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Montag, 10. Oktober 2016

Ein gewöhnlicher Tag





Ich, ein Mann von achtundfünfzig Jahren, wachte heute in der Früh um acht Uhr auf und musste feststellen, dass es ein gleich langweiliger Morgen war, wie er mir jeden Tag graut. Meine Ehefrau, wir sind seit beinahe dreißig Jahren verheiratet, haben aber keine Kinder, ließ mich wissen, dass sie morgendlichen Geschlechtsverkehr haben wollte, sie rückte dicht an mich heran, nackt, denn wir schlafen stets unbekleidet, weil es einfach praktischer ist, und rieb ihren vom Schlafen unter ihrer Daunendecke, ich selbst bevorzuge eine dünne Decke aus einem Baumwolle-Leinengemisch, warmen Körper an meinem, doch ich hatte, obwohl erigiert, keine Lust auf Sex und so schlief sie, nachdem sie wieder ihre Hälfte unseres gemeinsamen Bettes belegt hatte, ein. Da sie, wie erwähnt, nackt war, konnte ich, zumal erregt, nicht widerstehen, ihre Decke ein wenig anzuheben und ihren nackten Körper zu betrachten. Klar war sie, wie auch ich, gealtert, doch war sie immer noch ästhetisch und schön anzusehen, sodass ich nicht anders konnte und masturbierte. Eineinhalb Stunden später bereitete ich uns Frühstück, Spiegeleier in der alten Pfanne aus Gusseisen, die meine Großmutter mir hinterlassen hatte und in der die Eier erst ihren vorzüglichen Geschmack entwickeln, dazu getoastetes Weißbrot und eine Kanne starken Kaffee nebst zwei Gläsern frisch gepressten Orangensaft, in den ich auch eine Limette gepresst habe, um den Geschmack zu verbessern. Nachdem wir unser Frühstück zu uns genommen hatten, gingen wir spazieren. Wir haben ein großes, Bekannte und Freunde von uns sagen auch ein schönes, Haus im Grünen, mit einem großen Garten, der von einer halbhohen Mauer eingefriedet ist und uns Spaziergänge auf eigenem Grund und Boden erlaubt, im Sommer sogar das Schwimmen in unserem eigenen Teich. Während wir auf unserem Grundstück lustwandelten, sprachen wir wie so oft über belanglose Dinge wie mein neues Buch, das in zwei Wochen erscheinen wird und hoffentlich ein weiterer Bestseller werden wird, wie sämtliche der zwölf Bücher, die bislang mit meinem Namen auf dem Einband erschienen sind. Wir gingen wieder in unser Haus, das in einem Randbezirk Wiens gelegen ist, und meine Ehefrau, die früher Cellistin war, bis ein Autounfall, bei dem sie sich beide Arme brach, sie gezwungen hatte, ihre Karriere aufzugeben, blätterte durch die Tageszeitungen, die wir täglich geliefert bekommen, während ich mich an den Computer setzte, um E-Mails zu beantworten. Einige stammten von Lesern meiner Bücher und diese gratulierten mir zu meinem bisherigen Erfolg als Schriftsteller und wünschten mir denselben Erfolg für mein neues Buch, ein Mail stammte von meinem Verleger, er wollte meine Meinung, die ich ihn in einem Antwortmail auch kundtat, zur vom Verlag vorgeschlagenen Gestaltung des Einbandes meines neuen Werkes erfahren. Nachdem ich dies erledigt hatte, nahm ich neben meiner Ehefrau auf unserem Sofa im Wohnzimmer Platz, auf dem sie bevorzugt sitzt, wenn sie durch die Tageszeitungen blättert, und fragte sie, ob sie gewillt wäre, mit mir ein Bad zu nehmen, was sie zu meiner großen Freude bejahte. Das Nehmen von gemeinsamen Bädern hatte sich zu Anfang unserer Beziehung als probater Weg erwiesen, uns gegenseitig zu erregen, was dann für gewöhnlich im Bett endet, und auch heute, nach beinahe dreißig Jahren Ehe, ist es immer noch jedes Mal ein Erlebnis, gemeinsam zu baden. Wir verfügten uns in unseren Sanitärbereich, von einem Badezimmer zu sprechen würde zu kurz greifen, denn wir verfügen in diesem Raum sowohl über eine Sprudelwanne, eine Art Mischung aus normaler Badewanne und Whirlpool, als auch über eine geräumige Sauna, die mit Holz befeuert wird. Meine Ehefrau ließ laues Wasser ein, wir entkleideten uns gegenseitig, stiegen in die Wanne und seiften einander ein. Nachdem wir, sauber und erregt, für ungefähr zwanzig Minuten in der Wanne gelegen hatten, trockneten wir einander ab und liefen, zwei verliebten Jugendlichen, die es nicht erwarten können, sich gegenseitig etwas Gutes zu tun, gleich, in unser Schlafzimmer, um unser Ehebett durch die Heftigkeit, mit der wir uns liebten, in seinen Grundfesten zu erschüttern und es zu zerwühlen. Nach unserem Spiel der Lust und der Liebe lagen wir eng umschlungen im zerwühlten Bett und brachten keine Worte heraus, ebenfalls nicht unähnlich den Teenagern, die, ob ihrer Unerfahrenheit in diesen Dingen, nach einem heftigen Akt nebeneinander liegen, den innerlichen Nachgeschmack des eben erfahrenen Höhepunktes auskosten und unfähig sind, hochgeistige Gespräche zu führen. Ich bereitete, nachdem wir zusammen geduscht hatten, ein Mittagsmahl aus selbst gezogenen Tomaten, Basilikum aus unserem Garten, Parmesan und Nudeln, welches wir an dem Tisch sitzend zu uns nahmen, der auf unserer Terrasse steht, aus handgeschmiedetem Eisen gefertigt ist und uns eine herrlichen Blick auf unseren Teich erlaubt, wann immer wir an ihm sitzen. Nachdem ich die Teller und das Besteck in die Spülmaschine geräumt hatte, brühte ich eine Kanne starken Mokka, den wir ebenfalls an diesem Tisch tranken. Um vierzehn Uhr war es dann für mich an der Zeit, in eines meiner Automobile zu steigen, und in einen der Bezirke Wiens zu fahren, der innerhalb des sogenannten Gürtels gelegen ist, um mich auf den Entspannungsstuhl im Therapiezimmer meiner Psychotherapeutin zu setzen, der dem, auf dem sie Platz nimmt, gegenüber steht, um mich therapieren zu lassen, also schlicht um zu reden. Es ist so, dass ich als jüngerer Mann, als ich es heute bin, präzise gesagt im Alter von dreiunddreißig Jahren, die Schatten kennengelernt habe, also die Depressionen, die meinen beiden literarischen Vorbildern derart zugesetzt hatten, dass sie keinen anderen Weg aus dieser Ein-Mann-Hölle mehr ausmachen konnten, als den des Selbstmordes, den beide letzten Endes auch begangen haben. Nach drei gescheiterten Versuchen, ihrem Beispiel zu folgen, hatte ich mich entschlossen, mir Hilfe zu suchen und ich habe sie gefunden. Die Therapeutin und vor allem meine Ehefrau haben mir geholfen, diesen schrecklichen schwarzen Wolf, so bezeichne ich diese Krankheit für mich selbst und auch in meinen Büchern, zumindest so weit im Zaum zu halten, dass er nicht meinen sofortigen Tod bewirkt, und dafür bin ich diesen beiden Frauen dankbar. Hin und wieder ist es nicht leicht mit mir, dass muss ich, um ehrlich zu sein, einräumen, doch meine Ehefrau, die stets um mich ist, verhinderte bislang Schlimmstes. In der Therapiesitzung besprach ich meine, streng genommen unnötige, Angst vor einem Misserfolg meines neuen Buches, schließlich verfüge ich über ausreichend große Reserven an Bargeld, um meiner Ehefrau und mir Zeit unseres Lebens den Standard des Lebens finanzieren zu können, an den wir uns gewöhnt haben. Nach solchen Sitzungen tendiere ich dazu, in eine Art Loch zu fallen. Nachdem ich nach Hause gefahren war, fiel ich in ein solches Loch. Um mich abzulenken, mich durch das Verrichten einer Tätigkeit, die ein sichtbares Ergebnis zum Ende hat, mich aus diesem Loch zu ziehen, begann ich mit Reinigen. Ich suchte mir meine alte Jagdflinte als Objekt aus, das gereinigt zu werden hatte, eine Mannlicher aus Österreich, die ich mir zugelegt hatte, um meiner damaligen Leidenschaft, dem Waidwerk, stilgerecht und präzise, was die Treffsicherheit des Gewehrs anlangt, frönen zu können, mittlerweile töte ich keine Tiere mehr, außer ab und an ein paar Ratten, die sich unseren Schwimmteich als Lebensraum und Jagdrevier auserkoren haben, ein tödlicher Fehler dieser Nagetiere, und reinigte diese, zog den Lauf mit einem Docht durch und reinigte die Intarsien auf dem Schaft mit Spiritus, und plötzlich hatte ich den Lauf der Waffe in meinem Mund. Ich hatte das Gewehr durchgeladen und den Lauf in meinen Mund genommen, warum, das weiß ich nicht, und betätigte den Abzug. Doch nichts passierte. Obwohl eine Patrone in der Kammer war, deren Projektil beim Betätigen des Abzuges meinen Kopf hätte durchschlagen müssen, blieb die Waffe stumm, es löste sich kein Schuss und ich blieb am Leben, sank zitternd, sobald mir die mögliche Konsequenz meiner Tat bewusst geworden war, zu Boden, umklammerte den Lauf des Gewehrs und begann zu weinen. In dieser Verfassung, weinend, lief ich aus dem Raum, in dem ich meine Schusswaffen aufbewahre, ins Wohnzimmer, wo meine Ehefrau fernsah, aufgelöst wie ich war. Ich setzte mich neben sie, bat sie, mich in ihre Arme zu nehmen und begann, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich den Lauf meines Gewehrs in den Mund genommen hatte, hemmungslos zu schluchzen. Sie hielt mich in ihren Armen und redete mit beruhigendem Timbre in der Stimme auf mich ein. Nachdem ich wieder ruhig geworden war, sprachen wir über den Vorfall und sie stellte die Möglichkeit in den Raum, mich in eine Klinik einweisen zu lassen. Da ich diesbezüglich jedoch nicht unerfahren bin, wies ich ihren Vorschlag zurück. Ich hatte mich, etwa zwei Jahre nachdem die Depressionen sich eingefunden hatten, nicht zum ersten Mal im Übrigen, das war im zarten pubertären Alter von siebzehn Jahren und sie waren, wie ich in etlichen kostspieligen Therapiesitzungen herausgefunden habe, die Folge des Umgangs meiner Erzeuger mit mir, die Selbstverletzungen mit Klingen nicht mehr zu vertuschen waren, ebenso wie die Narben an meinen Handgelenken, die von drei Versuchen herrührten, mir die Karte umzudekorieren, selbst in eine Klinik eingewiesen und diese mit dem Eindruck wieder verlassen, dort nicht die Hilfe zu erhalten, die ich damals gebraucht hätte, so habe ich kurzerhand die Antidepressiva abgesetzt und bin bis heute am Leben, was ich der Hilfe und Unterstützung einiger Freundinnen und Freunde zu verdanken habe, keinesfalls jedoch der meiner Familie. Meine Ehefrau zeigte Verständnis für meine Ablehnung, in eine Klinik zu gehen, sie nahm mich an der Hand und wir setzten uns an das Ufer unseres Teiches, zogen Schuhe und Strümpfe aus und ließen unsere Beine im warmen Wasser baumeln. Nachdem wir so gesessen und uns sowohl über meine als auch über ihre Gemütsverfassung unterhalten hatten, gingen wir in unser Haus und meine Ehefrau bereitete eine kleine Mahlzeit, eine Jause aus Brot, Wildwurst und Käse. Ich habe das grosse Glück, eine Frau gefunden zu haben, oder von ihr gefunden worden zu sein, mit der ich über mein inneres Befinden sprechen kann, ohne das Gefühl zu haben, mich schämen zu müssen für meine, an schlimmen Tagen, selbst empfundene Unzulänglichkeit. Sie hat stets zu mir gehalten, hat meinen Hang zum Alkohol in jungen Jahren toleriert, denn ihr war klar gewesen, dass ich den Alkohol als Verteidigung gegen meinen schwarzen Wolf benützt habe, auch den oftmaligen Konsum von Marihuana und den fallweisen von Kokain hat sie hingenommen und mir niemals Vorhaltungen gemacht. Ebenso kann sie mit mir über alles sprechen und, das ist das Wichtigste, weiß das auch. Nachdem wir gejausnet hatten, legten wir uns in unser Bett und dösten eine Weile vor uns hin, und als meine Ehefrau sich, wie am Morgen, an mich schmiegte, um mich zum Geschlechtsakt zu ermuntern, reagierte ich anders als an diesem Morgen und wir liebten uns. Auch in unserem fortgeschrittenen Alter kann unser Sexualleben, um präzise zu sein, als hyperaktiv bezeichnet werden. Ich hatte, bevor ich meine Ehefrau kennengelernt hatte, einige Beziehungen gehabt, doch die Verbundenheit, die zwischen uns existiert, hatte ich zuvor nicht gekannt noch geahnt, dass es sie geben könnte. Bei den Frauen, mit welchen ich Beziehungen eingegangen war, handelte es sich, so nüchtern muss ich dies heute sagen, um oberflächliche Mädchen, die nicht in der Lage waren, echte Gefühle zuzulassen und eine Beziehung mit mir zu führen, in der ich hätte ich selbst sein können, natürlich gebe ich zu, dass ich aufgrund meiner Krankheit kein Traummann war, sie waren schlicht unfähig, eine Entscheidung zu meinen Gunsten zu treffen, oder sie wollten dies, aus welchen Gründen auch immer, nicht tun, obwohl ich für einige wenige dieser oberflächlichen Mädchen echte, was aufrichtig bedeutet, Liebe empfunden habe. Heute kann ich sagen, dass ich mit der Frau, die ich geheiratet habe, mit meiner geliebten Ehefrau, am besten dran bin. Zum Abendessen gab es Austern, die ich auf dem Naschmarkt gekauft hatte, präzise besehen habe ich mich mich des massenhaften Mordes schuldig gemacht, denn nach den Austern, die wir, als sie noch am Leben waren, genossen haben, tat ich eine ausreichende Zahl Miesmuscheln in einen großen Kochtopf und garte diese in einer schmackhaften Weisswein-Knoblauch-Sauce. Nach dem Abendessen legten wir uns in unser Bett und nach einigen intensiven Gute-Nacht-Küssen schliefen wir ein. In der Nacht weckte mich meine Ehefrau mit einem feuchten Kuss auf die empfindlichste Stelle meines Körpers, die linke Seite meines Halses, und legte wortlos den Schlagbolzen meiner Mannlicher, meiner alten Jagdflinte, auf den Nachttisch neben meinem Polster. Sie hatte ihn der Waffe entnommen, um mich vom Selbstmord abzuhalten. Aus diesem Grund hatte sich kein Schuss gelöst. Was soll ich noch sagen?
(2013)

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