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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 5

5


Sie betraten das Hotel und Michaels Befürchtung, einen Aufpreis zahlen zu müssen, da er bloß ein Einzelzimmer hatte, erwies sich als unbegründet. Der selbe junge Mann, der ihm die Bar empfohlen hatte, saß an der Rezeption. Doch anstatt Michael auf den Umstand mit dem Einzelzimmer anzusprechen, grüßte er ihn und Christina freundlich und wandte sich wieder dem vor ihm stehenden Computer zu.
Christina sah sich in Michaels Zimmer um und bemerkte lächelnd: »Also, Extrabett hast du keines.«
Michael sah sie an. »Nein. Aber wenn du das möchtest, kann ich ja den jungen Mann von seinem Computer wegholen und ihn bitten, mir ein Klappbett und einen Schlafsack zu bringen.«
Beide lachten. Es war ein natürliches Lachen, da beide wussten, wo und an wessen Seite sie die Nacht verbringen wollten.
»Ich glaube, in der Minibar ist Vodka.«
»Glaubst du? Oder weißt du es?«
»Ich habe noch nicht nachgesehen. Soll ich?«
»Ja, sieh nach.«
Michael öffnete den kleinen Kühlschrank und stellte fest: »Also. Wir haben Vodka, Gin, Prosecco und Bier. Mineralwasser und Orangensaft haben wir auch. Was möchtest du trinken?«
»In diesem Fall schlage ich vor, dass wir bei Gin bleiben.«
Er öffnete zwei kleine Flaschen Gin und reichte ihr eine davon. »Gläser sind offenbar im Zimmerpreis nicht inbegriffen.«
»Hast du Zahnputzbecher?«
»Ich sehe nach«, sagte er und kehrte mit zwei Plastikbechern zurück. »Sie sind sogar noch eingewickelt.« Er stand mit den Bechern in Händen vor ihr. »Wo möchtest du trinken?«
»Wo möchtest du denn trinken?«
»Ich habe zuerst gefragt. Wir können unseren Gin an dem kleinen Tisch-«
»Ich denke, wir werden ihn hier trinken«, meinte Christina, setzte sich auf das Bett und bedeutete ihm mit einer Geste, sich neben sie zu setzen, was er sogleich tat.
Schweigend sahen sie sich in die Augen, und kurz bevor das Schweigen peinlich zu werden drohte, ergriff Michael ihre Hand und küsste diese sanft.
Christina zog ihre Hand zurück, legte ihren Arm um Michaels Schultern und gab ihm einen Kuss, der er nur zu gern erwiderte.
Sie zogen sich gegenseitig aus, wobei ihre Lippen bloß für die kurze Zeit voneinander getrennt waren, die unumgänglich für das Befreien von der Oberbekleidung war, und schliefen miteinander.
Danach lagen sie schweißnass und eng umschlungen auf dem Bett und Christina sagte: »Das war genau das Richtige.«
Michael lächelte sie an, sagte jedoch nichts. Sie verstand auch so, dass er das selbe dachte.
›Der Sex mit ihr war der beste, den ich je hatte. Ginge es nach mir, könnten wir jeden Tag mehrmals miteinander schlafen.‹
»Woran denkst du?«, fragte sie ihn.
»An nichts Bestimmtes«, log er.
»Lügner. Sag mir, woran du denkst.«
»Das wäre mir peinlich.«
»Das braucht es nicht. Wir riechen und schmecken-», sie küsste ihn, »nach einander. Und das sehr gut. Also, sag, was du denkst.«
»Ich wünsche mir, dass es nicht bei dieser einen Nacht bleibt.«
»Die Nacht ist doch noch gar nicht vorbei.«
»Nun-«, Michael stockte.
»Mir hat es auch sehr gut gefallen und ich wünsche mir auch, dass es nicht dabei bleibt. Aber es ist nun einmal so, dass ich morgen zurück nach Wien fahren muss.«
»Ist das denn in Stein gemeißelt?«
»Wie meinst du das?«
»Was wäre, wenn du noch nicht zurück fährst?«
»Meine Ersparnisse wären weg.«
»Warum?«
»Das ist ein teures Hotel. Und essen und trinken muss ich auch.«
»Und wenn ich dich einlade?«
»Warum solltest du mich einladen? Wir kennen einander doch kaum.«
»Dann lernen wir uns eben besser kennen.«
»Bist du immer so schnell?«
»Nein, keineswegs. Du bist sozusagen Premierengast.«
Christina lachte. »Ich fühle mich geehrt.«
»Heißt das ja?«
»Ich- Das geht alles sehr schnell, verstehst du? Ich mache mit meinem Freund Schluss, treffe dich wieder, wir landen bei dir und du willst gleich die nächsten Tage mit mir verbringen. Ich bin mir-«
»Und wenn wir es so machen: ich gebe dir Zeit, wie in der Bar, als du dich später entscheiden wolltest, ob du bei mir schläfst. Sagen wir, bis zur Abfahrt deines Zuges. Wäre das für dich in Ordnung?«
»In Ordnung. Sag, Michael, warum ich?«
»Ich weiß es auch nicht. Für gewöhnlich pflege ich mit großgewachsenen blauäugigen Blondinen zu verkehren, die zumindest drei Studien abgeschlossen haben.« Michael lachte.
»Und dann gerät der Herr Autor an eine kleine Brünette mit braunen Augen, die nicht einmal einfache Akademikerin ist, und möchte diesen Ausreißer gleich festhalten«, führte Christina lachend aus.
»Nein, im Ernst. Ich schaue in deine Augen und sehe in ihnen etwas, das ich bisher noch nie gesehen habe.«
»Und das wäre?«
»Ich kann es nicht in Worte fassen. Noch nicht.«
»Bist du glücklich?«
»Jetzt? In diesem Augenblick?«
»Ja.«
»Überglücklich.«
»Michael?«
»Ja, Christina.«
»Warum bist du auf der Welt?«
»Ja, weißt du, meine Eltern damals. Es war kalt und regnerisch und sie haben sich gegenseitig gewärmt, um nicht zu erfrieren. Und neun Monate später-«
»Lass den Blödsinn. Also, warum?«
»Ich weiß es nicht.«
»Weißt du es nicht oder hast du niemals darüber nachgedacht?«
»Ich habe sehr oft darüber nachgedacht, doch bin ich zu keiner für mich befriedigenden Antwort gelangt.«
»Du lebst also ganz gut dahin, ohne zu wissen, was der Sinn deines Lebens ist?«
»Ich fürchte, so ist es.«
»Hat das vielleicht mit deinem Unwohlsein zu tun?«
»Nein. Die Frage nach dem Sinn habe ich mir schon vorher gestellt.«
»Ich stelle dir jetzt eine Frage und möchte, dass du sie absolut ehrlich beantwortest.«
»Ich bin immer ehrlich.«
»Suchst du oder siehst du gerade den Sinn deines Lebens in mir?«
»Ganz ehrlich: ich weiß es nicht. Was ich jedoch weiß ist, dass ich deine Nähe genieße.«
»Weißt du, warum ich dir diese Frage gestellt habe?«
»Warum?«
»Ich bin nämlich nicht der Sinn deines Lebens.«
»Als diesen habe ich dich auch nicht gesehen. Soll heißen: ich habe dich nicht aus diesem Grund zu mir ins Hotel eingeladen.«
»Gut.«
»Ich meine, wir kennen einander kaum. Somit wäre es höchst unpassend und auch übereilt, sähe ich in dir den Sinn.«
»Ich bin froh, dass du das sagst.«
»Ich bin bloß ehrlich.«
»Darf ich auch bloß ehrlich sein?«
»Ich bestehe darauf.«
»Ich möchte das eben Erlebte-«, sie küsste ihn, »wiederholen.«
Michael erwiderte ihren Kuss und sie liebten sich ein zweites Mal.
»Ich vermute, ich weiß nun, was der Sinn meines Daseins ist«, sagte Michael.
»Jetzt weißt du es? Da bin ich aber gespannt. Erzähl mal.«
»Glücklich sein. Ich habe bloß noch keine Ahnung, wie ich diesen Zustand erreichen kann.«
»Glücklich wollen wir alle sein.«
»Was ist eigentlich der Sinn deines Lebens?«
»Ein guter Mensch zu sein.«
»Ich denke, dass du das bist.«
»Wie kommst du darauf?«
»Ich habe, so glaube ich jedenfalls, eine ganz gute Menschenkenntnis. Und die sagt mir, dass du ganz sicher kein schlechter Mensch bist.«
»Aber vielleicht war ich einer.«
»Na und? Auch ich bin oft auf Abwege geraten.«
»Waren auch richtig schlimme dabei?«
»Fragst du mich gerade, ob ich schon einmal im Gefängnis war?«
»Nein. Dann wärst du vermutlich irgendwo tätowiert. Ich meinte, ob du dich anderen Menschen gegenüber echt mies verhalten hast.«
»So richtig mies eigentlich nicht. Unfair, das schon eher.«
»Wem gegenüber?«
»Meiner Ex-Frau zum Beispiel.«
»Inwiefern?«
»Ich habe sie geheiratet, obwohl ich noch nicht reif für die Ehe war.«
»So was kommt vor. Gibt es noch jemanden?«
»Ein paar. Aber das ist Vergangenheit.«
»In Ordnung.«
»Und du? Warst du schon mal so richtig gemein zu anderen Menschen?«
»Ja, war ich. Aber das ist ebenfalls Vergangenheit.«
Christina gähnte.
»Möchtest du schlafen?«
»Ja. Falls ich morgen den Zug nehmen sollte, möchte ich wenigstens ein paar Stunden geschlafen haben.«
»Ich verstehe.«
»Ich würde mich wirklich gerne weiter mit dir unterhalten, doch da ich mir noch nicht sicher bin, wie das Ganze weitergeht, möchte ich morgen ausgeruht sein.«
»Vielleicht findest du ja im Schlaf die Antwort, wie es weitergehen soll. Wann soll ich dich wecken?«
»Um sechs Uhr, wenn es dir nichts ausmacht.«
Michael stellte die Weckfunktion in seinem Mobiltelefon ein.
Christina küsste ihn und schlief, ihren Kopf auf seine Brust gelegt, ein. Wenige Minuten später schlief auch Michael ein.

Gegen fünf Uhr fuhr Christina aus ihrem Schal hoch. Sie weckte Michael, indem sie mehrere Male seinen Namen sagte.
»Was ist los, Christina? Hattest du einen Albtraum?«
»Nein. Ich will dich um etwas bitten.«
»Schieß los.«
»Schalte bitte den Wecker aus.«
Michael deaktivierte die Weckfunktion, umarmte Christina und drückte sie im Liegen sanft an sich.

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