Labels

Blog-Archiv

Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 6

6


Sie erwachten gegen neun Uhr.
»Dein Zug ist schon weg.«
»Und? Stört dich das?«
»Ja, ungemein.«
»Lügner.«
Michael lachte. »Möchtest du duschen, Christina?«
»Ja, gerne. Darf ich dein Duschgel und dein Haarshampoo benutzen?«
»Natürlich. Die Sachen sind in meinem Kulturbeutel. Unter dem Spiegel liegt eine kleine Zahnbürste, sie ist unbenutzt.«
»Danke.« Sie stieg in die Duschkabine und drehte das Wasser auf. »Michael«, rief sie.
Er kam ins Badezimmer. »Ja.«
»Hier ist Platz für zwei.«
Michael stieg zu ihr in die Kabine.

Eine halbe Stunde später saßen sie angezogen auf dem Bett.
»Wird das Frühstück auf das Zimmer gebracht, oder gibt es unten ein Buffet?«
»Wir müssen runtergehen.«
Sie bedienten sich am reichen Frühstücksbuffet und schwiegen, während sie aßen. Nachdem sie fertig waren, brachte Michael zwei weitere Espressi und sagte: »Was hältst du davon, zum Bahnhof zu spazieren und deine Sachen abzuholen?«
»Ich weiß nicht so recht. Was würdest du denn davon halten, mit deinen gepackten Sachen zum Bahnhof zu gehen?«
Er sah sie fragend an.
»Oder möchtest du noch ein paar Tage in Florenz bleiben? Ich meine, es gibt sicher noch etliche Museen, auf deren Schwellen du verharren könntest.«
Michael lachte. »Und wohin möchtest du reisen?«
»Du wolltest ja ursprünglich nach Rom. Das hast du mir im Zug erzählt.«
»Ja. Rom soll ja sehr schön sein.«
»Das ist es in der Tat. Also, lass uns einfach nach Rom fahren.«
»Und was machen wir dort?«
»Ich zeige dir die Stadt. Zumindest die Flecken, die ich kenne. Und du siehst sie dir an. Keine Angst, du musst keine Schwellen übertreten, wenn du nicht willst.«
»Wenn du dabei bist, übertrete ich sie.«
»Also, auf nach Rom.«
Michael packte seine Sachen in die Reisetasche, bezahlte die Hotelrechnung und ging mit Christina zum Bahnhof. Sie holte ihr Gepäck ab und er löste in der Zwischenzeit zwei Fahrkarten nach Rom.
Die Zugfahrt verlief ruhig. Sie sprachen wenig miteinander, doch versuchten sie dafür umso intensiver, in den Augen der jeweils anderen Person zu lesen.
In Rom angekommen, suchte Michael das Büro der Touristeninformation auf, um nach Hotels in halbwegs guter Lage zu fragen. Die Angestellte dort händigte ihm eine Liste mit den Namen und Adressen einiger Hotels aus, machte ihn jedoch auch auf die Möglichkeit, ein Apartment zu mieten, aufmerksam. Da der Preis für ein solches nur unwesentlich über dem eines Hotelzimmers lag, fand er schnell Gefallen an dem Gedanken, mit Christina in einer Wohnung zu wohnen.
»Christina, ein Apartment ist in etwa gleich teuer wie ein Hotel. Wo möchtest du lieber wohnen?«
»In einem Apartment. Dort können wir selbst kochen und sind generell viel freier als in einem Hotel.«
»Ich habe dich noch gar nicht gefragt, wie lange du eigentlich in Rom bleiben kannst.«
»Ich habe zwei Wochen Urlaub genommen. Vorgestern war der erste Tag davon.«
»Dann nehmen wir ein Apartment für eine Woche, wenn es dir recht ist.«
»Das ist mir sogar sehr recht.«
Er suchte mit ihr ein Internetcafé auf und klickte sich durch die Seiten der Anbieter solcher Ferienwohnungen. Sie fanden eine, die direkt an der Mauer des Vatikans gelegen war, und Michael rief die zuständige Maklerin an.
Eine Stunde später standen sie, beide mit Schlüsseln zu Haustüre und Wohnung ausgestattet, im Wohnzimmer ihrer Bleibe für die nächsten sieben Tage.
»Die Wohnung ist sehr schön«, bemerkte Christina. »Welches der beiden Schlafzimmer nimmst du?«, fragte sie keck.
»Ich überlasse dir die Entscheidung. Such dir eines aus. Ich nehme dasselbe«, erwiderte Michael ebenso keck.
»Was möchtest du tun?«, fragte sie.
»Lass uns auspacken.«
»Was auspacken?«
»Zuerst unsere Sachen.«
»Und dann?«
»Uns selbst.«
Sie packten aus. Erst ihre Sachen, dann einander.

»Möchtest du im Bett bleiben, Christina? Ich könnte einen Supermarkt suchen und uns was zu essen holen.«
»Nein, ich komme mit. Und Supermarkt? Nein, dort kaufen wir nichts ein. Höchstens Getränke und Nudeln. Ich weiß eine Markthalle, nicht weit von hier. Dort bekommen wir alles viel frischer als in jedem Supermarkt.«
Sie zogen sich an und er ließ sich von ihr zur Markthalle führen. Sie kauften Weißbrot, Obst und Gemüse, auch Tintenfische ließen sie sich einpacken. In einem Supermarkt, der auf dem Weg zurück zu ihrer Wohnung lag, kauften sie Mineralwasser, zwei Flaschen Gin und vier große Flaschen Tonic Water, sowie Butter und Nudeln, Kaffee und Olivenöl.
Christina bereitete frittierte Calamari zu, während Michael die Aufgabe, die Espressokanne für den Kaffee danach vorzubereiten, zufiel.
»Du bist eine gute Köchin, alle Achtung.«
»Ich habe bei der Besten gelernt.«
»Großmutter oder Mutter?«
»Mutter. Sie hat mir ihre riesige Rezeptsammlung hinterlassen.«
»Ist sie gestorben?«
»Ja, vor fünf Jahren.«
»Woran, wenn ich fragen darf?«
»Sie hat sich das Leben genommen.«
»Warum hat sie das gemacht?«
Christina schwieg. Michael erkannte an ihrem Gesichtsausdruck, dass ihr das Thema unangenehm war, und fragte nicht weiter.
»Kannst du kochen?«
»Ja. Ich halte mich für einen ganz passablen Koch.«
»Was kannst du kochen?«
»So ziemlich alles.«
»Dann werden wir morgen herausfinden, ob das stimmt.«
»Sehr gerne. Soll ich den Espresso aufbrühen?«
»Ja. Das ist der erste Test deiner Fähigkeiten in der Küche.«
»Du wirst begeistert sein. Mein Espresso ist der beste.«
Sie nahm einen Schluck. »Sehr gut, in der Tat.«
»Und was machen wir am Nachmittag?«
»Wir könnten durch die Stadt spazieren. Im Winter sind nicht so viele Touristen hier wie im Sommer.«
»Du führst mich.«
»Wohin soll ich dich führen?«
»Dorthin, wo es schön ist.«
»Möchtest du in ein Museum gehen, oder dir unter freiem Himmel etwas ansehen, wie das Forum zum Beispiel?«
»Gehen wir einfach durch die Stadt und noch nirgendwo hinein. Ich möchte die Stadt erst einmal auf mich wirken lassen.«
»Gut. Wenn du das willst, dann machen wir es so.«

Sie verbrachten den Nachmittag durch Rom schlendernd. Michael war sehr beeindruckt von der Großartigkeit vieler Bauwerke. Besonders angetan war er von der Engelsburg und dem Forum.
»Die möchte ich morgen besuchen, Christina«, sagte er. Und, schelmisch lächelnd: »Und ja, ich habe vor, ihre Schwellen zu übertreten.«
»Was möchtest du heute Abend machen? Gehen wir in ein Restaurant und dann in eine Cocktailbar, oder machen wir es uns zu Hause gemütlich?«
»Ich bin abends kein großer Esser. Mir reicht für gewöhnlich ein Stück Weißbrot.«
»Mir eigentlich auch.«
»Gut. Dann besteht unser Abendessen aus Weißbrot und Liebe.«
»Ich freue mich darauf, Michael. Und ob wir dann in eine Bar gehen oder im Apartment etwas trinken, können wir später immer noch entscheiden. Sag, wie sieht es denn nun mit dem Unwohlsein aus?«
»Welches Unwohlsein? Nein, im Ernst. Bei all den neuen Eindrücken hier ist dafür im Moment kein Platz in mir.«
»Das freut mich. Aber warum war es in Florenz da, und hier in Rom ist es weg?«
»Ich glaube, das liegt an den Eindrücken. Und sicher auch an dem Umstand, dass ich nicht allein in dieser Stadt bin. Und wie geht es dir?«
»Weit besser, als es mir in Wien gehen würde.«
»Und woran, glaubst du, liegt das?«
»Kannst du dich an das erinnern, was ich dir in der Bar in Florenz gesagt habe?«
»Dass man zusammen weniger allein ist?«
»Ja. Genau daran.«
»Ich erinnere mich.«
»Da hast du die Antwort.«
Sie standen vor dem Petersdom und küssten sich so innig, dass die Nonnen, die an ihnen vorbeigingen, sie erst interessiert beobachteten, dann jedoch schnell zu Boden blickten.
Wieder in der Wohnung, fragte sie: »Weißbrot?«
»Nein, besser gleich das zweite.«

»Hätte ich das Kruzifix über dem Bett abhängen sollen?«
»Ich denke, Jesus wird uns verzeihen,«
»Möchtest du noch in eine Cocktailbar gehen?«
»Nein, ich möchte hierbleiben. Und du?«
»Ich auch. Lass uns reden.«
»Worüber willst du reden?«
»Erzähl mir was von dir, Christina.«
»Was willst du wissen?«
»Warst du je verheiratet?«
»Nein, diesem Joch bin ich stets entkommen.«
»Wie?«
»Indem ich davongelaufen bin.«
»An welchem Zeitpunkt?«
»Wenn es zu intensiv wurde.«
»Jetzt verstehe ich. Deshalb hast du einen Freund in Florenz gehabt. Damit du leicht wegkannst, wenn es dir zuviel wird.«
»Das war wohl der Grund.«
»Und wie ist es dir dabei gegangen?«
»Jedenfalls besser als den Männern.«
»Das kann ich mir denken. Und Kinder? Waren die jemals ein Thema für dich?«
»Nein, nie.«
»Warum?«
»Ich möchte keine Kinder in diese Welt setzen.«
»Das ist ein Fehler.«
»Da bin ich jetzt aber gespannt, warum du das für einen Fehler hältst.«
»Ganz einfach: wie soll man das wenige Gute, das in einem steckt, weitergeben, wenn nicht an seine Kinder?«
»Zu dem Preis, dass das Kind in einer solchen Welt aufwachsen muss. Eine tolle Aussicht.«
»Aber wir haben nun einmal keine andere Welt. Und indem man ein Kind in die Welt setzt und es zu einem guten Menschen erzieht, macht man diese Welt zumindest ein bisschen besser.«
»Meinst du wirklich?«
»Ja. Wir zwei, zum Beispiel, sind kleine Lichter. Wir werden es nicht mehr schaffen, diese Welt besser zu machen. Weder du mit deinen Pflanzen, noch ich mit meinen Texten. Aber jedes Kind hat noch die Chance, genau das zu erreichen.«
»Um doch bloß wieder von der Obrigkeit unterdrückt zu werden.«
»Und was, wenn das Kind eines Tages ebendieser Obrigkeit angehört und alles dran setzt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?«
»So habe ich das noch nie gesehen.«
»Ich will jetzt keineswegs meine Sichtweise als die einzig wahre darstellen-«
»Das tust du nicht. Warum hast du dann eigentlich noch keine Kinder?«
»Ich habe wohl noch nicht die richtige Frau kennengelernt.«
»Und als du verheiratet warst? Waren Kinder da kein Thema?«
»Für sie schon, für mich nicht.«
»Was heißt das?«
»Sie hat gedrängt, doch ich war nicht bereit dafür?«
»Und daran ist deine Ehe zerbrochen?«
»Nein, daran nicht. Ich weiß eigentlich nicht, was der Grund war.«
»Wie, du weißt es nicht?«
»Sie hat mir nie gesagt, warum sie nicht mehr wollte.«
»Wie hast du dann abschließen können?«
»Ich habe die Sache oft analysiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir zu schnell geheiratet haben. Wir haben einfach nicht zueinander gepasst.«
Christina gab Michael einen langen, intensiven Kuss.
»Mit der Nächsten wird es funktionieren, glaub mir.«
Michael wollte etwas sagen, doch brachte er bloß ein Schluchzen heraus. Christina nahm ihn in ihre Arme, strich ihm sanft über den Kopf und redete beruhigend auf ihn ein.
Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, sagte er: »Es tut mir leid. Weinen ist sonst nicht meine Art.«
»Das braucht es nicht, wirklich nicht. Weinen ist keineswegs ein Zeichen von Schwäche.«
»Ich weiß auch nicht-« Er konnte nicht weitersprechen. Wieder fühlte er Tränen in sich hochsteigen.
Ihr blieb dies nicht verborgen. Sie küsste ihn auf die Stirn, legte ihren Arm um seinen Oberkörper und flüsterte: »Schlaf jetzt. Morgen ist ein neuer Tag. Und wir werden ihn ruhig angehen.«
»Christina?«
»Ja.«
»Warum tust du das?«
»Was?«
»Warum hältst du einen kaputten Typen im Arm, wo du doch in jeder Bar was Besseres finden könntest?«
»Glaubst du denn, dass ich weniger kaputt bin?«
Michael kicherte.
»Und vielleicht möchte ich keinen anderen Typen finden.«
»Du bist verrückt.«
Nun kicherte auch sie. »Ja, das bin ich ganz bestimmt. Aber ich mag dich.«
»Ich mag dich auch. Sehr sogar.«
»Dann haben wir im Moment die perfekte Konstellation.«
»Wird diese auch nach unserer Ankunft in Wien Bestand haben?«
»Schlaf jetzt.«
Die Wärme, die von ihrem Körper ausging, gab ihm das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit und ließ ihn nach wenigen Minuten einschlafen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen