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Dienstag, 11. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 20

20


Um sieben Uhr fünfundvierzig fand Michaels Schlaf ein jähes Ende, dessen Ursache sein klingelndes Telefon war. Er warf einen Blick auf das Display und sah, dass er von einer Person angerufen wurde, deren Nummer er nicht gespeichert hatte. Verstimmt dachte er: ›Wenn das nichts Wichtiges ist, dann-‹ Er ersparte sich das Weiterführen dieses Gedankens und nahm den Anruf an.
Die Immobilienmaklerin war dran und bat ihn, am späten Vormittag in ihre Kanzlei zu kommen. Auf seinen Hinweis, dass er bereits eine Bleibe gefunden hatte, ging sie nicht ein, vielmehr erzählte sie von ihrem Unfall und von einer leichten Prellung ihres linken Unterarms. Dann nannte sie ihm zweimal die Adresse, an der sich einfinden sollte, vergewisserte sich, dass er diese verstanden hatte, und legte auf.
Michael setzte sich im Bett auf und fragte sich, was er davon halten sollte. Einerseits war er wütend, denn als Mensch, der, einmal geweckt, nur schwer wieder einschlafen konnte, empfand er es geradezu als Attacke auf seinen Schlaf, wenn er aufgrund obsoleter Angelegenheiten aus ebendiesem gerissen wurde. Andererseits konnte er der Chuzpe dieser Maklerin eine durchaus komische Seite abgewinnen.
›Na toll. Es ist nicht einmal acht Uhr und ich bin munter. Was bildet diese Maklerin sich eigentlich ein? Ruft mich in aller Frühe an und vergattert mich zu einem Termin. Und lässt meinen Einwand, dass ich bereits eine Bleibe gefunden habe,- Moment. Warum hat sie denn so auf den Termin heute gedrängt? Na klar, sie muss erfahren haben, dass ich was gefunden habe. Aber von wem? Von ihrer Schwester natürlich. Die hat wahrscheinlich zu ihr gesagt: ‘Der Typ aus Österreich hat mir erzählt, dass er schon was gefunden hat. Sei nicht dumm. Lass dir dieses Geschäft nicht abluchsen. Beeil dich, vielleicht hat er noch nicht unterschrieben.’ Ja, so war es wahrscheinlich. Was heißt wahrscheinlich? Es war ganz bestimmt so. Und ich kann nun einmal niemandem was abschlagen. Das hat ihre Schwester sicherlich bemerkt. Rezeptionistinnen sollen ja eine gute Menschenkenntnis haben. Aber mich um diese Uhrzeit aufzuwecken ist ein Vergehen, wenn nicht was Schlimmeres. Aber warte nur, du Maklerin. Wenn es dir wirklich darum gehen sollte, mir in letzter Sekunde was aufzuschwatzen, beißt du bei mir auf Granit.‹
Michael rauchte eine Zigarette und begab sich in den Speisesaal, wo ein junger Mann gerade dabei war, das Frühstücksbuffet aufzubauen. Er war so freundlich, Michael Kaffee aus der Küche zu holen, denn die große Thermoskanne des Buffets harrte dort noch ihrer Befüllung. ›Der Kaffee hier ist zwar grässlich, doch wenigstens habe ich was Warmes im Magen, wenn ich mir die auf dieser Insel zu vergebenden Immobilien im Internet ansehe.‹
Er ging mit einer großen Tasse in der Hand auf sein Zimmer und schaltete den Laptop ein. Bald hatte er zwei Seiten gefunden, auf welchen sündhaft teure Immobilien angeboten wurden, die meisten von diesen zum Kauf, einige auch zur Miete, wobei es sich bei den mietbaren Objekten ausschließlich um Apartments handelte.
›Mal sehen, was wir hier haben. Eine Villa, riesengroß, mit sechs Schlafzimmern und vier Bädern. Das passt.‹ Michael speicherte das Prospekt ab. ›Und diese Wohnung, die ist ideal. Die Monatsmiete ist zwar höher als der Preis eines Mittelklassewagens, aber was solls. So. gespeichert. Ein drittes Objekt brauche ich noch. Das muss das Tüpfelchen auf dem i werden, mein Trumpf sozusagen. Aber das werde ich wohl kaum bei den Luxusimmobilien finden.‹ Michael brauchte nicht lange, um eine Seite mit Gewerbeimmobilien zu finden, durch deren Angebote er sich aufmerksam klickte.
›Das ist perfekt. Ein ehemaliger Waschsalon. Es stehen offensichtlich keine Waschmaschinen mehr drin, aber was solls. Ich brauche die- Was ist denn das?‹ Er wählte eines der Fotos vom Waschsalon aus und klickte auf ‘Vergrößern’. ›Ich glaube es nicht. Ist das da schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, ein Bordell? Ja. Es ist wirklich eines. Besser hätte ich es nicht treffen können.‹ Er speicherte die Beschreibung des Objekts ab, ebenso das Foto, das das Bordell zeigte, klappte seinen Laptop zu und ging hinunter zur Rezeption. ›Ich hoffe, die Schwester der Maklerin hat dienstfrei.‹
Sie hatte. Michael bat den Mann, der dort Dienst versah, ihm zu erlauben, den Drucker des Hotels zu benutzen. Bereitwillig räumte der Mann einige Utensilien auf seinem Schreibtisch zur Seite, um für Michael Platz zu schaffen. Dieser druckte die abgespeicherten Beschreibungen und das Foto aus und legte sich danach zufrieden auf dein Bett.
›Ich muss Catherine anrufen und sie fragen, ob es ihr was ausmacht, dass ich meine Lebensmittel etwas später in ihr Auto einlade.‹
Er wählte ihre Nummer.
»Ja, bitte?«
»Catherine, hier spricht Michael. Guten Morgen.«
»Guten Morgen.«
»Habe ich dich geweckt?«
»Nein, ich bin Frühaufsteherin.«
»Das ist gut. Catherine, ich habe eine Bitte.«
»Schieß los.«
»Kann ich meine Sachen etwas später zu dir bringen?«
»Klar. Was ist denn los?«
»Ich habe heute einen Termin bei der Maklerin.«
»Willst du denn nicht mehr in Julies Haus wohnen?«
»Doch, natürlich. Es ist so, dass- Nein. Das ist zu lang, um es dir am Telefon zu erzählen. Und es ist auch lustiger, wenn ich es dir persönlich erzähle.«
»Okay. Komm einfach vorbei, wenn du eingekauft hast. Aber bitte ruf mich zehn Minuten vorher an.«
»Natürlich. Vielen Dank, Catherine.«
»Keine Ursache.«

Michael schlenderte durch die Gassen des Viertels, in dem sein Hotel lag und trank einen Espresso in einem kleinen Café. ›Dieser Kaffee ist wirklich gut. Ich sollte noch einen trinken. Und was mache ich danach? Ich werde ins Hotel gehen und nachsehen, ob ich Mails erhalten habe. Sollte Christina geschrieben haben, kann ich ihr ja antworten. Ich meine, auch wenn ich ihr gesagt habe, dass ich den Account erst Freitag öffnen werde, macht es nichts, wenn sie sehen sollte, dass ich ihr Mail gelesen habe. Ich kann ihr ja schreiben, wie ich die Sache mit der Maklerin angehen werde. Falls sie überhaupt geschrieben hat.‹
Michael trank einen zweiten Espresso und ging in sein Hotelzimmer. Er hatte keine Mails erhalten. Er packte seine Sachen, um das Hotel rasch verlassen zu können, und bat den Mann an der Rezeption, ihm die Rechnung zu geben. Er beglich diese und machte sich auf den Weg zur Kanzlei der Maklerin, die ausgedruckten Seiten in seiner Jackentasche. Da er Zeit hatte, beeilte er sich nicht, in die Straße zu gelangen, in der die Maklerin ihrer Tätigkeit nachging.

Er betrat die Kanzlei und wurde in das Büro der Chefin geführt. Diese saß hinter einem mächtigen Schreibtisch und musterte ihn.
»Guten Tag. Wir haben heute telefoniert.«
»Sie sind wohl der Österreicher.«
»Der bin ich. Der Österreicher. Sie dürfen aber auch Wiener sagen.«
»Wie auch immer. Unser gestriger Termin konnte nicht stattfinden.«
»Wie geht es ihrem Arm.«
»Lassen wir das. Ich habe gehört, sie haben ein Haus gefunden.«
»Das ist korrekt.«
»Über welchen Makler?«
»Privat.«
»Das ist ganz schlecht.«
»Warum?«
»Weil sie sicherlich übers Ohr gehauen werden, wenn sie privat mieten. Was verlangt der Eigentümer denn?«
Michael schwieg.
»Auf jeden Fall zu viel«, sagte sie.
»Also ist es mit Maklern doch günstiger, etwas zu mieten oder zu kaufen?«
»Natürlich. Wissen sie das denn nicht?«
»Ich gebe es zu: ich habe es vermutet. Aus diesem Grund bin ich mir bezüglich des Hauses, das mir angeboten wurde, nicht mehr sicher. Es gibt drei andere Objekte, über die wir reden sollten.« Er legte die Beschreibung des ersten Objekts auf ihren Schreibtisch. »Diese Villa sagt mir zu.«
»Haben sie denn so viel Geld?«
»Ja. Aber ich möchte sie nicht erwerben.«
»Was wollen sie dann?«
»Sehen sie, ich habe gehört, dass eine Maklerin ihres Formats sicherlich in der Lage ist, dieses Objekt einem zukünftigen guten Kunden auch als Mietobjekt bereitzustellen? Oder täusche ich mich da?« Den zweiten Satz sagte er in deutlich weniger freundlichem Ton als den ersten.
»Nein, sie täuschen sich natürlich nicht, Herr Wiener.«
»Gut«, sagte er und deutete auf ihr Telefon, wie als Aufforderung, es zu benützen.
Die Maklerin wählte schnell die auf dem Prospekt angeführte Nummer und verhandelte lautstark über die Mietbarkeit der Immobilie, wie Michael dem Gespräch entnehmen konnte. An dessen Ende legte sie auf und sagte ein Wort, welches Michael unschwer als Schimpfwort erkennen konnte.
»Es tut mir leid, Herr Wiener. Diese Person, mit der ich eben telefoniert habe, ist wohl zu dumm zu erkennen, welche Chance sich ihr bietet, wenn sie diese Villa mieten.«
»In der Tat, das ist sie wohl.« Er legte die Beschreibung des zweiten Objekts auf den Tisch.
»Ich habe dieses Apartment bereits seit geraumer Zeit im Auge.«
Sie sah sich den Zettel an. »Eine sehr schöne Wohnung. Und sehr gut gelegen.«
»Das mag sein, doch gefällt mir diese Wohnung in keiner Weise.« Michael machte eine Pause.
»Ja, warum zeigen sie mir dann-« Abrupt hielt die Maklerin inne, denn sie hatte Michaels strengen Blick bemerkt. »Bitte entschuldigen sie, Herr Wiener. Fahren sie bitte fort.«
»Darf ich wirklich? Vielen Dank. Was ich sagen wollte, bevor sie mir ins Wort gefallen sind, ist, dass sich meine siebzehnjährige Tochter in diese Wohnung verliebt hat.« Er machte eine Pause.
Die Maklerin blickte ihn erwartungsvoll an, wagte jedoch nicht zu sprechen.
»Sie wird in drei Jahren das Gymnasium abschließen und ich möchte ihr, als Anreiz sozusagen, diese Wohnung schenken. Leider muss ich diesem Text entnehmen, dass es sich um eine Mietwohnung handelt. Und dieser Umstand bereitet mir Sorgen. Er lässt mich beinahe daran zweifeln, dass wir bezüglich dieser Immobilie ins Geschäft kommen werden.«
Mit einer knappen Geste bedeutete Michael der Maklerin, zum Hörer zu greifen, was diese sofort tat. An ihrem Tonfall und ihrer Gestik während des Telefonats erkannte er, dass sie offensichtlich ihre Felle davonschwimmen sah. Dann knallte sie den Hörer auf die Gabel.
»Es tut mir leid, Herr Wiener. Aber der Eigen-«
»Verschonen sie mich mit Details. Haben sie etwas erreicht?«
»Nein«, flüsterte sie.
»Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass ich gerade in Harnisch gerate, Frau Maklerin, aber allzu viel haben sie bislang nicht erreicht.«
»Herr Wiener, ich möchte-«
»Es ist zwar bloß ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber ich trinke meinen Kaffee, den sie mir holen möchten, mit wenig Milch und drei Stück Zucker.«
Sie ging schnell aus dem Raum und kam mit Kaffee zurück.
»Ihr Kaffee schmeckt einigermaßen gut. Ich werde ihnen noch eine Chance geben, ihr Können unter Beweis zu stellen.«
»Vielen Dank, Herr Wiener.«
Michael reichte ihr die Beschreibung des ehemaligen Waschsalons.
Sie las diese und fragte: »Was schwebt ihnen vor, Herr Wiener? Was möchten sie aus diesem Objekt machen?«
»Sehen sie, meine Ehefrau redet zeitweise wie ein Wasserfall.«
»Das tut mir leid für sie.«
»Wie bitte?«, fragte er in schneidendem Ton.
Die Maklerin zuckte zusammen.
»Das stört mich nicht, Frau Maklerin«, sagte er barsch. »Ich liebe jedes einzelne ihrer Worte.«
»Bitte verzeihen sie.«
»Jedenfalls habe ich vor, ihr diesen Waschsalon zu schenken.«
»Das ist auf jeden Fall die goldrichtige Entscheidung.«
»Es gibt aber ein Problem.«
»Welches, wenn ich fragen darf?«
Er legte das Foto auf den Tisch und zeigte mit dem Finger auf das Bordell. »Sehen sie?«
Sie schluckte. »Ja. In der Tat. Ein Bordell. Wie schrecklich.«
»In der Tat, eine Fürchterlichkeit«, rief er und musste sich auf die Lippe beißen, um nicht in Gelächter auszubrechen. »Und damit nicht genug. Wie mir mein Geschäftspartner und Freund Leutnant Fliq von der örtlichen Polizei mitgeteilt hat, hat dieses verruchte Lokal rund um die Uhr geöffnet. Sogar an Sonntagen!« Den letzten Satz rief er in empörtem Ton.
»Und was kann ich tun«, fragte sie zögerlich, »damit wir ins Geschäft kommen?«
»Sagen sie, ist diese Frage ernst gemeint?«, fragte er aufgebracht.
»Ja«, flüsterte sie.
»Sie rufen in diesem Bordell an und sagen dem Besitzer, das es nicht angeht, dass seine Schmuddelbar auch an Sonntagen geöffnet hat. Immerhin sind das die Tage, an welchen meine geliebte Ehefrau die heilige Messe zu besuchen pflegt!«, rief er.
Die Maklerin schluckte abermals. »Wissen sie denn nicht, wem dieser Bar gehört?«, fragte sie leise. »Ich kann unmöglich dort anrufen.«
»So ist das also. Aber bei mir können sie um sieben Uhr fünfundvierzig anrufen, oder?« Michael brach in schallendes Gelächter aus.
Die Maklerin begann zu verstehen, ihr Kopf lief purpurrot an und sie schnappte nach Luft. Dann begann sie zu schreien: »Raus hier, du Gauner!«
Michael sagte in beruhigendem Ton: »Gemach, Gemach, Frau Maklerin. Ich denke, wir sollten uns einmal bei einem Kaffee über die Angelegenheit unterhalten.«
Sie starrte ihn ungläubig an.
»Da wir gerade von Kaffee reden«, fuhr er fort,  »könnten sie mir bitte noch einen holen? Ihr Kaffee ist köstlich.«
Michael erhob sich und verließ das Büro, ohne eine Antwort abzuwarten. Lachend ging er aus der Kanzlei, das Gezeter der Maklerin konnte er noch aus zehn Metern Entfernung vernehmen.

Er ging zum Hotel, um sein Gepäck zu holen. ›Hoffentlich ist die Schwester dieser Maklerin nicht an der Rezeption‹, dachte er. Sie war dort und bedachte ihn mit wenig freundlichen Blicken. Er holte seine Sachen und verließ schnell das Hotel.
Draußen rief er Catherine an, die ihn das Gepäck in den Kofferraum ihres Autos legen ließ, und ging danach in den nächsten Supermarkt, wo er Lebensmittel für drei Tage kaufte. Wieder wählte er Catherines Nummer.
»Kannst du bitte nochmal runterkommen, damit ich meine Lebensmittel einladen kann?«
»Kein Problem.«
Er legte seinen Einkauf in den Kofferraum und sagte: »Vielen Dank. Ich weiß nicht, wann Claire und Julie kommen werden, um zum Haus zu fahren. Ruf mich bitte an, sobald du weißt, wann das sein wird. Ich werde mich in der Nähe aufhalten.«
»Warte, Michael. Was willst du in der Zwischenzeit machen?«
»Ich werde irgendwo einen Kaffee trinken.«
»Komm mit nach oben. Kaffee habe ich auch.«
»Ich möchte dich nicht bei was Wichtigem stören.«
»Wobei? Beim Fernsehen? Also, komm mit.«
Catherine machte Espresso.
»Der ist gut. Sogar besser als der, den mir die Maklerin gebracht hat.«
»Ach ja, die Maklerin. Wie war es denn bei ihr?«
»Psychologisch wertvoll, für mich jedenfalls. Ich habe viel gelernt. Und für sie war mein Besuch wohl pädagogisch wertvoll.«
»Erzähl mir, was war.«
Michael erzählte ihr, was sich im Büro der Maklerin zugetragen hatte.
Catherine weinte vor Lachen und meinte: »Das hast du gut gemacht. Die wird dich nie wieder aus dem Schlaf reißen.«
»Bestimmt nicht. Du wohnst sehr schön, Catherine.«
»Warte, bis du Julies Haus siehst. Du wirst noch schöner wohnen als ich.«
»Wo schreibst du deine Texte?«
»Hier, am Küchentisch.«
»Ein schöner Ort zum Schreiben.«
»Wie mans nimmt. Wenn ich Fisch gekocht habe, dann ist er weniger schön.«
Michael lachte. »Stimmt.«
»Darf ich dich was fragen?«
»Ja, klar.«
»Hast du eigentlich vor, deine beiden Rucksäcke, von welchen du gestern gesprochen hast, mithilfe des Schreibens abzuwerfen?«
»Ich weiß es noch nicht. Eher nicht, würde ich sagen. Sonst schreibe ich am Ende wieder bösartige Texte über die beiden.«
»Und wenn du versuchst, die Angelegenheit aus der Sicht der beiden Frauen zu betrachten? Und vielleicht aufzuschreiben, was du erkennst?«
»Ich kann mich doch nicht in die Gedankenwelten anderer Personen hineinversetzen.«
»Warum nicht? Du kennst diese Personen doch?«
Michael seufzte. »Ich dachte wenigstens, ich würde sie kennen.«
»Komm schon, Michael. Du kennst sie jedenfalls gut genug, um dir vorstellen zu können, warum sie so gehandelt haben.«
»Vorstellen bedeutet aber nicht, dass ich sicheres Wissen habe.«
»Wann hat man denn schon sicheres Wissen? Im zwischenmenschlichen Bereich doch niemals.«
»Wie meinst du das, Catherine?«
»Wie oft kommt es vor, dass ein Mensch, der vorgibt oder auch vorhat, dieses oder jenes zu tun oder zu denken, letzten Endes ganz anders denkt oder handelt? Doch ständig.«
»Ich bin da keine Ausnahme«, meinte Michael.
»Ich doch auch nicht. Aber wir kommen vom Thema ab.«
»Stimmt. Ich glaube nicht, dass schreiben der richtige Weg ist.«
»Versuch es wenigstens. Wenn du vor einem leeren Blatt Papier sitzt und weißt, wozu, zu welchem Thema, du etwas schreiben willst, machst du dir, und das kommt ganz von selbst, Gedanken darüber. Auf diese Weise kannst du dich problemlos in die Gedankenwelten anderer Personen hineinversetzen, um es mit deinen Worten zu sagen.«
»Probieren kostet nichts«, meinte Michael lakonisch.
»Ich spreche jedoch nicht vom impulsiven Schreiben, denn dabei kommen Ergebnisse heraus, wie du sie schon oft erzielt hast, nämlich in Form deiner bösen Texte.«
»Wie machst du das, wenn du in der Situation bist, in der ich gerade bin?«
»Ich mache es so, wie ich es dir ans Herz gelegt habe. Ich versuche, auch den anderen Menschen zu verstehen.«
»Aber das ist ja oftmals gar nicht möglich. Ich spreche jetzt von mir, wohlgemerkt. Also, ich weiß, was ich getan und nicht getan habe. Gut. Oder auch weniger gut. Doch habe ich von keiner der beiden Frauen etwas Greifbares erhalten, an Informationen meine ich, das mir ihr Verhalten verständlich machen könnte.«
»Das ist logisch, Michael. Ansonsten müsstest du nicht abschließen, sondern hättest bereits abgeschlossen. Es geht darum, für dich selbst eine Erklärung zu haben, warum sie so gehandelt haben.«
»Erklärung? Die habe ich. Die beiden sind schlicht oberflächlich.«
»Genau davon spreche ich. Deine Erklärung ist eben keine Erklärung. Nicht einmal ansatzweise. Das, was du machst, ist abblocken und wegschieben. Etikettieren könnte man auch dazu sagen. Aber das greift zu kurz.«
»Du hast ja recht, Catherine.«
»Meinst du das so, oder sagst du es bloß so?«
»Teils, teils.«
»Das habe ich mir gedacht. Okay, ich versuche es anders. Michael, glaubst du, dass diese beiden Frauen es verdient haben, dass du dich mit ihren dich betreffenden Entscheidungen so intensiv auseinandersetzt, dass du ihnen nicht Unrecht tust?«
»Ja, das haben beide auf jeden Fall verdient.«
»Dann haben sie es wohl auch verdient, dass du dir die Mühe machst, darüber nachzudenken, was sie zu ihren Entscheidungen veranlasst hat, oder?«
»Ja, durchaus.«
»Also kannst du dich auch hinsetzen und versuchen, ihre Gedanken nachzuvollziehen. Und das, was dabei herauskommt, niederschreiben.«
»Du hast recht, Catherine. Hundertprozentig. Ich werde das tun.«
»Dass es mit euch Männern immer so mühsam sein muss.«
»Wie meinst du das?«
»Ich habe dir gerade zweimal das selbe gesagt. Doch erst beim zweiten Mal hast du begreifen wollen, dass ich dir einen Rat gegeben habe, der gut ist, und nicht bloß gut gemeint. Und glaube mir, das Abschließen wird dir leichter fallen, wenn du die Angelegenheit auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtest, als aus deinem eigenen.«
»Ich werde den Blickwinkel wechseln, sobald ich in der Einöde bin.«
»Ja, versuche es zumindest. Und falls du Fragen haben solltest, ruf mich an.«
»Welche Fragen sollte ich an dich haben, Catherine?«
»Fragen, wie eine Frau gewisse Äußerungen oder Handlungen auffasst, zum Beispiel. Oder«, sie lächelte, »wodurch oder ab welchem Zeitpunkt sie sich in die Enge getrieben fühlt, oder unter Druck gesetzt.«
Michael sah sie erstaunt an. »Wie kommst du darauf, dass ich jemals irgendwen unter Druck gesetzt haben könnte?«
»Dazu sage ich bloß so viel: du hast einem anderen Menschen ein literarisches Denkmal gesetzt.«
Michael nickte stumm.
»Also, würde mir ein Mann ein solches setzen, würde ich mich durchaus unter Druck gesetzt fühlen.«
»Aber das war nicht meine Intention.«
»Natürlich nicht. Das ist niemandes Absicht. Vielleicht hilft es dir zu verstehen, was ich meine, wenn du deinen langen Text aufmerksam durchliest und- Du hast den Text doch noch, oder?«
»Ja, natürlich.«
»Gut. Also, wenn du ihn durchliest, und zwar aus ihrer Sicht, und dich fragst, was an dem Text geeignet sein könnte, jemanden unter Druck zu setzen.«
»Das sollte ich vielleicht machen.«
»Ja. Fang am besten mit diesem Text an. Sag, was ist der andere Grund, weswegen du auf Korsika bist?«
»Darüber haben wir an dem Abend in Julies Bar gesprochen, an dem wir uns kennengelernt haben. Als Claire und ich dich abgeholt haben.«
»Ich weiß. Dein Roman.« Sie lachte. »Die Fragen, die du dir stellen und beantworten musst.«
»Du sagst es«, meinte er. ›Bitte nicht schon wieder dieses Thema‹, dachte er. ›Das habe ich mit Christina und Pater Vinzenz auslaugend durchgekaut.‹
»Möchtest du vielleicht in der Abgeschiedenheit wohnen, um dir ganz generelle Fragen zu stellen?«
»Ja. Ganz generelle.«
»Nach dem Sinn von allem?«
»Zum Beispiel.«
»Ich verstehe. Du willst nicht darüber sprechen.«
»Nein, will ich nicht.«
»Wenn doch, ruf an. Diese Fragen habe ich mir vor zwei Jahren auch gestellt.«
»Und wie lautet die Antwort, die du gefunden hast?«
»Dass es sich für alles zu sterben lohnt. Aber dass es sich noch mehr lohnt, für alles zu leben.«
Michael sah sie erstaunt an. Diese Worte hatte er nicht erwartet. »Das stimmt«, sagte er. »Wobei ich eher zum Leben tendiere.«
»Ich auch, mittlerweile.«
»Vielleicht sollten wir uns wirklich treffen und reden. Hat Julies Haus eine Veranda?«
»Ja, hat es. Die ist perfekt zum Reden und Bier trinken.«
»Das Bier musst aber du besorgen.«
»Klar. Melde dich einfach, wenn du reden willst. Bei dieser Gelegenheit kannst mir auch gleich sagen, was ich außer Bier an Lebensmitteln mitbringen soll.«
»Du würdest für mich einkaufen?«
»Warum nicht. So ist es einfacher für dich. Das Geld musst du mir natürlich zurückgeben.«
»Das ist klar. Wann werden Claire und Julie denn kommen?«
»Wenn ich sie anrufe. Soll ich?« Sie griff nach ihrem Mobiltelefon.
»Catherine, warte einen Augenblick.«
Sie zog ihre Hand wieder zurück und sah ihn fragend an. »Ja?«
»Die Texte von vor zwei Jahren, hast du die noch? Ich meine die, in welchen du dir solche Fragen wie die nach dem Sinn gestellt hast.«
»Ja, ich habe sie noch. Ich werfe niemals Texte weg.«
»Ich schon. Wenn ich das Gefühl habe, dass mir ein Text misslungen ist, schneide ich die Seiten einfach aus dem Schreibheft.«
Catherine blickte ihn entgeistert an. »Michael, das darfst du nicht tun.«
»Warum nicht?«
»Weil kein Text so schlecht sein kann, dass er es verdient, vernichtet zu werden.«
»Ich denke anders.«
»Das ist ein Fehler, Michael. Ehrlich. In jedem Text steckt viel von dessen Autor. Und selbst wenn manche Sätze misslungen sein sollten, oder die Story insgesamt nicht funktioniert, so existiert darin doch viel, was des Aufhebens wert ist.«
»Aber ich würde solche missratenen Texte niemals korrigieren. Ich sage mir dann immer: aus den Augen, aus dem Sinn. Und dann vernichte ich sie.«
»Es geht nicht ums Korrigieren. Ich korrigiere meine Fehlversuche auch nie. Aber ich hole sie von Zeit zu Zeit aus dem Karton, in den ich sie gelegt habe, und lese sie.«
»Und was sagen dir diese Texte, wenn du sie wieder liest?«
»Sie erzählen mir, was und wie ich mich zum Zeitpunkt ihrer Entstehung gefühlt habe.«
»Was oft schwer sein dürfte.«
»Da hast du recht. Aber warum hast du mich nach den Texten aus dieser Zeit gefragt?«
»Würdest du sie mir zeigen?«
Catherine sah ihn an und überlegte. »Eigentlich zeige ich diese Gedichte und Kurzgeschichten niemandem außer Claire.« Sie machte eine Pause. »Doch nachdem ich dir angeboten habe, mit dir über dieses Thema zu reden, mache ich eine Ausnahme.«
»Aber nur, wenn du das auch wirklich möchtest«, sagte Michael.
»Ich zeige sie dir. Auch wenn ich nicht glaube, dass du sie verstehen wirst.«
»Mein Französisch ist schlecht, ich weiß. Ich habe jedoch meinen Laptop dabei und kann im Internet nachsehen, was einzelne Wörter bedeuten.«
»Ach, du möchtest sie in Julies Haus mitnehmen?«
»Ja. Wenn es dir nichts ausmacht.«
»Die Blätter im Karton kann ich dir nicht mitgeben, denn das sind die Originale, teils mit handschriftlichen Notizen versehen, Ergänzungen und Erklärungen. Aber ich habe meine Werke auf einer externen Festplatte gespeichert und kann sie dir ausdrucken.«
»Das wäre wirklich nett. Von wie vielen Texten sprechen wir eigentlich?«
»Von insgesamt einhundertzwanzig, schätze ich.«
Der Ausdruck auf Michaels Gesicht brachte sie zum Lachen. »Ich nehme an, dass du bloß die am leichtesten verständlichen ausgedruckt haben möchtest.«
»Nein, ich will die besten.«
»Die sind aber schwer zu lesen«, warnte sie ihn.
»Ich denke, dass ich das schaffen werde. Und wenn nicht, habe ich ja die Möglichkeit, dich zu fragen, was gewisse Verse oder Passagen bedeuten.«
»Ja, diese Möglichkeit hast du.«
»Drucke einfach die zehn besten Werke aus.«
Catherine setzte sich an ihren Computer und händigte ihm eine Klarsichthülle aus, in die sie ihre Arbeiten gesteckt hatte. »Hier, Michael. Die zehn besten Werke, meiner Meinung nach, aus dieser Periode.«
»Danke, Catherine.« Michael faltete die Hülle und steckte sie in seine Jackentasche.
»Viel Spaß beim Lesen meiner sowohl persönlichsten als auch dunkelsten Gedichte und Geschichten.«
»Ich weiß nicht, ob es ein Spaß sein wird, sie zu lesen.«
»Warum?«
»So dunkle Sachen können einen belasten, wenn man sie liest.«
»Warum wolltest du sie dann haben?«
»Um zu erkennen, wie eine andere schreibende Person eine solche Zeit verarbeitet und überwunden hat.«
»Ich verstehe. Soll ich dir einen Tipp geben, damit sie dich nicht allzu sehr belasten? Oder meinst du, dass du einen solchen nicht brauchst?«
»Doch, bitte gib mir den Tipp.«
»Also, wenn du was liest, das wirklich dunkel ist, wenn ich mich zum Beispiel frage, ob es nicht besser wäre, mich umzubringen, dann sollst du dir denken: ‘Okay. Sie hat über so was nachgedacht, es aber nicht in die Tat umgesetzt. Und heute ist sie frei von solchen Gedanken. Ich habe also gerade eine Momentaufnahme aus dieser Zeit vor mir, doch ist all das Vergangenheit.’«
»Danke für den Tipp. Jetzt weiß ich auch, was mich erwartet.«
»Ich halte nun einmal nichts davon, so zu tun, als wären diese Texte bloß literarische Fingerübungen ohne persönlichen Bezug.«
»Das wäre auch-« Michael suchte nach einem passenden Wort.
»Sprich es ruhig aus. ‘Unehrlich’ wolltest du doch sagen, oder?«
»Ja, Es wäre unehrlich.«
»Genau das wäre es. So, nun hast du, was du wolltest.« Sie grinste. »Soll ich Claire und Julie anrufen?«
»Ja, ruf sie an.«
Catherine nahm die Zigarette, die Michael ihr anbot, und rief ihre Freundinnen an.
»Sie kommen in ungefähr dreißig Minuten. Sag, hast du immer schon französische Zigaretten geraucht?«
»Nein, nicht immer. Die ersten vierzehn Jahre meines Lebens habe ich gar keine Zigaretten geraucht«, sagte er in lakonischem Ton, der Catherine zum Lachen brachte. »Nein, im Ernst«, fuhr er fort, »ich habe mit amerikanischen angefangen, doch wenn ich auf meine Raucherkarriere zurückblicke, muss ich sagen, dass ich weit länger französische Zigaretten geraucht, und auch genossen, habe, als welche aus anderen Ländern.«
»Hast du von den französischen immer diese Sorte geraucht?«
»Nein, verschiedene Sorten. Aber in die, die ich nun rauche, habe ich mich verliebt.«
Sie lachte.
»Lach nicht, ich meine das ernst. Das sind die besten Zigaretten, die ich je geraucht habe«, erklärte er und meinte mit Unschuldsmiene: »Trotz ihres politisch wenig korrekten Namens.«
Catherine kicherte. »Möchtest du noch einen Kaffee? Oder ein Bier?«
»Bier wäre mir lieber, doch fürchte ich, dass ich im Haus einiges werde tun müssen, also besser Kaffee, bitte.«
Sie goss ihm eine Tasse ein und fragte: »Was wirst du denn dort tun müssen?«
»Staub wischen, vermute ich. Und das Bad und die Toilette putzen. Die Küche wahrscheinlich auch. Ich nehme nicht an, dass das Haus staubfrei sein wird, nachdem Julie gesagt hat, dass sie schon lange nicht mehr dort war.«
»Das wirst du wohl machen müssen. Bevor du dich dort dir selbst widmen kannst, musst du erst einmal Hausmann spielen.« Sie grinste. »Und die Fenster? Die hast du in deiner Aufzählung vergessen.«
»Die habe ich bewusst nicht erwähnt.«
Sie lachte. »Also hältst du nicht viel vom Fensterputzen?«
»Nein, gar nichts eigentlich. Solange Fenster dicht sind, brauchen sie auch nicht geputzt zu werden.«
»Das ist eine interessante These. Das bedeutet also, dass man Fenster erst dann putzen muss, wenn sie undicht geworden sind.«
»Ja, klar.«
»Warum erst dann?«
»Weil dann jemand vorbeikommen muss, der sie repariert.«
»Und weiter?«
»Es wäre doch peinlich, wenn der Mann sieht, dass ich die Fenster nie putze.«
Catherine lachte schallend. »Ist das dein Ernst?«
»Ja. Wie sehen denn deine«, Michael ging zum Fenster ihrer Küche, »Fenster aus? Ich wette, dass sie- Okay. Sie sind geputzt.«
»Natürlich.«
»Bestimmt hast du sie heute geputzt, weil du gewusst hast, dass jemand vorbeikommt.«
»Nein, Michael«, sagte sie lächelnd. »Ich putze meine Fenster einmal in der Woche.«
Er lächelte verlegen. »Wie reinlich.« Mehr wusste er nicht zu sagen.
»Wie hältst du des denn in Wien damit, ganz generell?«
»Womit? Mit der Sauberkeit?«
»Ja. Putzt du deine Wohnung regelmäßig?«
»Ich sauge regelmäßig. Staub wische ich erst, wenn er mich zu stören beginnt. Und die Fenster-« Er beendete den Satz nicht, stattdessen lächelte er bloß.
»Männer und putzen, das passt nie zusammen«, sagte sie.
»Wie lange wohnst du schon in dieser Wohnung?«, fragte er. »Die überaus sauber ist.«
»Seit sechs Jahren. Davor habe ich im Stockwerk darunter gewohnt.«
»Du hast es nicht geschafft, dieses Haus zu verlassen«, stellte er fest.
»Hier hat es angefangen.«
»Was?«
»Im Stockwerk darunter wurde ich geboren.«
»Alles klar. Du hast ein Apartment im Haus deiner Familie, oder?«
»Ja. Wobei von dieser, außer mir, nichts mehr übrig ist.«
»Wie meinst du das?«
»Meine Eltern sind gestorben und haben meinen Bruder mitgenommen. Und die letzte meiner Verwandten, meine Großmutter, ist vor etwas mehr als einem Jahr verstorben.«
»Inwiefern haben deine Eltern deinen Bruder mitgenommen?«
Catherines Miene verdüsterte sich. »Meine Eltern waren auf einem Fest der Anwaltskammer, und mein Bruder war auch mit.« Sie machte eine Pause. »Was soll ich sagen? Mein Vater war völlig betrunken und hat einen Baum gerammt.« Wieder machte sie eine Pause. »Ja, so war es. Alle drei tot.«
»Das tut mir leid. Wann war das?«
»Vor sechs Jahren.«
»Darf ich dich was Indiskretes fragen?«
»Ja.«
»Hast du nach diesem Unglück zu grübeln begonnen?«
»Ja. Der Unfall war der Auslöser. Leider.«
»Leider«, wiederholte Michael. Er hatte vorgehabt, dieses Wort in fragendem Ton auszusprechen, entschied sich jedoch im letzten Moment, es neutral klingen zu lassen.
»Leider für meine Großeltern.«
»Warum?«
»Sie haben ihr einziges Kind verloren, und auch ihre Schwiegertochter und ihren Enkelsohn. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, wird die Enkeltochter ein paar Tage danach depressiv und dementsprechend schwierig.«
»Dafür konntest du aber nichts, Catherine. Weder für den Unfall, noch für das Unwohlsein.«
»Heute weiß ich das. Ich meine, ich habe damals natürlich auch gewusst, dass der Unfall nicht meine Schuld war. Aber dafür, dass ich krank geworden bin, habe ich mir lange Zeit die Schuld gegeben. Aber das wirst du den Texten entnehmen, die ich dir gegeben habe, sofern du sie verstehst.«
»Und wie hast du aus diesem Unwohlsein heraus gefunden?«
»Ich habe geschrieben. Den ganzen Tag lang. Wenigstens am Anfang. Dann hat mich mein damaliger Freund zu einem Therapeuten geschleift, weil er mein Verhalten nicht länger ertragen konnte. Und mithilfe der Therapie habe ich die Depressionen schließlich besiegt.«
»Welches Verhalten?«, fragte Michael, doch Catherine überging diese Frage.
»Ich habe jeden Tag geschrieben«, fuhr sie fort. »Alles, was ich an Gedanken, Gefühlen und Vorhaben in mir hatte, habe ich niedergeschrieben. Erst habe ich nicht bemerkt, dass es mir besser zu gehen begonnen hat, doch als ich eines Tages die Gedichte und Geschichten gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass sie umso weniger dunkel geworden sind, je mehr Zeit seit dem Unfall verstrichen war.«
»Und heute ist dein Unwohlsein weg?«
»Ja. Ab und zu geht es mir schlecht, doch habe ich gelernt, wie ich den Depressionen  entgegenwirken kann.«
»Wie wirkst du dem Unwohlsein denn entgegen?«
»Ich schreibe. Das hilft, mir jedenfalls. Und jetzt bin ich an der Reihe, eine indiskrete Frage zu stellen.«
»Stimmt. Das bist du.«
»Warum sagst du ‘Unwohlsein’, wenn du Depressionen meinst?«
»Habe ich das? Wie unaufmerksam von mir. Bitte entschuldige.«
»Wieso unaufmerksam?«
»Du sprichst von Depressionen und ich verwende ein anderes Wort dafür, wenn ich auf deine Ausführungen eingehe. Das gehört sich nicht.«
»Liegt es vielleicht daran, dass du es vermeidest, das andere Wort auszusprechen?«
»Das glaube ich nicht.«
»Ich schon. Kann es sein, dass du das Wort Depressionen nicht verwendest, weil du vermutest, dass auch du an-«
Die Klingel von Catherines Wohnung ertönte. Catherine stand auf und sagte: »Claire und Julie sind da. Aber unser Gespräch ist nicht zu Ende, Michael. Es ist bloß unterbrochen.« Sie ging aus dem Raum, um ihren Freundinnen die Tür zu öffnen.

»Hallo Michael, wie geht es dir?«
»Hallo Claire, hallo Julie. Gut, danke. Und euch?«
»Michael hatte heute einen Termin bei der Maklerin«, erzählte Catherine und fragte Michael: »Oder hätte ich das nicht sagen dürfen?«
»Natürlich darfst du das sagen.«
Claire und Julie blickten ihn erstaunt an.
»Wollte sie dir eine Wohnung zeigen?«, fragte Claire.
»Ich denke, dass sie das vorhatte«, gab Michael zurück.
»Aber sie hat dir keine gezeigt?«
»Sie hatte keine Gelegenheit dazu.«
»Warum nicht?«
Catherine kicherte und sagte: »Michael, bitte erzähle ihnen, was bei der Maklerin vorgefallen ist.« Zu ihren Freundinnen sagte sie: »Ich müsst euch anhören, was er mit dieser Frau gemacht hat. Ihr werdet euch totlachen.«
»Also Michael, erzähle uns, was du ihr angetan hast.«
Michael erzählte, was sich im Büro der Immobilienmaklerin zugetragen hatte.
Die drei Frauen brachen in schallendes Gelächter aus und beglückwünschten ihn zu seinem Einfall.
»Darf ich euch einen Kaffee anbieten?«, fragte Catherine.
»Nein, danke«, antwortete Julie. »Es wäre mir recht, wenn wir bald aufbrechen könnten. Ich muss mich noch um die Buchhaltung kümmern, bevor ich die Bar aufsperre.«
»Dann lasst uns aufbrechen«, sagte Claire.

Die Fahrt zu Julies Haus verlief ruhig. Michael, der auf dem Beifahrersitz saß, unterhielt sich mit Catherine über Musik, Claire und Julie unterhielten sich im Fond des Wagens auf Französisch.

»Was sagst du zu meinem Haus, Michael?«
»Es ist wunderschön, Julie. Und perfekt gelegen.«
»Warte, bis du es von innen siehst«, sagte Claire.
Das Haus war klein und glich den anderen Häusern im Hinterland, an welchen sie vorbeigefahren waren.
›Es sieht so aus wie die anderen Häuser, was den einfachen Baustil anlangt, und doch ist es anders‹, dachte Michael, der um das Haus ging und es von allen Seiten betrachtete. ›Es sieht freundlicher aus und wirkt liebevoller gepflegt. Ich weiß nicht, ob ich das bloß denke, weil ich darin wohnen werde, oder ob- Nein. Es ist in der Tat freundlicher. Es hat nicht diese Patina, die die anderen Häuser in der Umgebung haben, die offenbar auch nicht ständig bewohnt sind. Ich werde wohl mit Holz heizen müssen, denn bloß aus Gründen der Ästhetik macht sich wohl niemand die Mühe, einen derart großen Stapel Holz aufzuschichten, wie diesen hier, an der Rückseite des Hauses.‹
»Und, was sagst du, nachdem du mein Haus von allen Seiten begutachtet hast?«
»Es ist wunderschön. Ich meine, es ist im selben Stil gebaut wie die anderen Häuser hier, aber es ist dennoch anders. Es wirkt einladender. Liebevoller, möchte ich sagen.«
»Das stimmt. Meine Großeltern waren sehr liebevolle Menschen«, sagte Julie in einem Ton, den Michael nicht deuten konnte.
»Sind das nicht alle Großeltern?«
Sie lachte. »Das sind sie alle, ja. Was ich meine ist, dass meine sehr auf dieses Haus achtgegeben haben und auch sehr viel investiert, was man heute immer noch sieht. Wenn du es von innen siehst, wirst du wissen, was ich meine.«
»Dann lass uns hineingehen.«
»Ich muss dich warnen, es gibt eine Sache, die dir vielleicht keine Freude bereiten wird.«
»Lass mich raten: ich muss Staub wischen.«
Sie sah ihn erstaunt an. »Ja, woher weißt du das?«
»Das zu erraten war nicht schwer. Du selbst hast ja gesagt, dass du schon lange nicht mehr hier warst.«
»Stimmt. Gut kombiniert. Also komm, gehen wir hinein.«
Julie sperrte die Haustüre auf und ließ Michael hineingehen. Er trat über die Schwelle und sagte: »Mein Gott, das ist wunderschön.«
Da das Haus über keinen Vorraum verfügte, stand Michael im Wohnzimmer. Dieses war größer als er vermutet hatte und auch anders eingerichtet.
»Die Polstermöbel, ist dieser Stil hier üblich?«
»Nein, die sind aus England. Mein Großvater liebte dieses Land, also hat er die Möbel von dort kommen lassen.«
»Man sitzt sehr gut darin«, stellte Michael fest.
»Stimmt. Ich habe schon lange nicht mehr auf diesem Sofa gesessen.« Sie stand auf und zog ein Tuch von einem Fernseher, der der Sitzgruppe gegenüber stand. »Der Fernseher ist nicht neu, wie du siehst, aber er funktioniert einwandfrei.«
»Ich glaube zwar nicht, dass ich viel Zeit davor verbringen werde, aber es ist gut, einen Fernseher zur Verfügung zu haben, falls mir langweilig werden sollte.«
Julie deutete auf einen Nebenraum. »Die Küche befindet sich hier.«
»Sie ist vollständig eingerichtet«, stellte Michael fest. »Nicht einmal eine Mikrowelle fehlt.«
»Ja, aber ich weiß nicht, ob die noch funktioniert.«“
»Das spielt keine Rolle. Ich halte nicht viel davon, also würde ich sie ohnehin nicht benützen.«
»Gut. Nun das Schlafzimmer.« Julie öffnete eine Türe und ließ Michael eintreten. »Wie du siehst, befindet sich ein Doppelbett darin. Frisches Bettzeug ist im Schrank in der Ecke, und in den anderen Schrank kannst du deine Sachen legen.«
»Die Wäsche, mit der das Bett jetzt noch überzogen ist, werde ich morgen waschen. Wo kann ich sie zum Trocknen aufhängen?«
»Hinter der Waschmaschine befindet sich ein Wäscheständer. Aber die Bettwäsche kannst du auch in den Wäschetrockner geben.«
»Einen Trockner hast du auch?«
»Ja. Meine Großmutter hat darauf bestanden.«
»Bevor ich ausziehe, wasche ich das Bettzeug, das ich verwenden werde, natürlich und trockne es.«
»Gut. Das Trocknen dürfte nicht allzu lange dauern«, sagte sie und grinste.
»Ist der Trockner etwa einer von der schnellen Sorte?«, fragte er.
»Nein, überhaupt nicht. Aber nachdem du hier ja alleine wohnst, brauchst du bloß die eine Hälfte des Doppelbettes überziehen.«
Michael sah sie an. Seine Miene brachte sowohl Erstaunen als auch Unsicherheit zum Ausdruck.
Julie begann zu lachen und meinte: »Das war ein Scherz, Michael. Du kannst hier übernachten, mit wem du willst.«
Er lachte.
»Dann ist da noch das Badezimmer.«
»Sehr schön, wirklich. Es ist selten, dass man eine alte Badewanne sieht, die auf Löwenfüßen steht.«
»Das stimmt. Und noch viel seltener sieht man eine, die benützt werden kann, ohne dass das Resultat eine Überschwemmung ist.«
»Dein Haus ist wirklich wunderschön, Julie.«
»Vielen Dank. Es freut mich, dass es dir gefällt.«
»Was ist mit dem Stoß Feuerholz hinter dem Haus?«
»Das habe ich vergessen. Du musst mit Holz heizen. Alles andere funktioniert mit Strom. Du hast den Ofen im Wohnzimmer bemerkt, oder?«
»Ja, meine Großeltern hatten auch so einen.«
»Dann weißt du ja, wie er funktioniert.«
»Ja, natürlich.«
»Den Sicherungskasten zeige ich dir noch, und auch, wo du im Notfall das Wasser absperren kannst. Hast du noch irgendwelche Fragen?«
»Nein, Fragen zum Haus habe ich keine. Aber an dich habe ich eine Frage. Warum bist du nicht öfter hier?«
»Das Landleben ist nichts für mich. Ich habe es zwar geliebt, meine Großeltern zu besuchen und ein paar Tage bei ihnen zu sein, doch bin ich bloß in der Stadt glücklich. Gehen wir wieder raus zu Catherine und Claire?«
»Ja, gehen wir.«
Catherine und Claire saßen auf der Veranda und rauchten.
»Was sagst du zu deiner neuen Bleibe?«, fragte Claire.
»Ich bin begeistert.«
»Du wirst sehen«, meinte Catherine, »hier ist der richtige Ort um das zu tun, was du vorhast.«
»Davon bin ich überzeugt«, gab er zurück.
»Wo wirst du denn schreiben?«
»Wahrscheinlich am Esstisch im Wohnzimmer. Wenn es nicht zu kalt ist, werde ich den kleinen Tisch aus der Küche auf die Veranda stellen und hier schreiben. Das darf ich doch, Julie?«
»Natürlich.«
»Dann laden wir dein Gepäck und deine Lebensmittel aus«, schlug Catherine vor und ging zu ihrem Auto. Michael folgte ihr.
»Dieses Haus ist perfekt, Catherine.«
»Ja, hier hast du die Ruhe, die du brauchen wirst.«
Michael holte sein Mobiltelefon hervor und schaltete es ein. »Habe ich hier überhaupt Empfang?« Er wartete kurz. »Ja, habe ich.«
»Ich weiß aber nicht, ob das Internet hier funktioniert.«
»Das werde ich schon herausfinden.«
»Und wenn es nicht funktioniert? Brauchst du es dringend?«
»Nein. An Freitagen sollte ich meine E-Mails abrufen, ansonsten brauche ich das Internet nicht. Es würde mich bloß ablenken.«
»Das stimmt. Aber was wirst du an den Freitagen machen, falls es nicht funktionieren sollte?«
»Dann muss ich wohl mit dem Laptop auf meinem Unterarm durch die Gegend wandern und mich dort, wo ich Empfang habe, hinsetzten und Mails abrufen. Selbst wenn das ein spitzer Stein sein sollte.« Er lachte.
»Oder du erklimmst den nächsten Gipfel und versuchst es dort oben«, sagte Catherine ebenfalls lachend.
»Im schlimmsten Fall muss ich eben in die Stadt gehen.«
»Das ist aber ein Fußweg von drei Stunden, Michael. In die Stadt hinunter, wohlgemerkt. Zurück wirst du noch länger gehen müssen.«
»Das macht mir nichts aus. Ich gehe gern.«
»Wir können es aber auch so machen: du gehst jeden Freitag in die Stadt und siehst nach, ob die jemand geschrieben hat, vielleicht Christina aus Wien«, sie grinste, »und gehst in den Supermarkt einkaufen. Und ich fahre dich dann zurück.«
»Ich weiß nicht so recht. Damit würde ich dir doch zur Last fallen, und das möchte ich nicht.«
»Ich habe dir ja ohnehin angeboten, dir deine Lebensmittel zu bringen. Also ist das keine Last. Außerdem brauchst du dann nicht mit deinem Laptop durch die Gegend zu laufen, denn ich habe Internet zu Hause.«
Claire, die sich lautlos an Catherine und Michael herangepirscht hatte, legte ihre Hände auf deren Schultern, schob ihren Kopf zwischen deren Köpfe und flüsterte: »Was habt ihr denn zu besprechen? Kommt doch auf die Veranda.«
Catherine antwortete: »Wir kommen gleich. Geh schon mal vor, Claire.«
Julie rief: »Was machen sie denn?«
Claire lachte und rief zurück: »Ich weiß es nicht genau. Ich habe sie bloß miteinander sprechen sehen. Aber wer weiß?«
Julie lachte und rief: »Lass sie. Da habe sich wirklich zwei gefunden.«
Claire seufzt und meinte: »Kommt einfach auf die Veranda, wenn ihr fertig seid. Julie muss sich noch um die Buchhaltung kümmern.« Julie rief sie zu: »Da hast du recht. Gesucht haben sie sich zwar nicht, aber gefunden.« Dann ging sie wieder zu Julie.
Catherine lachte. »So ist das mit uns Frauen.«
Michael lächelte. »Ja, so ist das wohl.«
»Wir sollten deine Sachen ins Haus tragen. Julie muss wirklich arbeiten.«
»Dann tun wir das.«
Sie trugen seine Sachen hinein und setzten sich auf die Veranda.
»Wovon wird denn euer gemeinsam verfasster Roman handeln?«, fragte Julie.
»Vom Suchen und Finden«, antwortete Michael
Catherine blickte ihn von der Seite an und lachte.
»Wer von euch sucht und wer findet?«
»Catherine hat das Finden gesucht, und ich habe das Suchen gefunden.«
»Wer sucht dich? Die Polizei doch nicht?«
»Nein, die ganz sicher nicht. Ich weiß noch nicht, wer mich suchen wird.«
»Vielleicht eine Frau aus Wien? Die Christina heißt«, meinte Julie.
Michael errötete und schwieg.
»Und wer findet Catherine?«, fragte Julie weiter.
Catherine schwieg.
»Michael, wer findet Catherine?«
»Das ist doch klar«, sagte Claire. »Ein Schriftsteller wird sie finden.«
»Zuerst schreiben wir den Anfang unseres Romans, dann den mittleren Teil, meine Damen«, ergriff Michael das Wort. »Und wie unser Meisterwerk endet, das entscheiden wir dann.«
»Das ist ein Wort. So machen wir es«, pflichtete Catherine ihm bei.
»Michael, hast du noch irgendwelchen Fragen zum Haus, bevor wir fahren?«
»Nein, Julie, habe ich nicht.«
»Dann lassen wir Michael seinen ersten Tag in der Einöde genießen«, sagte Claire und stand auf.
»Viel Spaß hier oben, Michael«, sagte Julie und nahm Claire an der Hand. »Gehen wir zum Auto, Claire, damit sich die beiden in aller Ruhe voneinander verabschieden können«, fügte sie schmunzelnd hinzu.
Catherine stand auf und küsste Michael auf die Wange. »Machs gut hier oben. Wenn du irgendwas brauchst, ruf mich einfach an«, sagte sie und flüsterte: »Oder wenn du irgendwas willst.«
»Das werde ich, Catherine.«
»Egal, wie spät es ist. Ruf einfach an. Oder soll ich dich anrufen?«
»Gerne. Wann immer du willst.«
Sie küsste ihn nochmals und stieg in ihr Auto.
Michael blieb auf der Veranda stehen, bis ihr Auto aus seinem Blickfeld verschwunden war, dann ging er in das Haus.

›Wenn ich was will. Nun, wollen würde- Nein, Michael. Du darfst jetzt an gar nichts denken, außer an Staub wischen. Und an das Bett, dass überzogen werden muss und an den Kühlschrank, der eingeräumt werden muss.‹
Er wischte Staub und bezog beide Hälften des Bettes. Dann legte er die Lebensmittel in den Kühlschrank und brühte sich Espresso, den er auf der Veranda trank.
›Es ist wirklich schön hier. Warum bin ich nicht selbst auf die Idee gekommen, mich irgendwo, wo es so schön ist wie hier, zurückzuziehen und nachzudenken? Das werde ich nie verstehen können. Ich habe wirklich großes Glück gehabt, diese vier Frauen kennenzulernen. Erst Christina, und dann Catherine, Claire und Julie. Ob es oft vorkommt, dass man Menschen kennenlernt, die so, oder wenigstens so ähnlich, denken wie man selbst? Ich glaube, dass das in der heutigen Zeit ein seltener Glücksfall ist, ein äußerst seltener. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Menschen entweder oberflächlich oder bloß auf den eigenen Vorteil bedacht sind, oder beides zusammen. Ich sollte den Laptop auspacken und nachsehen, ob ich hier oben ins Internet gelange. Aber wozu? Heute haben wir Mittwoch, also weiß Christina, dass ich meinen E-Mail-Account nicht öffnen werde. Abgesehen von ihren Mails erwarte ich keine, wenigstens keine wichtigen. Und was in der Welt passiert ist oder gerade passiert, brauche ich nicht zu wissen. Und es interessiert mich auch nicht. Nicht einmal aus dem Grund, damit ich nicht abgelenkt werde, sondern weil es hier viel zu schön ist, um mich mit irgendwelchen Kriegen zu belasten.‹
Er stand auf und ging nochmals um das Haus.
›Diese Landschaft hier, einfach schön. Zugegeben, normalerweise finde ich eine solche Gegend nicht besonders aufregend, doch ist diese absolut ruhig, und nur das zählt im Moment. Ich sollte unbedingt nachsehen, wo sich das nächste bewohnte Haus befindet, und mich bei den Leuten, die dort wohnen, vorstellen. Denn ich werde den Ofen anwerfen müssen, sonst ist es zu kalt im Haus. Und das Licht werde ich natürlich auch aufdrehen. Sollten die Nachbarn nicht wissen, dass ich in diesem Haus wohne, denken sie vielleicht, dass ein Obdachloser in das Haus von Julies Großeltern eingebrochen ist und sich dort niedergelassen hat. Und dann rufen sie sicher die Polizei. Dann werde ich von der Polizei doch gesucht, und wohl auch gefunden. Keine allzu angenehme Vorstellung. Doch heute lasse ich es darauf ankommen. Am ersten Abend wird schon nichts passieren. Morgen werde ich gleich nach dem Aufstehen nachsehen, wo die nächsten Nachbarn wohnen.‹
Michael bereitete sich Spiegeleier zu, saß mit der Pfanne in der Hand auf der Veranda und aß zu Abend. Danach nahm er eine heiße Dusche, entfachte das Holz im Ofen und legte sich ins Bett.
›Was muss ich morgen machen?‹, fragte er sich. ›Herausfinden, wo die Nachbarn wohnen und mich ihnen vorstellen. Catherines Texte muss ich auch lesen. Vielleicht rufe ich sie an, wenn ich damit fertig bin. Nein, ich werde sie ganz sicher anrufen. Und ich muss, noch bevor ich mit dem Lesen anfange, nachsehen, ob ich hier ins Internet komme. Falls ich Wörter nicht verstehe. Bei dieser Gelegenheit werde ich Christina ein Mail schicken und schreiben, dass alles in Ordnung ist und dass es mir hier sehr gut gefällt. Und dass ich sie vermisse. Ob ich Catherine in dem Mail erwähnen werde, weiß ich noch nicht. Es wäre zwar ehrlich, aber vermutlich keine besonders gute Idee. Catherine gefällt mir sehr, wenn ich ehrlich bin. Das bedeutet natürlich, dass ich gerade dabei bin, mich zwischen zwei- Schluss damit. Ich bin hier, um an mir zu arbeiten. Darauf muss ich mich konzentrieren. Und nur darauf. Alles andere wird sich ergeben, so oder so. Aber eines ist klar: das Weglaufen hat ein Ende. Hier ist der richtige Ort, um damit Schluss zu machen. Egal, wie lange das dauern sollte.‹

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