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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 9

9


»Christina, wach auf.«
»Was ist denn los?«
»Vielleicht was Wichtiges.«
Sie sah auf die Uhr. »Es ist erst halb neun. Was ist denn?«
»Dein Telefon hat schon zweimal geläutet. Es ist vielleicht was Wichtiges.«
Christina stieg aus dem Bett und schlurfte ins Wohnzimmer, wo ihr Mobiltelefon lag. Als sie sich wenige Minuten später wieder ins Bett fallen ließ, meinte sie: »Es war bloß eine Freundin aus Wien. Sie wollte wissen, wie es mir geht und ob alles in Ordnung ist.«
»Und was hast du gesagt?«
»Dass ich einem Verrückten in die Hände gefallen bin und dass alles ganz furchtbar ist. Und dass sie die Polizei alarmieren soll.«
»Das hast du gut gemacht. Bitte entschuldige, dass ich dich geweckt habe.«
»Kein Thema. Aber Strafe muss nun einmal sein. Leg dich auf den Rücken.«
Michael tat, was sie verlangte.
»Gut so. Und jetzt schlafe ich auf dir weiter«, sagte sie und legte ihren Kopf auf seine Brust.
›Wenn sie ihre Ankündigung, oder war es eine Drohung, von gestern in die Tat umsetzen und tatsächlich mit mir reden will, dann wird das ein harter Tag. Aber eigentlich bin ich selbst schuld. Hätte ich zumindest bei einem einzigen der vielen Gespräche zu diesem Thema in den letzten Jahren nicht auf stur geschaltet, dann würde mir das heute erspart bleiben. Und wir könnten in ein Museum gehen oder uns weiß Gott was anschauen. Aber so? Also, Michael, genieße den Augenblick und freue dich, dass sie noch auf dir schlafen will. Vielleicht will sie das nach dem Reden nicht mehr. Auf jeden Fall muss ich heute etwas kochen. Wenn sie so hilfsbereit ist und meine Lage verbessern will, ist es doch das Mindeste, ihr ein gutes Essen hinzustellen. Wie auch immer, ich sollte ebenfalls weiterschlafen.‹
Michael erwachte gegen elf Uhr. Sie weckte ihn, indem sie an den Haaren auf seiner Brust herumspielte.
Er sah sie an und sagte: »Leider sind sie noch nicht lang genug. Sonst könntest du ein paar Zöpfe flechten.«
Sie lachte. »Soll ich uns Espresso machen?«
»Ja, gern. Oder warte, Christina. Ich könnte rausgehen und uns frische Mehlspeisen besorgen. Dann hätten wir ein Frühstück, und die Hauptmahlzeit koche ich irgendwann am Nachmittag. Was hältst du davon?«
»Warum nicht? Also, raus aus den Federn, rein in die Kleidung, raus aus der Wohnung und rein in die Konditorei.«
Wenige Minuten später kehrte er mit einem kleinen Karton voll Mehlspeisen in der Hand zurück.
»Wo ist der Espresso, liebes Fräulein?«
»Ich war gerade dabei, von ihm zu träumen«, gab Christina, die noch einmal weggedöst war, zurück.
»Bleib im Bett. Ich bringe dir Frühstück.«
Er brühte den Kaffee und richtete den Kuchen hübsch auf kleinen Tellern an.
»Schmecken dir die Kuchen?«
»Sie sind köstlich.«
»Es sind noch welche da, wenn du mehr davon willst.«
»Lassen wir den Rest über. Er wird unser Abendessen sein.«
»Gern. Wie hast du auf mir geschlafen?«
»Gut. Genauso gut wie beim ersten Mal. Und heute habe ich sogar geträumt.«
»Was denn?«
»Ach, es war ein blöder Traum.«
»Erzählst du ihn mir?«
»Willst du das wirklich hören?«
»Ja. So schlimm wird es schon nicht werden.«
»Also gut. Ich habe geträumt, dass sich meine zwei besten Freundinnen streiten.«
»Um einem Mann?«, fragte Michael grinsend.
»Ich kann mich nicht mehr an den Grund des Streits erinnern. Aber ich halte es für ausgeschlossen, dass sich die zwei um einen Kerl streiten.«
»Das ist aber schade.«
»Wieso ist das- Willst du nun den Traum erzählt bekommen oder nicht?«
»Ja, natürlich.«
»Dann unterbrich mich nicht. Also, die beiden standen sich gegenüber, jede in einer Art Zelle, einem kleinen Raum, doch ohne Gitter davor. Dann hatte die eine plötzlich einen Stein in der Hand und ist auf die andere zu gelaufen. Die hatte auf einmal eine Pistole in der Hand und hat sie einfach erschossen.» Christina sah zu Boden. »Und dann bin ich aufgewacht.«
»Aha. Und was, denkst du, hat dieser Traum bedeutet?«
»Ich weiß es nicht. Kannst du dir einen Reim darauf machen?«
»Nein, ehrlich gesagt nicht. Aber ich muss erwähnen, dass ich nie gut im Deuten von Träumen war.«
»Jedenfalls war es ein Schock, als eine plötzlich tot umgefallen ist.«
»Das kann ich mir denken.«
»Bringst du mir bitte noch ein Stück Kuchen?«
Er brachte es.
»Träumst du eigentlich oft, Michael?«
»Nein. Oder ich vergesse die Träume beim Aufwachen einfach.«
»Was war das letzte, was du geträumt hast?«
»Dass ich allein auf der Welt war.«
»Klingt interessant.«
»War es aber nicht. Es war furchtbar. Ich war allein auf der Welt. Kein anderer Mensch war da. Alles war menschenleer.«
»Und was hast du gemacht?«
»Na ja, zuerst habe ich mir gedacht ‘Super. Jetzt kann ich endlich machen, was immer ich will.’ Aber die Euphorie war schnell weg.«
»Was hast du denn mit deiner Freiheit gemacht?«
»Ich bin zu Hause gesessen, habe Bücher gelesen und mich von Tiefkühlkost ernährt.«
»Wie bitte? Bist du gar nicht nach draußen gegangen?«
»Nein. Ich konnte nicht.«
»Warum? Weil keine Menschen da waren?«
»In gewisser Weise war das der Grund, ja.«
»Ich verstehe nicht.«
»Das Problem war der Hund.«
»Welcher Hund?«
»Der meines Nachbarn. Ein Pitbull. Ein sehr cholerisches Tier.«
»Und weiter?«
»Nun, da der Nachbar nicht da war, hat er den Hund naturgemäß nicht im Zaum halten können. So hat das Biest vor meiner Türe gesessen und knurrend auf mich gewartet. Dann bin ich aufgewacht.«
Christina lachte schallend. »Ein seltsamer Traum.«
»Ja. Aber bitte frag mich nicht, war mein Unterbewusstsein mir damit sagen wollte.«
»Hast du Träume?«
»Nein, abgesehen von den üblichen. Kein Hunger mehr und Friede auf der Welt und so.«
»Ich meinte: hast du persönliche Träume? Welche, die dich persönlich betreffen.«
»Mich persönlich? Nein, eigentlich nicht.«
»Du träumst nicht vom Glück? Oder von Zufriedenheit? Oder von erfüllter Liebe?«
»Doch, natürlich. Doch das als Traum zu bezeichnen, halte ich für übertrieben.«
»Warum übertrieben?«
»Weil davon doch jeder Mensch träumt. Also sind das eher allgemeine Wünsche. Die aber nur für wenige in Erfüllung gehen.«
»Und für wen gehen sie deiner Meinung nach in Erfüllung?«
»Für die Menschen, die einfach Glück haben. Oft haben sie davon sogar mehr als vom Verstand.«
»Nein, Michael. Da liegst du falsch.«
»Inwiefern?«
»Solche Träume, die du als allgemeine Wünsche bezeichnest, gehen für die Menschen in Erfüllung, die daran glauben und die etwas dafür tun, dass sie erfüllt werden. Die sich nicht von vornherein der Tatsache verschließen, dass solche Träume erfüllt werden.«
Michael sagte nichts darauf.
»Und auch für dich können sie in Erfüllung gehen. Oder könnten es zumindest.«
»Warum könnten?«
»Weil du dich deinem eigenen Glück verschließt, mein Lieber.«
»Das tue ich nicht«, protestierte er. »Ich tue doch alles dafür«, er überlegte kurz, dann lag ein resignierter Ton in seiner Stimme, »dass ich unglücklich bleibe. Du hast recht.«
»Schau nicht so verzweifelt drein. Der Grund, aus dem wir dieses Gespräch führen, ist doch, dass du erkennst, woran es in deinem Leben hapert. Und daraus lernst.«
»Bloß, dass ich nicht weiß, wie ich etwas daran ändern soll.«
»Zuerst erkennen, dann ändern, mein Lieber.«
»Dass es in ein paar Bereichen in meinem Leben nicht ganz so funktioniert, wie ich es gerne hätte, das habe ich allerdings erkannt.«
»Das glaube ich dir aufs Wort. Aber es geht um das Warum. Warum funktionieren sie nicht? Und warum änderst du nichts an dem Grund, aus dem sie nicht funktionieren?«
»Was soll ich ändern? Ich bin so, wie ich bin.«
»Das ist exakt die falsche Einstellung.«
»Wovon träumst denn du?«
»Wir reden hier von dir, Michael, und nicht von mir. Und ich kann dir sagen, dass ich auf dem besten Weg bin, meine Träume zu verwirklichen.«
»Bist du jetzt böse?«
»Nein, bin ich nicht. Machen wir es so: erst reden wir über dich, danach erzähle ich von mir.«
»Aber wenn du zuerst von dir erzählst, kann ich mir vielleicht was abschauen und so viel leichter auf die richtigen Antworten kommen.«
»Abschauen? Nein, Michael. Diese Antworten muss jeder Mensch selbst erhalten. Individuelle Antworten, verstehst du? Aber die kriegt man nur, wenn man sich die richtigen Fragen stellt.«
»Du hast ja recht.«
»Und du bist eben so, wie du bist, oder?«
»Ja.«
»Aber du bist anders, als du lebst.«
»Was meinst du damit?«
»Du könntest ein schönes Leben führen. Du bist gescheit, tiefsinnig und gutherzig. Aber das Leben, das du im Moment führst, ist bestimmt vom Unwohlsein und dem davor Davonlaufen. Doch wenn du läufst, siehst du nur nach vorne, damit du nicht stolperst, und nach hinten, ob dein Wolf dich verfolgt. Das Glück aber liegt auf der Seite. Dort liegt massenhaft Glück. Um es zu sehen, brauchst du bloß stehenzubleiben. Aber das musst du auch machen. Selbst wenn es schmerzhaft ist.«
»Christina, möchtest du mit ins Wohnzimmer kommen? Ich brauche eine Zigarette.«
Sie setzten sich auf das Sofa. Michael zündete sich eine Zigarette an und rauchte sie schweigend in tiefen Zügen.
»Deiner Geschwindigkeit beim Rauchen nach zu urteilen, wühlt dich unser Gespräch ziemlich auf.«
»Ja, das kann man so sagen.«
»Ich werde aber nicht lockerlassen.«
»Das habe ich befürchtet.«
»Also, was suchst du?«
»Ganz ehrlich: genau das, was ich im Moment habe.«
»Was ist das?«
»Geborgenheit, Wärme und Verständnis. Also alles, was ich im Moment mit dir habe.«
»Und Liebe? Die hast du im Moment nicht.«
»Das stimmt allerdings.«
»Was du mit mir hast, ist natürlich dem Umstand geschuldet, dass wir, durch das Ablaufdatum am Ende des siebenten Tages in Rom, absolut offen miteinander umgehen können.«
»Was hat das mit dem Ablaufdatum zu tun?«
»So können wir, so kann ich dir gegenüber weit offener sein, als ich es bei einem Mann wäre, mit dem ich eine feste Beziehung eingehen wollte.«
»Warum?«
»Weil ich den Mann nicht verschrecken- Warte. Sag, Michael, bist du stets so offen, wie du es mir gegenüber bist?«
»Ja, eigentlich schon. Frauen gegenüber zumindest. Bei Männern bin ich für gewöhnlich sehr verschlossen. Zumindest was die Themen anlangt, über die ich mit dir spreche.«
»Das darfst du nicht sein. Das ist ein großer Fehler.«
»Fehler? Warum?«
»Weil das Menschen schnell überfordern kann.«
»Überfordere ich dich, oder habe ich dich überfordert?«
»Nein, ich kann mit so was umgehen.«
»Mit so was wie mir?«, fragte Michael mit gequälter Miene.
»So war das nicht gemeint, mein Lieber. Ich meine, dass sich manche Frauen verantwortlich für dich fühlen könnten.«
»Aber das sind sie nicht.«
»Natürlich nicht, aber sie könnten meinen, sie wären es. Und dieses Gefühl der Verantwortung ist natürlich einer normalen Beziehung nicht gerade zuträglich.«
»Also soll ich verschlossener werden?«
»Nein, das auch wieder nicht.«
»Ja, was denn dann?«
»Du musst deine Worte abwägen. Sowohl die, die du aussprichst, als auch die, die du niederschreibst.«
»Die ich schreibe?«
»Natürlich. Wenn ich an die drei Gedichte denke- So was darfst du keiner Frau zeigen, mit der du zusammenkommen möchtest.«
»Warum denn nicht? Diese Texte waren zum Zeitpunkt ihrer Entstehung doch bloß ehrlich.«
»Ehrlich abgründig, das ja. Aber du musst auch verstehen, dass sich eine Frau beim Lesen dann ungewollt fragt ‘Was ist mit dem Kerl bloß los?’ und dann ist sie weg. In den meisten Fällen läuft das jedenfalls so.«
»Also soll ich meine Werke unter Verschluss halten?«
»Hin und wieder ist das der bessere Weg, glaube mir.«
»Aber ich finde die Vorstellung, ein Autor zu sein, der bloß für die Schublade schreibt, grässlich.«
»Ich glaube dir. Aber glaube du mir auch. Das gilt übrigens auch für einen Job.«
»Was gilt dort?«
»Es wäre sehr unklug, Kollegen oder gar Vorgesetzten so was zu zeigen.«
»Das würde ich ohnehin nicht.« Michael zündete sich eine Zigarette an.
»Ich fasse zusammen, was wir bis jetzt haben: du suchst nach einem Ort, an dem es dir besser geht. Nach einer sinnvollen Beschäftigung neben dem Schreiben suchst du auch. Und du musst lernen, wem du wann wieviel Vertrauen entgegenbringen kannst. Habe ich was vergessen? Ja, habe ich. Du musst auch lernen, dich dem Unwohlsein zu stellen, damit du nicht ständig davonlaufen musst. Zumindest so lange, bis du deinen Ort gefunden hast.«
»Und alle diese Baustellen wollen wir in den wenigen Tagen, die uns bleiben, in schöne grüne Wiesen verwandeln?«
»Die Hauptarbeit wirst du selbst verrichten müssen. Ich kann dir dabei lediglich assistieren.«
Die nächste Zigarette rauchte er in rekordverdächtiger Zeit auf.
»Lass uns ins Schlafzimmer gehen, Christina. Sonst rauche ich die Packung leer.«
»Ist das der einzige Grund? Oder möchtest du dort auch Stress abbauen?«
»Fühlst du dich denn gestresst?«
»Ein bisschen.«
»Das trifft sich gut. Ich bin nämlich gerade sehr gestresst.«

»Und? hat der Stress nachgelassen?«
»Ja, hat er. Michael?«
»Ja, Christina.«
»Hattest du eigentlich ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern?«
»Warum fragst du?«
»Es interessiert mich einfach.«
»Ich habe kein schlechtes Verhältnis zu ihnen.«
»Wie, du hast? Hast du nicht gesagt, du hast dein Geld geerbt?«
»Ja, das habe ich auch. Aber nicht von Verwandten.«
»Von wem denn dann?«
»Von einem Freund.«
»Was ist passiert?«
»Seine Freundin hat ihn verlassen und dann hat er sich betrunken in sein Auto gesetzt.« Michael machte eine Pause. »Ich musste ihn identifizieren.«
»Wie schrecklich. Und warum hast gerade du geerbt?«
»Wir hatten viele Jahre davor vereinbart, dass wir einander beerben, wenn einem von uns was zustoßen sollte. Natürlich nur, wenn derjenige keine Familie haben sollte.«
»Zurück zu deinen Eltern.«
»Zu meiner Mutter habe ich ein gutes Verhältnis.«
»Und zu deinem Vater?«
»Kein schlechtes jedenfalls. Lebt dein Vater noch?«
»Keine Ahnung. Ich habe ihn nie kennengelernt. Hast du Geschwister?«
»Nein. Und du?«
»Nein. Vielleicht Halbgeschwister, aber ich weiß von keinen. Hast du Kontakt zu deinen Eltern?«
»Ab und an. Hättest du gerne Geschwister gehabt, Christina?«
»Nein, eigentlich nicht. Und du?«
»Nein. Ein Genie in der Familie ist genug.«
Sie lachte.
»Das ist bloß die Wahrheit.«
»Hast du irgendeine Vorstellung, um wieder auf das Thema zurückzukommen, wo dein Ort liegen könnte?«
»Nein. Ich war zwar schon an vielen Orten, doch so richtig gut hat es mir nirgendwo gefallen.«
»Vergiss das. Meine letzte Frage war nicht wirklich durchdacht. Wenn du noch nicht einmal weißt, was du machen möchtest, wie sollst du dann wissen, wo.«
»Stimmt.«
»Also, was willst du machen?«
»Irgendwas mit Schreiben.«
»Und außer schreiben?«
»Irgendwas draußen. In der Natur. Oder zumindest unter freiem Himmel. Keinesfalls was in einem Büro.«
»Hast du einen grünen Daumen? Kannst du gut mit Pflanzen?«
»Sie habe sich jedenfalls noch nie bei mir beschwert. Wenn sie eingegangen sind.«
Christina lachte. »Und das sind sie vermutlich alle.«
»Restlos.«
»Ernsthaft, Michael: du sagst, du würdest gern in der Natur arbeiten. Was wäre, wenn du dich in einer Gärtnerei bewirbst? Oder bei der Stadt Wien? Die hat viele Jobs im Angebot, wo du draußen wärst.«
»Christina, du bist schon zwei Schritte weiter.«
»Wie, zwei Schritte?«
»Wie du vorhin gesagt hast, muss ich mir erst einmal darüber klar werden, wo mein Ort liegt. Und ich bin mir nicht sicher, ob Wien dieser Ort ist. Also werde ich mich nicht bei der Stadt-«
»Stimmt«, fiel sie ihm ins Wort. »Aber, sag, warum kann Wien denn nicht dein Ort sein? Es ist sauber, sicher, groß und modern.«
»Ich habe mich dort oft unwohl gefühlt.«
»Vielleicht findest du deinen Ort erst, wenn sich die anderen Sachen bereits ergeben haben.«
»Wie meinst du das?«
»Angenommen, du lernst in Wien eine Frau kennen. Ihr kommt zusammen und alles passt.«
»Eine schöne Vorstellung.«
»Doch sie kommt nicht aus Wien, oder lebt nicht dort. Und sie möchte den Ort, an dem sie lebt, nicht verlassen. Was würdest du tun?«
Michael überlegte. »Wenn alles passt, würde ich ihr an den Ort folgen, an dem sie leben möchte.«
»Aber damit würdest du dich in gewisser Weise von ihr abhängig machen.«
»Inwiefern?«
»Du würdest ihr folgen und ihr Ort, der, an dem sie sein möchte, würde auch dein Ort werden. Nein, falsch. Dir wäre es egal, wo ihr sein würdet, oder?«
»Ja, das wäre mir egal.«
»Und weißt du auch, warum?«
»Weil ich die Frau mag.«
»Nein. Weil sie, weil diese Frau dein Ort ist.«
»Meinst du das ernst?«
»Ja. Dir ist das nicht bewusst, doch du würdest diese Frau als deinen Ort bestimmen.«
Michael sah sie entgeistert an. »Das stimmt«, sagte er.
»Somit bist du durchaus bereit, deinen Ort, an dem du frei vom Unwohlsein bist, in einem anderen Menschen zu erkennen.«
»Ich war mir beinahe sicher, dass das nicht der Fall ist.«
»Ja, das hast du gesagt.«
»Was heißt das jetzt?«
»Bist du bloß bereit, deinen Ort in einer anderen Person zu finden? Als eine Möglichkeit unter mehreren? Oder suchst du bewusst in einem anderen Menschen nach der Erlösung vom Unwohlsein?«
»Das weiß ich nicht genau.«
»Hast du zu irgendeinem Zeitpunkt diesen Ort in mir gesehen?«
»Da muss ich nachdenken«, log Michael, doch seine Lüge verfing nicht.
»Versuch nicht, Zeit herauszuschinden«, sagte Christina streng. »Hast du oder hast du nicht?«
»Ja, habe ich«, gab er zu. »Aber dann habe ich nachgedacht und die Sache mit dir analysiert und bin zum Schluss gekommen, dass kein Mensch mein Ort sein kann.«
»Und warum warst du, wenigstens für kurze Zeit, der Ansicht, ich wäre dieser?«
»Ich vermute-«
»Nein«, unterbrach sie ihn. »Du vermutest jetzt gar nichts. Du sagst, was Sache ist. Oder war.«
»Ich vermute- Entschuldigung. Ich weiß, dass es daran lag, dass du mich einfach so akzeptiert hast, wie ich bin.«
»Aber Akzeptanz ist, verzeih mir meine Direktheit, zu wenig. Bei aller Liebe, das ist bei Weitem nicht genug.«
»Nach der ersten Euphorie ist mir das auch klar geworden.«
»Aber in der Phase deiner Euphorie war dir das nicht klar?«
»Nein.«
»Hast du wirklich gefühlt, dass ich dein Ort war? In deinem tiefsten Inneren, meine ich. Oder wolltest du unbedingt, dass ich dein Ort bin, damit du frei sein kannst?«
»Bitte warte kurz, Christina. Ich muss eine Zigarette rauchen.«
»Du kannst gerne rauchen gehen. Aber erst beantwortest du meine Frage.«
»Ich wollte es wohl unbedingt.«
»Wolltest du mich, weil ich so bin, wie ich bin, oder wolltest du bloß ein weiteres Mal die Verantwortung für dein Leben abgeben?«
»Weil du du bist. Und was heißt ein weiteres Mal?«
»Weil du das schon oft gemacht hast.«
»Wann, bitte, habe ich das gemacht?«
»Jedes Mal, wenn du davongelaufen bist.«
»Aber da war ich doch immer selbst für mich verantwortlich.«
»Nein, das warst du nicht. Du hast die Verantwortung abgegeben. Und zwar an das Reisen, vor allem an das Abreisen, das Symbol deines Wegrennens.«
»Aber ich bin doch jedes Mal wo angekommen«, protestierte er.
»Nein, Michael, das bist du nicht. Du warst irgendwo, hast neue Eindrücke gewonnen, sicherlich auch eine tolle Zeit gehabt, und dann bist du wieder zurück gefahren, um dann doch wieder wegzurennen.«
»So habe ich das noch nie gesehen.«
»Aber du erkennst, dass es so ist?«
»Ja. Das tue ich.«
»Du suchst in Wahrheit gar nicht nach einem Ort im Wortsinn. Du suchst tatsächlich nach einem Menschen, in deinem Fall nach einer Frau, bei der du ankommen kannst. Die dich beschützt und dir Halt gibt.«
Michael schluckte.
»Und ich kann dir das nicht einmal zum Vorwurf machen, denn du tust das unbewusst.«
Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter, sagte jedoch nichts.
»Wir machen jetzt Pause. Was willst du uns denn kochen?«
Er antwortete nicht sofort. Er war dabei, die Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen, zu ordnen. Nach einer Minute sagte er: »Lass uns in eine Pizzeria gehen. Ich kann jetzt nicht kochen.«
»Soll ich kochen?«
»Nein, lass gut sein. Ich habe Lust auf eine Pizza. Wenn es dir nichts ausmacht.«
»Okay, dann lass uns gehen.«

»Siehst du die drei Frauen am Tisch in der Ecke?«
»Ja, Christina, ich sehe sie.«
»Sie starren dich schon eine ganze Weile an.«
»Und warum? Habe ich mich angepatzt?«
»Nein. Vielleicht gefällst du ihnen.«
»Oder sie lachen über mich.«
»Gefallen sie dir denn?«
»Die Frau auf der linken Seite, die schon.«
»Was gefällt dir an ihr?«
»Keine Ahnung«, sagte Michael achselzuckend. »Ihr gesamtes Erscheinungsbild.«
»Stimmt. Sie ist sehr schön.«
»Warum fragst du?«
»Ich wollte bloß wissen, ob du Augen für andere Frauen hast.«
Er errötete. »Das heißt jetzt aber nicht, das ich dich-«
»Mach dir keine Sorgen. Du hast dich völlig richtig verhalten. Hättest du bloß Augen für mich, würde ich mir Sorgen machen.«
»Gut«, stellte er erleichtert fest. »Möchtest du eine Nachspeise?«
»Nein, danke. Außerdem haben wir noch Kuchen.«
»Stimmt. Mist, jetzt regnet es wieder.«
»Wir werden es überleben. In zehn Minuten sind wir zu Hause.«

»Möchtest du einen Espresso, Christina?«
»Ja, gerne. So bleibe ich länger wach.«
»Und kannst meinem Ich noch gründlicher auf den Grund gehen.«
»In der Tat.«
»Sag, Christina, hast du niemals deinen Ort in einem anderen Menschen gefunden?«
»Nein, das konnte ich nicht.«
»Warum?«
»Weil ich nie in einem anderen Menschen danach gesucht habe.«
»Also bist du selbst dein Ort?«
»Nicht unbedingt. Ich habe durchaus Orte gefunden, aber wirkliche Orte, an welchen es mir besser gegangen ist.«
»Und wo waren diese Orte?«
»Ganz verschieden. Einer lag auf einer kleinen Insel im Mittelmeer, ein anderer in Österreich.«
»Wo in Österreich, wenn ich fragen darf?«
»In der Steiermark. Warum lachst du?«
»Weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass solch ein heilsamer Ort in der Steiermark liegt.«
»Warum denn nicht?«
»Ich vermute, das liegt an den Steirern dort.«
Christina lachte. »Du bist doch selbst einer.«
»Woher weißt du das?«
»Das, mein Lieber, ist nicht zu überhören.«
Michael äußerte sich auf unflätige Weise in steirischem Dialekt.
»Wie ich sagte, unüberhörbar.«
Er lachte. »Warst du nie versucht, den Ort- Christina?«
»Michael?«
»Lass uns das Bett zerwühlen und morgen weiterreden.«
»Und wozu haben wir dann Kaffee getrunken?«
»Damit wir nachher noch wach genug sind, um den Kuchen aufzuessen«, sagte er und küsste sie.
Sie erwiderte den Kuss, dann sagte sie: »Du glaubst wohl, dass du die perfekte Strategie gefunden hast, um Themen auszuweichen, die dir unangenehm sind.«
»Habe ich sie etwa nicht gefunden?«, fragte er mit Unschuldsmiene.
»Doch. Für den Augenblick.« Sie küsste ihn und flüsterte in sein Ohr: »Ich weiß genau, wo wir in unserem Gespräch stehengeblieben sind. Und das weiß ich auch morgen noch.«
»Morgen, meine Liebe«, flüsterte Michael, »gleich nach dem Aufstehen, werde ich weglaufen.«
»Mach das, mein Lieber. Und bring Zucker mit.«

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