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Montag, 10. Oktober 2016

Ein entflammendes Fest






Ich gebe unumwunden zu, dass ich auf dem Kronleuchter der Weisheit nicht das hellste Licht bin. Auch auf den Lüstern der Strebsamkeit und des Fleißes brennt meine Kerze nicht gerade hell, doch das trifft auf alle Einwohner meines Dorfes zu. Es heißt Gratwein, liegt in der Nähe von Graz und bietet etwa dreitausend Menschen Raum - und die haben es in sich.
Allerdings bin ich gut darin, mir Kenntnisse anzueignen. Es kommt äußerst selten vor, dass ich das mache. Einmal jedoch habe ich es gemacht und das Resultat war, dass Maria Ponisch mich geheiratet hat.
Sie ist Ärztin von Beruf, ich bin der Schulwart der örtlichen Grundschule.
Ich entstamme einer einfachen Familie, auf Bildung wurde bei mir kein Wert gelegt. Marias Eltern waren Ärzte. Aus diesem Grund hätte sie eigentlich Paul Windisch heiraten müssen, den Besitzer des Gratweiner Sägewerks. Er ist reich, einigermaßen gebildet und hätte ihr ein gänzlich anderes Leben bieten können, als ich es kann.
Meine schmale gesellschaftliche Stellung hat Maria jedoch nie gestört.
“Wenn Du mit der Arbeit in der Schule glücklich bist, dann bin ich es auch”, sagt sie oft zu mir.
Paul Windisch war mir nie wohlgesonnen gewesen. Als wir Kinder waren hat er mich oft geschlagen und als armen Schlucker beschimpft. Auch als wir schon erwachsen waren, hat er mich bei jeder Gelegenheit lächerlich gemacht.
Sein Vater hatte ihn stets großzügig unterstützt, auch wenn Paul öfter im Gasthaus als im Sägewerk anzutreffen war. Eines Tages hatte es dem Alten gereicht und er hatte seinem Sohn den Geldhahn zugedreht. Er hatte allen Wirtsleuten gesagt, dass sie Paul nicht mehr anschreiben lassen dürften, er würde nämlich die Trinkschulden seines Sohnes nicht mehr begleichen. Zwei Tage später war er tot, einem Jagdunfall zum Opfer gefallen.
Ich hatte die Geschichte nicht glauben wollen und mir daraufhin Kenntnisse über Waffen angeeignet.
Ein halbes Jahr nach dem Unfall fand in der Mehrzweckhalle ein Fest der Freiwilligen Feuerwehr statt. An diesem Abend wurden Maria und ich ein Paar.
Wir standen an der Bar, tranken Sekt und unterhielten uns über Belanglosigkeiten. Es lag vermutlich am Sekt, dass ich mir während unseres Gesprächs ausmalte, wie es wäre, eine Beziehung mit Maria zu führen. Ein paar Tage nach diesem Abend offenbarte sie mir, dass der Sprudel seine Wirkung auch bei ihr getan hatte.
Jedenfalls, wir standen und plauderten, da kam Paul Windisch zur Bar getorkelt und polterte: “Maria Ponisch und Michael Timoschek, das gibt es nicht! Maria, komm mit zu mir, dann siehst Du, was ein echter Mann ist!”
Maria errötete und sagte: “Paul, Du weißt, dass ich niemals mitkommen werde!”
“Was willst Du mit diesem armen Schlucker?”, fuhr er fort. “Michael Timoschek ist und bleibt ein Taugenichts.”
Da er nicht eben leise gesprochen hatte, hatten sich etliche Festgäste halbkreisförmig vor uns gestellt um zu sehen, was geschehen würde. Gratweiner neigen nämlich dazu, ihre Nasen in Angelegenheiten zu stecken, die sie nichts angehen.
“Paul”, rief ich, “Du bist betrunken und solltest besser nach Hause gehen!”
Ich wollte die Sache rasch beenden, denn ich hatte keine Lust, zum gefühlt hundertsten Mal vor aller Augen als Habenichts heruntergemacht zu werden. Allein, Paul stand der Sinn nach Streit.
“Sei bloß still, Michael!”, herrschte er mich an. “Glaubst Du wirklich, Maria lässt sich mit einem Habenichts ein?”
“Ist Dir Dein Geld zu Kopf gestiegen oder der Alkohol?”, gab ich zurück.
“Ich habe wenigstens Geld, Du armer Hund!”
Da wurde es mir zu viel.
“Natürlich hast Du Geld, Du Gauner!”, brüllte ich. “Nach dem Jagdunfall Deines Vaters warst Du ja wieder flüssig!”
Schlagartig war es im Saal still geworden. Es war die unangenehme Stille des Schweigens über ein Thema, das man besser nicht anspricht. Solche Themen gibt es in Gratwein viele.
“Halt den Mund!”, fuhr er mich an.
“Nein, das werde ich nicht!”, rief ich. “Erzähl einmal, wie das mit Deinem Alten war! Ihr wart in eurem Jagdrevier, als sich gleich zwei Schüsse aus Deiner Flinte gelöst und Deinen Vater getötet haben.”
“Und?”, fauchte er. “Ein Unfall. So etwas kommt vor.”
“Und das bei einer Flinte, die erst wieder gespannt werden muss, bevor man ein zweites Mal abdrücken kann!”
“Woher willst Du das wissen?”, zischte er.
“Ich habe den Polizeibericht gelesen, Du Ganove! Aus der Waffe, die Du angegeben hast, kann man nicht zwei Schüsse gleichzeitig abgeben.”
Er schwieg und ich konnte mir eine Bosheit nicht verkneifen:
“Sag, hast Du es professionell gemacht, also schnell, oder hast Du Dir Zeit gelassen und zwischen den Schüssen genüsslich einen Schluck Zielwasser genommen?”
Paul Windisch schnaubte vor Wut und hob seinen Arm, wohl um mir eine Ohrfeige zu verpassen, als die Lichter im Saal ausgingen.
Ich erhielt keine Maulschelle, aber einen Kuss. Maria umarmte mich, küsste mich und flüsterte: “Das hast Du gut gemacht, Michael.”
Als die Lichter wieder angingen, küssten wir uns noch immer. Einige Gratweiner klopften mir anerkennend auf die Schulter, bevor sie sich wieder an ihre Tische setzten.
Paul Windisch hatte den Stromausfall dazu genutzt, das Fest zu verlassen. Der Jagdunfall seines Vaters wurde nochmal untersucht, doch Paul kam heil aus der Sache heraus. In kleinen Dörfern ist es eben so, dass sich reiche Menschen mehr erlauben können als arme.
Ich war und bin bloß ein kleines Licht, doch als an diesem Abend die Saalbeleuchtung ausfiel, entzündete Maria eine Flamme in mir, die nie erlöschen wird.

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