts.
»Ich weiß, Michael. Lass uns in Wien darüber reden. Gehst du heute wieder mit deiner lesbischen Freundin was trinken?«
»Ja. Eine Freundin von ihr wird mir das Haus ihrer Großeltern vermieten. Es ist zu Fuß drei Stunden von der Stadt entfernt und soll absolut ruhig sein.«
Christina sagte erfreut: »Michael, das ist super. Ich freue mich für dich.«
»Danke. Vielleicht wohne ich ja schon morgen dort.«
»Ich wünsche es dir.«
»Also dann, Christina, mach es gut. Ich vermisse dich.«
»Du auch. Und ich dich auch. Und was noch, weißt du ja.«
»Machs gut.«
»Du auch.«
Michael saß einige Minuten auf dem Boden seines Hotelzimmers und weinte. Er fühlte sich schlecht, weil er Christina die Rucksäcke verschwiegen hatte. ›Aber ich konnte ihr nichts von diesen erzählen. Ich weiß nicht warum, aber ich konnte es einfach nicht. Na ja, nun ist es heraus und ich habe keine Geheimnisse mehr vor ihr.‹
Er rauchte eine Zigarette, danach legte er sich auf das Bett und dachte an das ihm bevorstehende Abschließen mit den zwei Frauen. Er fragte sich, wie lange es wohl dauern und wie schwer es werden würde, da fühlte er, wie sich das Unwohlsein seiner bemächtigte.
Er versuchte es abzuwehren, doch brachte er das nicht fertig. Die Aussicht, sich selbst alleine gegenübertreten zu müssen, ohne mit einer vertrauten Person sprechen und ihr sein Herz ausschütten zu können, erschien ihm als derart grässlich, dass er abermals zu weinen begann. ›Wie soll ich diesen Weg bloß gehen, ohne mit jemandem reden zu können? Wie werde ich ruhig schlafen können, wenn mich am Abend niemand aus den Gedanken reißt, mit welchen ich mich während des Tages beschäftigen werde? Hätte ich doch wenigstens einen Hund. Oder irgendein Tier. Vielleicht läuft mir in der Wildnis ein Frischling zu, der mir Gesellschaft leistet.‹ Beim letzten Gedanken begann er zu lachen. Dies befreite ihn, sodass er das Unwohlsein schließlich zur Seite schieben konnte.
Michael schaltete den Laptop wieder ein und rief die Seiten im Internet auf, die ihm gerade in den Sinn kamen. Er informierte sich über geplante Ausstellungen Wiener Museen, neue Uhrenmodelle und über Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.
Um einundzwanzig Uhr ging er zum Hafen und sah sich die dort liegenden Boote ein zweites Mal an. Noch immer konnte er die Sinnhaftigkeit einer derartigen Anschaffung nicht begreifen, wenngleich er feststellte, dass sich in  den Salons, besonders in jenen der größeren Yachten, sehr schöne Frauen ihres Lebens erfreuten.

Um einundzwanzig Uhr dreißig betrat er Claires Restaurant. Auf dem Tisch neben der Bar lag ein handgeschriebener Zettel, auf dem ‘Reserviert für Michael aus Wien’ stand. Michael nahm den Zettel an sich, faltete ihn und steckte ihn in seine Jackentasche, um ihn als Erinnerung mit nach Wien zu nehmen.
»Hallo, Michael«, rief ihm Claire, die hinter der Bar stand, zu.
»Hallo, Claire. Wie geht es dir?«
»Gut, danke. Und dir?«
»Ich bin hungrig wie ein Wolf. Aber ansonsten gut, danke.«
»Catherine kommt in einer halben Stunde vorbei. Sie freut sich sicherlich, wenn ihr gemeinsam zu Abend esst. Falls du so lange warten möchtest.«
»Ich warte gerne auf sie.«
»Was hast du heute gemacht? Verzeih mir bitte meine Unaufmerksamkeit. Möchtest du ein Glas Bier oder einen Orangensaft?«
»Ein Glas Bier, bitte.«
Sie brachte ihm eines. »Aber heute darfst du nicht so früh aufgaben«, sagte sie grinsend.
»Keine Sorge.«
»Also, was hast du heute gemacht?«
»Ich war in den beiden Galerien, die du mir empfohlen hast.«
»Haben dir die Bilder dort gefallen?«
»Sie waren ganz gut.«
»Das ist eine sehr diplomatische Antwort.«
»Sie waren zweifellos gut. Sie haben mir eben nicht gefallen.«
»Kunst ist immer auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.«
»Das stimmt, Claire.«
»Trotzdem finde ich es gut, dass du die Qualität von Bildern erkennst und auch benennst, selbst wenn sie dir nicht gefallen.«
»Das ist bloß fair dem Künstler gegenüber.«
»Da hast du recht.«
»Apropos Bilder: hast du eines von deinen in den Raum hinter der Bar gestellt?«
»Ja, habe ich. Ich bin gespannt, was du dazu sagst.«
»Wann kann ich es mir ansehen?«
»Wann immer du möchtest. Ich schlage jedoch vor, dass du damit auf Catherine wartest.«
»Weshalb?«
»Weil sie ein Gedicht darüber geschrieben hat.«
»Dann warte ich natürlich.«
»Entschuldige bitte, ich muss Wein aus dem Keller holen.«
Sie verließ die Bar und Michael betrachtete die Gäste im Raum. Die meisten waren über fünfzig Jahre alt und einigermaßen begütert, wie er am Schmuck der Frauen erkennen konnte. ›Geld zu haben ist ja schön. Aber wenn ich mir die Damen so ansehe, muss ich sagen, dass nicht jeder Schönheitschirurg sein Geld auch wert ist.‹
Claire schlichtete die Flaschen aus dem Keller in die dafür vorgesehenen Laden, dann richtete sie sich wieder auf und winkte Catherine zu, die soeben das Lokal betreten hatte.
Catherine setzte sich an Michaels Tisch und begrüßte ihn grinsend. »Guten Abend, Herr Kollege. Wie geht es dir heute, nachdem dein gestriger Abend ja früh geendet hat?«
»Gut, danke, Frau Kollegin. Und wie geht es dir?«
»Schlecht, ich bin hungrig.«
»Ich habe mit dem Essen auf dich gewartet.«
»Das ist nett. Weißt du schon, was du essen wirst?«
»Ich werde die Goldbrasse nehmen. Und du?«
»Die Miesmuscheln. Die sind hier ausgezeichnet.«
Michael lachte. »Wem sagst du das? Ich esse sie hier jeden Tag.«
»Dann weißt du, wovon ich spreche.«
»Catherine, Claire hat eines ihrer Bilder in den Raum hinter der Bar gestellt. Sie hat gesagt, dass du darüber ein Gedicht geschrieben hast.«
»Dann lass uns das Bild nach dem Essen ansehen. Und ich trage dir mein Gedicht vor. Wenn dein Französisch ausreicht, um es zu verstehen.«
»Ich fürchte, du wirst es mir übersetzen, oder wenigstens interpretieren müssen.«
Catherine lachte. »Kein Problem, weder das eine noch das andere.«
Die Kellnerin brachte ihre Speisen und sie machten sich über diese her.
»Lässt du mich von deiner Goldbrasse kosten?«
»Natürlich. Nimm dir, so viel du willst.«
»Danke. Wenn du die Muscheln probieren möchtest, greif zu.«
»Nein danke. Einmal am Tag Muscheln ist genug.«
Claire setzte sich an den Tisch. »Schmeckt euch das Essen?«
»Köstlich.«
»Wirklich sehr gut.«
»Das freut mich. Catherine, ich habe mein Bild, das von der Ex-«
»Ich weiß, Claire«, unterbrach Catherine. »Michael hat es mir schon erzählt.«
»Gut. Wenn ihr mit dem Essen fertig seid, geht nach hinten und gebt euch der Kunst hin.«

Catherine führte Michael in den kleinen Raum und schaltete das Licht ein.
Das Bild war großformatig und mit Ölfarben gemalt. Es zeigte eine nackte Frau, die mir gespreizten Beinen auf dem Boden saß und den Betrachter unverwandt anzustarren schien. Der Körper der Frau war in blauer Farbe gehalten, ihr Kopf in schwarzer. Ihre Ohren waren spitz zulaufend, wie die eines Hundes oder Wolfs, und ihre Augen schienen rot zu glühen.Ihre Nase sah aus wie die Spitze einer Schnauze und im leicht geöffneten Mund konnte Michael Reißzähne erkennen.
Er schrak zurück. Die Frau auf der Leinwand ängstigte ihn, doch faszinierte sie ihn auch, sodass er seinen Blick nicht von ihr abwenden konnte.
»Mir ging es wie dir, als ich dieses Bild zum ersten Mal gesehen habe«, sagte Catherine.
»Wunderschön und furchteinflößend zugleich.«
»Sehr beeindruckend, nicht?«
»In der Tat. Wie heißt es?«
»Claire hat dem Bild den Namen ‘Ex’ gegeben. Es stellt eine ihrer Ex-Freundinnen dar.«
»Was hat die ihr angetan?«
»Eigentlich nicht viel. Sie haben sich getrennt, doch Claire konnte nicht mit ihr abschließen.«
»So was ist immer schlimm.«
»Da hast du recht. Es hat fast ein ganzes Jahr gedauert, bis sie mit ihr abschließen konnte. Und das Gemälde hat die letzte Phase dieses Prozesses eingeläutet.«
»Wie meinst du das?«
»Sie hat dieses Bild gemalt, sie haben geredet, und kurze Zeit später war diese Frau kein Thema mehr für Claire.«
»Ich sollte auch malen«, dachte Michael laut.
»Warum? Schleppst du auch unaufgearbeitete Geschichten mit dir herum?«
»Tut das nicht jeder Mensch?«
»Vermutlich schon. Schreib doch darüber.«
»Was hast du über dieses Gemälde geschrieben?«
Catherine trug ihr Gedicht in französischer Sprache vor, doch Michael konnte es nicht verstehen.
»Es tut mir leid, aber kannst du dein Gedicht auch auf Englisch vortragen?«
»Ich versuche es.« Sie übersetzte die Verse ins Englische, doch Michael verstand noch weniger.
»Catherine, in englischer Sprache erschließt sich mir der Sinn nicht. Es tut mir leid, aber ich muss dich bitten, es zu interpretieren.«
»Es geht im Großen und Ganzen darum, dass man abschließen muss, auf welche Art und Weise auch immer. Denn sonst verwandelt sich die Person, mit der man abschließen möchte, in eine werwolfähnliche Kreatur, wie sie auf dem Bild zu sehen ist, und verschlingt einen.«
»Das verstehe ich. Vielleicht kann ich mein Französisch während meines Aufenthaltes auf Korsika so weit verbessern, dass ich dein Gedicht doch noch verstehe.«
»Das bezweifle ich.«
»Warum?«
»Mit wem willst du in der Einöde sprechen, sodass du besser werden könntest?«
»Du hast recht.«
»Gehen wir zurück an unseren Tisch?«
»Gerne. Vielen Dank für das Interpretieren und dafür, dass du mir das Bild erklärt hast.«
»Keine Ursache.«
Sie setzten sich wieder an ihren Tisch, an dem Claire auf sie wartete.
»Und, Michael, wie gefällt dir mein Bild?«
»Furchtbar schön. Und zwar beides.«
Claire lachte. »Ja, das ist es. Catherine, hast du ihm dein Gedicht vorgetragen?«
»Ich habe es versucht, aber Michael hat es nicht verstanden. Also habe ich es interpretiert.«
»Was sagst du dazu, Michael?«
»Dass ihr beide das Thema sehr gut getroffen habt.«
»Auch Michael muss was aufarbeiten«, meinte Catherine.
»Wirklich?« Claire sah ihn an. »Was denn?«
»Lasst uns ein andermal darüber reden.«
»Okay.«
»Gut, Michael, das machen wir. Ich werde dich daran erinnern.«
»Das habe ich befürchtet. Claire, bitte gib mir noch ein Glas Bier.«
Catherine grinste ihn unverhohlen an.
»Lach nicht. Wenn ich in Julies Haus wohne, ist Schluss mit dem Trinken.«
»Aber wenn wir dich dort oben besuchen, dürfen wir schon Bier mitbringen, oder?«
»Natürlich.«
Claire brachte das Glas und sagte: »Es ist nicht mehr viel los. Ich denke, wir können in zwanzig Minuten aufbrechen, wenn ihr wollt.«
»Gut. Oder möchtest du noch hierbleiben, Michael.«
»Gehen wir zu Julie. Ich muss ja mit ihr über das Haus sprechen.«
»Aber Gras bekommst du heute keines«, sagte Catherine lachend.
»Keine Angst, ich rauche heute bloß Zigaretten. Claire, darf ich noch einmal nach hinten gehen und mir dein Bild anschauen?«
»Nur zu.«
»Möchtest du mitkommen?«, fragte er Catherine.
»Nein, ich bleibe hier. Geh alleine und lass es auf dich wirken. Ich bin gespannt, ob dir was auffällt.«
»Was soll mir auffallen?«
»Geh einfach und sieh dir das Bild an.«

Michael stand ein zweites Mal vor dem Gemälde. Er betrachtete den wölfisch anmutenden Kopf der Frau und fragte sich: ›Was muss in Claire vorgegangen sein, dass sie einen Menschen, den sie mal geliebt hat, als solches Wesen darstellt? Diese Augen. Wie durchdringend sie mich anstarren. Schön und schrecklich zugleich. Und dennoch ist auf dieser Leinwand keine Aggression zu erkennen. Da ist kein blutverschmiertes Maul zu sehen, die Lippen sind weich, beinahe zärtlich gemalt, auch die Reißzähne im Mund wirken nicht bedrohlich, denn ihre Spitzen werden von der Unterlippe verdeckt. Der Körper dieser Frau ist, bis auf die Farbe der Haut, natürlich dargestellt. Claire hat ihn nicht idealisiert, sie hat ihn so gemalt, wie er wohl in natura aussieht. Mit einer rechten Brust, die ein kleines bisschen tiefer sitzt als die linke, und mit Hüften, die weibliche Formen haben. Catherine hat angedeutet, dass mir an diesem Bild etwas auffallen könnte.‹
Er ging nahe an die Leinwand heran und sah sich den Körper der Frau genau an. Erst fiel ihm nichts auf, doch als er ihren linken Arm nach versteckten Details absuchte, stutzte er. Er erkannte eine Pflanze, doch konnte er nicht bestimmen, um welche es sich handelte. Michael hob das Gemälde hoch und stellte es auf den kleinen Tisch im Raum, sodass es vom Schein der Lampe besser ausgeleuchtet wurde. Nun erkannte er die Pflanze. Es war die Lilie, die Claire sich auf den Arm hatte tätowieren lassen. ›Das also ist es, was mir auffallen sollte. Claire hat ihre Lilie ihrer Ex-Freundin auf die selbe Stelle gemalt, an der sie diese Blume trägt. Warum hat sie das gemacht? Soll das ein Symbol des Schmerzes sein, den diese Frau ihr zugefügt hat? Hat es was mit Liebe zu tun? Oder mit dem Tod? Claire hat immerhin gesagt, dass ihre Lilie sowohl für Leben als auch für Tod steht. Nein, es macht keinen Sinn, darüber nachzudenken, was das bedeuten könnte. Wozu auch nachdenken? In wenigen Minuten gehe ich mit Claire und Catherine in Julies Bar und werde die Gelegenheit haben, Claire nach der Bedeutung der Lilie zu fragen.‹
Michael verließ den Raum und setzte sich wieder an den Tisch.
Catherine sah ihn neugierig an und fragte: »Ist dir etwas aufgefallen?«
»Ja«, antwortete er und sah Claire an. »Ich habe nicht gewusst, dass es die Lilie auf deinem Arm in zweifacher Ausführung gibt.«
Catherine applaudierte ihm leise. »Sehr gut, Michael. Du hast ein gutes Auge.«
»Danke.«
»Ja, es gibt diese Lilie zweimal. Dadurch, dass ich sie der Frau auf den Arm gemalt habe, habe ich einen direkten Bezug zu meiner Person hergestellt. Aber darüber«, sie erhob sich, »können wir bei Julie weitersprechen.«
Catherine und Michael standen ebenfalls auf und zogen ihre Jacken an.

Sie gingen mit schnellen Schritten zu Julies Bar, denn es war kalt und hatte zu regnen begonnen.
Sie setzten sich an den selben Tisch wie am Abend zuvor.
»Wie geht es dir, Michael? Ausgeschlafen?«, begrüßte Julie ihn.
Die drei Frauen lachten und Michael antwortete: »Es geht mir gut, danke. Und ja, ich bin fit.«
»Wie war es bei der Maklerin?«
»Die hatte einen Unfall, somit ist der Termin ins Wasser gefallen.«
»Das bedeutet, dass er in deinem Haus wohnen möchte«, sagte Catherine.
»Stimmt. Wenn es noch frei ist.«
»Natürlich ist es noch frei. Aber möchtest du es dir nicht erst ansehen, bevor du dort einziehst?«
»Hat es ein Dach, eine Haustüre, fließend Wasser und eine Toilette?«
»Klar. Sogar einen Kühlschrank in der Küche.«
»Dann nehme ich es.«
»Es wird dir gefallen, Michael«, sagte Claire. »Es ist wirklich nett.«
»Was verlangst du dafür, Julie?«, fragte Catherine. »Überlässt du es Michael zu einem Freundschaftspreis?«
Julie lachte. »Ich bin froh, wenn du dort eine Weile wohnst, Michael. Ein Haus muss nämlich bewohnt werden, sonst verfällt es. Also verlange ich natürlich nichts.«
»Nein, so geht das nicht«, meinte Michael. »Irgendwas musst du doch davon haben, dass ich in deinem Haus wohne.«
»Und wenn ich nichts will?«
»Dann komme ich in deine Bar, bevor ich wieder nach Wien fliege, und drücke dir einen Umschlag in die Hand.«
Julie sagte nichts darauf, doch Catherine meinte: »Ja, Michael, mach das. Das ist eine gute Idee. Julie möchte hier ohnehin ein paar Dinge verändern, oder?«
Julie nickte erst stumm, dann sagte sie: »Okay, machen wir es so. Du zahlst nichts für das Wohnen in meinem Haus, denn das möchte ich nicht. Dafür hilfst du mir mit einer Spende beim Renovieren meiner Bar.«
»Abgemacht.«
»Sehr gut«, meinte Claire. »Und jetzt stoßen wir an. Ich hätte gerne einen Gin Tonic. Und die beiden hier«, sie zeigte auf Catherine und Michael, »werden Bier trinken, wie ich annehme.«
Die beiden bestätigten diese Annahme. Julie, die Pastis trank, brachte die Getränke und sie stießen an.
»Wie komme ich eigentlich dorthin?«
»Zum Haus?«, fragte Julie. »Du hast kein Auto, oder?«
»Nein.«
»Mit mir. Ich fahre ihn zu deinem Haus«, bot Catherine an.
»Das ist eine gute Idee«, meinte Claire. »Und ich fahre mit.«
»Ich fahre natürlich auch mit. Ich war schon lange nicht mehr dort«, sagte Julie.
»Wenn das so ist, fahre ich auch mit«, meinte Michael und alle lachten. »Wann kann ich einziehen?«
»Schon morgen, wenn du möchtest. Und falls Catherine Zeit hat.«
»Die habe ich.«
»Gut, dann wohne ich ab morgen in deinem Haus, Julie.«
»Du musst aber Lebensmittel einkaufen, Michael. Soweit ich weiß, gibt es dort bloß noch alte Nudeln.«
»Das ist mir klar. Hast du auch eine Waschmaschine dort?«
»Ja. Das Haus ist eingerichtet. Alles, was du kaufen musst, sind Lebensmittel.«
»Kann ich die morgen Vormittag zu dir bringen und in dein Auto einladen, Catherine?«
»Natürlich. Hier«, sie schrieb ihren Vornamen und einige Ziffern auf einen Zettel und reichte ihm diesen, »hast du meine Nummer. Ruf einfach zehn Minuten vorher an. Bevor du bei mir auf der Matte stehst, meine ich.«
Michael nahm den Zettel und las, was sie geschrieben hatte. »Du hast eine sehr schöne Schrift.«
»Vielen Dank. Die brauche ich auch. Ich schreibe nämlich alle Texte mit der Hand, und wenn ich unleserlich schreibe, habe ich beim Abtippen große Schwierigkeiten.«
Michael lachte laut.
»Was ist so witzig daran?«
»Gar nichts. Ich lache, weil es mir genau so geht. Ich schreibe alle Texte in Großbuchstaben, damit ich sie problemlos abtippen kann.«
»Da haben sich zwei gefunden«, sagte Claire zu Julie.
»So scheint es. Vielleicht schreiben die zwei gemeinsam ein Buch?«
Catherine und Michael schwiegen.
Als Claire dieses Schweigen zu lange dauerte, sagte sie: »Gedichte können sie beide schreiben. Also vielleicht einen Roman?«
»Ach, Claire«, seufzte Catherine.
»Claire«, wechselte Michael das Thema, »erzählst du mir, was es mit der Lilie auf deinem Gemälde ‘Ex’ auf sich hat?«
»Kein Problem. Ich hatte noch nicht mit dieser Frau abgeschlossen, als ich sie gemalt habe. Und meine Lilie auf ihrem Arm bedeutet nichts anderes, als dass ein Teil von mir, der unverwechselbar ist, in dem Werk verewigt ist.«
»Wozu?«
»Mit der Lilie auf dem Bild habe ich einen Bezug zu mir selbst hergestellt. Kennst du das nicht? Jemand, der dir das Abschließen nicht erlaubt, fügt dir durch das Verweigern eines klärenden Gesprächs, bei mir war es jedenfalls so, so große Schmerzen zu, dass du diese bloß auf diese eine Art und Weise ausdrücken kannst.«
»Auf welche?«, fragte Julie.
»Indem du dieser Person ein Denkmal setzt, in welchem auch du selbst zu erkennen bist. Es ist also ein Hilferuf. ‘Bitte rede mit mir, damit ich mit dir abschließen kann!’ Kennt ihr das nicht auch vom Schreiben?«
»Ich kannte das. Aber ich handhabe es nicht mehr auf diese Art.«
»Ich kenne das nur zu gut«, sagte Michael leise.
»Hat dir deine Ex-Freundin dann dieses Gespräch gewährt?«, fragte Julie.
»Ja. Letzten Endes hat sie erkannt, wie sehr ich gelitten habe und wir haben uns getroffen. Danach war ich endlich in der Lage, mit ihr abzuschließen.«
»Gott sei Dank hat sie sich mit dir getroffen«, sagte Catherine. »Ich habe mir damals große Sorgen um dich gemacht.«
»Es wäre ja auch wirklich oberflächlich gewesen, wenn sie deinen Wunsch einfach ignoriert hätte«, stellte Julie fest.
»Das stimmt«, pflichtete Catherine ihr bei. »Ein Mensch, dessen Herz wenigstens ein bisschen gut ist, verweigert sich einem solchen Gespräch einfach nicht.«
»Das stimmt. Letzten Endes hat sie eingewilligt. Also muss ich nicht mit dem Wissen weiterleben, eine Frau geliebt zu haben, die meiner Liebe nicht wert war«, sagte Claire.
»Es ist gut, dass du dieses Bild gemalt hast, Claire«, sagte Catherine. »Ich wünschte, ich könnte solche persönlichen Angelegenheiten auf ebenso zielführende Weise verarbeiten, wie du es mit deinen Bildern tust. Aber so weit bin ich noch nicht. Und werde es vielleicht auch nie sein.«
»Gib dir Zeit, Catherine«, meinte Julie. »Vielleicht gelingt es dir eines Tages.«
»Das hoffe ich.«
»Wie löst du solche Probleme, Michael? Schreibst du über sie?«
Michael, der dem Gespräch über dieses Thema schweigend beigewohnt hatte, sagte mit tonloser Stimme: »Es tut mir leid, aber ich muss kurz nach draußen gehen und eine Zigarette rauchen.«
»Rauch sie hier«, sagte Catherine. »Wir sind die einzigen Gäste und bei diesem Wetter kommt bestimmt kein Kontrollor. Und Julie hat bestimmt nichts dagegen, oder Julie?«
»Nein, rauch nur. Ich bringe dir einen Aschenbecher.« Sie machte Anstalten, sich zu erheben, doch Michael legte seine Hand auf ihren Unterarm und sagte: »Lass nur, Julie. Ich gehe nach draußen.« Er stand auf, nahm eine Packung Zigaretten aus seiner Jackentasche und verließ das Lokal.
Draußen atmete Michael ein paarmal tief durch und zündete sich eine Zigarette an. Er setzte sich auf eine kleine Mauer vor dem Lokal und inhalierte tief, während Tränen seine Wangen hinabliefen.
Er hörte, wie die Eingangstüre der Bar geöffnet und wieder geschlossen wurde, kurz darauf fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und hörte Catherines Stimme.
»Ist alles in Ordnung?«
Michael wischte die Tränen mit einer raschen Handbewegung aus seinem Gesicht, sah Catherine aus verweinten Augen an und sagte: »Ja, es ist alles gut. Die Tränen sind wohl wegen der kalten Luft gekommen.«
Sie sah ihn an und ihr Blick ließ ihn erkennen, dass sie seinen Worten keinen Glauben schenkte. »Nein, es ist nicht alles gut.«
»Catherine, geh wieder rein. Ich rauche fertig und komme dann nach.«
Sie setzte sich neben ihn auf die Mauer. »Gib mir eine Zigarette, bitte.«
Er gab ihr eine.
»Danke.«
»Es ist das Thema, über das ihr gerade gesprochen habt.«
»Das habe ich mir gedacht.«
»Es ist so, dass-« Die Stimme versagte ihm. Er unternahm einen zweiten Versuch. »Dieses Thema, das Abschließen, oder eben das nicht Ab-« Er sprach nicht weiter.
»Wenn du reden möchtest, sag es mir.«
»Danke.«
»Nicht danke. Sag es einfach. Meine Nummer hast du ja.«
»Danke, Catherine. Du solltest wieder reingehen, sonst erkältest du dich.«
»Ja, du hast recht.«
»Ich komme in zwei Minuten nach.«
Catherine ging wieder in die Bar, und Michael blieb noch kurze Zeit auf der Mauer sitzen.
Als er das Lokal betrat, hielten die drei Frauen in ihrem Gespräch inne und sahen ihn an.
»Geht es dir gut?«, fragte Claire.
»Ja, danke, es geht mir gut. Ich musste bloß einen Augenblick alleine sein.«
»Was war los?«
»Hast du geweint?«, fragte Julie.
»Ja, das habe ich.«
»Warum?«
»Sei nicht so indiskret«, ermahnte Claire sie.
»Kein Problem«, sagte Michael. »Das, worüber ihr gesprochen habt, das mit dem Abschließen- Es ist so, dass ich heute mit einer Freundin telefoniert habe.«
»Mit Christina, von der du mir erzählt hast?«, fragte Claire.
»Ja, mit ihr. Und ich habe ihr, nachdem ich mich in einem Mail, wie soll ich es sagen, schriftlich verplappert habe, vom zweiten Grund erzählt, aus dem ich hier auf Korsika bin.«
»Welcher Grund ist das?«, fragte Julie.
»Dass ich mit zwei Menschen abschließen möchte. Nein, dass ich das muss.«
»Wer sind diese Frauen? Du sprichst doch von Frauen, oder?«
»Ja. Die eine ist meine Ex-Frau, und über die andere spreche ich nicht. Wenigstens noch nicht.«
»Ich verstehe, dass dich dieses Thema aufgewühlt hat«, meinte Claire.
»Es war sehr unsensibel von uns, über so was zu reden«, sagte Julie.
»Nein, überhaupt nicht«, sagte Michael schnell. »Ich konntet doch nichts von den zwei Rucksäcken wissen, die ich mit mir herumschleppe.«
Catherine stellte fest: »Rucksäcke. Das ist eine interessante Formulierung.«
»Warum interessant?«, fragte er.
»Weil Rucksäcke«, führte sie aus, »die man lange Zeit auf dem Rücken trägt, schwerer zu werden scheinen und immer schlimmer drücken. Außerdem sammelt sich unter ihnen eine Menge Schweiß an, was nicht gerade angenehm ist.«
Michael dachte nach. »Du hast recht. Ich habe den Ausdruck Rucksäcke stellvertretend für diese Frauen gebraucht, ohne vorher nachzudenken, warum ich das mache. Aber deine Interpretation trifft es auf den Punkt. Jetzt weiß ich, wie ich auf Rucksäcke gekommen bin.« Er wandte sich Julie zu. »Julie, nicht, dass du jetzt denkst, dass mit mir ein haltloser Trinker in dein Haus einzieht, aber könnte ich bitte noch ein Bier und einen Vodka haben. Das Bier für den Genuss, und den Vodka brauche ich jetzt einfach.«
Julie lachte. »Kein Thema. Ich verstehe dich«, sagte sie und brachte die Getränke.
»Zum Wohl, meine Damen«, sagte er und trank den Vodka. »Claire, bevor ich rauchen und weinen gegangen bin, hast du mich gefragt, ob ich über solche Sachen schreibe. Apropos rauchen: danke für den Aschenbecher, Julie.«
»Bitte.«
»Ja. Ich habe darüber geschrieben. Ich habe wirklich böse Texte über diese Frauen geschrieben, und viele weinerliche auch, die offenbart haben, wie tief mich die beiden durch ihr Verhalten verletzt haben. Ich habe sie auf teils sehr brutale Art und Weise umkommen lassen, und habe sie sogar Selbstmord begehen lassen, was zumindest eine von ihnen niemals machen würde. Und das alles, damit ich abschließen kann.«
»Aber das konntest du nicht.«
Michael senkte seinen Kopf und sagte resigniert: »Nein, das konnte ich nicht. Die Texte waren eben meine einzige Möglichkeit, vielleicht abschließen zu können. Aber letzten Endes haben meine Texte versagt.«
»Das wundert mich nicht«, meinte Catherine.
»Warum?«
»Wenn du solche Texte über diese beiden Frauen schreibst, bist du zwangsläufig so eingenommen, sowohl von deiner Verzweiflung als auch von den bösen Dingen, die du ihnen in diesen Texten antust oder nahelegst, dass es dir noch schlechter geht. Ich habe es auch auf diese Art und Weise versucht. Aber bloß ein einziges Mal. Dann habe ich es schnell wieder bleiben lassen.«
»Auch ich habe dann aufgegeben, auf diese Weise abschließen zu wollen. Weil es so einfach nicht funktioniert.«
»Es ist gut, dass du damit aufgehört hast, Michael«, sagte Catherine und lächelte.
»Hast du denn nie etwas Positives über diese Frauen geschrieben?«, fragte Julie.
»Über seine Ex-Frau wohl kaum«, meinte Claire.
Michael lachte. »Es gab auch viele schöne Jahre mit ihr. Über die andere Frau habe ich etwas Positives geschrieben. Sogar einen langen Text, den längsten, den ich bislang geschrieben habe.
»Was für ein Text war das?«
»Ich habe ihr darin ein Denkmal gesetzt.«
»Und?«
»Nichts und. Sie hat wohl nicht verstanden, dass ich das gemacht habe, ihr ein Denkmal setzen.«
»Hast du ihr den Text denn gezeigt?«
»Ja, habe ich.«
»Und was hat sie dazu gesagt?«
»Eigentlich gar nichts. Wie gesagt, sie hat ihn wohl nicht verstanden.«
»Tragisch.«
»Du hast recht, Julie. Wirklich tragisch.«
»Trinken wir noch etwas?«, fragte Claire in die Runde.
»Ich nicht«, sagte Catherine. »Ich muss morgen autofahren.«
»Ich bin auch schon müde«, sagte julie und gähnte.
»Gut, Julie. Was bin ich dir schuldig?«
»Bezahlst du für alle?«
»Ja.«
Julie rechnete und Michael bezahlte.
»Ich begleite dich zu deinem Hotel, Michael.«
»Aber du wohnst doch in der anderen Richtung, Catherine.«
»Das macht nichts.«
»Wie ich gesagt habe: da haben sich zwei gefunden«, sagte Claire und lachte.
Catherine und Michael verabschiedeten sich von Claire und Julie und gingen in die Richtung des Hotels.

»Mein Angebot, dass du mit mir reden kannst, war ernst gemeint«, sagte sie.
»Ich weiß, vielen Dank. Aber ich fürchte, diese Rucksäcke muss ich alleine abwerfen.«
»Liebst du diese Frau, Christina, in Wien?«
»Ich weiß es nicht, ehrlich. Ich kann über so was wie Liebe erst nachdenken, wenn ich mit den beiden Rucksäcken abgeschlossen habe.«
»Ich kenne das. Es ist schlimm, aber da kann einem niemand helfen. Wenn die betreffenden Personen sich einem Gespräch verweigern, ist man machtlos.«
»Das stimmt.«
»Warum tun sie das?«
»Keine Ahnung. Vielleicht aus Angst. Oder aus schlechtem Gewissen, weil ihnen bewusst ist, dass auch sie Fehler begangen haben. Oder aus Oberflächlichkeit. Ich weiß es nicht genau.«
»Es ist wohl immer eine Mischung aus allem.«
»Wahrscheinlich.«
Sie rauchten schweigend eine Zigarette.
»Danke, dass du mich morgen fährst, Catherine.«
»Das mache ich gerne.«
»Wirklich? Warum?«
»Weil wir Kollegen sind und wir einander helfen sollten.«
»Und wie kann ich dir helfen? Oder wobei?«
Sie lachte. »Ich lasse mir was einfallen. Da vorne ist dein Hotel.«
»Ja, dort ist es.«
»Also dann, bis morgen.«
»Bis morgen, Catherine.«

›In diesem Hotelbett liegt es sich viel besser, wenn man weiß, dass man die nächste Nacht in einem Haus auf dem Land einschlafen wird. Dort werden wohl keine hupenden Autos vorbeifahren. Catherine- Nein. Anderer Gedanke. Ich muss morgen eine Liste schreiben von Lebensmitteln, die ich kaufen muss, um wenigstens für zwei oder drei Tage versorgt zu sein. Gott sei Dank hat Catherine ihr Gras nicht hervorgeholt. Zu ein paar Zügen von einem Joint hätte ich sicherlich nicht nein gesagt. Nun gute letzte Nacht, Hotelzimmer.‹

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