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Freitag, 7. Oktober 2016

Das Ende in Wien





1

Als Florin Simonescu Rumänien verließ, war er drei Jahre alt. Seine Mutter Elena hatte ihn in den Zug gezerrt und war mit ihm nach Wien gereist, wo ihre Leben in einer einzigen Nacht unabhängig voneinander enden sollten.
Die Flucht war notwendig geworden, um Florin vor seinem gewalttätigen Vater zu schützen. Dieser war nämlich dazu übergegangen, die Schläge, die er erst seiner Lebensgefährtin verabreicht hatte, gleichmäßig auf sie und ihren gemeinsamen Sohn aufzuteilen.
Wien war Elena als Stadt empfohlen worden, in der sie ihrem Sohn eine gute Ausbildung ermöglichen und für sich selbst eine lukrative Stelle finden konnte.
Freundinnen aus der Schulzeit, die schon lange in Wien lebten, verschafften ihr eine kleine Wohnung in einem Randbezirk und Elena machte sich auf die Suche nach Arbeit. Sie fand eine Anstellung an der Kasse eines Supermarktes, doch bald wurde ihr klar, dass das Geld nicht reichen würde. Eine Freundin, die selbst Prostituierte war, riet ihr, es in einem Bordell zu versuchen.
Elena, die damals einundzwanzig Jahre alt war, dachte ein paar Tage darüber nach, und schließlich ließ sie sich auf diese Arbeit ein.
Sie verdiente gut und an manchen Abenden machte ihr der Job sogar Spaß.
Florin hatte sich mit ein paar Buben rumänischer Abstammung angefreundet und verbrachte viel Zeit in den Wohnungen ihrer Familien. Die Mütter hatten Verständnis für Elenas Müdigkeit an den Vormittagen und erlaubten Florin mit ihren Söhnen zu spielen. Auch kochten sie für ihn mit, wofür sie ein wenig Geld von seiner Mutter erhielten.


2

Als Florin in die Volksschule kam, sprach er bereits gut Deutsch, denn seine Mutter hatte stets Wert darauf gelegt, dass er die Sprache seiner neuen Heimat erlernte. Er lernte leicht und schloss die erste Klasse mit Bestnoten ab.
Elena ging weiter ihrer Arbeit als Hure nach. Sie hatte sich einen Kreis von Stammkunden aufgebaut, die nur in das Nachtlokal kamen, um Zeit mit ihr zu verbringen. Ein paar dieser Männer verliebten sich in sie, doch sie wies Ansinnen bezüglich einer Beziehung freundlich, aber bestimmt zurück. Sie hatte einfach kein Interesse daran, die Männer, die sie in der Arbeit sah, auch privat zu treffen. Nach einer Partnerschaft stand ihr ohnehin nicht der Sinn.
Florin entwickelte sich gut und seine Mutter beobachtete dies mit großem Wohlwollen. Er traf sich oft mit seinen Freunden, nachdem er die Hausaufgaben erledigt hatte, um Fußball zu spielen oder gemeinsam fernzusehen.
Was seine Mutter beruflich machte, war nie ein Thema. Die Eltern seiner Freunde wussten sehr wohl darüber Bescheid, doch erzählten sie ihren Söhnen nichts davon.
Wurde Elena von der Klassenlehrerin ihres Sohnes nach ihrem Beruf gefragt, so gab sie stets an, Barkeeperin zu sein.
Florin hatte seine Mutter ebenfalls gefragt womit sie Geld verdiente, und sie hatte ihm gesagt, dass sie in einer Cocktailbar hinter der Theke arbeitete.


3

Eines Tages stand die Frage im Raum, welche Art von Schule Florin besuchen sollte. Er hatte die letzte Volksschulklasse mit guten Noten abgeschlossen, nur in Mathematik hatte er ein Genügend erhalten.
Elena besuchte einige Gymnasien und Hauptschulen mit ihm, und schließlich entschied er sich für eine Hauptschule, die in der Nähe ihrer Wohnung lag.
Er fand sich in seiner neuen schulischen Umgebung schnell zurecht, zumal einige seiner besten Freunde aus der Volksschule seiner Klasse zugewiesen worden waren. An den Nachmittagen trafen sie sich, um  sich gegenseitig bei den Hausübungen zu helfen, und bald stießen auch ein paar Mädchen zu dieser Runde.
Florin begann seiner Mutter Fragen zu stellen. Anfangs bezogen sich diese auf Rumänien und auf seinen Vater, doch bald wollte er wissen, in welcher Cocktailbar sie arbeitete.
Erst wusste Elena nicht, ob sie ihrem Sohn die Wahrheit zumuten sollte, doch schließlich schenkte sie ihm reinen Wein ein. Florin nahm den Umstand, dass seine Mutter der Prostitution nachging, gleichgültig zur Kenntnis. Er versprach jedoch, dieses Wissen für sich zu behalten.
Nachdem Elena gut verdiente, lebten sie in einer schön eingerichteten Wohnung und trugen Kleidung, die stets auf dem modisch neuesten Stand war. Jedes Jahr flogen sie auf Urlaub, meist an exotische Destinationen, und Florin erhielt ein weit höheres Taschengeld als die anderen Knaben in seiner Klasse.


4

Mit dem Abschluss der Hauptschule und dem Beginn einer Mechanikerlehre begann Florins Abstieg.
Er kam in schlechte Gesellschaft. Die andern Lehrlinge in der Werkstätte verleiteten ihn zum Trinken und Florin, der die Inklination zum Trunk von seinem Vater vererbt bekommen hatte, verfiel dem Alkohol. Da war er fünfzehn Jahre alt.
Seine Mutter, die nie besonders viel getrunken hatte, stellte ihn etliche Male zur Rede, wenn er merklich angetrunken nach Hause kam. Er reagierte stets kühl auf ihre Vorhaltungen, sagte bloß, dass seine Kollegen ebenso viel trinken würden.
Elena hatte inzwischen ihren Job vor der Theke aufgegeben und war hinter diese gewechselt. Sie war vom Besitzer des Bordells als Geschäftsführerin und leitende Barkeeperin eingesetzt worden.


5

Eines Abends geriet Elena zwischen die Fronten, ohne etwas dazu beigetragen zu haben.
Ein Konkurrent aus der Wiener Rotlichtszene hatte zwei Männer in die Bar geschickt, in der sie arbeitete. Diese Männer hätten den Besitzer des Lokals töten sollen, doch da sie ihn nicht vorfanden, eröffneten sie das Feuer auf Elena.
Von drei Kugeln getroffen, starb sie auf dem Weg ins Krankenhaus.


6

Am selben Abend starb Florin Simonescu.
Er schäkerte mit einem Mädchen in einem Tanzlokal am Wiener Gürtel und wusste nicht, dass sich der Freund der jungen Frau ebenfalls im Lokal befand.
Als er Florin mit seiner Freundin tanzen sah, stürmte er auf die Tanzfläche und stellte ihn zur Rede. Florin, der getrunken hatte, bedachte ihn mit einigen unflätigen Ausdrücken, worauf sich der Konkurrent mit der Bemerkung entfernte, dass die Sache ein Nachspiel haben würde.
Selbiges fand vor dem Tanzlokal statt, wo Florin vom Freund des Mädchens aufgelauert wurde. Er hatte drei Freunde als Verstärkung geholt und unter den Schlägen von vier Knüppeln hauchte Florin Simonescu sein Leben aus.


7

Der Goldgehalt vermeintlicher Paradiese erweist sich bei Betrachtung aus nächster Nähe oft als weniger wertvoll als der Gehalt an Silber im Gewohnten.

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