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Dienstag, 11. Oktober 2016

D E. d. F., Kapitel 21

21



Um Punkt zehn Uhr Vormittag rief Catherine Michael an.
»Guten Morgen, Michael.«
»Guten Morgen«, brummte er. »Wie spät ist es?«
»Zeit zum Aufstehen. Es ist zehn Uhr«, sagte sie fröhlich.
»Ich möchte aber noch nicht aufstehen, Catherine. Das Bett ist einfach zu warm, um es schon so früh zu verlassen.«
»Keine Ausreden, Herr Kollege.«
Michael richtete sich auf. »Gut, ich bin munter. Was ist denn los?«
»Wie haben dir meine Texte gefallen?«
›Soll ich lügen?‹, fragte er sich. ›Und etwas über sie sagen, obwohl ich sie nicht gelesen habe? Das wäre zwar freundlich und aufmerksam, aber nicht ehrlich. Außerdem könnte es dann schnell peinlich werden.‹
Er entschied sich, die Wahrheit zu sagen. »Ich habe noch nicht begonnen, sie zu lesen.«
»Das weiß ich.«
»Woher?«
»Ich halte sie in der Hand.«
Michael sprang aus dem Bett und lief ins Wohnzimmer, wo er seine Jacke achtlos auf den Boden geworfen hatte. Er griff in beide Außentaschen, doch die Klarsichthülle mit Catherines Werken befand sich nicht darin.
»Ich muss sie in deinem Auto verloren haben. Sie sind mir wohl aus der Jackentasche gefallen.«
»Das sind sie in der Tat. Soll ich sie dir vorbeibringen?«
›Sie möchte herauffahren, bloß um mir ihre Texte zu bringen. Was soll ich davon halten?‹
»Wenn es dir die Mühe wert ist, gerne. Komm vorbei.«
»Okay. Soll ich etwas einkaufen? Brauchst du was?«
»Nein, ich bin versorgt.«
»Hast du auch Bier?«
»Nein, Bier habe ich nicht.«
»Dann besorge ich welches. Bis bald.«
»Bis bald, Catherine.«
Michael ging ins Badezimmer und duschte. Dann lüftete er das Schlafzimmer und legte die Bettwäsche ordentlich auf das Bett. Er dachte daran, seinen Laptop einzuschalten um zu sehen, ob er Mails erhalten hatte, ließ es aber bleiben.
Er ging hinaus auf die Veranda und wartete dort auf Catherine.

»Guten Morgen, du Schlafmütze«, rief sie ihm zu. »Nachdem du bestimmt auf Morgensport verzichtet hast, komm her und trag das Bier ins Haus.«
Michael lachte, rief: »Guten Morgen, Frau Kollegin« und lief zu ihrem Auto.
Sie küsste ihn auf die Wange und meinte: »Du wirst zweimal gehen müssen.«
»Warum?«, fragte er und warf einen Blick in den Kofferraum. »Um Gottes willen«, meinte er. »Du hast ja einen Jahresvorrat an Bier gekauft.«
»Man sollte stets genug Bier im Haus haben.«
»Aber ich bin ja hier um nachzudenken, und nicht zum Saufen.« Er lachte, was auch sie zum Lachen brachte.
»Das Bier ist in diesem Fall auch nicht für dich, Michael.«
»Für wen denn dann?«
»Für mich.«
»Ich kann nicht verantworten, dass du bei mir so viel trinkst. Also werde ich dir wohl beim Trinken helfen müssen.«
Sie lachte. »Ich wusste es.«
»Was denn?«
»Einmal Trinker, immer Trinker.«
Michael trug das Bier in die Küche und schlichtete die Flaschen in den Kühlschrank.
»Wie viel hat es gekostet?«
»Alles? Oder bloß die Hälfte?«
»Alles, Catherine.«
Sie nannte ihm die Summe und Michael erstattete sie ihr.
»Danke fürs Raufbringen, Catherine.«
»Gern geschehen. Und hier«, sie reichte ihm die Klarsichthülle, »hast du meine Texte zum zweiten Mal.«
»Danke.«
»Hast du schon gefrühstückt?«
»Nein, noch nicht. Darf ich dir was anbieten?«
»Lass mich sehen, was du da hast.« Sie öffnete den Kühlschrank und nahm einige Lebensmittel heraus. »Wenn es dich nicht stört, bereite ich uns eine Jause zu.«
»Das stört mich überhaupt nicht. Darf ich dir dabei helfen?«
»Nein, lass nur. Aber du darfst mir zusehen und mit mir sprechen. Und den Tisch decken.«
Catherine richtete Schinken, Käse, eingelegtes Gemüse und Weißbrot auf einem großen Teller an, und Michael deckte den Esstisch im Wohnzimmer.
»Du hast gute Sachen eingekauft, Michael.«
»Ich bin eben der Ansicht, dass das Leben zu kurz und auch zu schön ist, um schlecht zu essen.«
»Damit hast du recht.«
Sie aßen, und nachdem sie fertig waren, saßen sie auf der Veranda, tranken Espresso und rauchten.

»Hast du schon herausgefunden, ob du ins Internet kommst?«
»Nein, noch nicht. Aber das könnte ich jetzt tun.« Michael stand auf und holte seinen Laptop. Er schaltete ihn ein und stellte erfreut fest: »Es funktioniert. Möchtest du was nachsehen, Catherine?«
»Nein, danke. Ich habe zu Hause im Internet gesurft. Aber vielleicht möchtest du ja deine Mails abrufen?«
»Soll ich? Ich glaube nicht, dass mir jemand geschrieben hat.«
»Das weißt du erst, wenn du sie öffnest.«
Michael folgte ihrer sanften Aufforderung. »Nein, keine neuen Mails«, stellte er fest.
»Also hat sie dir nicht geschrieben.«
»Wer?«
»Die Frau aus Wien.«
»Christina? Nein. Sie weiß, dass ich erst morgen nachsehen werde, ob sie mir ein Mail geschickt hat.«
»Möchtest du denn, dass sie dir schreibt?«
Michael zögerte. »Lass es mich so sagen: ich freue mich natürlich, wenn sie das tut.« Wieder zögerte er.
»Und im selben Ausmaß freust du dich, wenn sie es nicht tut.«, meinte sie.
»Das stimmt. Es klingt zwar böse, ist aber nicht so gemeint. Es ist vielmehr so, dass ich bei Weitem weniger Ruhe habe, wenn sie mir schreibt«, sagte er.
»Warum?«
»Weil sie was von mir will.«
»Und du dich erst von deinen Rucksäcken befreien musst. Ich verstehe.«
Michael schwieg.
»Wann willst du meine Texte lesen?«
»Heute nicht. Ich werde sie lesen, wenn ich alleine bin.«
»In Ordnung. Du sollst aber wissen, dass es mich nicht stört, wenn du sie vor mir liest.«
»Davon bin ich ausgegangen, Catherine.«
»Als du gestern bei mir warst, wurden wir unterbrochen. Du erinnerst dich?«
»Ja, das tue ich. Du wolltest mir gerade das Geheimnis deiner Fenster verraten. Warum sie stets so sauber sind.«
Catherine lachte. »Guter Versuch, Michael. Aber wir haben über etwas anderes gesprochen.«
»Ich weiß«, sagte er. »Und ich habe darüber nachgedacht.«
»Und zu welchem Ergebnis bist du gelangt?«
»Dass du recht hast.«
»Womit habe ich recht?«
»Damit, dass ich vermute, dass ich an Depressionen leide.«
»Darüber hast du nachgedacht?«, fragte sie erstaunt.
»Ja. Warum wundert dich das?«
»Ich war der Meinung, dass du über ganz andere Sachen nachdenken willst, hier in der Einöde.«
»‘Ganz andere Sachen’  stimmt nicht ganz, aber das kannst du nicht wissen, Catherine. Es ist dieselbe Sache, oder Ursache.«
»Also, Michael, nun mal der Reihe nach. Du hast erkannt, dass du an-«
»Catherine, bitte entschuldige, dass ich dich unterbreche. Ich möchte dir erklären, was ich meine.«
»Aber bitte so, dass ich dir auch folgen kann.«
»Natürlich. Also, ich habe, oder vielmehr hatte, den Hang wegzulaufen, wenn das, was du Depressionen nennst, was ich als Unwohlsein bezeichne oder bezeichnete, zu stark geworden ist. Die Reaktion darauf liegt also auf der Hand, ich habe bloß die Ursache anders bezeichnet. Mittlerweile, nachdem ich diese analysiert habe, folge ich dir in deiner Wortwahl. Ich leide an Depressionen, wenn auch an leichten.«
»Was meinst du mit ‘leicht’?«
»Das Schlimmste, was ich an Reaktionen an den Tag gelegt habe, war trinken und eben weglaufen. Das, woran du gedacht hast, habe ich nie in Erwägung gezogen.«
»Also bist du weggelaufen, um dich deinen eigenen Fragen nicht stellen zu müssen?«
»Ja, das war der Grund dafür.«
»Und warum hast du stets von Unwohlsein gesprochen?«
»Weil Depressionen eine Krankheit sind. Und ich habe mich weder krank gefühlt, noch fühle ich mich so.«
»Also hast du niemals daran gedacht, dir was anzutun, oder dir selbst Schmerzen zuzufügen? Als letzten Ausweg?«
Michael blickte sie erschrocken an. »Mich zu verletzen? Das meinst du doch, oder?«
»Ja.«
»Nein, niemals«, sagte er mit abwehrender Geste. »So was geht gar nicht. Hast du schon einmal an so was gedacht?«
»Nicht bloß gedacht«, antwortete sie.
Michael wusste erst nicht, was er sagen sollte. »Aber das ist Vergangenheit, oder?«
»Ja. Das ist lange her.«
»Gut. Also, ich gebe es zu, ich bin phasenweise depressiv.«
»Und hier auf Korsika wirst du diese Krankheit besiegen?«
»Das ist zumindest mein Plan.«
»Die Ruhe hier oben ist auf jeden Fall hilfreich.«
»Das sicherlich.« Er grinste. »Und von hier oben kann ich auch nicht so leicht weg.«
Catherine lachte. »Und dann komme ich mit einem Auto voll Bier und störe deine Ruhe.«
»Es gibt auch willkommene Störungen, Catherine.«
Sie lächelte.
»Apropos Bier: darf ich dir eines anbieten?«
»Gerne, Michael. Aber du brauchst mir kein Glas zu bringen. Ich trinke gerne aus der Flasche.«
»So wie ich.«
Michael holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank.
»Auf dein Wohl, Catherine.«
»Auf deines, Michael.«
Sie stießen an und tranken.
Catherine fragte: »Könntest du mir bitte eine Decke holen? Es wird langsam kalt hier draußen.«
Michael sah sie fragend an. »Welche Decke denn? Die auf dem Bett?«
Sie lachte. »Nein, die nicht. Im Kasten, wo das Bettzeug liegt, sind Decken. Im untersten Fach, glaube ich.«
Er ging ins Schlafzimmer und kam lachend mit zwei Decken zurück. »Danke für den Tipp, Catherine. Du weißt besser Bescheid als ich, wo hier was zu finden ist.«
Catherine lachte und sagte: »Danke für die Decke. Nun weißt auch du, wo sie sind.« Sie nahm eine Decke und wickelte sie um sich. »So ist es besser.«
Michael tat dasselbe und meinte: »Stimmt. Das war eine gute Idee.«
Sie sah ihn an. »Ich möchte eines deiner Gedichte hören. Lesen werde ich es wohl nicht können.«
»Ich könnte dir eines interpretieren, so wie du es mit deinem Gedicht gemacht hast.«
»Fang an.«
Michael trug die Verse des Gedichts auf Deutsch vor, das Christina als erstes seiner Werke gelesen hatte, und übersetzte sie danach ins Englische.
Als er fertig war, meinte Catherine: »Sehr intensiv und traurig. Und du sagst, dass du niemals an den Tod denkst?«
»An den Tod denke ich durchaus, Catherine. Dieses Gedicht handelt schließlich vom Wunsch eines jeden kreativen Menschen, dass nach seinem Tod jemand sagt, dass was da war.«
»Eben.«
»Aber ich würde den Tod niemals herbeisehnen. Zugegeben, einige meiner Texte gehen in diese Richtung, doch liebe ich das Leben viel zu sehr. Lass uns auf das Leben trinken, Catherine.«
»Ja, trinken wir. Auf das Leben, der Tod kommt früh genug.«
»Soll ich dir noch ein Bier holen?«
»Trinkst du auch noch eines, Michael?«
»Natürlich.«
»Möchtest du Gras rauchen?«
»Nein, vielen Dank. Dein Gras ist mir einfach zu stark. Aber wenn du kiffen möchtest, dann mach nur.«
»Nein. So dringend brauche ich das Zeug nicht.«
Michael brachte zwei weitere Flaschen Bier. Sie stießen an und schwiegen einige Minuten lang, bis Catherine das Schweigen brach.
»Was wirst du machen, wenn dein Aufenthalt hier nicht den gewünschten Erfolg hat?«
Michael schwieg einige Sekunden lang, dann seufzte er: »Dann mache ich einem bestimmten Menschen in Wien garantiert keine Freude.«
»Warum? Was ist dann?«
»Dann ist Christinas Herz wohl gebrochen.«
»Weil du in diesem Fall weiterhin davonlaufen wirst, mit den Rucksäcken auf deinem Rücken?«
»Ja.«
»Wer sind diese Rucksäcke?«
Michael überging diese Frage. Er zündete sich eine Zigarette an, deutete auf die auf dem Boden zwischen den beiden Stühlen liegende Packung und meinte: »Wenn du rauchen möchtest, bediene dich ruhig, Catherine.«
»Vielen Dank. Also, wer sind die Rucksäcke. Der eine ist deine Ex-Frau, das ist mir klar. Was mich weit mehr interessiert: wer ist die andere Frau?«
Michael seufzte, sah Catherine in die Augen und richtete seinen Blick auf die Landschaft. Nachdem er eine Minute ins Leere gestarrt hatte, sah er Catherine wieder an und sagte: »Ich kann nicht über sie sprechen. Noch nicht.«
Catherine, die ihn nicht aus den Augen gelassen hatte, meinte: »Das verstehe ich gut. Aber vielleicht möchtest du darüber sprechen, warum du mit ihr nicht abschließen konntest? Oder mit ihnen?«
»Mit meiner Ex-Frau habe ich weitgehend abgeschlossen.«
»Aber nicht ganz, denn sonst würdest du sie nicht als Rucksack bezeichnen.«
»Ich weiß nicht, vielleicht hebe ich mir das endgültige Abschließen mit ihr bloß auf, um mich nicht mit dem zweiten Rucksack alleine beschäftigen zu müssen.«
»Also verteilst du die Last auf zwei Rucksäcke, denn der eine, um den es wirklich geht, würde sonst zu voll und zu schwer werden«, stellte sie fest.
»So ist es wohl.«
»Wer ist die andere Frau?«
Wieder schwieg er.
»Ist es zu früh für dich, um über sie sprechen zu können?«
»Sie ist nicht der Rede wert«, gab er mit leiser Stimme zurück.
»Jetzt belügst du dich selbst, Michael. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie du dich fühlst. Du leidest entsetzlich, weil sie dir das Abschließen verweigert.«
»Stimmt«, flüsterte er leise.
»Dann sprich darüber.«
»Ich kann nicht. Noch nicht.«
Catherine seufzte. »Dann sag mir wenigstens, ob du mir noch ein Bier holen möchtest?«
Michael stand schnell auf und sagte: »Das immer, Frau Kollegin.«
Er ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. »Catherine«, rief er aus der Küche, »möchtest du eine Kleinigkeit essen? Ich habe Fertigpudding da.«
»Ja, gerne«, rief sie zurück. »Aber bloß einen halben.«
Michael kam mit Bier, einem Pudding und zwei kleinen Löffeln zurück. »Wenn du möchtest, kann ich die Hälfte des Puddings in eine kleine Schüssel umleeren.«
»Nicht nötig. Sofern es dich nicht stört, mit mir aus einem Becher zu essen.«
»Nein, das stört mich überhaupt nicht.«
»Das freut mich. Auf dein Wohl, Michael.« Sie nahm ihre Flasche und prostete ihm damit zu.
»Auf deines, Catherine.«
»Wie lange, denkst du, wird es dauern, bis du über sie sprechen kannst?«
»Mein Leben lang«, antwortete er und lachte.
»Noch so lange«, sagte sie in resigniertem Ton, seufzte und begann zu lachen.
»Im Moment sieht es jedenfalls danach aus.«
»Das kenne ich. Wenn man noch keinen einzigen Schritt in Richtung Abschluss gemacht hat, sieht es immer so aus.«
»Keine Sorge, Catherine. Ich weiß, dass es nur besser werden kann.«
»Warst du mit ihr in einer Beziehung?«
»Warum fragst du?«
»Weil mich das interessiert.«
»Warst du schon immer so neugierig?«
»Ja. Also, warst du mit ihr zusammen?«
Michael schwieg.
»Also nicht, oder?«
Michael antwortete nicht.
»Sie ist es doch, der du ein literarisches Denkmal gesetzt hast, oder?«
Michael blieb stumm.
Catherine zog die Augenbrauen hoch und blickte ihn an. Obwohl er dies wollte, konnte Michael ihrem Blick nicht ausweichen.
»Da liegt also der Hund begraben. Oder soll ich sagen: der Rucksack festgeschnallt?«
»Wo denn?«, fragte Michael beinahe trotzig.
»Du willst etwas von ihr. Darum geht es. Aus diesem Grund hast du ihr dein, wie du sagst, bislang längstes Werk gewidmet. Weil du sie liebst.« Sie sah ihn an.
Michael wollte etwas darauf sagen, doch mit einer Geste ihrer Hand bedeutete ihm Catherine zu schweigen.
»Sag jetzt nichts, Michael. Lass mich die Situation weiter ausführen. Du liebst sie über alles, doch sie will nichts von dir wissen. Ich verstehe sie zwar nicht, denn nach dem, was ich bis jetzt von dir weiß, bist du ein netter Mensch, und dumm bist du auch nicht. Aber egal. Nun fragst du dich, warum sie dich nicht will. Das heißt, dass sie weiß, dass du sie liebst. Natürlich weiß sie das, du hast ihr ja schließlich den Text gezeigt. Und nun verweigert sie dir ein Gespräch, mit welchen Argumenten auch immer, und deswegen ist es dir nicht möglich, mit ihr abzuschließen. Habe ich recht?«
»Ja«, sagte Michael. »Du hast recht.«
»Also ist diese Frau in Wahrheit der einzige Rucksack?«
»Ja.«
»Dann stehst du vor einem der schlimmsten Probleme, vor welchen ein Mensch stehen kann. Abgesehen von plötzlichen Todesfällen.« Sie machte eine Pause.
Michael wagte nicht zu sprechen, denn er wusste nicht, ob sie diese Pause machte, weil sie an ihren Bruder und ihre Eltern dachte.
»Du stehst vor dem Problem«, fuhr sie fort, »der unerwiderten Liebe, Michael.«
»Ja, das tue ich in der Tat«, sagte Michael schnell. »Und auch vor dem, dass meine Flasche leer ist. Deine übrigens auch, wie ich sehe.« Er sah sie fragend an.
Sie lächelte. »Ich erlaube dir diese kurze Flucht in die Küche. Bring mir bitte auch ein Bier mit.«
Michael ging in die Küche und holte zwei Flaschen Bier.
»Danke, Michael. Und diesem Problem musst du dich nun alleine stellen, denn sie verweigert dir ihre Hilfe dabei. So ist es für dich natürlich noch viel schwerer, als es ohnehin schon ist.«
»Catherine?«
»Ja.«
»Könnten wir bitte das Thema wechseln?«
»Das könnten wir durchaus. Werden wir aber nicht. Außerdem spreche ohnehin nur ich. Also Michael, du musst diesen Rucksack abwerfen, das ist sicher. Denn sonst brichst du nicht bloß Christinas Herz. Apropos: wäre sie denn die erste Frau, deren Herz unter deinem Rucksack bricht?«
»Nein«, flüsterte Michael.
»Das habe ich mir gedacht. Wie heißen die anderen Frauen?«
»Namen sind doch unwichtig.«
»Okay, stimmt. Wie viele Frauen waren es?«
Michael überlegte. »Sechs oder sieben. Je nachdem, welche Maßstäbe man anlegt.«
»Haben diese Frauen denn von deinem Rucksack gewusst?«
»Dann schon.«
»Soll das heißen, du hast ihnen erst vom Rucksack erzählt, nachdem ihre Herzen gebrochen waren?«
»Ja«, sagte Michael kleinlaut.
»So kann es jedenfalls nicht weitergehen, Herr Kollege«, stellte sie fest. »Morgen liest du den Text, in dem du ihr das Denkmal gesetzt hast.«
»Das werde ich.«
»Und du musst versuchen, dich beim Lesen in sie hineinzuversetzen. Du kennst sie doch, oder?«
»Ja, natürlich.«
»Ja. Diese Frage war nicht besonders intelligent. Würdest du sie nicht kennen, hättest du dich kaum in sie verliebt. Was du also tun musst: lies den Text aus ihrer Sicht. Achte auf deine Formulierungen und auf das, was du ihr mit diesem Text sagst. Und achte unbedingt auf das, was zwischen den Zeilen steht. Das ist besonders wichtig.«
»Das werde ich. Danke für diesen Tipp, Catherine.«
»Und dann sprechen wir darüber, wenn du möchtest.«
»Gerne.«
»So, und jetzt lasse ich dich mit deinem Rucksack in Ruhe.«
»Also darf ich bestimmen, über welches Thema wir als nächstes sprechen?«
»Ja. Aber nicht hier auf der Veranda.«
»Es ist kalt geworden. Möchtest du dich ins Wohnzimmer setzen?«
»Gerne. Hast du eingeheizt?«

»Der Ofen ist noch warm, aber ich werde Holz nachlegen.«
»Und ich hole uns in der Zwischenzeit noch zwei Flaschen Bier. Nach dem nächsten Bier kann ich aber nicht mehr autofahren.«
»Du kannst hier übernachten.«
»Auf dem Sofa?«
»Nein, im Bett.«
»Und wo wirst du schlafen?«
»Das entscheidest du, Catherine. Wenn es dir lieber ist, dass ich hier im Wohnzimmer schlafe, brauchst du es nur zu sagen. Ich habe kein Problem damit.«
»Das entscheide ich später.«
Sie saßen auf dem Sofa und tranken Bier.
»Möchtest du was essen, Catherine?«
»Hast du Oliven im Kühlschrank?«
»Ja.« Michael machte Anstalten aufzustehen, doch Catherine sagte schnell: »Nein, bitte bleib sitzen. Ich hole uns Oliven und Weißbrot.«
»Gerne.«
»Möchtest du sonst noch etwas?«
»Nein, das reicht.«
Catherine ging in die Küche und kam  mit einem Teller in der Hand zurück.
»Also, wie versprochen: nun darfst du bestimmen, worüber wir reden.«
»Wie oft hast du es denn schon erlebt, dass du nicht abschließen durftest, Catherine?«
»Ein paarmal.«
»Und wie hast du es geschafft, dennoch abzuschließen?«
»Michael, ich möchte dir keinesfalls ausweichen, doch werde ich über dieses Thema noch nicht mit dir sprechen.«
»Darf ich fragen, warum?«
»Ich möchte dich nicht beeinflussen. Du musst selbst herausfinden, wie du abschließen kannst. Wenn ich dir im Detail erzähle, wie ich das gemacht habe, besteht die Gefahr, dass du meine Methoden anwendest.«
»Es gibt doch kein Patent auf solche Methoden, das ich verletzen könnte, oder?«
Sie lachte. »Nein, natürlich nicht. Doch musst du das selbst lernen. Schließlich sind das die Methoden, die du, wenn sie funktionieren, künftig anwenden wirst.«
»Das verstehe ich.«
»Gut. Also?« Sie sah ihn erwartungsvoll an.
»Auch wenn ich indiskret bin?«
»Das war ich die ganze Zeit.«
»Catherine, wie bist du draufgekommen, dass du sowohl auf Frauen als auch auf Männer stehst?«
Catherine lachte laut. »Eigentlich stehe mehr ich auf Männer.«
»Aber ich habe doch-«
»Du hast gehört, dass ich sowohl mit Frauen als auch mit Männern Beziehungen hatte. Das habe ich dir doch selbst gesagt, oder?«
»Ja, das warst du.«
»Also, was genau möchtest du jetzt von mir wissen?«
»Ich möchte wissen, wie du- Nein. Lassen wir das Thema«, sagte Michael mit rotem Kopf.
Catherine lachte. »Ist dir dieses Thema plötzlich peinlich?«
»Nein, überhaupt nicht«, log er, während sein Kopf eine Nuance roter wurde.
»Warum hast du dann einen hochroten Kopf?« Sie lachte noch immer.
»Also gut, Catherine. Was bist du jetzt? Bisexuell?«
»Nein, das bin ich nicht. Ich habe mich auch nie als bi bezeichnet. Bist du das etwa?«
»Nein, bin ich nicht.«
»Du hattest aber etwas mit einem Mann.«
»Ja. Und weiter?«
»Siehst du, Michael? So verhält es sich auch bei mir.«
»Ja.«
»Könntest du dir vorstellen, nochmal mit einem Mann zu schlafen?«
»Nein, könnte ich nicht. Ich habe es ausprobiert, es war nicht das Richtige für mich, und damit hat es sich.«
»Weil die andere Person männlich wäre?«
»Ja.«
»Mir geht es nicht um das Geschlecht, sondern um den Menschen.«
»Wie meinst du das?«
»Wenn mir das Wesen eines Menschen gefällt, spielt es für mich keine Rolle, ob er männlichen oder weiblichen Geschlechts ist.«
Michael dachte über ihre Worte nach. »Stimmt, das Geschlecht sollte keine Rolle spielen.« Er trank einen Schluck Bier, grinste und fragte: »Stehen mehr Männer oder Frauen auf der Liste deiner Verflossenen?«
Catherine lachte. »Dass diese Frage kommt, war mir klar.«
Michael lachte ebenfalls. »Bin ich so berechenbar?«
»So berechenbar wie alle Männer. Um deine Frage zu beantworten: es stehen bei Weitem mehr Männer auf dieser Liste.«
»Alles klar. Möchtest du zu diesem Thema noch etwas sagen, Catherine?«
Sie sah ihn erstaunt an. »Wie bitte?«
»Möchtest du noch etwas dazu sagen? Falls nicht, würde ich sagen, dass wir dieses Thema ausführlich genug behandelt haben.«
»Welches dir ein wenig peinlich zu sein scheint. Obwohl du es warst, der darüber sprechen wollte.«
Michael schwieg.
»Das Thema ist abgeschlossen. Ich bin wieder an der Reihe.«
»Nur zu, Catherine. Leg los.«
»Was bedeutet dir das Schreiben?«
Michael überlegte einige Sekunden, bevor er antwortete: »Alles.«
Catherine sah ihn erstaunt an. »Ist das dein Ernst?«
»Ja.«
»Diese Antwort habe ich nicht erwartet.«
»Welche hast du dann erwartet?«
Catherine dachte nach. »Dass du sagst ‘Ein netter Zeitvertreib, aber mehr nicht.’ Oder etwas in der Art.«
»Nein, diesbezüglich muss ich dich enttäuschen. Das Schreiben bedeutet mir alles.«
»Warum?«
»Vermutlich weil es das Einzige ist, was ich kann«, meinte er lakonisch.
Catherine lachte.
»Du lachst, aber das ist die Wahrheit. Es ist wirklich das Einzige, was ich kann. Oder was ich können will.«
»Das wohl eher.«
»Was bedeutet denn dir das Schreiben, Catherine?«
»Auch alles. Wo wärst du jetzt, wenn du es nicht hättest?«
»Vermutlich auf Alkoholentzug in irgendeiner Klinik. Und du?«
»Tot.«
»Dann ist es gut, dass das Schreiben dich gefunden hat.«
»Dass es mich gefunden hat? Habe ich dich richtig verstanden?«
»Ja, so habe ich das gesagt.«
»Das ist eine ebenso interessante wie wahre Formulierung.« Sie dachte einige Sekunden nach. »Ist es bei dir auch so?«
»Ja, auf jeden Fall. Ich gebe mir zwar gern den Anschein des einigermaßen Gutsituierten, der zum Zeitvertreib ein paar Zeilen verfasst. Doch in Wahrheit kann ich ohne das Schreiben nicht existieren.«
»Worüber schreibst du?«
»Über das Leben«, antwortete er und versuchte, seiner Stimme einen harmlosen Klang zu geben.
»Über das Leben also«, sagte sie im gleichen Ton. Mit verschmitzter Miene meinte sie: »Und über das, was die Leute über einen toten Kreativen idealerweise sagen, oder?«
Michael erkannte, dass sie ihm die Harmlosigkeit nicht abgekauft hatte. »Ich verarbeite damit Sachen, die mich beschäftigen oder stören«, erklärte er. »Oder die mich belasten. Du machst es doch auch so.«
»Ja. Das Schreiben hilft mir bei so was sehr.«
»Es ändert zwar nichts an den Tatsachen«, fuhr er fort, »doch kann ich mit ihnen besser umgehen, wenn ich darüber geschrieben habe. Man darf bloß nicht erwarten, dass sich gewisse Tatsachen ändern, nur weil man über sie schreibt.« Er seufzte und blickte auf das Sichtfenster des Ofens, hinter dem orange Flammen die Holzscheite umzüngelten.
»Du sprichst von deinem Denkmal-Text, habe ich recht?«
»Ja. Er hat leider nichts an gewissen Tatsachen geändert.«
»Hast du ernsthaft geglaubt, dass er etwas ändern würde? Bevor du ihn dieser Frau gezeigt hast, meine ich.«
»Ich habe darauf gehofft.«
»Ich habe dich gefragt, ob du daran geglaubt hast, Michael.«
»Weißt du, es ist so, dass-« Er stockte und blickte wieder in die Flammen. Nach einer Minute wandte er sich wieder Catherine zu. »Hast du deinen Traummann kennengelernt, Catherine?«
»Ob ich ihn kennengelernt habe?« Sie überlegte kurz. »Nein. Jedenfalls noch nicht.«
»Du hast mich gefragt, ob ich daran geglaubt habe. Ich denke, dass kein Mensch ernsthaft glaubt, dass dein Werben von seinem Traummann oder seiner Traumfrau erhört wird.«
»Das ist eine von vornherein negative Sichtweise. Denkst du wirklich so?«
»Wenn es um mich selbst geht, dann ja.«
»Das bedeutet, dass du dich als minderwertig betrachtest.«
»Als minderwertig? Nein. Zumindest nicht generell. Dass ich dem Rucksack nichts wert bin, ist jedoch evident.«
»Du meinst, dass du ihrer Liebe nicht wert bist?«
»Noch nicht einmal eines Gesprächs.«
»Nun sind wir wieder an dem Punkt angelangt, an dem ich dir bloß eines sagen kann«, sie machte eine Pause, »lies deinen Denkmal-Text aus ihrer Perspektive und- Nein. Ich habe eine bessere Idee.« Ihre Stimme klang aufgeregt. »Wie lang ist der Text?«
Michael sah sie erstaunt an. »Keine Ahnung. Warum?«
»Was heißt ‘keine Ahnung’? Zehn, dreißig oder vierzig Seiten?«
»Ich weiß es nicht.«
»Du hast ihn doch gespeichert, oder?«
Er verstand den Wink, holte seinen Laptop, schaltete ihn ein und öffnete die Datei mit dem Text. »Einhundertachtunddreißig Seiten ist er lang.«
Catherine sagte: »Das ist ja ein Roman, den du verfasst hast.«
»Mag sein. Warum fragst du, wie lang er ist?«
»Ich schlafe ja hier.«
»Ja. Und weiter?«
»Was hältst du davon: du liest mir den Text auf Englisch vor?«
Michael verstand nicht. »Und?«
»Ich bin eine Frau. Ich kann dir, hoffentlich, sagen, was an deinem Werk sie so hat handeln lassen, wie sie es gemacht hat. Also warum sie dich nicht erhört hat.«
Michael schwieg.
»Was hältst du von diesem Angebot?«
»Das würdest du tun?«
»Ja, natürlich.«
»Warum?«
»Weil wir Kollegen sind und einander helfen müssen, Michael.«
»Und wobei kann ich dir helfen, Catherine?«
»Im Augenblick bei der Bekämpfung meines Durstgefühls.«
Michael holte zwei weitere Flaschen Bier.
»Auf dein Wohl, Catherine. Willst du dir das wirklich antun? Meinen Text zu analysieren?«
»Ja, warum nicht. Auf die Formulierungen werde ich allerdings nicht eingehen können, da ich deinen Roman ja auf Englisch vorgetragen bekomme.«
»Das ist mir klar.«
»Aber auf den Inhalt werde ich sehr wohl eingehen können.«
»Und was mache ich dann mit dem Wissen, das ich mir durch deine Kritik aneignen werde?«
»Du hast einerseits die Erklärung, warum dein Werk bei ihr nicht auf fruchtbaren Boden gefallen ist, andererseits weißt du beim nächsten Mal, wie du es besser nicht angehen solltest. Du siehst also«, sie lachte, »du kannst nur daraus lernen.«
Michael lachte ebenfalls. »Lernen fürs Leben, sozusagen.«
»Du sagst es. Lies mir eine Kurzgeschichte vor. Natürlich nur, wenn du das möchtest.«
»Ich möchte durchaus, allerdings habe ich schon zu viel Bier getrunken, um sie noch so ins Englische übersetzen zu können, dass sie Sinn ergeben würde.«
»Wir werden noch Gelegenheit dazu haben«, meinte sie achselzuckend. »Es ist warm geworden hier«, stellte fest und zog ihren Pullover aus.
Da sie unter diesem bloß ein T-Shirt trug, waren ihre Unterarme und die Hälfte ihrer Oberarme nunmehr unbedeckt.
»Catherine?« Michael blickte auf ihre Unterarme, die mit einer Vielzahl weißer Linien überzogen waren.
Catherine bemerkte wohin er sah, sah ebenfalls dorthin und sagte: »Du willst sicher wissen, was das für Narben sind, oder?«
»Ich glaube zu wissen, wo sie herrühren.«
»Und woher?«
»Von einem Messer, vermute ich.«
»Es waren Rasierklingen, um präzise zu sein.«
Michael wusste nicht recht, was er sagen sollte, also sprach er aus, was offensichtlich war: »Sie sind gut verheilt.«
Catherine lachte. »Bist du jetzt schockiert?«
»Nein, das bin ich nicht.«
»Wirklich nicht?«
»Nein. Warum sollte ich es sein? Du versteckst deine Narben nicht, sonst hättest du den Pullover anbehalten. Sie gehören einfach zu dir.«
Sie seufzte. »Und das ein Leben lang.«
»Haben dir die Schnitte damals Linderung gebracht?«
»Ja.«
»Dann waren sie für etwas gut. In einigen Kulturen wird auch heute noch die Tradition der Skarifizierung hochgehalten.«
»Ich weiß. Also stören sie dich nicht?«
»Nein. Du bist deswegen nicht weniger attraktiv.«
»Meinst du das ernst?«, fragte sie und rückte dicht an ihn heran.
»Ja, Catherine.«
»Gib mir einen Kuss. Aber bloß einen einzigen, kurzen Kuss.«
Der Kuss dauerte zehn Minuten, und nachdem er geendet hatte, nahm Catherine Michael an der Hand und zog ihn ins Schlafzimmer.
»Komm mit, Herr Kollege.«
»Mit Vergnügen, Frau Kollegin«, sagte er und zog die Schlafzimmertüre hinter sich zu.

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