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Montag, 10. Oktober 2016

Die Weisheit einer Mutter





“Vergiss niemals, was ich dir so oft gesagt habe, Josef: du musst stets ein einfacher, bescheidener und ehrlicher Mann bleiben.”
Dies sind die letzten Worte von Roswitha Höller. Auf ihrem Sterbebett liegend, spricht sie sie in das Ohr ihres Sohnes, der auf dem Rand des Bettes sitzt und ihre Hand hält.
“Das werde ich, Mama. Versprochen.”
Dann haucht Roswitha ihr Leben aus und Josef erhebt sich.
Er ist achtunddreißig Jahre alt, mit Maria verheiratet und hat zwei Kinder, die siebenjährigen Zwillinge Martin und Jakob. Seine Frau, die mit ihm in die Volksschule gegangen ist, arbeitet als Frisörin und hat einen eigenen Salon, und Josef bewirtschaftet den Hof seiner Familie in der sechsten Generation. Dieser liegt in Gratwein, einem kleinen Ort in der Steiermark, zehn Kilometer nördlich von Graz.
Mit Roswitha Höllers Tod geht das Anwesen in den Besitz ihres Sohnes über, denn Josef hat keine Geschwister und seine Verwandten sind nicht berechtigt, Ansprüche auf Grund und Boden zu erheben.
Von diesem Tag an ist Josef Höller ein reicher Mann.
Ihm gehören, neben dem Hof, große Flächen Ackerland, einige Wälder und eine gut gehende Fischzucht in Schirning, einem Nachbarort.
Seine Eltern, Roswitha und sein vier Jahre vor ihr verstorbener Vater Alois, haben ihn zu Bescheidenheit und Ehrlichkeit erzogen, und so gilt der junge Höller im Ort als Mann, der zwar viel Geld besitzt, doch hart arbeitet, um seinen Besitz zu verwalten, ihn zu erhalten und sogar zu mehren. Wenn ein Bauer aus der Umgebung Gratweins ein Feld verkaufen möchte, weil er Geldsorgen hat oder seinen Betrieb verkleinern oder gar schließen muss, so ist der Höllerhof stets die Adresse, an welcher die ersten Verkaufsgespräche stattfinden. Das ist seit Generationen so, denn die alten Höllers konnten mit Geld schon immer besser umgehen als die anderen Landwirte.
Das Begräbnis von Roswitha Höller entspricht dem Status ihrer Familie in Gratwein. Die Kirche ist zum Bersten voll und Josef bekommt unzählige Male zu hören, welch “schrecklicher Verlust” der Tod seiner Mutter für das Dorf ist, was für eine “gute und großherzige Frau” diese war und wie leid es allen tut, nämlich so sehr, dass sie “gar nicht sagen können, wie sehr.”
Josef bedankt sich freundlich für die Beileidsbekundungen und hat für alle Kondolierenden ein paar nette Worte übrig, doch weiß er genau, dass die meisten der Anwesenden bloß in die Kirche und auf den Friedhof gekommen sind, “damit im Ort keiner schlecht über sie redet”, wie er Maria zuraunt.
Nach dem Tod seiner Mutter arbeitet Josef weiter wie bisher. Er versorgt das Vieh, sieht jeden zweiten Tag bei den Fischteichen nach dem Rechten und fährt an den Abenden oft in seine Wälder, welchen er Rehe und Wildschweine entnimmt, denn er ist auch Jäger.
Er versteht sich gut mit Maria und ist seinen Söhnen ein großzügiger und liebevoller Vater, dennoch wird er einen Fehler begehen, der seine Existenz und die seiner Familie gefährden könnte.
Eines Abends lernt er im Gasthaus Murwirt Erna Windisch kennen. Sie ist gleich alt wie Josef und erst vor Kurzem nach Gratwein gezogen. Sie sind einander auf Anhieb sympathisch und landen in ihrem Bett. Schuld daran ist der Alkohol. Josef und Erna, die es beide nicht gewohnt sind, harte Getränke zu konsumieren, sprechen dem Obstler reichlich zu und die Sache nimmt ihren Lauf.
Am nächsten Morgen schleicht Josef verkatert und in bedrückter Stimmung nach Hause, denn die Sache mit Erna war das erste Mal, dass er seine Frau betrogen hat.
Maria erwartet ihn bereits und sieht, dass er einen Knutschfleck auf dem Hals hat. Er selbst erfährt erst durch ihre Tirade, dass dem so ist, denn er weiß bis zu dem Augenblick, in dem ihr Geschimpfe losgeht, nichts von dem Mal.
Unter Tränen gesteht er seinen Seitensprung und verspricht, dass er mit Erna Windisch nie wieder sprechen wird.
“Du weißt, dass das nicht stimmt, Josef! Wenn Peter Schröll zu mir in den Salon kommt, spreche ich schließlich auch mit ihm.”
Schröll ist der Heizer des Gratweiner Furnierwerks und hat, kurz nachdem die Zwillinge zur Welt gekommen sind, zweimal mit Maria Höller geschlafen.
“Kannst du mir verzeihen?”, fragt Josef.
Maria bejaht und ermahnt ihren Mann, sich in Zukunft als treuer zu erweisen.
Zwei Monate nach dieser Unterredung fühlt sich Josef plötzlich als Mitwirkender in einem, wie er ruft: “schlechten Film!” Wie um das landläufige Klischee eines Seitensprungs mit Folgen zu erfüllen, eröffnet Erna Windisch ihm, dass sie schwanger ist und das Kind zur Welt bringen wird.
Maria, die auch anwesend ist, seufzt, sieht erst ihren Mann wütend an, dann dessen Gespielin für eine Nacht, und sagt schließlich: “Dann hast du eben drei Kinder, Josef. Du musst aber deine Verantwortung wahrnehmen! Du musst diesem Kind ein gleich guter Vater sein wie du es Martin und Jakob bist! Und du musst ihm genauso viel geben wie den Zwillingen.”
Maria, Josef und Erna besprechen die Situation bis spät in die Nacht, und als Erna geht, verabreicht Maria ihrem Mann eine Ohrfeige.
“Die hast du dir redlich verdient!”, zischt sie. “Glaub aber ja nicht, dass ich sie dir gegeben habe, weil du ein Kind mit einer anderen Frau gemacht hast. Die Tachtel hast du bekommen, weil du ungeschützt mit ihr gebumst hast!”
Das sieht Josef Höller ein und schwört sich, Maria nie wieder zu betrügen.
Am nächsten Tag setzt er sich an seinen Schreibtisch und errechnet zum ersten Mal, wie viel er wirklich besitzt. Er zählt die Guthaben auf den Sparbüchern zusammen, rechnet aus, wie viel die Äcker und Wälder wert sind, und nimmt auch seine Fischteiche in die Rechnung mit hinein. Da erkennt er, dass er nicht bloß reich, sondern sehr reich ist und begeht den Fehler, vor dem ihn seine Mutter so oft gewarnt hat: er wird unbescheiden. Er fühlt sich steinreich und wird unzufrieden mit dem, was er hat.
Als er am nächsten Morgen in den Wald fahren will, um ein Wildschwein zu schießen, und die alte Flinte, die schon sein Vater verwendet hat, aus dem Waffenschrank nimmt, denkt er sich: ‘Was soll ich noch mit diesem alten Prügel?’
Er stellt das Gewehr zurück in den Schrank, wartet bis die Bank offen hat, hebt eine große Summe ab und fährt nach Graz zu einem Waffenhändler. Bei diesem kauft er eine Büchse und eine Flinte aus einer oberösterreichischen Waffenschmiede, die zwar sehr gut, aber auch sehr teuer sind.
Dann geht er in ein Schmuckgeschäft und ersteht eine Halskette für seine Frau und fünf Uhren einer Schweizer Manufaktur, für sich selbst, für Maria, die Zwillinge und sein drittes Kind.
Als er Maria die Uhren und die Kette überreicht, freut diese sich zwar sehr darüber, doch meint sie auch: “Wirklich notwendig war das aber nicht, Josef. Ich habe eine Uhr, die funktioniert, und die Kinder können ihre Uhren frühestens in zehn Jahren tragen, so wertvoll wie sie sind.”
“Das macht nichts, Maria. Du musst das so sehen: wir sind reich. Seit gestern weiß ich erst, wie reich wir sind.”
“Wir sind reich, das stimmt. Aber wir haben das Geld nicht auf der Bank liegen, Josef. Es gehört uns in Form von Gründen, Wäldern und der Fischzucht. Das darfst du nicht vergessen, mein Lieber.”
Doch Josef vergisst es, denn er ist der Meinung, dass er einen neuen Geländewagen braucht. Seinen hat er von seinem Vater geerbt, also ist er schon älter und außerdem zu klein.
Diese Anschaffung kann Maria nachvollziehen, schließlich ist ihr Mann viel mit dem Auto unterwegs und transportiert damit ja auch das Wild.
Josef geht seinen Tätigkeiten weiterhin so nach, wie er es zu jeder Zeit gemacht hat. Trotz des Umstandes, dass er sich reich vorkommt, was er in gewisser Weise ja auch ist, arbeitet er jeden Tag auf dem Hof, und auch die Wälder mitsamt der Jagd und die Fischzucht kommen nicht zu kurz.
In Gratwein beginnen die Leute über die “ungeheuerliche Verschwendungssucht des jungen Höller” zu tratschen. Sie nennen beim Namen, was ihnen nicht passt: “Der Bauer mit der Rolex!” und: “Der glaubt wohl, dass er mit seiner Mannlicher besseres Wild schießt!”, sowie: “Den Land Rover braucht er auf jeden Fall - schließlich hat er noch ein Kind angebaut!”
Maria erfährt in ihrem Salon, was geredet wird, doch das schert sie nicht. Sie ist in Gratwein aufgewachsen und weiß, dass die Leute lieber vor anderen Türen kehren als vor ihrer eigenen.
Auch Josef erfährt von dem Klatsch, doch gibt er nichts darauf. Er ist viel zu beschäftigt damit, Sachen anzuschaffen oder auszutauschen. Eine neue Küche, die Zwillinge erhalten Flachbildfernseher, und das Wohnzimmer, wie auch das Schlafzimmer, einen großen. Das Dach des Wohnhauses wird ebenso erneuert wie die Dächer der Wirtschaftsgebäude. Ein Sparbuch für sein uneheliches Kind legt er noch an, dann geht Josef Höller das Geld aus.
Auf der Bank hat er noch ein paar tausend Euro liegen, aber er ist trotzdem reich, da er viel Grundbesitz hat.
Er wagt nicht, seiner Frau zu sagen, dass ihm das Geld ausgegangen ist, denn er weiß, dass dies Nachricht Maria belasten würde, also verkauft er zwei Wälder und einen Acker in Judendorf, einem Nachbarort Gratweins. Der Handel wird diskret geschlossen, beide Seiten verpflichten sich zur Verschwiegenheit.
Das Geld, das er dafür erhält, ist bald aufgebraucht: eine neue Sitzgruppe für das Wohnzimmer, eine neue Schlafzimmereinrichtung, Laptops für die heranwachsenden Zwillinge, sowie eine Einlage auf das Sparbuch seines dritten Sohnes sind der Grund dafür.
Josef liebt Paul, seinen unehelichen Sohn, sehr. Er besucht ihn oft und nimmt ihn mit auf den Höllerhof, wo er mit den Kätzchen spielt und versuchen darf, die Hühner einzufangen. Mit Erna, der Kindsmutter, versteht er sich gut. Sie ist eine Beziehung mit Gustav Smiesl, dem Gratweiner Fleischhauer, eingegangen und arbeitet in dessen Metzgerei.
Josef erhält ein gutes Angebot für drei Wälder und einen seiner Fischteiche und trotz großer Zweifel, ob er es annehmen soll, stimmt er zu.
Dieses Mal bleibt das Geschäft nicht geheim, denn der Käufer ist Anton Bratschnig, der Vater von Maria Höller. Seit Längerem macht er sich Sorgen wegen der Freihändigkeit seines Schwiegersohnes beim Geldausgeben, also kauft er diesem die Wälder und den Teich ab und überschreibt sie am nächsten Tag Maria.
Da erfährt diese vom ersten, heimlichen Verkauf und macht ihrem Mann schwere Vorwürfe, weil er sie nicht ins Vertrauen gezogen hat. Er weint und entschuldigt sich und verspricht ihr hoch und heilig, künftig die letzten Worten seiner Mutter zu beherzigen.
“Ich versichere dir”, sagt Josef Höller am Ende dieses Gesprächs, “ich werde sie nie wieder vergessen.”

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