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Dienstag, 11. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 22

22


»Du wirst mit dem Duschen warten müssen, bis das Wasser wieder warm ist.« Catherine stand in ein Badetuch gewickelt vor dem Bett.
»Guten Morgen, Catherine.«
»Guten Morgen, Herr Kollege. Hast du gut geschlafen?«
»Besser als du, jedenfalls länger.«
»Ich stehe gerne früh auf. So habe ich mehr vom Tag.«
»Nachdem du bereits munter bist, könntest du uns einen Espresso kochen«, meinte Michael grinsend.
Sie lachte, zog sich an und ging in die Küche. Er nahm eine kurze kalte Dusche und setzte sich zu ihr an den kleinen Küchentisch.
»Möchtest du erst nachsehen, ob du Mails erhalten hast, oder gleich damit beginnen, mir deinen Text zu übersetzen?«
»Soll ich dir den gesamten Text übersetzen, oder bloß die Passagen, die vom Rucksack handeln? Das sind ohnehin viele.«
»So lang ist das Werk auch wieder nicht, also übersetze mir bitte alles.«
»Gut«, sagte Michael. »Wo? Im Wohnzimmer?«
»Ja. Auf der Veranda ist es noch zu kalt.«
»Dann lass uns den Kaffee mitnehmen. Möchtest du was essen, Catherine?«
»Nein, danke. Fangen wir an. Mal sehen, wie weit wir bis Mittag kommen.«

Sie setzten sich ins Wohnzimmer.
»Gut. Kaffee steht auf dem Tisch, einen Aschenbecher und Zigaretten haben wir auch. Fehlt irgendetwas? Möchtest du ein Glas Wasser, Catherine? Ich werde mir nämlich eines holen.«
»Ja, bitte bring mir auch eines.«
Michael brachte es.
»Danke, Michael«, sagte Catherine. »Nun sind wir versorgt und du kannst anfangen.« Sie lächelte.
»Da wäre noch eine Sache: musst du auf die Toilette, bevor ich-« Der Rest ging in ihrem Gelächter unter.
»Also«, Michael las Catherine seinen Text auf Englisch vor.
Als er bei Seite zwanzig war, fragte er: »Catherine, hast du alles verstanden?«
»Ja, Michael. Bis jetzt kann ich deiner Erzählung folgen.«
»Du musst mich sofort unterbrechen, wenn dir etwas unklar ist. Ich kenne den Text ja, also weiß ich, was darin steht und vor allem, wie die Geschichte weitergeht.«
»Keine Sorge, Michael. Ich werde nachfragen, sollte mir etwas unklar sein.«
»Gut. Also, weiter im Text.« Michael las weiter. Als er auf Seite achtundneunzig angelangt war, fragte er nochmal: »Catherine, kannst du der Geschichte immer noch folgen?«
»Ja, Michael. Lies weiter. Es interessiert mich, was du als nächstes machst.«
»Wie spät ist es eigentlich?«
»Kurz nach elf Uhr. Wie viele Seiten hast du noch vor dir?«
»Vierzig.«
»Dann lass uns kochen, wenn du fertig bist. Geht das in Ordnung, oder bist du schon sehr hungrig.«
»Nein, ich halte es aus.«
»Na dann, lies weiter.«
Michael las den Text zu Ende und sagte: »Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.«
Catherine lachte.
Michael fragte sie: »Und? Was hältst du davon?«
»Lass uns nach dem Essen darüber sprechen. Ich muss über ein paar Dinge nachdenken.«
»In Ordnung«, meinte er.
»Was ich dir aber schon jetzt sagen kann: dieser Roman, als solchen würde ich deinen Text, nachdem ich ihn nun kenne, bezeichnen, ist wirklich gut geschrieben.«
»Vielen Dank, Frau Kollegin.«
»Nichts zu danken. Komm, lass uns was kochen.«
»Was kochen wir denn?«
»Das hängt davon ab, was du im Kühlschrank hast.«

Nachdem Catherine diesen durchforstet hatte, kochten sie gemeinsam Spaghetti mit Thunfischsauce.
»Du hast sehr gut gekocht, Catherine. Alle Achtung.«
»Du auch, Michael.«
»Wirklich? Das freut mich. Nudeln zu kochen ist nämlich ganz schön schwierig.«
Catherine lachte. »Das nächste Mal darfst du dich um die Sauce kümmern. Und ich kümmere mich um die Nudeln.«
»Also misstraust du Männern am Herd nicht grundsätzlich?«
»Nein, überhaupt nicht. Ich habe mir, während ich die Sauce gekocht habe, Gedanken zu deinem Text gemacht.«
»Ja? Und?«
»Iss erst auf. Dann setzen wir uns ins Wohnzimmer und reden.«
Sie aßen, danach tat Michael das Geschirr in den Geschirrspüler, während Catherine Espresso brühte.

»Du solltest Holz nachlegen, solange eine schwache Glut im Ofen glimmt.«
»Stimmt, das sollte ich.« Michael zog seine Jacke an und ging hinter das Haus.
»Das reicht, um drei Tage durchzuheizen«, meinte Catherine und lachte, als sie ihn mit einer Scheibtruhe voll Holz ins Wohnzimmer kommen sah.
»So brauche ich nicht so oft Holz holen gehen«, meinte Michael.
»Da hast du recht. Wo willst du das Holz denn lagern?«
Michael sah sich ratlos im Raum um.
Catherine bog sich vor Lachen. »Stell die Scheibtruhe doch einfach neben den Ofen.«
»Sehr witzig«, sagte er mit gespielter Verärgerung. Er legte ein paar Scheite in den Ofen und meinte: »Ich hatte natürlich vor, die Scheibtruhe mit dem restlichen Brennholz auf die Veranda zu stellen.« Dann lachte auch er.
Er schob die Scheibtruhe auf die Veranda und setzte sich wieder neben Catherine auf das Sofa.
»Alles erledigt, Michael?«
»Ja. Alles planmäßig gelaufen.«
»Das freut mich. Nun zu deinem Text.« Sie machte eine Pause.
Michael, dem diese zu lange dauerte, forderte sie ungeduldig auf: »Sag schon.«
»Wäre ich diese Frau-« Sie dachte kurz nach. »Sag, Michael, warum hast du ihren Namen nicht erwähnt?«
»Ich wollte es nicht so offensichtlich machen. Wir haben einige gemeinsame Freunde und Bekannte.«
»Ich verstehe. Wie heißt sie?«
Michael nannte ihren Namen.
»Wäre ich sie, würde ich dich erhören.«
»Wirklich?«, fragte er ebenso erstaunt wie erfreut.
»Ja. Wenn die Geschichte nach ungefähr zwanzig Seiten endete.«
Michael sah sie entgeistert an. »Wie bitte?«
»Die ersten zwanzig Seiten sind sehr gut. Du beschreibst in klaren und deutlichen Worten, was er, der in Wahrheit du selbst bist, also was du für sie empfindest. Du lässt nichts aus, selbst dann nicht, wenn du dich selbst damit in kein allzu gutes Licht rückst. Das ist bewundernswert und mutig. Besonders rührend finde ich, dass du dich an deinem Geburtstag in sie verliebt hast. Entspricht das der Wahrheit?«
»Ja«, seufzte Michael.
»Feierst du seit diesem Tag deinen Geburtstag überhaupt noch?«
»Ja. Entweder sehr exzessiv, mit Freunden, oder alleine, mit Früchtetee.«
»Beides ist gleich traurig.«
»Ich überlebe es.«
Sie lächelte. »Noch. Hoffentlich noch lange. Aber wieder zu deinem Werk. Der Rest der Geschichte besteht aus Wiederholungen.«
»Wiederholungen?«, fragte er erstaunt.
»Versteh mich nicht falsch, die Handlung ist sehr spannend erzählt. Doch was die Frau angeht, also was du für sie empfindest - da kommt nichts Neues. Dein Roman ist wirklich gut geschrieben, aber du hast das Pulver deiner Liebe auf den ersten zwanzig Seiten verschossen.«
Michael sah sie an, sagte jedoch nichts darauf.
»Sieh mich nicht so hilflos an. Ich sage doch bloß, was ich denke. Keine Frau möchte hundertmal ‘Ich liebe sie.’ oder ‘Sie ist meine Traumfrau.’ lesen. Egal, wie gekonnt formuliert oder verklausuliert das geschrieben steht.«
»Denkst du, dass ich sie dadurch unter Druck gesetzt habe?«
»Ich kenne sie, im Gegensatz zu dir, nicht persönlich. Ich würde mich jedenfalls unter Druck gesetzt fühlen. Und was ich deinen Beschreibungen ihrer Persönlichkeit entnehme, hat sie dieses Gefühl wahrscheinlich gehabt.«
»Okay. Das erklärt aber nicht, aus welchem Grund sie mir das Abschließen verweigert.«
»Frag sie doch, warum sie das macht.«
»Das habe ich, glaube mir. Mehr als nur ein Mal.«
»Was hat sie dir geantwortet?«
»Dass ihre Stimme ihr zuflüstert, dass sie das nicht tun soll.«
»Das hat sie gesagt?«
»Geschrieben hat sie es.«
Catherine grinste. »Du weißt, was man über Leute sagt, die Stimmen hören?«
Michael lachte. »Ja, das weiß ich.«
»Du wirst alleine da durchmüssen, Michael.«
Er seufzte. »Und wie?«
»Zum Beispiel indem du dich in eine andere Frau verliebst, mit der du offen über diesen Rucksack sprechen kannst. Eine, die dir dabei hilft, ihn loszuwerden.«
»Das ist genau das, was ich nicht kann. Ich bin offensichtlich einer dieser Menschen, die erst abschließen müssen, bevor sie sich etwas Neuem zuwenden können.«
»Apropos: hat Christina dir ein Mail geschickt? Heute ist Freitag?«
»Stimmt. Ich sehe nach.« Michael öffnete seinen Mail-Account. »Ja, sie hat mir geschrieben.«
»Lies vor. Aber nur, wenn du das willst.«
Michael öffnete das Mail und las: »Lieber Michael. Wie geht es dir in deinem Haus? Hast du schon damit begonnen, an dir zu arbeiten und deine Rucksäcke loszuwerden? Wenn ja, wie weit bist du damit? Ich hoffe, schon weit, auch wenn ich natürlich weiß, dass du Zeit brauchst. Und diese Zeit gebe ich dir auch gerne. Ich würde mich jedoch sehr freuen, wenn du mir, zumindest ungefähr, mitteilen könntest, wie lange du brauchen wirst. Ich vermisse dich nämlich sehr. Bei mir gibt es nichts Neues. Ich arbeite viel in der Gärtnerei und treffe mich heute Abend mit einer Freundin. Gestern war ich am späten Abend in einer kleinen Cocktailbar. Ich war alleine dort, und ein Mann hat mich angesprochen und auf ein paar Cocktails eingeladen. Er hat bei mir übernachtet. Ich hoffe, dass du deswegen nicht böse auf mich bist. Ich habe ihm gesagt, dass ich einen Freund habe, der gerade Urlaub auf Korsika macht, aber dann habe ich ihn doch zu mir eingeladen. Ich wollte die Nacht einfach nicht alleine verbringen. Ich vermisse dich. Schreib mal wieder, ich freue mich schon auf dein Mail. Ich liebe dich. Deine Christina.
PS: Es gibt doch was Neues: ich habe mit meinem Chef gesprochen und er hat mir gestattet, jederzeit unbezahlten Urlaub zu nehmen. Wenn es mir also zu lange dauern sollte, bis du wieder nach Wien kommst, fahre ich einfach mit der Fähre nach Korsika und hole dich ab. Also lass dir nicht zu viel Zeit.
Ich glaube es nicht«, seufzte Michael.
»Ein sonderbares Mail«, stellte Catherine fest.
»Das ist es. Was mir ernsthaft Sorgen bereitet, ist das Postskriptum. Ich fühle mich dadurch unter Druck gesetzt.«
Catherine lachte. »Jetzt weißt du wenigstens, wie sich das anfühlt. Insofern ist dieses Mail sogar lehrreich.«
Michael lächelte säuerlich. »Ja, wahrscheinlich.«
»Was wirst du ihr antworten?«
»Dass es mich freut, dass sie eine schöne Nacht mit irgendeiner Barbekanntschaft verbracht hat«, antwortete er patzig.
»Michael?«
»Ja.«
»Auch du hast die letzte Nacht nicht alleine verbracht.«
»Stimmt.« Er überlegte kurz. »Eifersucht ist also völlig fehl am Platz.«
»Eben.«
»Außerdem ist sie solo.«
»Sie will, dass du so schnell wie möglich wieder nach Wien fliegst, Michael.«
»Das habe ich dem Mail entnehmen können.«
»Und? Wirst du ihrem Drängen nachgeben?«
»Nein. Schließlich hat sie auch geschrieben, dass sie weiß, dass ich Zeit brauche.«
»Um ihr Mail mit der Ankündigung zu beenden, dass sie dich abholen wird, wenn ihr diese Zeit zu lange dauern sollte.«
»Glaubt sie denn, dass sie ein Anrecht auf mich hat?«
»Danach sieht es jedenfalls aus.«
»So ist das aber nicht«, stellte er fest. »Ich bestimme immer noch selbst, wer ein Anrecht auf mich hat. Und auf meine Zeit.«
»Eines muss man Christina lassen: ihr Mail ist gekonnt geschrieben. Dieser Aufbau verdient Respekt.«
»Was meinst du damit?«, fragte Michael irritiert.
»Sie hat den Umstand, dass sie Urlaub nehmen darf, als Neuigkeit bezeichnet.«
»Und weiter? Sie hat vielleicht erst heute mit ihrem Chef gesprochen.«
»Und dass sie einen Mann, den sie nie zuvor gesehen hat, mit nach Hause nimmt? Ist das denn keine Neuigkeit?«, stellte Catherine eine rhetorische Frage.
Michael schwieg.
»Wie gesagt, sie hat dieses Mail gekonnt verfasst. Sie weiß genau, welche Knöpfe sie bei dir drücken muss, um zu erreichen, was sie will.«
»Moment«, protestierte Michael. »Was soll das heißen, ‘Knöpfe bei mir drücken’? So gut kennt sie mich nicht.«
»Bist du dir da sicher?«
»Natürlich«, sagte er im Brustton der Überzeugung. »Bloß weil sie ein paar Semester Psychologie studiert hat, heißt das noch lange nicht, dass sie mich gut kennt.«
Catherine zog die Augenbrauen hoch. »Psychologie, sagst du? Und die Zeit in Rom habt ihr zusammen verbracht?«
»Ja. Und?«
»Und sie weiß, dass du nichts Neues anfangen kannst, solange du deinen Rucksack mit dir herumträgst?«
»Ja. Das habe ich ihr am Telefon erzählt.«
»Michael«, sie sah ihm in die Augen »diese Frau kennt dich sehr gut. Aus diesem Grund hat sie dir auch ein derart manipulatives Mail geschickt.«
»Also, das ist schlicht falsch«, protestierte er.
»Nein, Michael, das ist es eben nicht. Du musst mir einfach glauben, wenn ich dir sage, dass Christina dich sehr gut kennt.«
Michael dachte einige Sekunden über ihre Worte nach. »Wahrscheinlich hast du recht, Catherine.«
»Es ist auch nicht besonders schwer, dich gut zu kennen.«
»Wieso?«
»Weil du ein sehr offener Mensch bist.«
»Dir gegenüber, Catherine. Und Christina gegenüber auch. Das heißt aber nicht, dass ich das allen Menschen gegenüber bin.«
»Das ist mir klar. Ich glaube sogar, dass du den meisten Menschen gegenüber sehr verschlossen bist. Freundlich und höflich, aber verschlossen.«
»Das stimmt.«
»Warum bist du es bei mir denn nicht?«
»Vermutlich weil ich einen Draht zu dir habe, wie man sagt.«
Sie lachte.
»Ich weiß nicht, ob alle korsischen Frauen so sind wie ihr. Jedenfalls kann ich mit dir, Claire und Julie offen reden. Und ihr habt offenkundig den selben Eindruck bei mir gehabt.«
»Ich denke, es hält sich die Waage, was die Ehrlichkeit und Offenheit korsischer Frauen anlangt. Einige sind falsch, andere ehrlich. Du bist an drei Vertreterinnen der zweiten Kategorie geraten.« Sie lachte. »Glück gehabt, Michael.«
»Ich habe durchaus Erfahrungen mit der ersten Kategorie machen dürfen.«
Catherine sah ihn fragend an, dachte kurz nach und meinte: »Stimmt, die Maklerin.« Dann lachte sie.
»Aber die habe ich bekehrt«, sagte er schmunzelnd. »Die ist sicherlich nicht mehr falsch.«
»Oder noch falscher und hinterhältiger.«
»Oder das. Catherine, was soll ich mit Christina machen?«
»Das ist eine schwierige Frage. Du kannst dem Druck, den sie auf dich ausübt, oder ausüben möchte, natürlich leicht entkommen.«
»Und wie?«
»Schreib ihr, dass du es kategorisch ablehnst, auch nur einen Gedanken an eine Rückkehr nach Wien zu verschwenden, solange dein Projekt auf Korsika nicht abgeschlossen ist. Und dass du es auch ablehnst, von ihr besucht oder gar abgeholt zu werden.«
»Das wäre nicht einmal gelogen.«
»Eben.«
»Und wie soll ich auf den Mann reagieren, der bei ihr geschlafen hat?«
»Schreib einfach, dass auch du nicht alleine geschlafen hast.«
»Wäre das nicht unsensibel? Ich meine, sie liebt mich immerhin.«
»Nicht unsensibler als das, was sie geschrieben hat.«
»Also gut«, sagte Michael und klickte auf ‘Antworten’. Während er Christinas Mail auf Deutsch beantwortete, sprach er in englischer Sprache:
»Liebe Christina. Es gefällt mir sehr gut in dem Haus, das ich jetzt bewohne. Ich habe bereits begonnen, mir Fragen zu stellen und bin zuversichtlich, dass ich die Antworten darauf erhalten werde. Das Abwerfen meiner Rucksäcke wird jedoch viel Zeit in Anspruch nehmen. Aus diesem Grund werde ich mich keinesfalls hetzen, schließlich wollen wir beide, dass mir das gelingt. Das bedeutet, dass Wien im Moment kein Thema für mich ist. Es ist also nicht nötig, dass du dir unbezahlten Urlaub nimmst. Ich habe in meinem Haus Internetzugang, also werde ich meinen Mail-Account unter Umständen schon nächsten Mittwoch öffnen. Ich vermisse dich auch. Liebe Grüße aus Korsika. Michael.«
Er sah Catherine an. »Was sagst du dazu?«
»Freundlich, aber klar und deutlich.«
»Das denke ich auch.«
»Erwähnst du ihr Barbekanntschaft denn gar nicht?«
Michael grinste. »Doch, natürlich erwähne ich sie. Und zwar jetzt.« Er schrieb und las weiter:
»PS: Auch ich habe die letzte Nacht nicht alleine verbracht. Also bin ich keineswegs böse auf dich.«
Er klickte auf ‘Senden’.
Catherine lächelte. »Gut formuliert, Herr Kollege.«
»Vielen Dank.« Er schaltete den Laptop aus. »Ich werde ja am Mittwoch sehen, wie sie reagiert. Schläfst du heute wieder hier, Catherine?«
»Soll ich?«
»Ich freue mich, wenn du das tust.«
»Dann schlafe ich hier. Das bedeutet, dass ich nicht autofahren muss«, sagte sie lächelnd.
»Und Bier trinken möchtest.«
»So ist es.«
Michael holte zwei Flaschen Bier. »Eigentlich wollte ich ja weniger trinken und mehr nachdenken.«
»Du Armer. Stattdessen musst du saufen und reden.«
»Du hast recht, ich bin wirklich arm.«
»Kannst du dir vorstellen, längere Zeit auf Korsika zu bleiben?«
Michael überlegte. »Ich weiß nicht, wie es hier im Sommer ist. Es soll ja sehr heiß sein.«
»Das ist es. Aber hier oben ist es bestimmt erträglich.«
»Ich kann diese Frage noch nicht beantworten. Erst einmal muss ich mich befreien.«
»Ich verstehe. Es ist ziemlich verraucht hier«, stellte sie fest. »Lass uns das Fenster öffnen.«
Michael öffnete das Wohnzimmerfenster und schlug vor: »Lass uns wandern gehen. Es ist ein schöner Spätnachmittag.«
»Ich kann nicht. Ich habe bloß leichte Sportschuhe dabei. Aber morgen vielleicht?«
»Das ist eine gute Idee. Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du mich morgen«, er zögerte, doch als er ihren aufmunternden Blick sah, fuhr er fort: »in die Stadt mitnehmen. Dort könnte ich einkaufen gehen. Und du könntest Kleidung und deine Wanderschuhe einpacken.«
»Natürlich nehme ich dich mit. Wir könnten am späten Vormittag losfahren, bei mir zu Mittag essen und danach fahren wir wieder zurück. Bei der Gelegenheit kann ich ein paar Sachen aus meinem Kühlschrank hierher mitnehmen, die bald ablaufen.«
»Catherine?«
»Ja?«
»Diese Frage klingt immer blöd, egal wie man sie stellt.«
»Dann stell sie so, dass sie nicht blöd klingt.« Sie lächelte.
»Willst du mir Gesellschaft leisten?«
»Ich bin doch keine Hofdame«, sagte sie mit gespielter Entrüstung.
»Catherine, hier oben ist es wunderschön, aber mir dir wäre es noch schöner. Lass uns hier gemeinsam Zeit verbringen.«
»Etwas gestelzt, aber meine Antwort ist ja.«
»Das freut mich sehr.«
Sie hob ihre Flasche, prostete ihm zu und trank sie leer. »Mich auch, Michael.«
Sie küssten sich.
»Du musst aber an dir arbeiten und darfst dein Ziel nicht aus den Augen verlieren«, ermahnte sie ihn.
»Und was wirst du hier machen?«
»Ich werde schreiben. So wie du.«
»Ich werde schreiben? Das wusste ich gar nicht.«
»Doch, Michael, du wirst schreiben. Glaube mir.«
»Werden wir etwa unseren Roman schreiben?«
Sie lachte. »Erst schreibt jeder für sich.«
»Eine Frage, Catherine. Warum ich, was gefällt dir an mir?«
»Ganz einfach: du scheinst Geld zu haben. Und mein Haus in der Stadt braucht ein neues Dach.« Sie brach in schallendes Gelächter aus. »Nein, ernsthaft: du bist ein freundlicher und intelligenter Mann. Und wir haben viel gemeinsam.«
Michael lächelte. »Zwei Verrückte, die sich gefunden haben.«
»Das sicherlich. Und da ist noch etwas, das mir an dir gefällt.«
»Dass ich Geld habe?«, fragte Michael lachend.
»Geld ist nicht wichtig. Solange genug Bier im Haus ist«, meinte sie und hielt ihm ihre leere Flasche hin, die er durch eine volle ersetzte. »Danke, Michael.«
»Gern geschehen. Also, was noch?«
»Mir gefällt, dass du einfach so nach Korsika geflogen bist. Auf gut Glück, sozusagen. Du sprichst kaum französisch, warst noch nie hier und hast keine Ansprechperson gehabt, als du hergekommen bist. Und doch war dir von vornherein klar, dass du auf dieser Insel an dir arbeiten willst. Das war sehr mutig.«
Michael schwieg.
»Lob hörst du entweder nicht gerne oder nicht oft.«
»Wie kommst du darauf?«
»Weil du mit rotem Kopf dasitzt und nicht weißt, was du sagen sollst.«
»Nicht oft, aber dafür gerne.«
Sie küsste ihn und sagte: »Ich glaube, du kannst das Fenster wieder schließen. Mir wird allmählich kalt.«
Michael schloss das Fenster, holte eine Decke aus dem Schlafzimmer und sagte: »Deck dich zu, Catherine, sonst verkühlst du dich.«
»Danke. Aber wo ist deine Decke?«
»Ich werde keine brauchen«, antwortete er, beugt sich zu ihr hinab und küsste sie. »Eine Decke sollte reichen.«
Catherine sah ihn lächelnd an und meinte: »Dann komm unter die Decke und steh nicht vor mir herum.«
»Erst gehe ich in die Küche und hole uns was zu essen. Du hast doch auch Hunger, oder?«
»Ja, habe ich. Du brauchst mich aber nicht zu bedienen, Michael.«
»Das mache ich gerne.« Er ging in die Küche und kam mit zwei Stücken eines Baguettes zurück, zwischen deren Hälften er Schinken und Käse gelegt hatte. »Lass es dir schmecken, Catherine.«
»Vielen Dank.«
»Gerne. Catherine, wenn du im Internet was nachsehen möchtest, dann schalte einfach den Laptop ein. Du brauchst dafür kein Passwort.«
»Das ist sehr freundlich, aber ich werde davon keinen Gebrauch machen. Zumindest heute nicht. Aber du kannst mir nach der Jause eine deiner Kurzgeschichten vorlesen. Wenn du das möchtest.«
»Gut, ich lese dir nachher eine vor. Was ist eigentlich mit Claire und Julie?«
»Was soll mit ihnen sein?«
»Du solltest ihnen sagen, dass du hier schläfst.«
»Wozu?«
»Vielleicht kriegen sie mit, dass du schon die zweite Nacht nicht zu Hause schläfst und machen sich Sorgen.«
»Ich denke, sie wissen, wo ich bin.«
»Wirklich? Woher denn?«
»Claire ist meine beste Freundin. Sie merkt es, wenn mich ein Mann interessiert. Merkt es dein bester Freund nicht auch, wenn dir eine Frau gefällt?«
»Doch, natürlich.« Michael überlegte. »Wenn ich es ihm sage, dann merkt er es«, schränkte er ein.
»Frauen sind wohl sensibler, wenn es um so was geht«, meinte sie.
»Soll ich dir nun eine Kurzgeschichte vorlesen?«
»Ja, gerne. Ich weiß nicht, was du schreibst, also wähle eine aus, die du für besonders gelungen hältst.«
»Die sind alle gelungen«, sagte er mit gespielter Entrüstung.
Catherine lachte.
Michael schaltete den Laptop wieder ein, öffnete den Ordner, in welchem seine Texte gespeichert waren, ging die Namen der einzelnen Dateien durch und öffnete eine von ihnen.
»Also.« Er begann zu lesen.
Als er geendet hatte, lachte Catherine. »Hast du das Land, in dem sich die Handlung abspielt, erfunden?«
»Natürlich, ebenso die Kreaturen, die dort leben.«
»Deine Kurzgeschichte gefällt mir gut.«
»Vielen Dank. Ich habe noch ein paar geschrieben, die in diesem Land spielen.«
»Was hat dich auf die Idee gebracht, solche Storys zu schreiben?«
Michael überlegte. »Keine Ahnung. Es war wohl die Lust, etwas zu schreiben, das ich noch nie geschrieben habe. Ein seltener Moment der Kreativität.« Er lachte.
»Denkst du, dass du nur selten kreativ bist?«
»Wenn ich meine Texte lese, habe ich diesen Eindruck.«
»Wirklich?«
»Ja. Die meisten Texte sind autobiografisch. Zwar nicht offen autobiografisch, doch wenn ich lese, was die handelnden Personen sagen, wie sie denken und handeln, stelle ich jedes Mal fest, dass ich da selbst spreche, denke und handle. Oft mache ich das sogar als nicht bloß eine Person, sondern als mehrere Personen.«
»Das kenne ich von meinen Texten. Aber deswegen würde ich sie, weder deine noch meine, nicht als unkreativ bezeichnen.«
»Dann legst du andere Maßstäbe bei der Bewertung deiner Werke an, als ich es bei meinen Texten mache.«
»Denkst du, dass ein Schriftsteller überhaupt verhindern kann, dass etwas von ihm selbst in seine Werke fließt?«
Michael dachte nach. »Vermutlich kann das niemand verhindern.« Er machte eine Pause. »Wenn ich an den Text denke, den ich dir eben vorgelesen habe, muss ich sagen, dass natürlich etwas von mir darin steckt.«
Catherine grinste. »Was denn?«
»Die Lust, Handlungen bis zu deren Ende auszuführen. In diesem Fall den Schabernack auf die Spitze zu treiben.«
Sie lachte. »Das hast du geschafft, Michael. Das Finale der Erzählung ist wirklich der Gipfel des Schabernacks.«
Michael lachte. »Nun musst auch du eine Kurzgeschichte vorlesen, Catherine.«
»Das kann ich nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich meine Texte von deinem Laptop aus nicht abrufen kann.«
Michael stand auf, holte die Klarsichthülle und reichte sie ihr. »Such dir eine Story aus und lies sie mir vor.«
Sie las eine ihrer Kurzgeschichten, und als sie fertig war, fragte sie: »Hast du alles verstanden?«
»Lass es mich so sagen: ich konnte deiner Geschichte problemlos vom Anfang bis zum Ende folgen.«
»Aber?«
»Aus welchem Grund bringt sie sich am Ende um?«
»Das kommt doch im Laufe der Erzählung heraus.«
»Natürlich erfährt der Leser, dass es ihr schlecht geht. Dennoch ist ihr Selbstmord unmotiviert.«
»Findest du?«, fragte sie.
»Ja, finde ich.«
»Warum?«
»Es geht ihr schlecht, weil sie einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hatte. Und dann ist sie auch noch depressiv geworden. Okay, ich gebe zu, dass man sich in dieser Situation die Karte umdekorieren möchte.«
»Die Karte umdekorieren?«, unterbrach sie ihn und lächelte.
»Kennst du diesen Ausdruck?«
»Natürlich kenne ich ihn. Du hast dieses Buch also auch gelesen.«
»Selbstverständlich habe ich dieses Meisterwerk gelesen.«
Catherine schmunzelte.
»Aber zurück zu deinem Text: ich halte Selbstmord immer für die falsche Entscheidung. Aber ich kann verstehen, wenn sich jemand in dieser Situation dazu entschließt. Du, und diese Frau im Text bist du, setzt diese Handlung jedoch unmotiviert. Zu einem Zeitpunkt, an dem du aus dem Ärgsten heraus bist, an dem es wieder aufwärts geht. An dem nur noch geringer Kraftaufwand nötig wäre, um all das Schreckliche hinter dir zu lassen. So viel weniger an Kraft, als du bereits aufwenden musstest. Und das ist es, was ich nicht begreife.«
»Du hast recht, Michael. Der Suizid in diesem Text wäre nicht notwendig gewesen. Literarisch notwendig, meine ich. Und dennoch war er notwendig, nämlich für mich selbst. Damit du verstehst, was ich meine: ich habe mir damals oft vorgenommen, mir was anzutun. Zweimal habe ich sogar versucht, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.« Sie machte eine Pause. »Zum Glück ist nichts passiert, ich bin beide Male aufgewacht. Aber zurück zum Text: hätte ich das nicht geschrieben, hätte ich mich an diesem Tag umgebracht. Also war dieser literarische Selbstmord notwendig, denn so musste ich den realen nicht ausführen.«
»Die Lasten der Vergangenheit sind die schwersten Bürden«, meinte er.
»Es wäre so schön, wenn wir aufwachen könnten, und die Vergangenheit wäre ausgelöscht.«
»Versuchen wir, das zu tun.«
»Was, Michael?«
»Lass und den Augenblick genießen und nie wieder an die Vergangenheit denken.«
»Und woher willst du wissen, dass dich dein Rucksack nie wieder drücken wird?«
»Das weiß ich natürlich nicht, Catherine. Ich weiß auch nicht, ob ein derart radikaler Neuanfang wirklich Erfolg haben kann, aber versuchen kann man es.«
»Und Christina?«
»Sie wird Verständnis dafür haben. Oder nicht. Und im Gegensatz zu meinem Rucksack würde ich für ein abschließendes Gespräch zur Verfügung stehen. Wenn sie ein solches führen möchte.«
Catherine dachte nach. »Warum nicht? Versuchen wir es. Mehr als scheitern können wir nicht. Und sollten wir scheitern, haben wir nicht mehr Probleme als heute.«
»Du sagte es«, meinte er und küsste sie.
»Ich verspreche dir, Michael, ich werde kein weiterer Rucksack auf deinem Rücken werden.« Sie küsste ihn.
»Das weiß ich, Catherine.«
»Möchtest du ins Bett gehen?«
Er sah sie erstaunt an. »Ist es denn schon so spät? Ich bin gar nicht müde.«
»Ich auch nicht«, sagte sie grinsend, nahm seine Hand und führte ihn ins Schlafzimmer.

»Wenn dieses Gefühl das Ergebnis eines Neuanfangs ist, dann möchte ich jeden Tag neu anfangen«, flüsterte sie in sein Ohr.
Michael reagierte nicht.
»Ich bin gerade sehr glücklich«, sagte sie und küsste ihn auf die Wange.
»Ich bin auch glücklich, Catherine«, sagte er und atmete tief aus.
»Möchtest du eine Zigarette rauchen, Michael?«
Er antwortete nicht.
»Michael?«
Er reagierte nicht.
»Michael, möchtest du rauchen?«, fragte sie nochmals. »Sag doch was.«
Sie beugte sich über ihn. »Michael? Nein, bitte nicht. Sag etwas. Oh mein Gott.«
Catherine sprang aus dem Bett und rannte aus dem Raum.

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