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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 8

8


»Christina.«
Sie erwachte und sah ihn aus geröteten Augen an. »Wie spät ist es?«
»Es ist gleich elf Uhr.«
»Was ist? Warum weckst du mich?«
»Ich gehe einkaufen.«
»Wir haben doch genug im Kühlschrank.«
»Ich meine nicht Lebensmittel. Ich möchte mir ein Schreibheft und Stifte besorgen. Brauchst du irgendetwas?«
»Was soll ich brauchen?«, fragte sie leise.
Er verstand, dass sie weiterschlafen wollte, doch empfand er es sowohl als seine Pflicht als auch als einen unerlässlichen Akt der Höflichkeit, ihr eine weitere, eine letzte Frage zu stellen. »Soll ich dir aus der Papierwarenhandlung Postkarten mitbringen?«
»So romantisch bin ich nicht. Ich schreibe Mails. Aber danke.«
»In Ordnung. Schlaf weiter.«
Er küsste sie auf die Stirn und verließ die Wohnung.
Bald fand er ein Geschäft, das die ihm liebsten Schreibhefte im Sortiment hatte, auch Stifte, die ihm gut in der Hand lagen, erwarb er dort.
Er saß in einem Café, trank einen Espresso und überlegte, was er an diesem Vormittag noch unternehmen konnte. In das Apartment zurück zu gehen kam für ihn nicht infrage, denn er wollte Christina nicht schon wieder wecken.
›Ich weiß nicht, wie lange Christina schlafen wird. Auf jeden Fall werde ich nicht vor zwei Uhr Nachmittag nach Hause gehen. Falls sie Hunger oder gar Sehnsucht nach mir bekommt, kann sie mich ja anrufen. Meine Nummer hat sie nun. Welchen Weg haben wir gestern von der Engelsburg zu dem Palazzo gewählt? Ob ich ihn wiederfinden werde? Da waren einige Geschäfte mit Handtaschen, die ihr offenbar gefallen. Ja, jetzt weiß ich, was ich mache. Ich werde versuchen, die Geschäfte zu finden und kaufe ihr eine Handtasche.‹
Michael erfragte den Weg zur Engelsburg, erkannte das Café, in dem sie gesessen hatten, wieder, und fragte sich, wie am Tag zuvor, zum Palazzo durch. Er musste nicht den ganzen Weg zurücklegen, denn bald stand er in der Straße mit den teuren Boutiquen.
Er betrat vier von diesen und ließ sich Handtaschen zeigen. In allen vier Geschäften wurde er von den sehr bemühten Beraterinnen zur Garderobe der Frau befragt, der er offensichtlich eine Tasche schenken wollte. Da er diesbezüglich jedoch keine Kenntnisse hatte, er hatte sie bloß in Jeans und Pullovern gesehen, war er gezwungen, auf Nummer sicher zu gehen. Er entschied sich für eine schwarze Ledertasche mit Applikationen aus Messing, die an das Zaumzeug von Pferden erinnerten. Sie hatte diese Tasche am Vortag eingehend betrachtet.
Es war eine teure Tasche, und sie wurde in einen Beutel aus Samt gepackt, bevor die Verkäuferin sie in eine hellbraune Papiertüte mit dem Aufdruck des Erzeugers steckte.
Michael ging in den nächsten Supermarkt, wo er bloß eine Plastiktüte kaufte, in die er den samtenen Beutel legte. Die Papiertüte warf er in den nächsten Mistkübel, denn er wollte nicht als unbezahlter Werbeträger für eine Luxusmarke durch die Stadt laufen.
›Ich weiß nicht, ob es am Alkohol von gestern Abend liegt, aber heute ist mir nicht so kalt wie gestern. Vielleicht sollte ich- Ja. Das mache ich. Doppelt hält besser.‹
Der Gang, der auf das Dach der Engelsburg führte, war so kalt wie am Vortag, doch als Michael vor der Statue des Erzengels stand, konnten ihm weder der Wind noch die niedrige Temperatur etwas anhaben.
Er betrachtete die Skulptur bei Weitem eingehender als am Tag zuvor. Dieses mal fielen ihm die Feinheit ihrer Ausführung und die wohl geratenen Proportionen auf. Er stand davor und ließ das Kunstwerk auf sich wirken. Er dachte an nichts Bestimmtes. Er genoss die Ruhe auf dem Dach, die lediglich von einigen Möwen gestört wurde, die sich über irgendeine Sache uneins zu sein schienen. Die Luft war klar, der Blick über Rom ungetrübt, und Michael suchte nach Bauten, die er sich aus der Nähe ansehen wollte.
›Ein paar von diesen Bauwerken kennt man natürlich aus Dokumentationen, doch dieses eine zum Beispiel, auf der linken Seite des Tiber, das interessiert mich. Ich weiß zwar nicht, was sich darin befindet, aber ansehen will ich es mir. Wenigstens von außen. Und die Kirche auf der anderen Seite, die sieht uralt aus. Ich bin sicher, dass sie innen wunderschön ist. Ich werde Christina davon erzählen. Sie wird sie sich sicher mit mir ansehen.‹
Es war bereits vierzehn Uhr und Michael ging gemächlich zum Apartment zurück. Er überlegte, was er für Christina und sich kochen sollte, als er sein Telefon in der Innentasche seiner Jacke vibrieren spürte.
»Michael, wo bleibst du denn? Das Essen ist in zehn Minuten fertig.«
»Ich wusste nicht, wie lange du schlafen wirst. Ich bin spazieren gegangen.«
»Wo bist du jetzt?«
»So ungefähr auf halbem Weg zwischen der Engelsburg und dir.«
»Gut, dann beeil dich bitte.«
»Mach ich. Ich eile.«
»Ciao.«
Er beschleunigte sein Schritttempo und erreichte das Wohnhaus in acht Minuten.
»Wann bist du aufgestanden?«
»Kurz nachdem du weg warst. Was hast du gemacht?«
»Ich habe mir ein Schreibheft und ein paar Stifte gekauft. Und dann war ich noch einmal beim Erzengel auf dem Dach. Ach ja, und im Supermarkt war ich auch.«
»Deckst du den Tisch?«
»Ja. Was gibt es denn Gutes?«
»Lasagne.«
»Eines meiner Lieblingsgerichte.«
»Das freut mich. Was hast du im Supermarkt gekauft? Muss was in den Kühlschrank?«
»Nichts Verderbliches. Lass den Plastiksack einfach da liegen.«
Christina stellte zwei Teller auf den Tisch.
»Also ich muss sagen, das ist die beste Lasagne, die ich je gegessen habe.«
»Und das soll ich dir glauben?«
»Na ja, ich hätte ein bisschen mehr Käse und viel weniger Sugo-«
Sie sah ihn streng an, doch da sie gleichzeitig lächelte, wusste er, dass ihre Strenge bloß gespielt war.
»Nein, im Ernst, das ist wirklich die beste Lasagne.«
»Na dann, vielen Dank.«
»Du, ich habe heute zwei Bauwerke gesehen, die müssen wir uns unbedingt ansehen.«
»Aber bitte nicht heute.«
»Geht es dir nicht so gut? War es zu viel Gin gestern?«
»Nein. Aber der Gin ist nicht das Problem.«
»Was dann?«
»Weißt du, ich bin eine Frau.«
»Ja, das habe ich mittlerweile herausgefunden.«
»Und bei Frauen kann es vorkommen, dass sie sich nicht so wohl fühlen.«
»Bei Männern kann das auch der Fall sein.«
»Ja, stimmt. Und im Moment ist das eben bei mir so.«
»Soll ich in den Supermarkt gehen und Bedarfsartikel für dich kaufen? Oder brauchst du was gegen Kopfschmerzen?«
Christina sah ihn verständnislos an. Dann verstand sie, was er meinte und lachte kurz. »Nein, Michael. Das ist wirklich lieb von dir, aber Binden brauche ich erst wieder in zwei Wochen.«
Nun stand die Verständnislosigkeit in Michaels Augen.
»Bitte räum den Tisch ab, Michael.«
»Ja, sicher. Willst du einen Kaffee?«
»Ja, will ich. Aber ich werde ihn in einer Bar trinken.«
»Gut. Dann lass uns den Abwasch auf später verschieben.«
»Nein, wasch ruhig ab.«
»Aber ich dachte, wir gehen in eine Bar?«
»Ich gehe in eine Bar, Michael.«
»Ich verstehe nicht ga- Doch. Ich verstehe.«
»Sei mir nicht böse. Das geht nicht gegen dich.«
»Ich verstehe ohnehin nur Bahnhof. Erklärst du mir was los ist, wenn du zurückkommst?«
»Versprochen«, antwortete sie, zog sich an und ging.
Michael räumte die Küche auf, dann setzte er sich auf das Sofa.
›Was hat sie nur? Geht ihr das alles zu schnell? Also, ich dränge sie zu nichts. Vielleicht hat sie die Sache mit ihrem Ex-Freund noch nicht verdaut? Dieser Idiot. So eine Frau zu betrügen. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir richtig zusammenkommen. Ich meine, wir sind im selben Alter und leben beide in Wien. Und im Schlafzimmer haut es auch hin. Und dennoch bin ich mir nicht sicher. Ich weiß noch immer nicht, ob sie mein Ort ist. Kann es sein, dass ein Mensch niemals mein Ort sein wird? Trotz der Augen, in die ich gerne schaue, trotz der Nähe, die ich so genieße? Denkt sie gar, dass sie nun für mich verantwortlich ist? Das ist sie nämlich nicht. Oder will sie mich auf die Probe stellen? Nein, das glaube ich nicht. Nachdem sie stets so offen ist, glaube ich das einfach nicht. Oder hat sie einen Anruf aus Wien erhalten, wo was Schlimmes passiert ist? Ich hätte ihr die Handtasche auch gleich geben können, als ich zurückgekommen bin. Nein, Michael, du hörst jetzt sofort auf, dir Gedanken zu machen. Der Grund wird ohnehin ein ganz anderer sein.‹
Trotz des Auftrags an sich selbst, aufzuhören solchen Gedanken nachzuhängen, konnte er es nicht. Er suchte nach einer Erklärung für das Verhalten Christinas, die er doch gut zu kennen glaubte, kam jedoch auf keine befriedigende Erklärung.
Nachdem er eine halbe Stunde lang grübelnd auf dem Sofa gesessen hatte, goss er sich einen ordentlichen Schluck Gin ein, um wenigstens durch die Wirkung des Alkohols ein wenig ruhiger zu werden, wenn er dies schon nicht auf andere Weise erreichen konnte.  Er trank in kleinen Schlucken und sah sich eine amerikanische Fernsehserie an. Als der Gin zu wirken begann, holte er sich ein Glas Wasser aus der Küche, um bei Christinas Rückkehr nicht den Anschein der Trunkenheit zu erwecken. Er wusch das Glas, aus dem er Gin getrunken hatte, ab und legte sich auf das Sofa. Bald wurde er ruhiger, er führte diesen Umstand auf den Alkohol zurück, und döste schließlich zwei Stunden vor sich hin.

Am späten Nachmittag kam Christina zurück. Michael wollte sie mit einem Kuss auf den Mund begrüßen, doch sie drehte schnell ihren Kopf zur Seite, sodass es ein Kuss auf ihre Wange wurde.
»Wie geht es dir, Christina?«, fragte er.
»Es ging mir schon besser«, antwortete sie.
Michael sagte nichts. Zum einen wusste er nicht, was er sagen oder fragen sollte, zum anderen wollte er sie nicht bedrängen. Er wollte ihr die Zeit geben, die sie brauchte, um mit der Sprache herauszurücken.
Christina verschwand im Badezimmer und nahm eine lange heiße Dusche. Nachdem sie sich wieder angekleidet hatte, setzte sie sich zu Michael auf das Sofa.
»Michael, wir müssen reden.«
»Ja. Ich denke auch, dass wir das tun sollten.«
»Ich war nicht auf einen Kaffee in einer Bar.«
»Wo warst du dann?«
»Ich bin spazieren gegangen. Besser gesagt, bin ich durch Rom gelaufen und habe nachgedacht.«
»Worüber hast du nachgedacht?«
»Über dich. Und über mich. Und darüber-« Sie stockte.
Er schwieg.
»Ich mag dich wirklich sehr, Michael.«
»Ich dich auch, Christina.«
»Und das ist das Problem.«
»Dass ich dich auch mag?«
»Nein. Das ist schön, und kein Problem. Das Problem ist, dass ich dich zu sehr mag.«
»Ich verstehe nicht ganz.«
»Ich kann das nicht.«
»Was kannst du nicht?«
»Ich wäre gern mit dir zusammen, doch kann ich nicht.«
»Warum?«
»Weil wir beide etwas suchen, was auch immer es ist. Doch werden wir es im jeweils Anderen nicht finden.«
›Diese Worte sind wohl die Antwort auf meine Frage, ob ein anderer Mensch überhaupt mein Ort sein kann‹, dachte er. »Ich weiß nicht, wie ich das, was ich darauf sagen möchte, sagen soll, Christina.«
»Glaubst du, dass du das, was du suchst, in mir finden kannst?«
»Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Es käme auf einen Versuch an. Dann weiß ich es, dann wissen wir es sicher. Aber um deine Frage zu beantworten: nein, ich glaube es nicht.«
Sie umarmte ihn. »Jetzt fällt mir ein Stein vom Herzen.«
»Die Frage klingt vielleicht sehr technisch, aber ich weiß nicht, wie ich sie anders formulieren soll: wie machen wir weiter?«
»Ich wollte dich soeben dasselbe fragen. Nun, ich würde sagen, wir haben Spaß, miteinander und aneinander, und machen uns eine schöne Woche in Rom, an die wir uns immer gern erinnern werden.«
»Und was ist dann in Wien?«
»Das Beste für uns dürfte dann wohl sein, wenn wir gute Freunde bleiben. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn das für dich okay ist.«
»Das ist völlig okay für mich«, sagte Michael.
Er wäre gerne eine Beziehung mit ihr eingegangen, selbst wenn das Resultat daraus bloß die Bestätigung gewesen wäre, dass sie nicht sein Ort war. ›Es tut mir sehr leid, doch weiß ich auch, dass es so besser ist. Hätte es, aus welchem Grund auch immer, nicht funktioniert, hätten wir beide sehr gelitten. Dann hätten unsere Seelen unter Umständen größeren Schaden genommen, als sie verkraftet hätten‹, dachte er. »Und deswegen warst du so durch den Wind?«
»Ich hatte Angst, dich mit meinen Worten in ein tiefes Loch zu stoßen.«
»Auch ich habe mir Gedanken darüber gemacht, ob wir es ernsthaft versuchen sollten.«
»Und auch du warst dir nicht sicher?«
»Ich glaube, dass ein Mensch einfach nicht mein Ort sein kann. Ganz gleich, wie sehr ich diesen Menschen mag.«
»Wenn das so ist, werden wir die uns verbleibende Zeit nutzen, um herauszufinden, was dein Ort sein kann.«
»Willst du dir das wirklich antun?«
»Antun? Das mache ich gerne. Und zur Entspannung können wir ja«, sie führte den Satz nicht gleich zu Ende, stattdessen küsste sie ihn, »herausfinden, ob das Bett noch im Schlafzimmer steht.«

»Und? Wie hat es dir gefallen?«
»Sehr gut, Christina. Es war intensiver als sonst.«
»Das liegt an der Unverbindlichkeit, die wir ungeachtet unserer tiefen Zuneigung zueinander, unserer Beziehung hinzugefügt haben.«
»Ja, wahrscheinlich.«
»Wahrscheinlich? Willst du mir weismachen, dass du noch nie unverbindlichen Sex hattest?«
»Höchstens ein- oder zweimal.«
»Lügner.«
Michael lachte. »Was machen wir heute noch? Einen Ort suchen?«
»Ja, gute Idee. Am besten einen, wo wir Cocktails trinken können.«
Sie zogen sich an und gingen in eine Cocktailbar in der Nähe ihrer Wohnung.
»Was möchtest du trinken, Christina? Einen Gin Tonic?«
»Nein, einen Mojito. Was wirst du nehmen?«
»Bloody Mary.«
Christina lachte laut.
»Was ist an einer Bloody Mary komisch?«
»Am Getränk nichts. Ich musste daran denken, wie du mir angeboten hast, Bedarfsartikel zu besorgen, weil du dachtest, ich hätte meine Tage.«
»Das war doch nett von mir.«
»Ja, das war es wirklich. Aber dein Ausdruck, Bedarfsartikel, der war genial.«
Michael lachte. »Was hätte ich denn sonst sagen sollen?«
»Tampons. Oder Binden, zum Beispiel.«
»Ja, das wäre auch gegangen«, gab er zu.
»Als so verklemmt, wohlgemerkt rhetorisch verklemmt, habe ich dich gar nicht eingeschätzt.«
»Da habe ich, wohlgemerkt rhetorisch, offenbar eine Augenbinde getragen.«
Beide prusteten los.
»Normalerweise bin ich nicht so verklemmt.«
»Aber heute warst du es.«
»Na ja, ich habe nicht genau gewusst, was los war.«
»Gut. Nachdem wir das ja geklärt haben-«
»Christina, da ist noch eine Sache. Wir haben haben uns ja auf die Unverbindlichkeit unserer zeitlich begrenzten Beziehung geeinigt.«
»Ja, das haben wir.«
»Nun, ich habe dich angelogen. Ich habe im Supermarkt nichts außer den Plastiksack gekauft.«
»Und weiter?«
»Ich habe darin eine Handtasche nach Hause getragen, die ich dir gekauft habe.«
»Du hast mir eine Handtasche-« Ihr Blick richtete sich nach schräg oben, als ob sie nicht wusste, wie sie mit dieser Nachricht umgehen sollte.
»Ja, aber reg dich bitte nicht auf. Ich habe sie dir lediglich als Erinnerung an diese Woche gekauft.«
»War sie teuer?«
»Nein, überhaupt nicht.«
»Hast du sie gekauft, bevor oder nachdem dir klar war, dass ich nicht dein Ort bin?«
»Danach.«
»Gut. Sag, woher wusstest du, welche Taschen mir gefallen?«
»Du hast sie gestern lange angeschaut«, sagte er. ›Das war ein Fehler. Jetzt weiß sie, dass sie teuer war‹, dachte er.
»Und sie war nicht teuer?«
»Ich gebe sie dir zu Hause und hoffe, dass sie dir gefällt. Und jetzt lassen wir das Thema.«
»Aber ich kann dir nichts Teures schenken.«
»Das brauchst du auch nicht. Koch in dieser Woche einfach nochmal Lasagne.«
»Das werde ich, versprochen. Willst du mir sonst noch was aus der Zeit der Unklarheit bezüglich der Art unserer Beziehung sagen?«
»Schön gesagt, aber nein.«
»Reist du gerne?«
»Lass es mich so sagen: ich bin gern unterwegs.«
»Das heißt, du verreist gern, kommst aber ungern an.«
»Ja, so ungefähr.«
»Was ist so schlimm am Ankommen?«
»Ich weiß nicht. Vermutlich dass die Reise zu Ende ist.«
»Bist du eigentlich schon mal irgendwo angekommen?«
»Ja sicher. Kürzlich erst in Florenz, und dann in Rom.«
»Das meine ich nicht. Bist du schon einmal innerlich angekommen, irgendwo?«
»Innerlich?«
»Ja. Hast du schon einmal das Gefühl gehabt, ‘Hier gehöre ich hin’?«
»Ja. Im Salzamt, meinem Stammlokal. Dort habe ich dieses Gefühl jedes Mal, wenn ich reingehe.«
»Im Stammlokal. Na toll. Hast du dich noch nie irgendwo zuhause gefühlt? Und geborgen und sicher?«
»Nein, eigentlich nicht.«
»An gar keinem Ort? Hast du nie einen Platz gehabt, an dem die Welt für dich in Ordnung war?«
»Nein. Hast du so einen schon gehabt?«
»Ja, sogar viele. Aber ich habe das Gefühl, dass alles passt, auch zugelassen. Offensichtlich im Gegensatz zu dir.«
»Ich weiß nicht warum, aber dieses Gefühl hat sich bei mir noch nicht eingestellt.«
»Und das Reisen? Also nicht das Ankommen, sondern das Reisen selbst? War das stets eine Handlung, die du einfach so gesetzt hast? Oder ein Davonlaufen, wie vor ein paar Tagen in Wien, als du dich einfach in den Zug gesetzt hast?«
»Das vor ein paar Tagen war sicherlich Wegrennen.«
»Und die anderen Male?«
»Da muss ich nachdenken.«
»Lass dir Zeit. Ich komme gleich wieder.«
Michael bestellte zwei weiter Getränke.
›Sie hat recht. Eigentlich war es immer ein Davonlaufen. Jedes einzelne Mal. Aber das war eben bequemer, als mich dem Unwohlsein zu stellen. Das war schon in meiner Jugend so. Bloß habe ich mir damals das Verreisen nicht leisten können, also habe ich mich in den Alkohol geflüchtet. Und das mit dem Ankommen, das stimmt. Ich bin in der Tat noch nie angekommen, habe mir noch nie gedacht ‘Genau hier gehöre ich hin’. Wenn ich vom Unwohlsein loskommen will, muss ich einen solchen Ort finden. Aber einen, an dem ich eine Beschäftigung habe. Denn sonst schreibe ich bloß und drehe mich dabei schreibend im Kreis.‹
»Danke für den Drink, Michael. Hast du nachgedacht?«
»Ja, habe ich. Du hast recht.«
»Womit?«, fragte sie.
»Ich habe es bislang stets vermieden, irgendwo das Gefühl ‘Da gehöre ich jetzt hin. Da ist mein Platz’ in mir aufkommen zu lassen.«
»Ja, das habe ich mitgekriegt.«
»Wie denn?«
»So gut kenne ich dich mittlerweile.«
»Und? Wie kann ich das, deiner Meinung nach, ändern?«
»Du musst lernen, auf deine innere Stimme zu hören.«
»Auf meine innere Stimme hören? Du weißt doch, was man sagt?«
»Was denn?«
»Wer Stimmen hört, sollte dringend einen Arzt konsultieren.«
Michael lachte, doch als er Christinas ernsten Blick bemerkte, erstarb sein Gelächter. »Entschuldige bitte.«
»Ich meine das ernst. Ich will dir wirklich helfen, deinen Ort zu finden. Aber ich kann dich nun mal nicht am Kragen packen und dorthin schleifen. Ich kann dir nur sagen, wie ich für mich selbst herausfinde, ob es irgendwo für mich passt.«
»Und was, wenn mich meine Stimme anlügt?«
»Das tut sie nicht. Wenn du auf sie hörst, wird sie dir den Weg weisen, der für dich der richtige ist. Du darfst natürlich nicht auf die Stimmen der Verführungen hören.«
»Auf die habe ich schon oft gehört.«
»Auf die hat jeder Mensch schon oft gehört. Aber das Schwierigste ist zu lernen, sie auszublenden. Was machst du denn gerne?«
Er ließ sich mit seiner Antwort Zeit. »Schreiben.«
»Das ist, so leid es mir tut, nicht genug.«
»Warum?«
»Das Schreiben mag dir zwar helfen, das akute Unwohlsein zu bekämpfen, aus diesem Grund wohl auch die eindeutigen Gedichte, die ich von dir gelesen habe. Aber auf lange Sicht brauchst du eine Beschäftigung. Eine, die dich ausfüllt, die deinem Leben einen Sinn gibt.«
»Tja.«
»Bei mir ist es die Arbeit in der Gärtnerei. Die hat mich gerettet.«
»Wirklich?«
»Ja. Wenn ich die nicht hätte, dann würde ich unter Umständen nicht hier sitzen.«
»Wo würdest du denn dann sitzen?«
»Ich würde vermutlich unter einer Brücke liegen, vollgepumpt mit Drogen. Hast du denn schon einmal gearbeitet?«
Michael errötete.
Christina lächelte milde. »Also nicht.«
»Na ja, als ich ins Gymnasium gegangen bin. In den Ferien. Da schon.«
Sie lachte. »Also nicht. Schau, Michael, es geht in erster Linie nicht ums Geld. Bei dir offenbar ohnehin nicht. Viel wichtiger ist, dass dir ein Job Halt gibt. Du hast etwas, wofür du gerne Zeit opferst. Vorausgesetzt natürlich, die Arbeit macht dir Spaß. Außerdem gibt ein Job deinem Leben durch den geregelten Tagesablauf Struktur.«
»Du hast ja recht.«
»Deinem Tonfall entnehme ich, dass du das nicht zum ersten Mal hörst.«
»Stimmt.«
»Gut, dann lassen wir das. Du suchst ja vorrangig nach deinem Ort.«
»Ja.«
»Aber, okay, wir lassen es doch nicht, dort wirst du Struktur brauchen.«
»Ich weiß. Christina?«
»Ja.«
»Können wir dieses Gespräch bitte morgen fortsetzen?«
»Ja, das können und das werden wir. Morgen bleiben wir zu Hause und reden. Den ganzen Tag, und wenn es sein muss auch die ganze Nacht. Schau nicht so sauer. Wir können auch im Bett reden, wenn dir das lieber ist.«
»Ist es. Was hältst du davon: ich bezahle, wir gehen nach Hause und dort sagst du mir, wie dir die Tasche gefällt.«
»In Ordnung. Aber morgen wird geredet. Versprochen?«
»Hoch und heilig.«
Michael bezahlte und kaufte sich eine Packung Zigaretten. »Die werde ich morgen sicher brauchen.«
Im Apartment angekommen, sagte er: »Mach die Augen zu.«
Sie schloss die Augen und er hängte ihr die Handtasche um den Hals.
»Augen auf.«
»O mein Gott. Die ist wunderschön. Sag, was hat sie gekostet?«
»Nicht viel.«
»Nicht viel? Da hängen sicher zwei Monatsgehälter um meinen Hals.«
»Ich gebe es zu: sie ist gefälscht.«
»Ja, ja.« Sie lachte. »Ich werde sie in Ehren halten und nur zu besonderen Anlässen tragen.«
»Nein, trage sie ruhig oft. Dafür wurde sie schließlich gemacht.«
»Vielen Dank. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«
»Dann sag nichts. Küss mich einfach.«
Behutsam legte sie die Handtasche auf das Sofa. »Dafür«, sagte sie und küsste ihn, »bekommst du weit mehr als einen Kuss.«
»Zwei Küsse? Oder gar drei?«
»Lass dich überraschen.«
»Gerne«, sagte er. »Wo wird denn die Überraschung stattfinden?«
»Gleich hier, auf dem Sofa.«

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