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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 4

4


Er betrat ein Lokal mittlerer Größe, das gut besucht war. Musik spielte in gerade noch erträglicher Lautstärke und der Raum war darüber hinaus erfüllt vom Gewirr von Stimmen. Er entledigte sich seiner Jacke und gab sie an der Garderobe ab, danach stellte er sich an die Bar. Ihm entging nicht, dass weit mehr Frauen als Männer anwesend waren.
›Es befinden sich viele schöne Frauen in dieser Bar. Ich halte es zwar für ausgeschlossen, dass ich den einen Menschen hier finden werde, dessen Nähe und Augen der mir bestimmte Ort sind. Es wäre jedoch ein unverzeihlicher Fehler, mich der Möglichkeit zu berauben, diese Person hier doch kennenzulernen‹, dachte er. ‹Und außerdem habe ich der Frau im Café versprochen, sofort mit der Suche zu beginnen.‹
Er bestellte ein kleines Bier, das ihm in einer Flasche serviert wurde, Glas erhielt er keines. Er nahm einen Schluck Bier und sah sich im Raum um. Dieser war karg, doch geschmackvoll möbliert. Wenige Tische standen darin, ein jeder von vier Sesseln umstellt, und über jedem Tisch hing ein modernes Ölgemälde an der Wand. Neben den Bildern waren kleine Schilder an der Wand angebracht, die den Namen des Künstlers, das Jahr der Entstehung des Bildes und den Preis, zu dem es erworben werden konnte, auswiesen. Die Mehrzahl der Gäste stand in den großzügig dimensionierten Freiräumen zwischen den Tischen und im Bereich der Bar.
Michael zog eine Packung Zigaretten aus seiner Hosentasche und suchte nach seinem Feuerzeug. Da er es nicht finden konnte, bat er einen neben ihm stehenden Mann, ihm Feuer zu geben. Dieser sah ihn erstaunt an und erklärte ihm, dass das Rauchen im Lokal verboten wäre und er vor die Türe gehen müsste. Peinlich berührt ob seiner Unkenntnis der in Italien geltenden Gesetze ging Michael nach draußen.
Einige junge Frauen standen vor dem Lokal, sie rauchten und unterhielten sich lautstark. Michael ging auf sie zu und bat um Feuer. Sie hielten in ihrem Gespräch inne und eine von ihnen gab ihm freundlich lächelnd ihr Feuerzeug. Er bedankte sich, zündete seine Zigarette an und rauchte sie.
Wieder im Lokal versuchte Michael, mit den Gästen ins Gespräch zu kommen, doch bemerkte er bald, dass sich diese im Kreis ihrer Freunde und Freundinnen befanden und wenig Interesse an einer Unterhaltung mit ihm hatten. So trank er sein Bier aus, holte seine Jacke und verließ das Lokal.

Unschlüssig, was er mit dem angebrochenen Abend anfangen sollte, ging er durch die Gassen und hatte sich bereits entschlossen, in sein Hotel zurück zu gehen und es sich vor dem Fernseher gemütlich zu machen, als er die Stimme einer Frau hinter sich vernahm.
»Na, Michael, wie gefällt dir das winterliche Florenz bei Nacht?«
Er blieb stehen. Die Stimme war ihm bekannt, doch konnte er sie niemandem zuordnen. Er wandte sich um, sah, wem sie gehörte und sagte: »Nicht so gut wie das winterliche Wien, Christina. In Wien weiß ich wenigstens, wo ich hingehen kann und welche Leute ich dort treffen werde.«
»Ja, in der Fremde ist das oft ein Problem«, sagte sie leise und seufzte.
»Was machst du zu so später Stunde auf der Straße?«
»Ich gehe spazieren und hoffe, auf diese Weise den Kopf frei zu bekommen.«
»Und dein Freund? Begleitet er dich denn nicht?«
»Mein Ex-Freund? Nein, tut er nicht.«
»Oh.« Michael wusste nicht recht, was er sagen sollte.
»Bist du schon auf dem Heimweg?«
»Nein, eigentlich nicht. Ich war in einer Bar, doch habe ich dort keinen Anschluss gefunden und mich gelangweilt«, gab Michael zurück und zündete sich eine Zigarette an, nachdem er sein Feuerzeug in der Jackentasche gefunden hatte. »Und rauchen durfte ich im Lokal auch nicht«, sagte er mit gespielter Entrüstung in seiner Stimme.
»Kann ich auch eine Zigarette haben?«
Michael gab ihr eine.
»Danke. Ich weiß eine nette kleine Bar nicht weit von hier. Möchtest du was trinken gehen?«
»Sehr gerne.«
»Somit hast du doch noch Anschluss gefunden.« Sie lachte.
»Ja, in der Tat.«
Sie betraten die Bar und fanden einen freien Tisch an einem der Fenster. Beide bestellten Gin Tonic.
»Was ist passiert?«, fragte Michael.
»Er hatte Besuch, als ich die Wohnung betreten habe.«
»So einen Besuch?« Er betonte das erste Wort.
»Ja. So einen.«
»Und nun? Was machst du nun?«
»Ich habe meine Sachen bei der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof abgegeben und fahre morgen zurück nach Wien.«
»Warum erst morgen? Warum hast du nicht den nächsten Zug genommen?«
»Es war kein Platz mehr frei.«
»Und wo übernachtest du?«
»Ich werde wohl durchmachen.«
»Also, ich will dich nicht angraben, aber wenn du möchtest, kannst du bei mir im Hotel schlafen.«
»Ich weiß noch nicht. Gib mir Zeit. Ich sage dir später, ob ich dein Angebot annehme.«
»In Ordnung.«
Sie stießen an und tranken.
»Was hast du gemacht, als du deinen Freund mit einer anderen Frau ertappt hast? Ich hoffe, meine Frage ist nicht zu indiskret.«
»Ich habe ihm gesagt, er soll sich durch mein Auftauchen nicht gestört fühlen und einfach weitermachen.«
Michael schwieg.
»Dann habe ich ihm gesagt, dass er das, was er mit der anderen gerade macht, nie wieder mit mir machen wird. Und dann habe ich den Schlüssel zu seiner Wohnung in sein Aquarium geworfen und bin gegangen.«
»Das ist eine ungewöhnliche Reaktion. Und eine sehr starke obendrein.«
»Ich habe ohnehin vermutet, dass er-« Sie stockte. »Na ja, es waren nette eineinhalb Jahre, nur das zählt.«
Michael nahm eine Zigarette aus seiner Packung und hielt ihr diese hin. »Gehst du mit vor die Türe?«
»Nein, danke. Ich habe mit dem Rauchen an meinem dreißigsten Geburtstag aufgehört.«
»Aber vorhin-«
»Vorhin«, unterbrach sie ihn, »ist nie passiert.«
»Gut«, gab er zurück und tat die Zigarette wieder in die Packung. »Rauchen ist ohnehin tödlich.«
»Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?«
»Ich bin durch die Stadt gegangen.«
»Warst du in Museen?«
»Nicht direkt. Ich bin davor gestanden.«
»Wie? Du stehst in der Kälte vor Museen und gehst nicht hinein?«
»Ja. Ich hatte keine große Lust auf Kunst.«
»Und dann bist du in eine Bar gegangen, wo niemand mit dir reden wollte.«
»Dazwischen habe ich mir im Fernsehen ein Fußballspiel angesehen.«
»Toll.« Christinas Stimme hatte einen unüberhörbaren sarkastischen Unterton. »Wie sieht es mit deinem Unbehagen aus?«
»Lustig, dass du das erwähnst.«
»Warum?«
»Ich bin in einem Café gesessen, da hat sich eine ältere Frau zu mir gesetzt.«
»Und?«
»Sie hat sehr weise Sachen gesagt.«
»Worüber?«
»Über den Ort, an dem ich frei werden kann.«
»Und wo ist dieser Ort?«
»Das muss nicht zwangsläufig ein Ort im Wortsinn sein. Das kann auch ein Mensch sein. Oder ein Baum.«
»Ja, das kann vieles sein.« Sie sah ihm lange in die Augen.
Michael fühlte eine Art Verbundenheit mit Christina. Sie saßen an einem Tisch und sprachen über ihre Probleme, die gleichsam ausgebreitet vor ihnen auf dem Tisch lagen.
»Was machst du eigentlich?«, fragte sie.
»Beruflich?«
»Ja.«
»Nicht allzu viel. Ich schreibe.«
»Was schreibst du?«
»Was immer mir in den Sinn kommt. Satiren, Gedichte, Geschichten und so was.«
»Und davon kannst du leben?«
»Nein, kann ich nicht.«
»Wie bezahlst du dann deine Rechnungen?«
»Ich habe etwas Geld geerbt.«
»Und sonst? Verheiratet, feste Freundin, Kinder?«
»Glücklich geschieden, kinderlos und einsam in schlampigen Verhältnissen lebend. Und du?«
»Ich bin seit einigen Stunden Single, wie du vielleicht gehört hast.«
»Das meinte ich nicht«, beeilte sich Michael zu sagen. »Ich meine, was du beruflich machst.«
»Ich weiß, dass du das meinst. Ich habe einige Semester Psychologie studiert, dann aber abgebrochen.«
»Und wovon bezahlst du deine Rechnungen? Arbeitest du?«
»Ja. Ich arbeite in einer Gärtnerei.«
»Das ist ein schöner Job.«
»Wie kommst du darauf?«
»Immer mit Leben arbeiten, Pflanzen wachsen sehen, immer von der Natur umgeben. Ich stelle mir das schön vor.«
»Ja, das ist es auch.«
Sie sprachen über viele Bereiche des Lebens im Allgemeinen und ihrer Leben im Speziellen.
Der Kellner kam an den Tisch, um Michael und Christina darauf aufmerksam zu machen, dass er ihnen bloß noch eine letzte Runde Getränke servieren dürfte. Sie bestellten zwei Gin Tonic und prosteten einander zu.
Ihr Redefluss war zum Erliegen gekommen. Sie saßen sich gegenüber und schauten sich wortlos in die Augen. Selbst während des Trinkens ließen sie einander nicht aus den Augen.
Michael ergriff Christinas Hand und sie ließ ihn gewähren.  Er genoss es ebenso sehr, Christina damit Halt zu geben, wie er es genoss, durch das Berühren ihrer Hand selbst Halt zu finden.
Sie leerten zeitgleich ihre Gläser und Christina sagte: »Wenn dein Angebot, bei dir im Hotel zu übernachten, noch stehen sollte-« Sie legte eine Pause ein.
»Es steht, Christina.«
»Weißt du, was man sagt?«
»Nein. Was sagt man?«
»Zusammen ist man weniger allein.«
»Das stimmt.«
Michael beglich die Rechnung und sie verließen die Bar.
Michael legte Christina seinen Schal um den Hals und sie zog ihren linken Handschuh aus, ergriff seine nackte rechte Hand, steckte sie in die Außentasche ihres Mantels und hielt sie fest.

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