Labels

Blog-Archiv

Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 7

7


Als Michael am Vormittag erwachte, war er allein im Apartment. Er griff zu seinem Telefon, um Christina anzurufen, doch er hatte ihre Nummer nicht.
›Na, ich bin vielleicht ein toller Mann. Ich lade sie auf einen Trip nach Rom ein, schlafe mit ihr, und habe sie nicht einmal nach ihrer Telefonnummer gefragt. Was, wenn sie die Straße überqueren wollte und ein Auto- Nein. Das ist nicht passiert. Nicht meiner Christina. Habe ich eben ‘meiner’ gedacht? Ich habe sie ja gern, sehr sogar. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie der mir bestimmte Ort ist‹, dachte er.
Er putzte sich die Zähne, duschte, und setzte sich vor den Fernseher, um sich die Zusammenfassung der Spiele der ersten Liga anzusehen. Kurz darauf hörte er, wie die Wohnungstür aufgesperrt wurde.
»Du bist schon wach?«, fragte Christina. In jeder Hand hielt sie eine Einkaufstasche aus Plastik. »Ich war einkaufen.«
»Guten Morgen«, sagte Michael und gab ihr einen Kuss. »Warum hast du mich nicht geweckt?«
»Du hast geschlafen wie ein Murmeltier.«
»Was hast du gekauft?«
»Was zu essen. Obst, Gemüse, Fleisch und so Zeug.«
»Möchtest du einen Espresso?«
»Nein, danke. Ich habe in der Markthalle zwei getrunken.«
»Ich wollte dich anrufen, doch-«
»Du hattest meine Nummer nicht«, fiel sie ihm ins Wort.
»Nein, die habe ich nicht.«
Sie sagte ihm ihre Telefonnummer und er wählte diese, sodass sie auch seine Nummer hatte.
»Ich war in einem Internetcafé, bevor ich einkaufen gegangen bin.«
»Und? Was gibt es Neues in der Welt? Irgendwer gestorben?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe dich gesucht.«
»Mich gesucht? Wie? Mit der Bildersuche?«
»Nein, ich habe nach Texten von dir gesucht.«
»Was hast du denn eingegeben? Schriftsteller Michael, Wien?«
»Nein, deinen Vornamen und deinen Familiennamen.«
»Woher kennst du meinen Familiennamen?«
»Ich habe mir deine Kreditkarte ausgeborgt, um einkaufen gehen zu können«, sagte sie und sah ihn herausfordernd an.
Er ging nicht darauf ein, unterließ es, in seiner Brieftasche nachzusehen, ob die Karte darin war. Lakonisch sagte er: »Und warum hast du dann Lebensmittel gekauft, und keinen Schmuck?«
Beide lachten.
»Du warst an meiner Seite, als ich das Hotel in Florenz und dieses Apartment bezahlt habe. So hast du meinen Namen erfahren.«
»Gut kombiniert, mein Lieber.«
»Es ist gleich elf Uhr. Was und wann möchtest du zu Mittag essen?«
»Lass uns um zwölf Uhr essen. Und dann überlegen wir uns, was wir am Nachmittag machen.«
»Und was soll ich kochen?«
»Ich habe Steaks gekauft. Also Steak mit Gemüse und Salat.«
»Du wirst begeistert sein.«
»Noch bin ich gespannt.«
»Und was machen wir bis dahin?«
»Du erzählst mir, was du so schreibst.«
»Ach? Konntest du keine Texte von mir finden?«
»Na ja, doch. Aber um sie lesen zu können, hätte ich wirklich deine Kreditkarte klauen müssen.«
»Was kriegst du für den Einkauf?«
»Nichts.«
»Nein, nicht nichts. Ich habe gesagt, du bist mein Gast. Also, wieviel?«
»Ich esse ja auch mit. Also passt das so.« Ihr Tonfall ließ jede Widerrede zwecklos erscheinen.
»In Ordnung. Danke. Aber das nächste Mal bezahle ich.«
»Also, was schreibst du so?«
»Dies und das. Mal fröhliches Zeug, mal weniger fröhliches.«
»Du hast gesagt, du schreibst Gedichte. Sag eines auf.«
»Das kann ich nicht.«
»Machst du Witze?«
»Nein, ehrlich. Ich kann die Sachen nicht auswendig aufsagen.« Michael dachte nach. »Wo ist das Internetcafé?«
»Gleich neben dem Supermarkt von gestern.«
»Kann ich dort auch drucken?«
»Ich glaube schon.«
»Gut. Ich bin in zehn Minuten zurück.«
»Wohin gehst du?«
»Lass dich überraschen.« Michael zog seine Jacke und seine Schuhe an und ging.
Als er zurückkehrte, hatte er einige Blatt Papier in der Hand.
»Liebe Christina, du wolltest was von mir lesen.« Er hielt ihr das Papier hin. »Bitte sehr.«
Sie stutze. »Das wäre aber nicht notwendig gewesen.« Sie nahm die Texte an sich.
»Doch, das war es. Sieh es als meine selbst auferlegte Strafe an. Wenn ich nicht einmal das Zeug, das ich geschrieben habe, auswendig weiß, dann ist ein Fußweg eine durchaus angemessene Strafe.«
Sie lachte, setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer und las den ersten Text.
»Bevor du anfängst, möchte ich noch sagen, dass das, was du in Händen hältst, die meiner Ansicht nach besten meiner Texte sind.«
Sie reagierte nicht. Nachdem sie mit dem Lesen des ersten Blatts fertig war, sah sie Michael an und fragte: »Ist das, was da steht, dein Ernst?«
»Als ich es geschrieben habe, war es ernst gemeint.«
»‘Es wäre letztlich wunderbar, wenn wer sagt dass da was war.’« rezitierte sie. »Das klingt nach Abschied.«
»Nun.« Er wusste nicht, was er sagen sollte.
Doch es wäre auch egal gewesen, wenn er etwas gesagt hätte, denn sie las bereits das nächste Gedicht.
»‘Der schwarze Wolf er lebt in mir, wenn ich mich töte stirbt das Tier.’« Sie räusperte sich und nahm das dritte Blatt zur Hand. »Aha, das Gedicht handelt von deiner Jagd auf den Wolf.«
»Vielleicht solltest du nicht-«
»‘Jetzt seh ich ihn und schieß wie wild, und treff doch bloß mein Spiegelbild.’«
Michael senkte sein Haupt als Zeichen, dass er sich schämte.
Christina rückte an ihn heran und sagte: »Also, raus mit der Sprache: wer oder was ist der Wolf?«
Er antwortete mit leiser, kaum hörbarer Stimme: »So bezeichne ich das Unwohlsein.«
Sie holte tief Luft, so, als hätte sie eine unangenehme Nachricht erhalten. »Du weißt wahrscheinlich, nein, ganz sicher weißt du das, dass ein Fachmann dieses Unwohlsein anders benennen würde.«
Er sah ihr nicht in die Augen. Er sah auf ihre Hände, die sie in ihren Schoß gelegt hatte, und sagte: »Ja, ich weiß.«
»Weißt du es rein intellektuell oder hast du es von einem Fachmann gehört?«
»Ich weiß es rein intellektuell.«
»Diese Gedichte sind eindeutig. Wenn man sie liest, könnte man auf den Gedanken kommen, du möchtest dir etwas antun.«
»Mir ist klar, dass ich damals sehr drastisch formuliert habe.«
»Drastisch? Nein. Eindeutig.«
»Das ist Vergangenheit.«
»Und was ist heute anders?«
»Heute bin ich viel ausgeglichener.«
»Ja, das stimmt. Sogar so ausgeglichen, dass du aus deinem Stammlokal abhaust, um in den Zug zu springen.« Ihr Sarkasmus war nicht zu überhören. »Bist du bloß panisch vor dem Unwohlsein weggelaufen, oder suchst du wirklich einen Ort, an dem es dir besser geht?«
»Ich suche wirklich.«
»Dann solltest du diesen Ort schnell finden.«
»Das hat die Frau im Café auch gesagt.«
»Was hat sie denn genau gesagt?«
»Nun, sie hat versucht, sich umzubringen, nachdem ihre Ehe zerbrochen war, und ist dann in ein Kloster gegangen. Das war ihr Ort.«
»Sie ist Nonne geworden?«
»Nein, sie war bloß ein paar Wochen dort.«
»Du hast das aber nie versucht, oder?«
»Hätte ich sollen? Ich meine, ich würde eine durchaus hübsche Nonne abgeben, so mit-«
»Lass das. Hast du schon mal versucht, dir was anzutun?«
»Nein. Niemals. So was geht gar nicht. Das macht man nicht.«
»Also hast du dieses Thema mit Hilfe deiner Texte ad acta gelegt.«
»Ja. Hast du schon mal an Selbstmord gedacht?«
»Einmal. Als meine Mutter sich umgebracht hat. Da habe ich jeden Lebenswillen verloren. Aber ich habe dieses Tief überwunden.«
»Darf ich dich nun fragen, aus welchem Grund sich deine Mutter gegen das Leben entschieden hat?«
»Um es mit deinen Worten zu sagen: sie hatte mit jahrelangem Unwohlsein zu kämpfen. Und dann hat sie sich eine Schrotflinte besorgt und-« Christina konnte den Satz nicht zu Ende bringen. Tränen standen in ihren Augen.
Michael nahm sie in die Arme und tröstete sie, so wie sie es mit ihm in der Nacht gemacht hatte.
»Die Frage, die du in deinem Gedicht stellst, nämlich ob was da war-» Sie legte eine Pause ein. »Die Antwort lautet: ja. Da ist was. Aber du musst, auf welche Weise auch immer, lernen, das selbst auch so zu sehen.«
»Manchmal sehe ich das, dann wieder nicht.«
»Ich weiß, was du meinst. Aber was ich bislang von dir weiß, so wie ich dich kennengelernt habe, kann ich nur sagen, dass da noch viel mehr sein wird.«
»Hoffentlich.«
»Soll ich die übrigen Texte auch noch lesen, oder schlagen sie in dieselbe Kerbe?«
»Ich fürchte, das tun sie.«
»Was wird denn, deiner Meinung nach, kommen, wenn es vorbei ist?«
»Keine Ahnung. Hast du dir denn schon darüber Gedanken gemacht?«
»Nicht ernsthaft. Wahrscheinlich kommt ohnehin nichts.«
»Ich möchte ja nicht vom Thema ablenken, aber soll ich zu kochen beginnen?«
»Ja. Koch uns was Gutes. Ich denke, das brauchen wir jetzt.«
»Möchtest du mir dabei zusehen und was lernen?«
Sie gab ihm einen Klaps auf das Hinterteil. »Wer von uns beiden was lernen wird, werden wir noch sehen.«
Sie gingen in die Küche. Michael machte sich an die Vorbereitung der Zutaten, während Christina ihm auf dem Küchentisch sitzend zusah.
»Ich habe schon immer gern gekocht.«
»Das sehe ich. Ein Ungeübter würde anders agieren.«
»Ich finde, dass Kochen eine sehr sinnliche Handlung ist. Beinahe, aber nur beinahe«, er küsste sie, »wie ein Kuss.«
»Und essen«, sie schob ihre Hand unter sein Hemd, »ist der Sex der Geschmacksnerven.«
»Du sagst es. Und da ich kein Freund der modernen Rosabraterei bin, wird dieser auch nicht jäh unterbrochen.«
Christina kicherte und fragte: »Sag mal, wie viele Freundinnen hast du seit dem Ende deiner Ehe gehabt?«
»Nicht so viele.«
»Warum?«
»Ich habe mich mit schlampigen Verhältnissen zufrieden gegeben.«
»Das ist doch auf Dauer unbefriedigend.«
»Mir hat es meistens gut gefallen.«
»Ja, das kann ich mir denken.«
»Aber ich habe die Frauen immer gut behandelt.«
»Das ist mir klar. War denn keine dabei, mit der du gern zusammengekommen wärst?«
»Doch, eine war schon dabei.«
»Und warum seid ihr keine Beziehung eingegangen?«
»Ich denke, es lag an ihrer Oberflächlichkeit.«
»Wie meinst du das?«
»Sie hat es, warum auch immer, nicht geschafft, mich so zu sehen, wie ich bin.«
»Du solltest die Steaks wenden.«
»Erst in zehn Sekunden.«
»Was macht sie?«
»Beruflich?«
»Ja. Die zehn Sekunden sind übrigens um.«
»Danke. Was sie macht? Nichts, was von Bedeutung wäre.«
»Du solltest auch mal nach dem Gemüse sehen.«
»Erst in dreiundzwanzig Sekunden.«
»Lenke ich dich ab?«
»Nein, keineswegs. Und? Wie viele Herzen hast du durch dein Davonlaufen gebrochen?«
»Unzählige.«
»Wie bitte?«
»Nein. Es waren insgesamt acht.«
»Und wie haben deren Besitzer reagiert?«
»Beleidigt. Und natürlich verletzt.«
»Das Essen ist fertig. Bitte zu Tisch, liebe Christina.«
Sie setzten sich an den Tisch in der Küche.
»Du hast ausgezeichnet gekocht.«
»Bloß dank deiner Hilfe.«
Sie lachte. »Ohne die wären die Steaks auf einer Seite wohl ganz schön schwarz geworden.«
»Stimmt. Was machen wir denn am Nachmittag?«
»Zuerst legen wir uns nieder und ruhen ein bisschen.«
»Gut. Also gehen wir dann zu Bett. Aber ruhen?«
»Du kannst nicht genug von mir kriegen, was?«
»Da hast du recht. Du denn von mir?«
»Im Moment nicht.«
»Was bedeutet das, im Moment?«
Sie schwieg.
»Espresso?«
»Nein. Bett.«

»Und, was machen wir jetzt?«
»Uns anziehen und zur Engelsburg gehen, wie du es wolltest.«
Sie zogen sich an und schlenderten Hand in Hand in Richtung des Bauwerks.
»Weißt du eigentlich, wen die Statue ganz oben auf dem Dach darstellt?«
»Zu meiner Schande muss ich gestehen: nein.«
»Es ist dein Namensvetter. Der Erzengel Michael.«
»Den muss ich mir aus der Nähe ansehen.«
»Dann lass uns bis ganz hinauf gehen.«
»Zu Fuß?«
»Ja, sicher. Das macht Spaß, auch wenn es kalt werden wird.«
Michael kaufte zwei Eintrittskarten.
»In diesem Gang ist es wirklich kalt.«
»Auch im Sommer. So richtig warm wird es hier nie.«
Sie hatten den Fußweg bis auf das Dach hinter sich gebracht. Interessiert betrachtete Michael die Statue des Erzengels.
»Wo ist der Teufel?«
»Wer?«
»Ich kenne den Michael bloß, wie er mit seinem Schwert oder Speer einen Teufel oder eine andere grässliche Kreatur umbringt.«
»Ach so. Dieser Michael steckt sein Schwert gerade in die Scheide.«
»Warum?«
»Als Zeichen, dass der Kampf gegen die Pest vorüber ist.«
»Das gefällt mir. Die Waffe wegstecken, weil der Kampf zu Ende ist.«
»Das kann ich mir denken. Aber auch du wirst eines Tages die Waffe wegstecken.«
»Ja, das werde ich. Wenn ich es erlebe, und mir hier oben nicht den Tod hole.«
»Es ist wirklich kalt hier. Und der Wind macht alles noch schlimmer.«
»Lass uns wieder runtergehen, Christina.«
»Gehen wir.«
Sie gingen durch die Gänge hinunter zum Ausgang und setzten sich in ein kleines, von Touristen bevölkertes Café, um sich bei Tee aufzuwärmen.
»Die Engelsburg hat mir sehr gut gefallen. Besonders der Michael auf dem Dach. Und erst der Ausblick. Wunderschön.«
»Ja, Rom ist wirklich wunderschön.«
»Was wir uns als nächstes ansehen bestimmst du, liebe Christina.«
»In Anbetracht der Temperaturen bin ich für ein Museum.«
»Das ist eine gute Idee. Hängen irgendwo Werke von Caravaggio?«
»Du kennst Caravaggio?«
»Wer kennt den nicht?«
»Woher kennst du ihn?«
»Ich habe mich vor vielen Jahren ein paarmal in Vorlesungen auf dem Institut für Kunstgeschichte gesetzt.«
»Du hast Kunstgeschichte studiert?«
»Nein, studiert nicht. Ich bin aus persönlichem, aber nichtakademischem Interesse dorthin gegangen.«
»Wir können in den Palazzo Barberini gehen, dort hängt ein sehr beeindruckendes Werk von ihm. Jedenfalls hing es vor einigen Jahren dort.«
»Dann lass uns einfach hingehen. Du führst mich.«
»Nein, du führst mich.«
»Aber ich kenne mich in Rom doch nicht aus.«
»Dann lass dir was einfallen.« Sie sah ihn keck an.
Michael schüttelte den Kopf. »Also gut. Wenn du dich bei diesen Temperaturen unter meiner Führung verirren willst, dann führe ich dich gern.«
»Keine Angst, mein Lieber. Solltest du kilometerweit vom Weg abkommen, werde ich dich darauf aufmerksam machen.«
»In Ordnung. Auf deine Verantwortung.«
Er bezahlte die Tees und sie gingen hinaus in die Kälte.
Sie kamen an etlichen teuren Geschäften vorbei, und Christina blieb ein paarmal stehen, um in den Schaufenstern ausgestellte Teile zu betrachten.
›Das ist wirklich teures Zeug‹, dachte er. ›Sie sieht sich vor allem die Handtaschen an. Ich werde ihr eine davon kaufen. Auch wenn sich unsere Wege nach dieser Woche trennen sollten, so hat sie wenigstens eine Erinnerung an diese Zeit.‹
Er fragte einige Passanten nach dem Weg, die ihm bereitwillig Auskunft gaben. Schließlich standen sie vor dem Museum und Michael schickte sich an, zwei Eintrittskarten zu lösen, da hielt ihn Christina an der Jacke zurück.
»Der Eintritt geht auf mich.«
»Warum?«
»Du hast mich sicher und ohne allzu weite Umwege hierher geführt. Und dein Lohn dafür ist, dass ich dich in dieses Museum einlade.«
»Vielen Dank.«
Sie kaufte die Tickets und wenig später standen sie vor einem der Gemälde Caravaggios.
»Beeindruckend, wie realitätsnah diese Darstellung ist.«
»Was meinst du, Michael? Das Blut?«
»Das auch. Na ja, ein Mörder wie Caravaggio konnte so was eben originalgetreu malen.«
Christina lachte. »Ich glaube, der hat nicht viel ausgelassen.«
Sie sahen sich sämtliche Gemälde des Museums in Ruhe an und dann musste er sie zurück zum Apartment führen.
Dort angekommen, fragte er: »Und was ist mein Lohn für das nach Hause führen?«
»Du meinst, für welchen Zutritt du dadurch die Berechtigung erworben hast?«
»Ja.«
»Ich zeige es dir«, antwortete sie und zog ihn an seinem Pullover ins Schlafzimmer.

»Wohin darf ich dich morgen führen?«
»Sprechen wir morgen darüber. Bringst du mir einen Gin Tonic, bitte?«
Michael verschwand in der Küche und kehrte mit zwei gut gefüllten Gläsern zurück. Sie stießen an und tranken.
»Sag, Michael, rauchst du nicht mehr?«
»Im Moment nicht. Und ich vermisse es nicht mal.«
»Also, damit eines klar ist: wenn du im Wohnzimmer qualmen möchtest, dann mach das. Ich habe damit überhaupt kein Problem. Ich bin keine dieser Ex-Raucherinnen, die auf die Barrikaden steigen, wenn in ihrer Gegenwart geraucht wird.«
»Danke, aber wie gesagt, ich vermisse es momentan nicht.«
Sie reicht ihm ihr Glas und sagte: »Stell es bitte auf den Nachttisch und leg dich wieder zu mir.«
Er tat, was sie wollte.
»Sag, was ist in deinen Augen das Wertvollste, das ein Mensch besitzt?«
»Das Wertvollste? Lass mich nachde-«
»Halt, warte. Als Schriftsteller sagst du jetzt sicher, dass es der Intellekt ist.«
»Nein, keineswegs. Ich denke, dass es die Seele ist.«
»Die Seele?«
»Ja.«
»Wie stellst du sie dir vor?«
Michael überlegte. »Wie einen Baum.«
»Ein Baum also. Wie in einer Allee?«
»Nein, überhaupt nicht so.«
»Warum nicht? Bäume in einer Allee sind doch für gewöhnlich schön.«
»Schön anzusehen, das ja. Aber sie sind uniform.«
»Wie meinst du das?«
»Sie haben in etwa alle die selbe Größe, den selben Schnitt, sind von der selben Art, sie sind, präzise gesagt, nichts Besonderes. Ihr einziger Daseinszweck ist, sich in das große Ganze der Allee einzufügen und nur ja nicht herauszustechen. Denn das würde den optischen Gesamteindruck stören.«
»Aber trifft das nicht auch auf die Menschen zu? Ich meine, die sind ja alle irgendwie gleich.«
»Das stimmt leider.«
»Also sind ihre Seelen doch auch irgendwie gleich. Oder ähnlich.«
»Auch das stimmt leider.«
»Aber wie stellst du dir dann eine Seele als Baum vor?«
»Als Bonsai.«
Christina lachte. »Als Bonsai? Also als verkrüppeltes mickriges Bäumchen? Das habe ich nicht erwartet.«
»Ein Bonsai ist weder mickrig noch verkrüppelt. Er ist vielmehr ein vollwertiger Baum.«
»Der mit einer Nagelschere in der Mitte entzwei geschnitten werden kann«, sagte sie sarkastisch.
»Ist es denn bei einer Seele anders? Oft reicht auch dort bloß ein Wort, oder kein Wort, oder eine kleine Tat, und die Seele ist zerstört. Was ich meine: ein Bonsai ist ein vollwertiger Baum, mit allem was dazugehört, bloß ist er ein Unikat. Er muss sich nicht in ein großes Ganzes einfügen, er ist einzigartig. Wie eine Seele. Und auch so fragil.«
Christina dachte über seine Worte nach, um ihm schließlich recht zu geben. »Du hast recht. Aus diesem Blickwinkel habe ich das noch nie betrachtet.«
»Ich denke eben, dass der Vergleich mit einem Bonsai gut passt. Er ist klein, und die Seele ist unsichtbar. Dennoch brauchen beide viel Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe, um nicht abzusterben.«
Sie sah ihm lange in die Augen, dann küsste sie ihn.
»Wie hast du dir denn die Seele vorgestellt, Christina?«
»Als ein schemenhaftes Gebilde. Ein Ding, das ungefähr gleich groß wie sein Wirt, also sein Besitzer, ist. Und natürlich auch als etwas, auf das man achtgeben muss.«
»Das Achtgeben ist sehr wichtig, ja.«
»Auch wenn wir es oft nicht tun.«
»Niemand kann das immerzu tun. Denn wenn man das immer tut, läuft man Gefahr, ein Einzelgänger zu werden. Ein  Eremit in seiner Herzensklause.«
»Schön gesagt.«
»Danke. Möchtest du dein Glas wiederhaben?«
»Ja. Was hältst du davon: wir betrinken uns, haben Sex und trinken dann einfach weiter, bis wir nicht mehr können?«
»Und dann?«
»Na, dann schlafen wir.«
»Und morgen Vormittag bleiben wir im Bett.«
»Zwangsläufig. Verkatert macht kein Museum und keine Ausgrabung Spaß.« Sie leerte ihr Glas und hielt es ihm vor die Nase. »Trink aus und mach uns noch zwei. Du bist doch trinkfest, oder?«
»Ja«, seufzte Michael, »das bin ich«, trank sein Glas leer und ging aus dem Raum, um kurz darauf mit einer Flasche Gin und zwei Flaschen Tonic Water zurückzukehren. »Wenn wir uns schon dem Exzess hingeben, kann ich die Drinks auch gleich hier machen.«
»Stimmt«, sagte sie und kam unter der Bettdecke hervor. »Meinen bitte halb-halb. Die eine Hälfte Gin, die andere Tonic.«
Ihrer Vorgabe entsprechend füllte Michael ihr Glas.
»Dein Glas musst du nun auch im selben Verhältnis füllen«, verlangte sie. »Sehr gut machst du das. Und nun müssen wir die Gläser in einem Zug leeren. Salute.«
»Salute.«
Sie tranken die Gläser in einem Zug aus. Michael hustete, er war es nicht gewöhnt, eine solche Menge in so kurzer Zeit zu trinken. Christina schien das weniger auszumachen.
»Und? Noch ein Gin Tonic, Christina?«
»Nein. Du kommst jetzt zu mir.«

»Möchtest du noch was trinken?«
»Nein. Ich glaube», sie gähnte, »ich habe genug.« Sie presste ihren Körper an seinen.
»Deck dich gut zu, Christina, sonst erkältest du dich.«
Sie reagierte nicht.
»Christina?«
Michael zog die Decke über sie. Dann küsste er sie sanft auf die Schulter und flüsterte: »Schlaf gut.«

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen